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U0. 322. Fernsprecher No. 52. SaNtstNK, dkN 14. Juli.
Fernsprecher No. 52.
1900.
Der Himmelsglobus auf der Pariser „ Weitausstellung.
Unsere beistehende Illustration zeigt dem Leser eine der herdorragendsten Sehenswürdigkeiten von der Pariser Weltausstellung. den Himmelsglobus. Die riesenhafte Kugel, welche univeit des Eiffel- thurmcs, direkt neben dem Mareorama ihren Platz gefunden hat, nimmt sich inmitten der anderen graziös geformten und reich orna- mentirten Baulichkeiten in ihrer plumpen Gestalt wie ein vom Himmel auf die Ausstellung gefallener Planet aus.
Zndcß war gerade die Aufstellung dieses Ungeheuers mit besonderen Schwierigkeiten verbunden, und mit berechtigter Befriedigung kann der Erbauer ans das vollendete Werk blicken.
Der Himmelsglobus soll in Form eines Panoramas dem Beschauer eine erschöpfende Darstellung des Sternenhimmelsgeben. Zudem Zweck ist im Innern des 166 Fuß im Durchmesser groben Globus eine weitere Kugel von 40 Fuß Durchmesser, die Erde darstellend, errichtet. Bon hier aus kann das Publikum durch Ferngläser und Operngucker einen Einblick in den Sternenhimmel thnn, wie es ihm in der Natur in dieser Vollkommenheit und Bequemlichkeit selten vergönnt ist. Populär gehaltene Vorträge demonstriren ad oculos dem Beschauer alles Wissenswcrthe,sodab ein Besuch des Himmelsglobus auber zu den angenehmen auch zu den nützlichen und lehrreichen Sehenswürdigkeiten gehört. Die Antzenseite der gewaltigen Himmels- kugel ist neben den wichtigsten Gestirnen rc. noch mit allen möglichen allegorischen Darstellungen der Sternbilder versehen, die dem Globus schon von Ferne ein sonderbares Aussehen verleihen.
Aus Stadt und Kund.
W iesba den. 14. Juli.
— Geschichlokaleuder. 14.Juli. 1896: ff Emanuel Gurlitt zu Husum, hervorragender plattdeutscher Dichter. 1866: Treffen bei Aschaffenburg. 1866: Uebersiedelung des Bundestags von Frankfurt nach Augsburg. 1861: Attentat auf Kaiser Wilhelm I. durch Oskar Becker in Baden-Baden. 1813: Vertrag zu Reichenbach zwischen Preußen und England. 1793: Erstürmung der Bastille in Paris. 1602: * Kardinal Jules Mazarin zu PeScina, berühmter französischer Minister. 1455: Enthauptung Kunz von Kaufungen,
l des sächsischen Priuzenräubers zu Freiberg. 1421: Sieg der Hussiten unter Ziska bei Prag über das Krcuzhcer.
— Hchnlnachrichlen. Der kürzlich gegründete „Verein für Sounnerpflege" läßt gegenwärtig durch die Schulärzte und Lehrpersonen der städtischen Volksschulen Erhebungen anstellen über die Zahl der in die Sommerfrische zu entsendenden Schulkinder. Da der Verein nur auf eine kurze Zeit des Bestehens
zurückblickeu kann, so muß die Auswahl diesuml auf die aller- nothwendigstcn Fälle beschränkt werden. Ohne Zweifel werden die Mittel bis zu den bevorstehenden Schulferien noch so reichlich fließen, daß da« humane Werk auf möglichst sicherer Grundlage beginne» kann. — Angeregt durch den Rcgiernngs-Präsidcntcn von Arnsberg, läßt das Ministerium gegenwärtig Ermittelungen anstellen über die Gefahren für die Erziehung der Jugend, welche in dem Aufstellen der Z ucke rw a aren -Au t oma t en begründet sind. Jedenfalls wird mau diesen Einrichtungen demnächst die nöthigen Beschränkungen aufcrlegen, denn es unterliegt keinem Zweifel, daß die Schule die Nächtheile für ihre Zöglinge kennt, welche sich hauptsächlich in Naschhaftigkeit, Hang zu Betrug und Diebstahl, Sannnclwuth u. dergl. äußern und mit den erwähnten Automaten in Verbindung stehen.
