1. Beilage Mm Wiesbadener Tagblall.
Ko. 324. Morgen-Ausgabe.
Sonntag, den 13. Juli.
48. Jahrgang. I960.
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(49. Fortsetzung.) (Nachdruck vkrboten.)
Auf Ornnmeide.
Roman von K. ^akm6-F'ays«n.
„Sieh' dort." sagte sie, „jener strahlende Stern, er ist der größte und herrlichste, den wir von hier ans sehen können. Denke, er sei das Auge Gottes. Gottes Auge, in das wir Beide schauen. Zu diesem Stern schwöre ich's, daß ich nur Dir, keinem Anderen je angehören werde. Bist Du beruhigt, bist Du jetzt glücklich?"
„Ja, ich bin es!" rief ich jubelnd ans tiefstem Herzen, „das Wort traust Balsam auf unsägliches Leid."
„Alle diese Sterne sind Welten," fuhr sie mit leis zitternder Stimme fort, „vielleicht wird eben jener einstmals unsere Heimath. Nicht wahr. Du glaubst doch an ein Leben nach dem Tode, Du glaubst doch an ein Wiedersehen?"
«Ich glaube daran, aber ich finde das Leben eben jetzt zu schön, um an das andere denken zu mögen. Meine Kraft, mein Bestes will ich Dir weihen, Dir die Heimath auf Erden lieb zu machen. Und morgen, Tonina, führe ich Dich hinweg, erst in Dein warmes, sonniges Italien, dann weiter, an Bergen und Flüssen vorbei, durch Thal und Flur, bis sanft die Flächen sich glätten und weite Ebenen sich breiten, mit goldenem Korn und grünen Wäldern. Birgt jenes Land auch nicht so reiche Schätze, so sonnige Wärme, wie dieses hier, m^ine weiße, seltene Blume wird doch wurzeln und blühen können, weil die Sonne der Liebe über sie scheint. Dann ist Alles, was wir an Leid heute erlebt, vergessen, und morgen —"
Sie schauerte leise zusammen.
„Sprich nicht von gestern und morgen," sagte sie.
Ich zog sie an mein Herz und küßte sie auf die kühle, weiße Wange und dann auf den Mund.
Ein Zittern ging durch ihre Gestalt. Sanft wandte sie sich aus meinem Arm, trat einige Schritte näher dem Strand und blickte auf das purpurne Meer. _ Hoch auf flatterte das weite, weiße Gewand. Das Haar löste sich und spielte weich und schmeichelnd um ihr schönes Antlitz. Ich stand ihr zur Seite, ahnte, daß sie gehen, scheiden wollte, aber ich wagte nicht zu reden. £>, diese fromme, große, leidenschaftliche , und doch demüthige Liebe!
Dann umschlang sie niich, und während ein. schönes, trauervolles Lächeln ihren Mund umspielte, sagte sie:
’ „Ich scheide jetzt, gedenke alles Dessen, was ich Dir gesagt habe."
Ach, wie leicht, wie warm und innig fand mein Herz Worte für sein Ueberglück und wie leuchteten ihre wunderbaren Augen unter den Gemüthstöncn niciner Sprache.
„Muth, Kraft, mein Lieb," rief ich, „wenige Stunden nur, und wir sehen uns wieder. Ich erwarte Dich am Schiffe. Denke daran, denke an unser Wiedersehen."
Es breitete sich ein verklärender Glanz über ihr Antlitz.
„Ich denke daran, und dies sei unser letztes Wort: Auf Wiedersehen!"
Sie riß sich fort und eilte hinweg. Aber nicht weit, nochmals kehrte sie wieder,' tpars sich mit leidenschaftlicher Inbrunst an meine Brust und dann erst sah ich sie in der Ferne verschwinden.
