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«8. Jahrgang.

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819* Fernsprecher No. 52.

Donnerstag, den 12. Inli.

Fernsprecher Ro. 52.

1900.

Abend-Ausgabe.

Men trifft die Schuld?

Unser Londoner u-Korrespondent schreibt uns vom 10. d.:

Es kommt nicht oft vor, daß die englische Presse mit der französischen in Fragen der Politik übereinstimmt. Im Augenblick ist das jedoch, wenigstens hinsichtlich eines Punktes im Zusammenhang mit der chinesischen Krisis, der Fall. Wen trifft die Schuld? haben nämlich soeben beide zugleich gefragt, und darauf dann selber wie auf Verabredung „Deutschland" geantwortet. Deutschland soll durch seine aggressive, gegen alle politische Moral verstoßende Politik in China das dortige Volk aufs Acußersie gereizt und cs zu den bisher begangenen Unthaten herausgefordert haben. Nur ein Engländer kann natür­lich so grenzenlos naiv sein, Andern politische Unmoral zum Vorwurf zu machen, aber warum er. wie die Franzosen, Rußland gegenüber im fernen Osten ein Ange zudrücken und ausschließlich über Deutschland herziehen sollte, erscheint nicht recht verständlich. Da wundert man sich dann über den Mangel an Shmpathie, die die Deutschen den lieben englischen Ablegern gegenüber zur Schau tragen! Ein her­vorragendes Sonntagsblatt, der „Sunday Special", ging so­gar so weit, Deutschland die Waffenlieferungen an China während der letzten Jahre zum Vorwurf machen zu wollen. Allerdings mußte es zngebcn, daß solche auch von England aus erfolgt waren, stellte diese aber als verhältnißmäßig unbedeutend hin. Die Negierung hatte jedoch gestern Abend im Unterhause eine Frage bezüglich der englischen Waffen­lieferungen zu beantworten, und ihre Information deckte sich keineswegs mit der jenes Blattes. Wie Mr. Whndham erklärte, empfiug China ans England seit 1895 nicht weniger als 71 Fcstungsgeschütze mit 11,740 Geschossen, 123 Feld­geschütze mit 49,400 Geschossen und 297 Maschinenkanonen oder Büchsen nebst 4,228,400 Patronen.

Außerdem bezogen die Chinesen, wie Mr. Wyndham dem Unterhaus mitthcilte, 460,000 Mauser-Gewehre und 3,000,000Matronen aus Deutschland, doch erklärte er, über die deutschen Lieferungen nicht erschöpfend unterrichtet zu sein. China war natürlich ilach dem Krieg .mit Japan ebenso berechtigt, sich für künftige Fälle in den Ver- theidigungsiustand zu setzen, wie z. B. der Transvaal nach dem Einfall der Söldlinge des Rhodcs unter Jameson, und die Waffcnfabriken aller Länder bewarben sich selbst­redend um die Aufträge Chinas. Nichtsdestoweniger sucht man nun hier, unter Verschleierung dieser Thatsache die öffentliche Meinung aufs Neue gegen Deutschland aufzuhetzen, und in jedem Berichte, in dem jetzt die Geschütze der Chinesen erwähnt werden, sind dieselben als Krupp'sche Kanonen bezeichnet. Dasselbe war bekanntlich während der ersten Hälfte des Transvaalkricges der Fall, wo die Engländer die Crcusot-Geschütze einfach als „made in Germany“ stempelten. Nach dem „Sunday Special" be- ( stellte Li-Hung-Tschang gelegentlich seiner letzten Europareise

(Nachdruck verboten.)

Tairr».

Die Ereignisse der letzten Tage und Wochen haben die Augen der gesammten Kulturwclt aufs Neue nach dem Osten Asiens hingelenkt, wo sich gegenwärtig der Anfang von dem entscheidet, was das Schicksal von 500 Millionen Menschen besiegeln soll. In unmittelbarer Nähe vom deutschen Schutzgebiet, dicht an der Grenze der deutschen Pachtung Kiautschou, sind die ersten Schüsse chinesischerseits gefallen. In Takn, den Mündungsforts des Peiho, dort, wo dieses Gewässer in den Golf von Petschili fließt, hat die Ouvertüre dieser neuen ostasiatischen Tragödie eingesetzt.