d. Die I. allgemeine Geflügel- und Vogel-Ausstellung in der Reitbahn des hiesige» Kgl. Schlosses wurde gestern Nachmittag 4 Uhr durch den Protektor des Vereins, Herrn Polizeipräsidenten Prinz von Ratibor. mit einer kurzen Ansprache und einem Hoch auf den Landesherrn, Se. Majestät den Kaiser, eröffnet. Zn der Eröffnung hatten sich außer dem Herrn Polizeipräsidenten ferner eingefunden die Herren Landrath Graf v. S ch l ieffe n, Landes- dircktor Sartorius, Postdirektor Tamm, Telegrapheudirektor Freiherr v. Seckendorfs, Bürgermeister Heß und Stadt- verordncten-Vorsteher Rcusch. Ihre Hoheit Frau Prinzessin von Schaumbnrg-Lipp e beehrte sofort nach Eröffnung die Ausstellung mit einem Besuch. Die Ausstellung selbst machte gestern noch einen weit günstigeren Eindruck als am Tage vor der Eröffnung. Wir werden in der Abend - Ausgabe näher darauf zurückkommen; so viel sei nur jetzt schon bemerkt, daß die PreiSvenheilnng des reichen und durchweg ausgezeichneten Materials wegen eine sehr schwierige, aber auch eine sehr reichliche war.
t. Elektrische» Boot «ontia Dampfboot. Wie der Berliner „Elektrotechnische Anzeiger" mittheilt, ist infolge der Vervollkommnung der Accumulatorcn da« elektrische Boot in einen ernsten Wettbewerb mit dem Dampfschiff getreten. Während früher die elektrische Kraft nur zum Betrieb ganz kleiner Boote in Betracht kam, werden jetzt schon schiffe mit einer Tragfähigkeit von 100 bis 150 Personen mit elektrischer Kraft bedient. Die Vorzüge sind erheblich: das Boot braucht keinen Heizer, die Handhabung der Maschinerie ist höchst einfach, der lästige Rauch fällt fort, und außerdem läßt sich eine sehr bedeutende Fahrgeschwindigkeit erzielen. Die Abnutzung der Accnmulatorc» ist außerdem weit geringer alS bei den Straßenbahnwagen, da die Erschütterungen, die bei letzteren für die Elemente so ungemein verderblich sind, bei den schiffen fast ganz «»«bleiben. Das genannte Fachblatt sieht voraus,'daß man'in Zukunft nicht mehr große Dampfer in längeren Zwischenräumen, sondern kleinere elektrische Boote in kürzeren Zwischenräumen verkehren laffen wird.
kZ) Fra ga rin »in. Die Erdbeere vvll und rund, von schöner rothcr Farbe, ist schon ein Augengenuß, ehe noch die Zunge ihre Süße und Würze gekostet hat. So lieblich und würzig nun aber auch der Geschmack der Erdbeeren ist, und so wohlthnend dieselbe ans unsere Lerdaunngswerkzeuge wirken, so erzeugt der Genuß derselben doch bei verschiedenen Menschen manchmal Jucken in der Haut, bei einigen sogar einen nesselartige» Ausschlag. Diese eigenartigen Erscheinungen, die der Genuß der Erdbeere erzeugt, deuten darauf hin. daß in den lieblichen Pflänzchen eine schwachgeftige Substanz enthalten sein muß. Man machte sich an die Untersirchung und fand in der Wurzel des Kräutleins eine Art Tannin. Diese Substanz löst sich im Alkohol auf und färbt Eisensalze grün. Nack, dem botanischen Namen der Erdbeere (Fragaria) erhielt der Stoff die Bezeichnung Fragarianin. Zur Beruhigung für ängstliche Gemüther sei aber noch mitgetheilt, daß ein guter Magen diese Substanz gut verdaut, und zwar ohne nachtheilige Folgen.
vr. T. Zum Kampf gegen die Htrntzenschleppe. Nachdem die Hvgieine de» Staub als einen der größten Feinde der menschlichen Gesundheit erkannt hat, ist es als eine erfreuliche Konsequenz zu begrüßen, wenn sich in der Presse allmählich lauter und lauter die Stimmen gegen das Aufwirbcln von staub auf der Straße durch dicSchleppcn erheben. Es ist nicht unangebracht, bei dieser Veranlassung an die Worte zu erinnern, die der unermüdliche Vorkämpfer auf dem Gebiete der Volksgesnndheits- pflcge, Professor Breitung, auf dem Tuberkulose-Kongreß in Berlin gesprochen hat: „Wir wolle» die Hhgieine nicht als eine doktrinäre
(Nachdruck verboten.)
Gin Tag in Kanton.
Von Alfred Schmidt.
Kanton ist in ca. 8-stündiger Dampferfahrt von Hongkong zu erreichen, und die den Verkehr der Passagiere besorgenden Dampfer (Raddampfer) sind recht bequem und komfortabel eingerichtet. Eines guten Nachmittags setzte ich mich auf den Dampfer „Hankow", und bald entschwand die äußerst reizvolle Scenerie des Hongkong-Hafens dem Blick, während der Dampfer sich in schneller Fahrt seinen Weg durch die zuerst zahlreichen, dann weniger häufigen Dschunken mit ihren bunten Segeln und ihren ungeschlachten Formen suchte.
