1. Beilage Mia Wiesbadener Tagblatt.
N-. 320 . Morgen-Anogabe. Freitag, den 13 . Juli.
48 . Jahrgang. 1900 .
(47. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Ans Grün wer de.
Roman von ß. ^fakmä - Zapfen.
„Sie antwortete nicht zugleich. Ihre Hände deckten das Gesicht und der Luftzug wehte ihr aus der blonden Haar- ffiffe eine Locke in die Stirn. Leise legte ich diese zurück und zog sanft die Hände von den Augen.
„Tonina, Verzeihung," flehte ich.
Da hob sie ihre Augen.
„So etwas kann nur Liebe verzeihen," sprach sie leise.
„Und verzeiht Tonina?"
Das „Ja" kam leise wie ein Hauch über ihre Lippen, aber ich hatte es doch verstanden.
Meine Arme umschlangen Sie, aber ich küßte sie nicht. Was ich einstmals, ehe ich sie kannte, gewagt, das vermochte ich jetzt nicht. Mit bebender Stimme rief ich:
„Tonina, der Jüngling möchte die weiße Lilie brechen, sie an sein Herz legen, sie mit in die Heimath nehmen?"
Sie sagte kein Wort, ihre Lippen bewegten sich nur leise, als wollten sie reden und vermochten es nicht vor innerer Erregung, dann plötzlich schlang sie beide Arme um meinen Hals und küßte mich auf die Stirn.
„Nein, nicht auf Stirn und Wange," rief ich, „auf meine Lippe hauche die Verzeihung, damil sie wisse, daß gus dem Unrecht ein süßes Recht werden darf."
Sie that es. So standen wir umschlungen, lange, eins im Wünschen, Hoffen, Lieben.
Dann zog ich sie neben mich auf den Divan. Von den Myrthen nahm ich der schönsten eine, wand sie ihr ins Haar und sagte:
„So schmücke ich Dich als meine Braut und nicht lauge mehr, so als mein Weib, o Tonina!"
Den purpurnen Wein reichte ich ihr und sie trank, und dann wieder ich, eines um das andere, bis das Glas geleert; getrunken, nicht auf unser Wiedersehen, sondern auf unsere Liebe, unsere Vereinigung.
Dann suchte ich ihr Herz zu erforschen. Sie mußte erzählen von ihrer Liebe, wie sie entstanden, gewachsen, wie sie so gewaltig geworden.
„Ich weiß es nicht," sagte sie, „plötzlich, wie auf die Blume der Thau, so fiel die Liebe in mein Herz."
Nun wieder wurde unser Gespräch ernster.
Ob die Mutter davon wisse?
„Sie weiß und billigt Alles, ach, sonst hätten wir nichts zu erhoffen!"
Und der Konsul?
Ihr Auge blickte traurig.
„Ach, daß Liebe auch so unsägliches Leid schaffen kann," klagte sie, und ich erfuhr, wie lange er geworben, und daß die Mutter verlangt, einznwilligen, wenn ich nicht gekommen, der ich jünger und schöner, vornehmer und reicher sei und, wie die Mutter meinte, sie auch zu begehren scheine.
Ich lächelte, sah ihr tief in die Augen und sprach:
„Von alle Dem kann ich nichts gelten lassen, mein Lieb, nichts Anderes, als das Vorrecht der Jugend. Wissen ist Macht, sagen die Menschen, und wenn mich das in Deinen Augen reich und vornehm macht, so sei e8, ja es freut mich, freut mich so sehr, wie das — daß Du mein sonnengebräuntes, bärtiges Alllagsgesicht schön zu finden beliebst."
Sic bog ihr Haupt zurück und sah mich an. In ihren Augen lag ein schöner Glanz, auf den Wangen eine feine Nöthe, dem zarten Hauche gleich, wie er auf weißen, eben erschlossenen Rosen zü ruhen pflegt.
„Sei wie Du willst!" rief sie, „streite Dir Alles ab, ob in der Hütte geboren oder im Palast, so wie Du bist, so lieb ich Dich."
Aus dem schüchternen, sanften, zaghaften Mädchen hatte die Liebe ein leidenschaftliches Weib gemacht. Aus des Herzens verborgensten Tiefen schwoll sie hervor, unwiderstehlich, gewaltig, und brach sich Bahn in Klängen tiefinnersten Gefühls.
Gott, allmächtiger Gott, verdien' ich auch so unermeßlichen Reichthum?
Es war ein herrlicher Abend, der diesem Tage folgte. Ich hatte Tonina verlassen, unser Zelt erreicht und mich weit ab unter jenen Oliven, wo ich stets zu arbeiten pflegte, niedergelassen, um in einsamer Stille alle Gefühlstöne ansklingen zu lassen. Dort suchte mich der Graf auf, als er mit seinen Leuten zurückgekehrt, und es war mir lieb, denn ich wünschte ihn mit dem eben geschlossenen Bunde, der meine Beziehungen zu ihm und seine zukünftigen Lebens- vekhältnisse umgcstalten mußte, bekannt zu machen. Er erstaunte durchaus nicht, sondern sagte: „Das habe ich so kommen sehen, mein Freund, leider, leider."
Erregt fuhr ich auf.
„Ich bin nicht Egoist genug," fuhr er ruhig fort, „dies Bedauern auf den Verlust zu beziehen, der mich persönlich betrifft. Wahrhaftig, Freund, daran denke ich jetzt nicht, vielmehr daran, daß Ihnen schwere, ernste Seelenkämpfe bevorstehen."
Ich lachte sorglos.
