*8. Jahrgang.
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Mo. 309.
Fernsprecher No. 52.
Freilag, den 6. Juli.
Fernsprecher N». 52.
1900.
Abend - Ausgabe.
Der Kampf gegen China.
Das Verhältniß, in dem sich Deutschland zur Zeit gegenüber China befindet, ist ein völkerrechtlich sehr merkwürdiges. Wir befinden uns mit China nicht im Kriegszustand, aber doch im Zustande des Krieges. Das heißt, da zwischen den aufständischen Boxern und den aufrührerischen chinesischen Soldaten thatsächlich kein Unterschied mehr gemacht werden kann, befinden sich unsere Truppen und ebenso die der anderen Mächte in China im Zustand des Krieges gegenüber den Chinesen. Aber wir leben mit dem offiziellen China nicht im Kriegszustand, denn weder von unserer Seite, noch von Seiten einer der anderen Mächte, noch endlich von Seilen Chinas ist eine Kriegserklärung erfolgt.
Unter normalen Verhältnissen Hütte die Ermordung eines Gesandten, ja schon die Be- drängung der Gesandtschaften, wie sie in Peking gegenüber den Gesandtschaften aller Mächte erfolgt ist, zur Kriegserklärung geführt. Aber die Verhältnisse in China liegen nicht normal.
Za, eine Kriegserklärung, wenn sie wirklich beabsichtigt wäre, könnte in der Praxis kaum ausgeführt werden, da zur Zeit Niemand weiß, wer die offizielle Negierung in China ist. Der Kaiser ist es nicht, denn er ist schon vor Ausbruch der Wirren von der Kaiserin-Wittwe vom Thron verdrängt worden. Aber ob die Kaiserin-Wittwe noch das Haupt der Regierung ist, das mutz als höchst zweifelhaft angesehen werden, denn die Nachricht, daß Prinz Tuan die Kaiserin- Wittwe vom Thron verdrängt und sich selbst der Regierungsgewalt bemächtigt hat, klingt nicht unwahrscheinlich, weniger wahrscheinlich die Nachricht, daß Kaiser und Kaiserin-Wittwe Selbstmord verübt hätten.
Aber ganz abgesehen davon, daß cs an der praktischen Möglichkeit zu einer Kriegserklärung fürs Erste fehlt, sprechen auch sonst alle Gründe gegen eine solche Maßregel. Diese Gründe, welche die deutsche Regierung veranlaßt haben, von jedem offiziellen Schritt gegenüber dem offiziellen China abzusehrn, bestehen zunächst darin, daß vor einem solchen Schritt festgcstellt werden muß, wen die Verantwortung für die in Peking begangenen Frevelthaten, vor Allem für die Ermordung des deutschen Gesandten, trifft. Ist die Unthat von den Boxern ausgeführt morden, so wird entsprechend dem Standpunkt Deutschlands die chinesische Negierung nur dafür haftbar gemacht werden, daß sie den Mord, bezw. die Mordthatcn, nicht verhindert hat. Ist aber die Mordthat von den chinesischen Soldaten begangen worden, so wird es sich darum handeln, ob dies gegen den Willen oder mit dem Willen der chinesischen Negierung erfolgt ist. Im crsteren Fall wird die deutsche Negierung sich auf den Standpunkt stellen, daß es zu der Zeit überhaupt keine Negierung mehr in China gab, wenigstens keine, die noch über irgend welche Autorität
verfügte. Und erst im zweiten Fall würde die chinesische Regierung zur vollen Verantwortlichkeit herangezogen werden, gesetzt den Fall, daß die betreffenden Personen dann überhaupt noch von dem Arm der rächenden Gercchligkeit zu erreichen sein werden.
Jedenfalls wird noch geraume Zeit vergehen, bis diese Fragen eine zuverlässige Beantwortung gefunden haben. Bis dahin aber entspricht es nicht nur den gegebenen Umständen, sondern auch der politischen Klugheit, die Fiktion aufrecht zu erhalten, als ob mir uns mit dem offiziellen China in Frieden befänden. Denn wenn es sich auch hier nur um eine Fiktion handelt, die zu den Thatsachen anscheinend im Widerspruch steht, so muß doch bedacht werden, daß mit einer Kriegserklärung an das offizielle China nicht
Die Gesandten der Mächte in China.
Es wird unsere Leser
das Portrait unseres ermordcce»
deutschen Gesandten, sowie die Portrait« der Gesandten von England, Frankreich. Rußland
und den Vereinigten Staaten vorqcfiitirt zu erhalten. Unbestimmten Angaben zufolge dürfte keiner derselben mehr am Leben sein.
nur die Lage der in China besindlichen Europäer, sondern auch die Position der internationalen Truppen erheblich verschlechtert würde. Denn wenn das Volk vott 400 Millionen erst von einem halbwegs einheitlichen Willen beseelt wäre, dann könnte die „Aktion" der Mächte leicht in einen Krieg ausarten, dessen Entwicklung angesichts der Entfernungen in China und der Entfernungen, welche die Mächte von China trennen, noch garnicht zu übersehen ist.