Taku ist 50 Kilometer von Tientsin, der Hauptstadt der Provinz Petschili, entfernt und bildet den befestigten Hafen dieser Stadt. Im Hafen von Taku verkehrten nach einer der letzten Zählungen im Jahre 1275 Schiffe, darunter be­fanden sich 1191 Dampfer, wovon hinwiederum 248 mit 175,342 Tons die deutsche Reichsflagge trugen; die übrigen Schiffe repräsentirten einen Waarenumsatz von 1,024,832 Tons. Die ein- und ausgeladenen Waaren werden jedoch gewöhnlich nicht auf dem Peiho. der im Winter vereist und im Sommer sehr seicht ist, befördert, sondern per Eisenbahn von Taku nach Tientsin gebracht. Um gleich bei den Ver­kehrs- und Beförderungscinrichlungcn der Forts zu bleiben, sei schließlich im Anschluß hieran noch erwähnt, daß ein Schienenweg auch noch eine Verbindung zwischen Taku und den Kohlengruben von Kaiping, Linhst und Schanghaikwan herstellt. In diesem Sinne ist also Taku auch namentlich für anlegende Dampfer eine hochwichtige Kohlenstation, die im Laufe der nächsten Jahre durch Ausbau der Kohlenwerke bei Kiautschou eine starke und jedenfalls nicht zu unter­schätzende Konkurrenz erfahren dürfte.

Während das benachbarte Tientsin mehr dem Ethnographen und Anthropologen Gelegenheit zu Betrachtungen aiebt, hat

bei Krupp 180 Schncllfeuerkanonen. „Alle diese", sagt das Blatt, „sehen wir nun unfern Geschützen ähnlichen Kalibers gegenüber, aber unsere Kanonen stehen jenen in Bezug auf Schußweite und Feuergeschwindigkeit - ganz unendlich nach". Wie dasselbe behauptet, besäße man in Kanton allein 800,000 Mannlicher-Gewehre, während iy, den verschiedenen chinesischen Häfen seit Februar 1898 über eine Million Mauser-Gewehre von Hamburg ans eintrafen. Einen ganz besonderen Vorwurf macht der „Special" Deutsch­land aber offenbar daraus, daß es den Chinesen mit den Kanonen zugleich auch Artilleristen lieferte, die deren Soldaten in der Bedienung und Handhabung der Geschütze unterrichteten.

Deutsches Kelch.

Weshalb wir uns in China festsetzten.

Sehr richtig ist das, was die „Kölnische Zeitung" an­gesichts der Behauptung, China fei ungerechtfertigter Weise angegriffen morden, schreibt: Wir sind wahrlich nicht zum Vergnügen nach Kiautschou gegangen und wir haben dort so wenig Land wie möglich genommen, nicht mehr, als absolut für den Stützpunkt unserer Operationen nöthig

war. Diese Besitzergreifung bedeutete kein Unrecht gegen China, sondern der Verfall Chinas selbst zwang uns dazu. Auch die Besitzergreifungen der

anderen Nationen sind überwiegend in demselben Licht zu

beurtheilen. Der chinesische Standpunkt ist selbstverständlich ein anderer; aber der Europäer, der' ihn aus Idealismus Iheilt, überschätzt China und unterschätzt die Aufgaben seines eigenen Vaterlandes, sowohl in materieller, wie in idealer Beziehung. Der europäische „Karren" ist in China zur Zeit erheblich verfahren worden. Es war nicht unser Fehler. Wir brauchen auch nicht zu besorgen, daß er

stecken bleibt. Das Wort, daß unsere Fahnen über der ver- wahrlosestcn Hauptstadt der Welt wehen werden, wird sich früher oder später ohne Zweifel erfüllen; das wäre an sich ein wenig befriedigender Erfolg; aber er bietet neben dem Gebote der Ehre die einzige Möglichkeit, dem deutschen Nationalvermögen Milliarden zu retten, die in Ostasicn für uns auf dem Spiele stehen, und gleichzeitig wird er das Fortwirken des deutschen Schwergewichts zur Verhinderung eines Weltkrieges zwischen Kuliurnationen sichern.

Krupp'sche G e sch ü tz e.

