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Kn. «J25. Fernsprecher No. 52.
« M&isgafee«
Die chinesische Tragikomödie.
Wer hätte es im Jahrhundert des Verkehrs, im Zeitalter der Eisenbahnen und der Telegraphen für möglich gehalten, daß die Welt lange Wochen hindurch in vollkommener Unkenntnis; über die Vorgänge in der Hauptstadt des chinesischen Reiches gehalten werden kann? Und zu dieser voslkommcnen Unkenntniß müssen wir uns bekennen. Den täglich wechselnden und täglich einander widersprechenden Nachrichten ans dem Innern Chinas kommt irgend ein Werth nicht zu. Abgesehen davon, daß mir die Kenntniß von dem scheußlichen, an dem deutschen Gesandten Freiherrn v. Kettelcr verübten Verbrechen erlnngt haben, wissen wir über die Vorgäiikfe in Peking heute so viel, oder richtiger gesagt, so wenig als vor vier Wochen. Wenn die Ereignisse in Peking nicht so entsetzlich tragisch wären, dann könnte die Berichterstattung über diese Ereignisse fast einen komischen Anstrich gcminmcn.
Was ist nicht schon Alles von den leitenden Personen in Peking berichtet worden. Der Kaiser Kwangsu war bereits nacheinander geflüchtet, verbannt, wahnsinnig, getödtet und dann wieder an der Spitze der Macht, „Alles ohne jeden Apparat." Die Kaiserin Wittwe Tsn-Hsü war nacheinander an der Spitze der Macht, gefangen, geiödtet und dann wieder obenauf. Prinz Tnan, der Fremdenfresser, war in lieblicher Reihenfolge an der Spitze der Macht, besiegt, vertriebe», wahnsinnig und Herr von Peking. Prinz Tsching, der Beschützer, oder sagen wir: vorsichtiger Weise der angebliche Beschützer der Fremden, war siegreich, geschlagen, geflüchtet und tobt und wenn er nicht gestorben ist, lebt er noch heute. Die eigcnthümlichstc Rolle aber spielt der mit allen Hunden gehetzte Herr Li-Hung-Tschang, der schon vor Jahren die europäischen Diplomaten und die auf Bestellungen gierigen europäischen Exportfirmen an der Nase hcrnmgeführt hat. Herr Li-Hung-Tschang reist Montags, Mittwochs und Freitags ans Kanton ab, um Dienstags, Donnerstags und Samstags zu Hause zu bleiben uub sich Sonntags von den Strapazen des Nichtreisens zu erholen. Die Meldungen über Herrn Li-Hung-Tschangs Abreise und Nicht-Abreise nach Peking werden nachgerade lächerlich, und es hat fast den Änschein, als obLi-Hnng-Tschang sich in Kanton als pcrpetuum mobile aufgethan hat. -
Dies Jntrignenspicl, das "mit der „Mission" Li-Hung- Tschangs und seiner Reise nach.Peking getrieben wird, ist aber charakteristisch für das hinterlistische und heimtückische Verhalten, welches die Machthaber in China während des ganzen Verlaufs der Wirren an den Tag gelegt haben. Der Chinese ist von Natur verlogen, und für den Diplomaten ist bekanntlich die Sprache dazu da, um die Gedanken zu verbergen. Die Schlußfolgerung ergicbt sich ganz von selbst: Was muß erst der chinesische Diplomat zusammenlügen! So darf man sich nicht wundern, wenn in Peking der Schwindel und die Lüge im Großbetrieb in Scene gesetzt wurden. Durch Schwindel und Täuschungen find die Vertreter der Mächte in Peking über _ den Umfang und die Ziele der Boxer - Bewegung in Unkenntniß gehalten worden, und allein der unglückliche Freiherr v. Kctteler scheint die wahren Ziele dieser Bewegung erkannt zu haben, aber seine Warnungen verhallten ungchört. Durch Schwindel und Täuschung sind auch die Mächte über die Lage in Peking in Unkenntniß gehalten worden, und durch erlogene Meldungen suchten die Chinesen noch bis vor Kurzem den Anschein zu erwecken, als ob die Europäer und die Gesandten in Peking unversehrt und gar in Sicherheit wären, obwohl heute kaum noch ein Zweifel daran möglich ist, daß die Europäer in Peking, wenn sie nicht schon „den letzten Kampf gekämpft" haben, unrettbar einem entsetzlichen Geschick verfallen sind.