Tiefaufathmend, befreit von dem schmerzlichen Druck des durchlebten Leides, warf ich mich nieder auf den weichen Myrthengrnnd. Eine traumhafte Stimmung, eine widerstandslose Müdigkeit überfiel mich. Traum und Wirklichkeit wirrten sich durcheinander. Eben noch hatte ich meine
holde Tonina, umweht von goldigen Haarmassen, flatternden Gewandes vor mir gesehen, jetzt trug der weiße Meeresschaum die herrliche Gestalt, Wellen überschäumtcn sie, ließen sie verschwinden, trugen sie wieder hoch, rauschten und brausten, und über Alles goß die aus dem Meer tauchende Sonne eine Flnth von Purpur. —
Ich habe nicht lange geschlafen. Noch ehe der Graf erwacht, habe ich diese Zeilen geschrieben.
Aus Wiedersehen, Bruder! Ich komme heim, bald bald, und mit meinem süßen, holden Weibel
Barmherziger Gott, wie soll ich endigen! Sind Tage oder Wochen vergangen? Ich weiß es nicht. Mir fehlt das Maß der Zeit. Ich weiß nur, daß mein Traum fürchterliche Wirklichkeit gewesen, daß die Wellen sie verschlungen und hcrangespült haben und daß ich sie kalt und starr und todt am Strand liegen sah, darüber gebeugt die Gestalt des Konsuls, in Geberde und Blick den Ausdruck des Wahnsinns, mir zurufend mit einem Freudengelächter, daß sie nicht todt, nur krank sei und daß er mich auf seiner Hochzeit erwarte. Er hatte sie in seiner Eifersucht getödtet.
Herr des Himmels, gieb auch mir Vergessen für mein wahnsinniges Leid.
Armer Verzweifelter! mit diesem Schmerzensschrei endeten damals Deine Zeilen. Gott erfüllte in traurigster Weise Deine Bitte.
Laß jetzt Dein schmerzvolles Grübeln, das Dir trotz aller Qual niemals Klarheit in die Erinnerung bringen kann. Laß es schlummern, jenes Mädchen, dessen Anblick Dir die Vergangenheit in Verzerrung vor die Seele führt.
„Tonina! Tonina!"
Es hallt durch die Stille wie unermeßliche Wehklage, übertönt nun durch ein Hohngclächter, kurz, schrill, fürchterlich; denn Tonina war es nicht, das schlummernde Mädchen dort.
Tonina hatte Haar wie gesponnenes Gold, und wie auf schlankem Stengel die Lilie glich ihr Körper einer zarten hinsterbenden Blume. Wo Tonina athmete, rauschte das Meer, o, das Meer, das fürchterliche Meer! Wie es toste und kochte und gischte, als man ihm das Mädchen aus den Armen riß, dies Mädchen dort, mit dem braunen Haar und den schwarzen Augen. Sie war es, auf die er Jahre getvartet, um zur That reifen zu lassen, worüber sein Geist Ewigkeiten gebrütet. Ein blödes Lächeln überfliegt seine Züge. Er tritt vom Fenster zurück, und mit leisen geschäftigen Händen fängt er an, in den Schränken und Kasten seines Zimmers umherzusuchcn. Dann tritt er an den Schreibtisch, blättert in Büchern und entnimmt einem derselben ein beschriebenes Papier, mit dem er schnell wieder aus Fenster tritt, denn langsam, traumverwirrt öffnen sich drüben die Mädchenaugen, der Kopf richtet sich auf, und mit halbleercm Blick schaut Marietta hinüber zu dem grauen, hageren Mann, dessen Züge seit jener Nacht sich dem Gedächtnis; unauslöschlich eingeprägt. Und ganz erwachend, klären sich ihre Gedanken, sie springt plötzlich auf, um das Fenster zu schließen, das, wie Sophie verlangt, stets verhängt bleiben sollte.
„Warum das?" fragte der Irre, „herrscht in Ihrem Zimmer nicht wie bei mir eine entsetzliche Schwüle? Warum überhaupt verbergen Sie sich stets eilig und scheu, wenn Sie mich sehen?"
