1. Beilage zum Wiesbadener Tagklatt.
Uo. 312. Morgen AnsPike. Sonntag» den 8. Juli.
48. Jahrgang. 1900.
(43. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Auf Grmrmeide.
Nomaii von K. F'akmc-^aysc».
Wohl weiß ich, daß der Strom, der jetzt kühl und befruchtend von den Bergen nieder zu meinen Fußen rauscht, bald schläfrig trübe als kleiner, aus geschmolzenem Schnee bestehender Vach durch sein altes Bette tränst, und daß Wüstcngluth die grüne Myrthe und die weiße Narcisse ersterben läßt, daß Strauch und Halm versengen und verderben, Alles, Alles, was eben der reine, bahamische Frühlingshauch herborgclockt; weiß, daß, wohin das Auge des Forschers und Kenners blickt, der Vandalismus 306jähriger Türkcnherrschaft sich ihm offenbart, eine grausame Pietätlosigkeit nnd Gleichgültigkeit gegen heilige Kunstwerke, in zerfallenen Marmortempeln, zerstörten Kircbcn, Klöstern, Festungswerken, und daß es öde, verlassene Strecken giebt, mcilcnmcit ins Land hinein, bedeckt nur mit nutzlosen Pflanzen und Gestrüpp, wo doch einst fruchtbare Thäler gewinkt, liebliche Bergabhünge, an denen die köstliche Traube der Tcmplerrittcr gereift. Und dennoch rufe ich: Macaria! Glücklich mein Fuß, als er Dich, glückliche Insel, betrat! — Wir leben im Frühling! Ist es eben nur dieser, der mir Cypcrn als Eldorado erscheinen läßt? Sah ich nicht schon manch anderes, weltabgeschiedenes Fleckchen Erde, über das der heiter spendende Lenz seine Farbenpracht und seinen Duft in verschwenderischer Fülle ergossen? O, ja. Auch Ruinen in einsamer Größe, erhabener, gigantischer als diese, und Italiens Himmel so blan, so rein und tief, wie der über mir, und die Wogen des Mittclmcercs, an Neapels Gestade» ebenso sanft bewegt, oder schäumend und rauschend, wie an Chperns Strand. Und dennoch — jeder Pulsschlag der Natur ist hier anders, denn Chperns Frühling brachte mir meines Lebens ersten Frühlingstraum! — Und davon will ich Dir heute erzählen.
Du weißt, wir sind aus der Rückreise nach Italien begriffen. Tonelli hat uns verlassen, aber wir gedenken in Rhodns, wo er Kunstschätze für sein Museum entgegennimmt, wieder mit ihm zusammen zu treffen. Vor Beginn des unerträglich heißen Sommers scheiden wir von der Insel, die jetzt in der uns bereits gewohnt gewordenen Reisc- art durchstreift wird.
Unser Zelt, unsere Bedürfnisse und Vcgnemlichkeiten führen wir mit uns, auch die türkischen Diener, die erst am Tage unserer Abreise entlassen werden sollen. Wir genießen den Reiz dieses nomadenartigcn Daseins in vollen Zügen. Neigt sich der Tag seinem Ende, naht der Abend mit seiner Frische und Kühle, so niachen wir Rast. In wenigen Minuten breitet unser Zelt sein zierlich gezacktes Dach aus, feurig blitzt da? Sonnenlicht in seiner vergoldeten Kugel, drinnen ladet die wachslafstene Hängematte zur Ruhe ein. Köstlicher aber ist es draußen; bevor die Sonne nicht gesunken, suchen wir unsere Lagerstätte nicht auf.
Um uns herum herrscht regstes Leben.
Würdevoll, in langsamer, ruhiger Bewegung, wie es ihre Art ist, verrichten die Türken in ihrer nationalen, bunten Tracht ihre Dienste, packen aus und ein, und weit ab, auf flackernder Flamme, bereitet der Koch den Pillau.
Pflanzungen von Orangen nnd Oliven, von Datteln «nd Mastix breiten sich nach allen Seiten aus. Unter den breiten Kronen kurzstämmiger Eichen rasten unsere ermüdeten Maulthiere. — Ich habe in dem Schatten einer schlanken Eeder Ruhe gesucht.
. . . . ' i » > > i-i ni-r» . i
Turn-Verein»
Sonntag, den 18. Juli, Nachmittags von 3 Uhr ab (nur bei günstiger Witterung):
Großes Soiliiiicrfest
auf unserem Turnplatz im Distriet „Atzelverg", wozu wir die uns befreundeten Bereinc, Gönner unseres Vereins, sowie unsere Vercinsmitglieder uiib ein verehrt. Publikum ganz ergebenst einladcn. F416
Der Vorstand.
