*9. Jahrgang.
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Uo. 312.
Fernsprecher No. 52.
Sonntag, den 8. Juli
Fernsprecher No. 58.
190».
Morgen-Ausgabe.
Politische Uelrerftcht.
Die Politik steht zur Zeit im Zeichen von „Zopf und Schwert". Die große internationale Aktion gegen China, wo die Revolution, die völlige Anarchie herrscht, hat alle anderen Interessen vollständig in den Hintergrund gedrängt. Bisher aber hat diese Aktion, mit welchem Eifer sie auch betrieben wird, und welche bewunderungswürdige Tapferkeit auch die Truppen der Mächte und vor Allein unsere braven deutschen Soldaten an den Tag gelegt haben, angesichts der ungeheuren Uebermacht der Chinesen nur geringe Erfolge zu erzielen vermocht. Und man darf sich nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Situation in China sich im Laufe dieser Woche erheblich verschlechtert hat.
Die Woche fing traurig an. Am Montag wurde uns die betrübende Gewißheit, daß unser Gesandter in Peking, Freiherr v. Ketteler, schon mehr als zwei Wochen vorher den blutgierigen chinesischen Banden zum Opfer gefallen war. Weit über die Grenzen Deutschlands hinaus, überall in der civilisirtcn Welt hat das tragische Geschick dieses Mannes, der in treuer Pflichterfüllung wie ein Held in der Schlacht gefallen ist, aufrichtiges und tiefes Mitgefühl erweckt. Aber nicht nur Mitgefühl, sondern auch den berechtigten Wunsch, Sühne für dieses Verbrechen wider die Menschlichkeit zu fordern, Diejenigen, denen es zur Last fällt, zur unerbittlichen Verantwortung zu ziehen.
Durch das an dem deutschen Gesandten begangene Verbrechen ist die Position Deutschlands in der internationalen Aktion gegen China erheblich verändert worden, denn während unsere Aufgabe bis dahin lediglich darin bestanden hatte, bei der Wiederherstellung der Ordnung in China nach Kräften mitzuwirken, gilt es jetzt für Deutschland, einen Sühnefeldzug gegen Diejenigen zu führen, welche an dem in Peking begangenen furchtbaren Verbrechen schuldig oder doch mitschuldig sind. Dementsprechend hat sich die Nothwendigkeit verstärkter Rüstungen ergeben und dieser Nothwendigkeit ist durch die Mobilisiruug einer Geschwader-Division und durch den Befehl zur Aufstellung eines Expeditionscorps in Stärke einer gemischten Brigade alsbald Rechnung getragen worden.
Freilich, es handelt sich um ungeheure Entfernungen, mit denen wir hier rechnen müssen, und die Mitte des September wird herannahen, bis dies Expedilionscorps den Boden Chinas betreten kann. Leider muß man sich darauf gefaßt machen, daß bis dahin und auch bis von Seiten der anderen Mächte namhafte Verstärkungen nach China entsandt werden können, vieles und unermeßliches Unheil in China geschehen sein wird.
Sind doch die Nachrichten ans Peking derart, daß man allgemach mit der Möglichkeit einer furchtbaren Katastrophe rechnen muß. Wenn auch die Alarmmeldungen ans Peking, wonach dort alle Europäer bereits den rasenden Chinescn- haufen zum Opfer gefallen sind, einer zuverlässigen Be- stäsigung entbehren, so ist doch die Hoffnung auf die Rettung
der in Peking eingeschlossenen Europäer — über diese furcht- ' bare Thatsache darf man sich nicht hinwegtäuschen — verschwindend gering. Denn die Truppen der Mächte sind zu schwach, um einen Vorstoß auf Peking zu wagen. Wird cs doch nachgerade zweifelhaft, ob cS den Truppen der Mächte auch nur gelungen wird, Tientsin gegen den Ansturm der Chinesen zu halten, die in immer stärkeren Massen auf den Kriegsschauplatz treten.