Es sind Krupp'sche Geschütze, deren zerschmetternde Grüße jetzt die europäischen Truppen bei Tientsin zu Hunderten und vielleicht zu Tausenden hinstrecken. Deutsche Militärs waren es, die die Chinesen das moderne Waffen- handwcrk mit unheimlich gutem Erfolge gelehrt haben. Nunmehr wollen die Mächte die Einfuhr von Waffen und Munition nach China verbiete»! Zu welchem Zweck aber habe» sie vorher diese Einfuhr begünstigt? Man muß wohl geglaubt haben, daß die Chinesen mit den europäischen Mordwcrkzeugen nur harmlos spielen wollten. Z» solchem Unsinn führt die Logik, die aus der Verschwisternng von Militarismus und Industrialismus hervorgeht. Weise Leute

der Hafcnort Taku mehr einen internationalen Charakter und seine starke Seite ist auf der einen Linie ganz dem Handel und deni Verkehr, auf der anderen Linie ganz der Strategie zugewendct. Läuft doch in nicht allzu weiter Ent­fernung von Taku, wohin von Tetschou über Tsang den Kanal' entlang bereits eine Verbindung geplant ist. die projcktirte deutsche Bahn der Provinz Schautung. Diese Bahn ist von einer außerordentlich hohen kulturellen Be­deutung, denn sic erschließt die ungeheuren Kohlenbecken der Taischan-Kctle, die von Südwesten nach Nordosten die Provinz Schautung durchzieht.

Behufs Erbauung dieser Bahn ist bekanntlich den be- thciligtcn deutschen Kreisen von Seiten . der chinesischen Negierung eine Konzession crtheilt worden, in deren Punkt 4 es heißt:

„Die chinesische Regierung gesteht deutschen Unterthaucn das Recht zu, BergwerkLcigenthum auf der ganze» Eisenbahn­linie in einer Entfernung von 30 Li (1 Li — 445 Meter) auf jeder Seite zu erwerben. Chinesisches Kapital barf sich an der Ausbeutung der Bergwerke betheiligen." Als weitere Konzessionen an Deutschland sind ferner in Aussicht ge­nommen: „Wenn die chinesische Regierung oder chinesische Private je zur Entwickelung Schantungs irgendwelche Pläne haben sollten, deren Ausführung fremdes Kapital erfordert, so sollen zunächst deutsche Kapitalisten darum angegangen werden. Ebenso sollen deutsche Lieferanten, wenn die An­schaffung von Maschinen oder anderer Materialien noth- wendig werden sollte, in erster Linie in Betracht kommen. Nur wenn deutsche Kapitalisten bezw. Lieferanten abgelchnt haben, wird man sich chinesischerseits an andere Nationen wenden dürfen."

Soweit die Auszüge aus diesen Konzessionen. Wenn man nun bedenkt, daß neben dem Plan eines Anschlusses von Taku, d. h. der Peiho-Mündung und mit dieser des großen Kanals an das deutsche Schantung-Eisenbahnnetz,

halten sich jetzt darüber auf, daß Deutschland den Lehr­meister Chinas abgegeben habe. Diese Leute haben ja Recht, aber sie haben auch Unrecht, denn wenn wir uns zurückgehalten hätten, so würden andere Staaten die Lücke benutzt haben, und das Endergebniß wäre dasselbe.

Die zunehmende Kohlenvertheuerung wird in allen Parteien mit einer Einmüthigkeit beurtheilt, die es brennend deutlich macht, daß diese hervorragend wichtige Wirthschaftsfrage weit über alles Parteipolitische hinausreicht. Man kann ruhig sagen: Es giebt im Augen­blick keine zweite Frage, die für unser gesammtes Wirth- schaftsleben so viel Bedeutung hak und so verhängnißvoll werden kann, wie die Kohlenfrage. Die Vertheuerung soll sich im Herbst noch steigern. Die mächtigen Kohlensyndikate wollen den Preis um weitere 30 Pfennig für den Centner in die Höhe bringen. So einschneidend die Folgen jeder Familie sein müssen, so wird es immer das Bedenk­lichste an dieser beispiellosen Preistreiberei sein, baß die Industrie beim Fortgang dieses Prozesses geradezu in ihrem Lcbenselement bedroht ist. Und dabei läßt sich ein Ende der Kalamität nicht einmal erwarten. Die Syndikate werden mit großer Leichtigkeit von nur wenigen Kohlen- magnateu beherrscht, die im Besitz namentlich der meisten westfälischen Gruben und Grubenantheile sind, sodaß man sich nicht an die Zahl der betheiligten Aktiengesellschaften, sondern lediglich an die geringe Zahl der Familien zu halten hat, auf deren Grund und Boden sich die Gruben befinden. Die in der Oeffentlichkeit angestellten Erörterungen darüber, wie der Preiserhöhung emgegengewirkt werden könnte, sind sämmtlich ohne Werth. Die Syndikate werden sich nicht im Geringsten darum kümmern, ob Lärm geschlagen wird; sie machen sich nichts daraus, wenn von Kohlenwncher gesprochen und die Hartherzigkeit der Ausbeutung gebührend gebrand­markt wird — sie thun, was sie wollen, und die Industrie wie das Publikum werden ihnen gleicher Weise tributpflichtig bleiben.