Schwindel und Täuschung ist es auch, wenn von Peking aus noch heute der Anschein erweckt wird, als ob die chinosischc Negierung selbst, oder was sich dort zur Zeit Regierung nennt, nicht mit den Boxern genieinsame Sache mache, sondern selbst von diesen bedroht lverde. Dieses Trugspiel wird in Peking so lange fortgesetzt werden, bis die leitenden Personen dort sich darüber klar geworden sind, auf welche Seite sich der Sieg neigen wird, auf die der Fremden oder die der Boxer. Wenn die Boxer, was selbstverständlich völlig ausgeschlossen ist, sich gegenüber den Fremden auf die Dauer behaupten könnten, dann würde die chinesische Regierung nicht säumen, sich offen an die Spitze der Boxer zu stellen. Wenn aber, was der natürliche Lauf der Dinge sein wird, die Boxer von den Fremden zu Paaren getrieben werden, dann werden die leitende» Personen in Peking einen Versuch machen, den Mächten gerührt in die Arme zu sinken und sie als Retter und Befreier zu begrüßen.
Es ist freilich nicht anzunehmen, daß die Mächte ihre Gutmüthigkeit so weit treiben werden, auf diesen Schwindel hereinzufallen. Aus praktischen Gründen wird zur Zeit noch die Fiktion aufrecht erhalten, als ob die Mächte nicht
Montag, den 16. Juli.
• mit dem offiziellen China, sondern mit den Boxern im Kriege sind. Diese Fiktion wird aber nicht länger aufrecht erhalten werden, als es unbedingt nöthig ist, und mit der chinesischen Regierung wird dann eine ernsthafte Abrechnung gehalten werden müssen. Damit dies in Bälde geschehe und überhaupt geschehe, ist es freilich nothwendig, daß die Mächte sich zu einer vollkommenen und rückhaltslosen Einigkeit entschließen und daß sie sämmtlich eine so offene und ehrliche Politik treiben, wie diejenige, zu der die deutsche Ncgiermig sich bekannt hat, die wir aber fürs Erste Seitens Rußlands und Englands noch vollkommen vernßlssen. Die weitere Entwicklung der Ereignisse in China wird die Probe auf das Exempel bilden, ob die vereinigten Mächte wirklich den Willen und die Kraft haben, den Frieden und die Civilisation zu schützen, oder ob der Glaube an den civilisatorischen Beruf der vereinigten Mächte ein leerer Wahn ist!
(Nachdruck verboten.)
Die Kämpfe der Fremden in Peking.
In der ganzen gesitteten Welt verfolgt man mit athem- loscr Spannung das Schicksal der in Peking eingefchlossenen Fremden, die einen Verzweiflungskampf gegen die mord- lüsternen Aufrührer in der chinesischen Hauptstadt kämpfen. Ob sich das Gerücht von der Ermordung sämmtlicher Fremden bewahrheitet, ist zur Zeit noch völlig ungewiß; doch glaubt man, daß in der Thal alle Europäer in Peking niedcrgemctzclt wurden.
Gegenwärtig steht daher das Gesandtschaftsviertel in Peking im Vordergründe des Interesses. Wir bringen unseren Lesern beistehend einen Plan dieses Stadttheils, der sich im Südostcn Pekings, unweit der den Mittelpunkt der Hauptstadt bildenden „Heiligen Stadt", befindet.
In unserem Plan sind die Gebäude der Gesandtschaften von Deutschland, Belgien, England, Frankreich, Italien, Japan, Spanien und den Vereinigten Staaten, sowie das der amerikanischen Missionen verzeichnet. In die englische Gesandtschaft sind bekanntlich alle Fremden geflüchtet und verthcidigcn sich dort. Nach einem Telegramm der „Daily Mail" aus Shanghai haben die Deutschen, als der Angriff auf die Fremden in Peking begann, das Tschien-Thor besetzt, während der den Boxern feindliche Prinz Tsching die übrigen Thorc besetzte. Es habe sich ein heftiger Kampf entsponnen, bei dem 2000 chinesische Soldaten und 5000 Boxer gefallen seien. Die Deutschen hätten ganz Hervorragendes geleistet, indem sic mit ihren beiden großen Geschützen die engen Straßen an dem Thor rein fegten. Ein Kurier, welcher am 3. Juli aus Peking abgegangen sei, versichere, daß die Gesandtschaften mit Nahrungsmitteln versehen seien. Das Tschien-Thor finden unsere Leser in dem Stadlplan ebenfalls verzeichnet. Ein in Tientsin eingetroffener Bote, der am 24. Juni aus Peking abgegangen war, meldete, bei den Kämpfen um die britische Gesandtschaft seien 5 Seesoldaten gefallen, 10ffizier und 6 Mann verwundet worden; außerdem seien je ein Franzose, Holländer, Italiener und Russe gefallen und noch einige Europäer verwundet worden. Das Südthor der Tartarenstadt werdevondeutschen Soldaten mit vondenChinesen erbeuteten Geschützen bewacht. Das nächste Thor nach Osten zu werde von General Tung-Fu-Siangs Truppen mit einem Hinterladcrgeschütz gehalten, während alle übrigen Thore von chinesischen Truppen mit Geschützen besetzt seien. Beinahe
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Fernsprecher No. 52. I960.
alle Häuser der Chinesenstadt seien verbrannt, ebenso hätten die Boxer das innere Thor der kaiserlichen oder heiligen Stadt niedergebrannt. Alle Missionsgebämde und die meisten Gesandtschaften seien gleichfalls eingeäschert, nur die britische, die deutsche und ein Theil der russischen Gesandtschaft seien noch stehen geblieben und würden von Trttppen bewacht, auch alle chinesischen Häuser in der Nähe der Gesandtschaften seien zerstört.