Angesichts dieser ungeheuren und immer noch wachsenden Gefahr ist cs für alle Mächte nicht nur eine unabweisbare Pflicht, mit allen verfügbaren Kräften der chinesischen Gefahr zu begegnen, sondern es ist auch mehr als je geboten, daß die Mächte alle privaten Meinungsverschiedenheiten und Differenzen aä acta legen und sich zu einer rückhaltSlosen Solidarität bekenne». Diese Solidarität, welche bisher selten genug wahrzunehmen mar, wird dadurch gefördert, daß die Gefahr in China alle Mächte in gleicher Weise trifft. Denn wenn auch bisher nur von dem deutschen Gesandten bekannt geworden ist, daß er der Wuth der Chinesen zum Opfer fiel, wer bürgt dafür, daß nicht morgen die anderen Mächte den gleichen Verlust, vielleicht die Nicdermctzelnng aller ihrer Staatsangehörigen in Peking zn beklagen haben?
So sehr hat das athemlo, Interesse an den blutigen Vorgängen in China alle anderen Interessen in den Hintergrund gedrängt, daß das politische Leben gleichsam überall ins Stocken gerathcn zn sein scheint. Nur in Frankreich nimmt die Generalstabskrisis noch immer ihren Fortgang, doch ist cs dem Kabinett Waldeck-Rousseau bisher noch immer gelungen, seine bedrohte Position zu behaupten, und erst am Mittwoch gelang es ihm, einen Sieg über die nationalistische Opposition davonzutragen.
Auch auf dem südafrikanischen Kriegsschauplatz ist ein gewisser Stillstand eingelreten. Zivar rücken die Engländer langsam vor, aber sie haben doch seit längerer Zeit keinen entscheidenden Erfolg mehr davongetragen. Jedenfalls scheint bisher nichts die Behauptung der Engländer zn rechtfertigen, daß Diejenigen, welche bisher mit dem Präsidenten Krüger in zäher Tapferkeit ihren Widerstand fortgesetzt haben, jetzt des Krieges müde und zur Unterwerfung bereit seien. Weit eher scheint die Annahme als gerechifertigt, daß die Wirren in China die Buren er- muthigen könnten, ihren hartnäckigen Widerstand fort- zusctzen, ivenn auch kaum ein Grund zu der Hoffnung vorhanden ist, daß der Krieg in China auf den Krieg in Südafrika einen wesentlichen Einfluß ausüben könnte.
Aus Stadt und Kand.
Wiesbaden. 8. Juli.
— Cirschichlslrirlender. 8. Juli. 1896: Furchlbare Ueber- schwemmunä ttt Japan durch eineFluthmclle. 1846: * Erzherzogin Josef von Oesterreich, geb. Prinzeß Clotilde von Sachsen-Coburg- Gotha. 1810: * Robert Schumann in Zwickau, einer der bedeutendsten Tondichter. 1803: * Julius Mosen zu Mariency in Sachsen, deutscher Dichter („Zn Mantua in Banden", „Der Trompeter an der Katzbach"). 1797: ch Edinund Burke zu Bcacons- ficld, englischer Staatsmann und berühmter Redner. 1695: st Christian Huygens im Haag, berühmter Forscher auf dem Gebiete
der Mathcniatik, Physik und Astronomie. 1621: * Jean dt Lafontaine zu Chätcau-Thierry, Frankreichs größter Fabeldichtei:.
o. Feuermrhrdienstpflicht der Gisrnl»ahnt»edie»st«t<«.