Wichtig für Kutscher und Fuhrmertrsbesltzer.
Wagenbiirstcu und Kartätsche», Mähnenbnrsten nnd Wagenlcder, Hnfbiirsten und Wagenschwänture, Stalleimer und Hafersiebe, Futterschwingen und Stallbcscn re. empfiehlt in größter Auswahl billigst 4649
\ir>r I Wiftfnh Michelsberg 7,
l\dri Ecke Gememdebadgäßchen,
_ Korb-, Holz-, Burstenwaaren. _
Hlmrarbeiteil, 8m
Verrücken, Scheitel, Zöpfe, einzelne Thcile re. aus prima Haare» werden unter Garantie u. vorzüglicher Arbeit zu billigen Preisen angefcrtigt. Besonders empfehle für ältere Damen Arbeiten aus naturgrauen und weißen Haare»; dieselben behalten im Tragen ihre schöne natürliche Farbe, ohne trüb, noch grünlich zu werden.
C. Brodtmann, Friseur aus Wien,
3. Schillerplatz 3, I. Etage, «eben Hotel Happel.
Kartoffeln (magnum bonurn)
und noch preUwerth abzugeben, ca. 50 Ctr. 3. El. Kirchgasse 3.
Diese Tage und Abende gleichen sich alle, aber die ewig wechselnden Scenerieen nehmen ihnen die Einförmigkeit. Immer von Neuem wird der Wandertrieb aufgefrffcht, alle körperlichen Leiden vergessen, wenn in blauer Ferne Moscheen und Kirchen anfiauchen, venctianische Festungswerke, weiße Castelle, Tcmpelrninen, in Schutt und Trümmer gesunkene Städte, hier, wo jeder Fußbreit Landes klassische Erinnerungen weckt.
Ich will nun von einem Abend erzählen, der nicht das alltägliche Kleid der vergangenen trug; der uns eine Bewegung brachte, an die sich Erlebnisse knüpfen, welche, wie ich heule glaube und aus der Tiefe meiner Seele hoffe, meiner Zukunft höchste, schönste Verheißung bringen.
Wir hatten uns unweit Lefkosia, nach sechsstündigem Ritt, von Tzerina kommend, in einer wasserreichen, schönen, fruchtbaren Ebene in der eben geschilderten Weise gelagert. Alles war Leben und Bewegung um uns, tch lag sinnend unter Baumesschatten nnd blickte auf die in Abcnd- glnthen getauchte Gegend. Der nimmer rastende Graf, der keine Müdigkeit kennt, tritt an mich heran. Seine Brillengläser fuukcln im Sonneuglauz; auf seinem hageren, gelblichen Antlitz zuckte der gutmüthig spöttische Zug, den ich kenne, wcrrn er irgend eine spöttische Bemerkung zu machen gewillt ist. „Sic Schwärmer," sagt er, „träumen Sie ein-' mal wieder mit offenen Augen?"
„Träumen," wiederhole ich, „braucht man hier zu träumen, Graf, wo die Wirklichkeit die Gebilde kühnster Phantasie erblassen macht?"
Ich deute in die Ferne, auf Lefkosia im Sonuenglanz, von dem die Abendglocken herübertöncn.
„Nun ja, die Stadt hat abscheulich enge und schmutzige Straßen und ärmliche Lehmhütten, was entzückt Sie daran?"
„Aber das Alles sieht man doch von hier nicht, Graf. Ich sehe
„Nun, was?"
„Ein wundervolles Landschastsbild. Die Sonne sinkt, und im zitternden Glanze tauchen aus Citronen- und Orange- gärtcn hohe Häuser hervor, leichte Balkone, vergitterte Fenster, eine stolze Kirche —"
„Die Aia Sophia, die Türken haben sie zur Moschee umgcwaudclt. Justinian soll sie erbaut haben, wahrscheinlich aber irgend ein fränkischer König."
„Nnd dann," fuhr ich fort, seine trockene Bemerkung nicht beachtend, „betrachten Sie sich unseren Lagergrnnd, ist er nicht malerisch? Jene Ruinen, vor denen die einsame Chpresse steht, sind sicherlich Trümmer eines Tempels alt- hellenischer Götterwclt; als geheiligter Baum ist die schlanke Cyprcsse davor gepflanzt und in den weiten Hainen dahinter mögen die phonizischen Naturgötter verehrt sein."
Der Graf hämmert nud klopft an den Trümmerstückcn, dann sagt er: „Marmor aus Carrara — Rosso antico ist cs nicht. Granitmarmor aus Algerien! Ist nichts für meine Sammlung."
„Ihre realistischen Anschauungen verscheuchen ulle Illusionen, Graf!" rufe ich ärgerlich.