* * *

* Cjof- und Prrsonal-Uiili,richte». Die Nordlaud- reise des Kaisers ist. der „Post" zufolge, vorläufig bis znm 6. August geplant, doch ist eine Abkürzung bei der herrschenden politischen Lage nicht ausgeschlossen. — Zu», diplomatischen Ver­treter Deutschlands in Ostasieu ist Mumm v. Schwarzen­stein ernannt worden. Derselbe geht cinstwcileu nicht als Gesandter nach China, weil die offizielle Nachricht vom Tode des Freiherrn v. Ketteier nicht vorliegt. Zweifellos ist Herr Mumm v. Schwarzenstein als Nachfolger des Herrn v. Kettcler bestinimt und dürfte auch demnächst als Gesandter bezeichnet werden. Herr v. Mumm war bereits vor einiger Zeit nach Washington zum Vertreter des dortigen dentschen Botschafters entsandt worden und hat sich auch während seiner Thätigkcit im hiesigen Auswärtigen Amt als antzerordentlich befähigt erwiesen. — Die Mutter des Lippc'schen Grafregente», verwittwete Gräfin Adelheid zur Lippe-Biest er seid, ist, 82 Jahre alt, gestorben.

* Kerli», 12. Juli. Der „National-Zeitung" zufolge wird das Postchcckverfahren nicht eingefiihrt. Die Reglernnas- Vorlage, durch welche der Reichskanzler ermächtigt werden sollte, das Verfahren einzuführen, wnrde bekanntlich vom Reichstag ivcsentlich nnigcstaltet. Die Gebühren wurden beinahe gänzlich be­seitigt und die Verzinsung der Einlagen aufgehoben. Wie jetzt aus wohl unterrichteten Kreisen verlautet, beabsichtigt der Reichskanzler

das Fort Taku nur etwa 75 Kilometer von der Grenze Schantungs entfernt liegt, so wird man die große Bedeutung dieses „Schlüssels zu Peking und zum Herzen des himm­lischen Reichs" verstehen und würdigen können.

Dieser Distrikt um Taku zwischen der sandigen Fluß­mündung dcö Peiho und dem Kohlenbecken von Taischan ist aber auch von jeher die Brutstätte vieler Sekten und Gehcimbünde revvlntionärcn Charakters gewesen. Diese Gcheimbünde sind aber nicht wie im Abendland lokale Zirkel von 10 bis 15 fanatischen Personen, sondern um­fassen — und hierin liegt die Ohnmacht der chinesischen Behörden, den Gehcimbündcu bcizukommen — oft Millionen von Menschen. Bekannt im Takugcbiet ist vor allen Dingen die Sekte Tjiu-tschnng-tsan, eine Filiale der weißen Lotos- gescllschaft, die wiederum ein Ableger des Großen Hung- bundes ist. Die Mitglieder dieser Sekte geben vor, un­verwundbar zu sein. Zettel, auf welchen die Formel für Unverwundbarkeil geschrieben steht, werden verbrannt, und die Asche wird, in Wasser aufgelöst, getrunken. Während dreier Tage — der Periode ihres Noviziats — opfern sie dem Buddha und üben eine Art Abhärtung, indem sie sich ans Leibeskräften Arme und Brust mit Ziegelsteinen be­arbeiten. Vor jedem Kampf halten sie die Hände geballt vor dem Gesicht und murmeln dabei Beschwörungsformeln.

Die Chinesen nun sind meist leichtgläubige Leute und stets unzufrieden mit der Regierung, auch wächst ihr Haß gegen die Fremden und gegen alle Fortschritte der Europäer von Tag zu Tag. So kann es denn auch kein Wunder nehmen, wenn fast plötzlich neue Gcheimbünde entstehen und die Zahl der Anhänger derselben von Tag zu Tag wächst. So ist auch einzig und allein das rapide Anwachsen der einen so bedrohlichen Charakter annehmenden Boxer- bewegilng zu erklären.

Alle diese revolutionären Bestrebungen erklären sich aber am besten durch die Höhe der Bevölkerungsziffer, denn es