Während der gewöhnlich des Nachts fahrende Dampfer mit elektrischer Beleuchtung versehen ist, erfreute sich unser guter „Hankow" noch einer soliden Petroleumbeleuchtung, bei welcher wir dann ein leidliches Diner einnahmen, um alsbald unsere geräumigen, lustigen Kojen aufzusuchen.
Früh am nächsten Tage erwachte ich und durch die halb geöffneten Vorhänge meines Kabinenfensters bot sich mir ein höchst bemerkenswerthes Bild dar. Eine graue, krabbelnde schmutzige Masse mar der erste Eindruck, den ich von Kanton gewann, wo wir am frühesten Morgen angelangt waren und an einer alten wackeligen schmutzigen Brücke festlagen. —
Nachdem ich mich schleunigst angekleidet hatte, begab ich mich an Deck, um das schmutzige Bild etwas zu detailliren.
Alsbald fand ich, daß das krabbelnde grauschwarze Gewimmel eine große Anzahl von Sampons war. Von diesen Sampons giebt es auf dem Fluß und den Kanälen Kantons mindestens 80,000 Stück, bewohnt von etwa 300,000 Menschen, welche ihr ganzes Leben ans diesen schmutzigen kleinen Booten zn- bringen. Ein Sampon gleicht dem anderen vollkommen, vorn offen, ist der Hintere Theil des Bootes durch ein Verdeck geschützt, unter welchem Mann, Frau und Kinder ihr Dasein fristen, essen, schlafen, leben und sterben.
Inzwischen waren Fremdenführer (Chinesen) an Bord gekommen und boten ihre Dienste an. Als Frühaufsteher hatten wir die Wahl, welche auf den alten Chum fiel, melcher, wie wir später erfuhren, bereits 40 Jahre_ den Fremden seine Dienste widmet und als wirklich zuverlässiger Führer eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Chum arrangirte Alles für uns, besorgte Tragstühle mit zuverlässigen Trägern und bald ging es hinein in den Pfuhl der Chinesenstadt mit einer Bevölkerung von über zwei Millionen Seelen — und was für Seelen!
Vom Dampfer aus mußten wir zunächst ein Stück durch das Hafenviertel, durch enge winkelige und schmutzige Gassen, kaum weit genug, uns in unseren Stühlen durchzulassen, angeekelt und angeschrieen von Tausenden dieser schlitzäugigen zöpfigen Gelben mit wahren Galgengesichtern. — Nach kurzer Zeit wird das Auge durch europäische Bauten und freundlichen Anblick üppiger Vegetation erfreut. Noch eine Brücke und wir sind in Shamien, bem Fremdenviertel, angelangt, wo vielleicht 500 Deutsche, Engländer,
Franzosen rc. in ca. 150 hübschen Häusern wohnen. Die ganze Fremdcnniederlassung ist in 20 Minuten zu uiu- schreiten und nicht sehr behaglich fühlen sich die 500 Fremden unter den 2 Millionen Söhnen des himmlischen Reiches. Kleine Reibereien sind au der Tagesordnung und im Ernst, falle bliebe den Ausländern wenig Rettung — nur ihre Hausbötc, welche stets abgangsfertig liegen — klar zur Flucht.
Nachdem wir »ns in dem alten Shamien — jetzt Victoria-Hotel, durch einen Imbiß gestärkt hatten und Chum vorsichtiger Weise tifiin znm Mitnehmen besorgt halte, ging es fort über eine Brücke in das alte Kanton oder Kwang- tschon-fu hinein, mit seinen typisch engen Straßen und penetranten Gerüchen von alten verrotteten Fischen, Räucherkerzen rc., einem Gemisch der schauderhaftesten Mißgerüche Die Häuser sind niedrig, einstöckig, selten höher, und dabei leben die zwei Millionen aus einem Fleck, der in Europq nicht 200,000 Menschen Wohnung geben würde. Mein Freund B. stellte den schönen Vergleich ans, die Sardinen in ihrer Büchse hätten noch mehr Platz als die Chinesen in den Hanplstraßcu Kantons!
Wir besuchten nun unter der kundigen Führung des alten Chum die Stätten der bemerkcnewerthcu Industriezweige. Aeußerst interessant ist die Seidenbearbcitnng und Stickerei, sind die Holzschnitzereien, die Lack- und Porzellan. Fabrikation. Auch Tempel wurden besucht. In einem derselben, wo die Priester nebenher noch ein Pfand- und Leihhaus betrieben — erstanden wir wunderbare Stickereien, welche jetzt den Stolz bei uns zu Hause bilden. Wenn