„Gott sei Dank, wenn dem so ist. Für den Geist haben wir den ganzen Tag Nahrung gesammelt, nun verlangt der Körper auch sein Recht. Kommen Sie. Einige hundert Schritt von hier wird ein großes Faß echten, allen, zwanzigjährigen Cypernweines aus der Erde gegraben werden, daran knüpfe ich meine Illusionen.
Ich sprang aus.
„Dacht' ich's doch," rief ich lachend, „daß Sie nicht ab
sichtslos meine Ruhe kürzten. Gedenken Sie denn den Wem zu kaufen?"
„Vielleicht. Wenn er käuflich ist. In einer griechischen Familie wird Hochzeit gefeiert, und der Wein, den man dereinst bei der Geburt der Tochter in die Erde gelegt und derselben jetzt als eine Art Heiralhsgut miigiebt, hat durch die Dauer der Jahre ungeheueren Werth erlangt und wird häufig für klingende Münzen eingetauscht. Machen wir den Versuch. Glückt derselbe, so sind wir im Besitz des besten, berühmtesten Weines der ganzen Welt, und dann soll," — der Graf schob seinen Arm unter den meinigen und zog mich vorwärts — „niemals wieder die harzige, sauere Brühe, die man hier unter dem Namen Cypernwein trinkt, über meine Lippen kommen. Sapristi! Die alten Ritter wußten, was gut schmeckt, und haben unter dem Comman- deria etwas Anderes verstanden!"
„Vino di Commanderia. In der Levante nennt man ihn so. Der Wein gießt Feuer ins Blut!"
„Und erhellt die Phantasie, wovon Sie freilich schon zu viel haben. Hüten Sie sich, Doktor! Ich sehe Cypern, wie es ist, nicht wie es war. Daher giebt's für mich Realisten keine Enttäuschungen."
„Aber eine Enttäuschung wär's, wenn Sie den Wein nicht erhandelten?"
„Das gebe ich zu. Und ich verspreche Ihnen, wenn mir der Kauf glückt, das erste Glas auf Ihre Poesie zu leeren."
Vino äi tlommandoria! Heute weiß ich, wessen wir gedachten, als Du purpurner Cypernsaft zuerst unsere Lippen netztest!
Der Wein war indessen berciis verkauft, als wir anlangten. Vor dem Besitzer stand eine Männergestalt in europäischer Kleidung, hoch, schlank, fast hager gebaut, dunkel in Haupt- und Barthaar, in dem gelblich angehauchten, nicht mehr ganz jiiifendlichen Gesichte dunkle, seltsame Augen. Die ganze Erscheinung machte einen vornehmen, eigenihümiich fesselnden, aber düsteren Eindruck, wenigstens auf mich, den stummen Beobachier, denn ich betheiligte mich anfänglich nicht an der vom Grafen sogleich lebhaft ange- knüpftcn Unterhaltung.
In fremden Landen, wo man oft tage-, wochenlang keinem gebildeten Menschen begegnet, sind gar schnell gute Beziehungen gefunden. Manche reizende Abendstunde haben wir fremder, als auch selbst geleisteter Gastfceundschaft zu danken. Sahen wir einen müden Wanderer vorbeiziehen, oder Reisende gleich uns, riefen wir sie an, theiltcn unseren Abend-Imbiß miteinander, und olme Namen und Geburtsort gegenseitig zu kennen, verplauderten wir den Abend nnd ließen uns oft bis in die sternhelle Nacht Märchen aus der Wüste erzählen, von der brennenden Sahara, von den Strömen Kashmirs.
Dieser Frenide beobachtete indessen, trotz seines verbindlichen Wesens, eine gewisse Zurückhaltung. Wir erfuhren nur, daß er ein italienischer Nobile nnd europäischer Konsul in Larnaca sei, und da eben diese Stadt unser nächstes, Baffa unser letztes Ziel sein sollte, und der Konsul Bolandini — so nannte er sich — die nämliche Route zurückgelegt hatte, so wurde beschlossen, die Reise gemeinsam zu machen, von Seiten des Konsuls zwar unter der Bedingung, daß er in Larnaca'unsere Gastfreundschaft erwidern dürfe. Erst nach der Zusage dieses Versprechens schloß er sich uns an und theilte Zelt und Lager mit uns.
(Fortsetzung folgt.)
60
£_
:CS
co
ZS
cs
Ö
cs
cs
CO
L»
<x>
jEngroslfvon der
FRANKFURTER S C H U H FAB RI K,A.CL
vormals OTTO HERZOG?
cv
-s
co
ca
o
ca
co
E
w-
co
Einzige Detail-Verkaufsstelle für Wiesbaden:
J. Speier Macht.,
18 . Langgasse 18.
Welephon 246.
6914