Die Frage war mit allem Vorbedacht geschehen. Mit der Schlauheit aller Irren, die den Laien an dem zerstörten
Geist zweifeln läßt, fühlt er es heraus, daß er des P«k»
trauens des Mädchens benöthigt sei, um die heimlich geb hegten Pläne befriedigen zu können.
Die Entfernung ließ Marietta den gespannten, aufgeregten Ausdruck der Gesichtsmuskeln nicht erkennen, die indessen gleich der vibrirenden Stimme im Laufe des Gesprächs mehr und mehr der Herrschaft des Willens unterworfen wurde.
Bei Marietta aber erwachte durch den Anblick des seltsamen Gesichts, dem Klange des eigenthümlichen Organs, jenes glühende Interesse, das sie von Anbeginn für den Thurmbewohner gehegt; sie schloß nicht, wie sie beabsichtigt, das Fenster, sondern, voll Theilnahme zu ihm aufblickend, gab sie Antwort ans die Frage.
„Ich fürchte Sie zu stören, zu belästigen durch nieinen Anblick, Herr Gottfried." sagte sie, „Sie suchen die Einsamkeit und meiden Menschen —"
„Ja," siel er ein, „solche, die mir fremd sind, wir aber kennen uns schon, mein Gott, denken Sie doch an jene furchtbare Nacht —"
„Allerdings, in der Nacht, als das Feuer ansbrach, sprachen wir miteinander."
Es ging ein seltsames Lächeln über seine Züge. „Ah, die Nacht! Ja, ja, und dann —" er sann einige Augenblicke nach.
„lind dann bin ich die Tochter Ihres Freundes Toncllr, wollten Sie das nicht sagen?"
„Ja, ja. Tonelli, o mein Freund Tonelli. Kommen Sie herauf, ich will Ihnen von Tonelli, von —" wied„r zuckle cs seltsam über sein Gesicht, „von Ihrem Vater Tonelli erzählen."
„Aber ich störe Sic," erividerte Marietta zurückhaltend, „auch bat mich Ihr Bruder, den Thurm nicht zu betreten — wir können ja auch so mit einander plaudern."
„So plaudern? Vor aller Ohren, — nun wohl —"
Er schwieg, seine Augen irrten unstät umher, seine Finger preßten das Schriftstück in der Hand krampfhaft zn- sammen, dann lehnte er den Oberkörper aus dem Fenster, wobei er wie zufällig das Papier aus den Fingern gleiten ließ.
„O, sehen Sie dort."
„Wünschen Sie das Blatt wieder zu haben oder ist eS ein Papier ohne Bedeutung?"
„Ohne Bedeutung? ich bitte Sie. Es enthält werth- volle Notizen über chemische Präparate der Alchymie. Ist Ihnen Genaueres über diese Wissenschaft bekannt? Nicht? Bringen Sie mir das Blatt, ich will Ihnen einen Einblick in meine Arbeitsstätte gewähren. Sie zögern? nun wohl, so hole ich mir das Schriftstück selbst."
„Nein, nein," wehrte Marietta ab. „wenn Ihnen meine Anwesenheit wirklich nicht lästig ist, so komme ich ja gern. Ach, wie sehr wird es mich freuen, etwas von der Der- gangenheit meines Vaters zu hören. Nicht wahr, Sie sind zusammen gereist und kennen Italien, mein Vaterland?"
„Italien! Pa, nur Italien? Ich kenne den ganzen Süden. Wüsten habe ich durchwandert, das Mittelmeer durchschifft, die Inseln, groß und klein, sind mir bekannt. Wenn Sic das interessirt — Sie sollen davon hören. Ich erwarte Sie," schloß er langsam, fast feierlich, und trat vom Fenster zurück.
Das junge Mädchen eilte aus dem Hause. Dennoch, als sie das Papier an sich genommen, die schwere Thucmthür geöffnet und in das kühle Erdgeschoß cintrat, zögerte ihr Fuß. Sie rief nach Christian, aber keine Antwort erfolgte.
(Fortsetzung folgt.)
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