„Sie sind vollständig im Jrrthnm, theurer Graf. Was Sie befürchten, errathe ich. Die Mutter der holden Tonina ist jedoch mit deren Liebe betraut und einverstanden. Zu kämpfen hat dcninach nur der Konsul, gleichwie mich dies betroffen, wenn er errungen, was jetzt ewig mein ist."
Ich will hoffen, daß die schöne Tonina wirklich in Ihnen den Dokior Gottfried Harlmann liebt."
„Ich verstehe Sie nicht."
„Hm, ja, ich begriff auch erst allmählich den mir höchst schmeichelhaften Jrrthnm, in dem die alte Signora bisher befangen, in meiner Person Ihre Gelehrsamkeit zu vereinigen. Auf meiner Rückkehr, soeben erst, ist mir die geschwätzige Dame begegnet und hat mich in ihr unverständliches deutsches Kauderwelsch verwickelt, lediglich um mich über „den Conte" auszuforschen, wobei denn das Mißver- ständniß seine Aufklärung fand. Sie hätten das Erstaunen auf dem Vogelgesicht sehen sollen! Es glich einem Geier, der für sein Junges auf die Suche gegangen, eine Ratte findet und einen Hasen mit ins Nest zu bringen meint. Hüten Sie sich, daß Sie nicht über Bord geworfen werden."
Die Worte des Grafen erregten nur ein augenblickliches Unbehagen in mir. Manches aus Toninas Reden erklärte sich zwar dadurch und anders, als ich gewünscht hätte, doch ich gedachte ihres aus innerstem Herzen kommenden Rufes: „Und ob in der Hütte oder im Palast geboren, so wie Du bist, so lieb' ich Dich!"
Der bestimmende Einfluß der Mutter verlor seine Kraft, nun, da sich unsere Herzen aufgethan und verstanden hatten. In meiner unaussprechlich glücklichen Stimmung vermochte
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ich es auch nicht, dem Grafen für die drastische Art seiner Mittheilung zu zürnen. Ich ergriff seinen Arm und wandelte mit ihm, Zukunftspläne ersinnend, am Strande auf und ab. Die Professur sollte nun doch angenommen werden, die Wissenschaft nur ihren Platz verändern, indem sie, aus dem Herzen vertrieben, im Kopfe sozusagen auf Altentheil gesetzt wurde. Himmel, mein Herz war ja kaum groß genug, meine ganze überreiche Liebe zu fassen. — Spät noch, als bereits die ganze südliche Pracht der Sterne aufgezogen, wachte und sann ich und überbrückte die Gegenwart mit der so Herrliches verheißenden Zukunft, mit den Gebilden wonniger Träume. Die leuchtende Nacht nahte und dieser verdankst Du den Ausdruck meiner Empfindungen und Gedanken, — diese Zeilen-
Es ist ein Tag vergangen, seit ich dies geschrieben. Mich dünkt es ein Jahr, so viel und so Furchtbares habe ich in den wenigen Stunden erlebt. — Es wäre vielleicht besser, daß ich diese Blätter ins Meer würfe, auf daß verschollen und verborgen bleibe, was darauf geschrieben, doch damit ginge auch etwas von dem Vertrauen verloren, was Dir doch, mein Bruder, allezeit ganz gehört hat.
Was ist das Glück? Eine buntschimmernde Seifenblase, die, kaum entstanden, ein Hauch himmelhoch tragen, ein Hauch wiever auszulöschen verniag! Das Glück ist ein Nichts. Glücklich ist nur der, der es nicht weiß. In dem Augenblicke, wo er sich dessen bewußt wird, ist er es bald nicht mehr. Alles auf Erden schreitet vor- oder rückwärts, Stillstand ist nicht denkbar und wer da glaubt, des Glückes Höhepunkt erreicht zu haben, der wird stürzen aus höchster Höhe in desto tiefere Tiefen. —
Das hat bei mir ein einziger Brief vermocht, den ich diesen Morgen in erster Frühe erhielt und den ich nun hierher setze. Die wenigen, in italienischer Sprache geschriebenen Worte lauten so: Signor. Doktor Gottfried Hartmann, Sie haben auf verächtliche Weise unsere Gastfreundschaft zu mißbrauchen und sich unter Namen und Stand Ihres Freundes das Herz meiner schönen Tochter zu gewinnen gesucht. Ein glücklicher Zufall brachte noch eben früh genug die von Ihnen beabsichtigte Täuschung zur Sprache. Das Wort, das meine Tochter Tonina dem Grafen Erich gegeben, kann für de« Doktor Hartmann keine Gültigkeit haben, es ist Willens meiner Tochter und mir hiermit zurückgezogen. Der Konsul Bolandi, der gestern spät zurückgekehrt ist, darf seine alten Rechte geltend, noch vor unserer Abreise Tonina zu seinem Weibe machen." —
Ich stand wie erstarrt; jedes der Worte irüufte eisig auf mein glühend Empfinden. Die Jntriguc in ihrer ganzen Erbärmlichkeit, der ganze Lug und Trug, einen selbst- begangenen Jrrthnm als Mittel zu gebrauchen, die plötzlich unliebsam gewordene Verbindung zu lösen, lag so sichtbar vor meinem Auge, wie ein mikroskopisch betrachteter Wassertropfen voll abscheulich häßlicher Infusorien. — Durch alle Wirren drang aber erlösend die Zuversicht, daß es die Mutier, nicht Tonina gewesen, die so Niedriges ersonnen. Aber daß sie es gelitten, daß sie sich willenlos ergeben, daS war's, was mir so marternde Qual bereitete! Eine echte, starke, innige Liebe verbündet sich nicht mit armseliger Lüge. Wo war nun mein Zutrauen, als dieser Gedanke plötzlich erwachte, dieser häßliche Zweifel an ihrer reinen Seele I (Fortsetzung folgt.)
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