Die Chinesenstadt liegt südlich des auf unserem Plan dtwch eine starke, mit vorstehenden Thürmen versehene Linie bezcichneten Stavttvalles. Spätere Nachrichten besagen, alle Fremden seien niedergemctzelt. Dagegen erhielt das amerikanische Staatsdepartement in Washington eine Depesche von dem Konsul der Vereinigten Staaten in Shanghai, welche besagt, am 3. Juli hätten die fremden Gesandtschaften noch gestanden. Der letzte Angriff der Boxer sei
schwach gewesen und die Boxer schienen den Weg des Aushmkgerns einzuschlagen. Einen geheimen unterirdischen Gang in die Kaiserstadt hinein, durch welchen eine Rettung möglich wäre, besitzt,wieein amerikanischer See- Offizier einem Washingtoner Blatt mittheilt, die britische Gesandtschaft in Peking seil 1888. Das „Reuter'schc Bureau" meldet dann noch aus Tientsin vorn 3.d., daß, chinesischen Quellen zufolge, die Fremden in Pckiug von dem vierten Prinzen- Palast Besitz ergriffen hatten, welcher der britischen Gesandtschaft gegenüber liegt und sie beherrscht; in diesem Palast hatten die eingeborenen Christen, welche sich vor den Boxern flüchteten, Zuflucht gefunden. Diesen vierten Prinzen-Palast fmden unsere Leser auf beistehender Karte ebenfalls verzeichnet.
Alle diese, znm Theil einander widersprechenden Nachrichten halten die Welt in Spannung, und mau hofft sehn- lichst auf einen Entsatz der Eingeschlossenen. Au einen solchen soll jedoch in der bevorstehenden Regenzeit nicht zu denken sein. Diese beginnt im Juli und dauert bis Ende August. Daun steht die ganze Gegend zwischen Tientsin und Peking unter Wasser, und selbst in den Straßen von Peking steht das Wasser so hoch, daß es nicht einmal, soudern häufig sich ereignet hat, daß Leute in den Straßen ertrunken sind. Es ist vollständig unmöglich, von der Küste »ach Peking durchzukommen, wenn die Eisenbahnlinie nicht wieder in Stand gesetzt wird.
Deutsches Kelch.
* Berlin, 16. Juli. Dos Urthcil im Prozeß gegen die Auf- sichtsrülhe der National-Hypoth eken-Krcditgcsells.chaft in Stettin ist Samstag Mittag gefällt worden. Thym wurde, wie der „Lokal-Anzeiger" meldet, zu 6 Monaten Gesät,gnisi und 3000 Mk. Geldstrafe, Uhsadel zu 6 Wochen Gefängniß und 3225 Mk. Geldstrafe verurtbeilt, doch wurden die Freibeitsstrafcn als durch die Untersuchungshaft verbüßt erachtet. Die übrigen Angeklagten, Graf Arnim und Blunienthal, Meyer und tzANpel, wurden freigesprochcu.
* Die Initiative de» Kaiser». Worte freudiger Zustimmung zu dem raschen Handeln unseres Kaisers in der chinesischen Frage finden wir jetzt in der nationalsocialen „Hülfe" unter der Spitzmarke „Der Kaiser": Mit wunderbarer Schnelle hat der Kaiser die Situation begriffen, die Deutschland plötzlich in die erste Reihe der gegen China kämpfenden Nationen stellt, und mit wunderbarer Kraft hat er die Stiinninnge» getroffen, die jedes nationalen Deutschen Herz bewegten. Man kann uns alles Andere als Scrvilismns und Vyzantinisinus nachsagen, nnscre Opposition gegen Oeynhausen und Zuchthausvorlage nnd alles Achnliche bürgt zur Genüge dafür. Heute aber muß ein voller Ton der Zustimmung und des Dankes erklingen, daß ein Mann an der Spitze des Volke« steht. Wer am letzten Dienstag im Ausland war nnd dort den Eindruck der ersten Rede des Kaisers verfolgte, der wußte, was es bedeutet, in schwieriger Lage und in blutigein Ernst einen Mann an der Spitze des Staates zu haben, der Wille und Thatkraft und schnelle Entschlußfähigkeit hat. Mehr al» es durch feine militärische Stärke zur