Der Herr RegicrungSpräsident hat eine Verfügung erlassen, wonach diejenigen Angestellten oder Arbeiter, welche als HülfSbeamtcn fungiren oder bahnpolizeiliche Funktionen ausübcn oder auch vertretungsweise äußeren Dienst thun, zn dem Feuerwehrdienst überhaupt nicht hcranzuziehcn sind. Die übrigen Arbeiter können zn den Uebungen der Pflichtfcuerwehr herangezogcn werden, doch ist vorher bei den Dienststcllen-Vorstchern anznfragcn, ob und welche Arbeiter abkömmlich sind. Im Interesse des Dienstes und um die Abkömmlichkeit leichter zu crinöglichcn, sollen für die Uebungen die Spätnachmittage gewählt werden.
o. Urlaub der Giseiibahnbeanrteir. Während seither jeder Beamte, der Urlaub haben wollte, darum bei der Vorgesetzten Inspektion cinkommeu mußte, können sich nach einer kürzlich ergangene» Verfügung des Eisenbahnministers die Vorsteher der Bahnhöfe, der selbständigen Abfertigungsstellen, der Ncbenwerkstätten, Betriebs- und Wagcnwerkstätten, sowie die Bahnincister und die Telegraphenineistcr bis 24 Stunden selbst beurlauben. Die Genannten, sowie die Vorstände der Dircktionsbüreaus und der Hauptkassen können bis zur Dauer von 3 Tagen die ihnen dienstlich unmittelbar unterstellten Beamten beurlauben, und zwar ohne vcrwaltungsseitigc Ncbernahme der Stellvertretungskosten.
— Nariotü-Theatrr „Zum Kürgrrsaat". Einen großen Erfolg hat das diesmalige Program«» des Vnriötv-Theaters „Bürgcr- saal" zu verzeichnen. Das allabendlich zahlreich anwesende Publikum lacht so herzhaft, wie es wohl selten gelacht hat. Die Darsteller sind aber auch vorzügliche Künstler und Komiker und verstehen es nieistcrhast, das Publikum angenehm zu unterhalten. Einen Besinh des Theaters darf man empfehlen. Heute Sonntag findet Vor- inittags 11'/- Uhr Künstler-Matinöe unter Mitwirkung der Tbeater- kapelle, Nachniiltags 4 und Abends 8 Uhr große Vorstellung statt.
— Turnerisches. In der deutschen Turnerschaft, die jetzt über 600,000 Mitglieder zählt, inacht sich in letzter Zeit wieder em lebhafter Aufschwung geltend. Die Ursache hiervon ist »eben der Aufnahme des Spiels i» das Programm der Turnvereine dem immer weiter Eingang findenden Männerturnen, anders gesagt dem Turnen der Männerabtheilungc», zriznschrciben. Es scheint hiernach die Erkenntniß des Segens turnerischer Uebungen für den im Manncsaltcr stehenden Körper sich inuure mehr Bahn zu brechen. Die Vorthcile turnerischer Leibesübungen für Körper und Geist sind hinlänglich bekannt und werden ärztlicherseits voll und ganz gewürdigt. Für Personen, denen es an Bewegung mangelt, insbesondere für Personen, welche eine sitzende Lebensweise führen, sind geregelte, einfache, dabei doch nicht einseitige Turnübungen, wie solche in den Männcr-Abtheilniigen der Tnrn- vercine gepflegt werden, geradezu als ein Bedürfniß zur Erhaltung der Gesundheit und des Wohlbefindens zu erachten. Da bei diesem Tnrncn nicht einzelne, sondern alle Körpertheile gleichmäßig in Thätigkeit gelangen, so find solche Uebungen dem Sport vorzuzichen. Der hiesige „Männer-Turnverein" hat, dem Bedürfniß und vielfachen Wünschen Rechnung tragend, das Turnen seiner bisher schon bestehenden Männcrabtheiluii« neu gestaltet, indem er das Tiirnen dieser Abtheilung von dem Turnen der aktiven Mitglieder trennte und für die Männerabtheilung einen besonderen Tnrnplan schuf. Die Ilebiingsstnnde findet unter bewährter Leitung Montag Abends von 9—10Uhr in dcrVereinS- turnhalle, Plattcrstraßc 16, statt. Als Uebungsstoff sind Freiübungen und Geräthetnrnen, eventuell auch Spiele, vorgesehen. Seitens der Leitung ist die Auswahl der Uebungen so getroffen, daß auch dem minder Tnrnfertigcn und dem Neuling Rechnung getragen wird. Interessenten ist diese Einrichtung des „Männer Turnvereins" zu empfehlen. Auch gestattet der Verein gern die Besichtigung scures Turnbetricbß.
— Kerlinrr Domchor. Ein «nufikalischer Genuß auserlesenster Art wird dem musikliebcnden Publikmr. am nächsten
Urne Moden.
Es wird unsere Leserinnen interessiren, wie die Pariser Korrespondentin der „Modenwelt" und „Jllustrirten Frauen- zeitung" in der demnächst erscheinenden Nummer vom 15. Juli sich über die Mode während der Weltausstellung »usspricht:
Sportkleid mit Morgenjacke init
Blenden - Besatz. Kragen - Garnitur.
Paris. — Daß auf einer Weltausstellung in Paris die Moden-Jndustrie eine große Rolle spielt, ist selbstverständlich. Es ist denn auch in den Berichten viel zu lesen von der „berückenden Pracht" der ausgestellten Toiletten,
Kleid mit reichem Guipure-Besatz.
von der phantastischen Mannigfaltigkeit der Formen, den prächtigen Farben, den in ihrer Komplizirthcit kaum zu entwirrenden Garnituren! Derjenige, der in diesen Ausstellungs- Objekten aber den wirklichen Pariser Geschmack zu finden glaubt, ist auf ganz falschem Wege! All diese sensationellen Herrlichkeiten sind in ihrer Wirkung aufdicotranxers berechnet, wie die Eingeweihten sich mit einem ganz leisen feinen Lächeln zuflüstern. Dieses Lächeln ist nicht sehr schmeichelhaft für die e'trangers, denn es soll soviel heißen, als „unseren eleganten Frauen würde es ja gar- nicht einfallen, diese in der Farbe viel zu schreienden, in Form und Ausstattung viel zu überladenen Dinge zu tragen, aber Euch fehlt ja das richtige Verständniß für diskrete ruhige Farbenwirkung, für den Reiz der einfachen einheitlichen Linie, für — den Stil
in der Mode endlich". Als Beweis, daß uns deutschen Frauen dieses Verständniß durchaus nicht fehlt, gehen wir ziemlich kühl an diesen komplizirten Kunstwerken vorüber und sehen uns lieber die Pariserin selbst an.
In täglich wechselnden Straßen- und Sommer- Toiletten, immer reizvoll und interessant in ihrer Eigenart sich zu kleiden, erscheint sie auf dem Ausstellungs-Terrain.
Viel lichtgraue Töne in weichen, schmiegsamen Wollstoffen werden getragen, meist /& ? Bluse und Rock kor-
f \ 5) ^respondirend in schmale
f ' Rockfalten gesteppt, die
int Rock unterhalb des Kniecs locker aus fallen; die breite Schlußfalte im Rücken sieht man hier weniger — häufig tritt der Rock nach wie vor hintenglattzusammen.
Die Gürtel haben
meist hohe Mieder
form und sind von leuchtender ab- stechcnder Farbe. Die Farbe des Gürtels oder Halskragens aber muß mit dem Hut oder seiner Garnitur korrcspondiren. So erschien zn einer sehr feinen lichtgraucn Toilette mit breitem lila Sammetgürtel der hellgraue Toque-Hut mit grauem Tüll, Stahl und Veilchen garnirt. Auch blaue und schwarze Tnchkleider find sehr beliebt, mit Tresse» und weißen Steppnähten geziert.
Sehr reizend war eine Toilette aus feinstem weiße»
Schntzhut mit Kirschenzwcig.