Es verdient deshalb die volle Billigung und Zustimmung aller Derjenigen, welche sich trotz der Entrüstung über die in China begangenen Frevelthaten ein nüchternes Denken bewahrt haben, wenn die deutsche Politik bestrebt ist, unser Vorgehen gegen China in dem Nahmen einer solchen „Aktion" zu halten, so lange dies eben irgendwie möglich
ist. Daß die Negierung aber hierzu entschlossen ist, geht schon daraus hervor, daß bisher nur die Mobilisirung einer Geschwaderdivision und einer gemischten Brigade angeordnet worden ist. Ob freilich diese Maßnahmen hinreichen werden, das wird schon die allernächste Entwickelung der Dinge in China zeigen müssen, und es ist jedenfalls nicht unwahrscheinlich, daß sich über kurz oder lang die Noth- wendigkcit ergeben wird, den Reichstag zur Bewilligung umfassenderer Mittel einzuberufen, wobei es ganz selbstverständlich ist, daß der Reichsrag mit überwältigender Mehrheit jeder Maßnahme zustimmcn wird, die erforderlich ist, um Sühne für die in China verübten Schandthatcn zu erlangen.
Dieses Ziel wird umso leichter erreicht werden können, da die Mächte trotz mancher im Einzelnen entgegengesetzten Interessen doch in der Hauptfrage, um die es sich handelt, solidarisch sind und e> hoffentlich bleiben werden. Denn auch die anderen Mächte haben schwere Verluste an Staatsangehörigen und an Soldaten in China erlitten, die Gesandtschaften fast aller Mächte sind zerstört worden, und ob die Gesandten der anderen Mächte das Leben retten werden, steht noch dahin. Die Verbrechen an der Menschlichkeit, an dem Völkerrecht, welche in China begangen worden sind und noch begangen werden, treffen alle Mächte in gleicher Weise, und diejenige Macht, welche in dem gemeinsamen Werk der Vergeltung zurückstände, beginge ein Verbrechen an der Menschlichkeit selbst.
* * *
wl>. Kerlin, 5. Juli. Der deutsche Konsul in Tientsin meldet über Tschifn unter dem 80. Junis Schriftliche Nachrichten Sir Robert Harts und einer Französin ans Peking vom 24. Juni betonen wieder holt die verzweifelte Lage der Europäer und bitten um sofortige Hülfe. Die Detachements-Kommandeure in Tientsin sind wegen der Zerstörung der Eisenbahn und wegen des Beginnens der Regenzeit, sowie der Schutzbediirftigkcit Tientsins außer Stande, Truppen nach Peking zu entsenden. Auch haben die Chinesen den Kaiserkanal bei Tientsin durchstochen, anscheinend, uin durch eine Ueberschwenimung den Vormarsch der Truppen ans Peking zu verhindern. Voten, die aus Peking in Tientsin eingetroffen sind, bestätigen sämmt- lich die Ermordung v. Kettelers. Das deutsche Detachement, das bei ihm war. soll darauf das Tsungli- Uamcn verbrannt und das Stadtthor vor dem Kaiserpalast mit 4 Kanonen, darunter 2 eroberte», besetzt haben, während alle anderen Thore in den Händen sein sollen. Prinz Ching« Truppen kämpfen an
der Chinesen geblich gegen die Boxer.
lid. Kerlin, 5. Juli. Das „Berliner Tageblatt" meldet aus London: Die letzten Depeschen aus Tientsin melden, daß alle Richt-K ombattantcn den Befehl erhalten haben, die Stadt zu verlassen. Eine große Schlacht zwischen den verbündeten und chinesischen Truppen gilt als bevorstehend. Mehrere Fliichtliugc kamen heute an. — Dasselbe Blatt meldet weiter aus London: In Soochow verweigerten die chinesischen Truppen dem Gouverneur den Gehorsam und begaben sich nach Norden, um sich mit de» Boxern zu vereinigen.
hd. Krriiu, 6. Juli. Der „Lokal-Anzeiger" meldet au« Brüssel: Wie an« diplomatischer Quelle verlautet, soll die Regierung im Besitz der Nachricht sein, daß der Sekretär der belgischen Gesandtschaft in Peking, Mergclinck, enthauptet wurde. Es wird hinzugesiigt, man glaubt, daß der Minister des Auswärtigen dem Vater des Ermordeten die« bereits initgetheilt habe.
(Nachdruck verboten.)
Zondorier Drief.
„Bragging British Brigaiid“. — „Engwalscotirin". — Eine nnrstcrhafte Fraucnvcrsnnnnlung. — Franerr- Auöstellung. - Gilbert. - „Ach" und - Äapa»
auf der Bühne. — Mikado. — „Madame Butterst»". - Ei« japanisches Gastspiel.
3. Juli.
John Bull ist ein unvergleichlich großer Mann! Darüber herrscht nur eine Stimme. So lauge jedenfalls, >vie wir ihn allein reden lassen, lind wer kann ihn daran hindern, in seinem eigenen Lande wenigstens. Er duldcl keine abweichende Siimme. Die einstmals so viel gerühmte Redefreiheit Englands wird ja längst mit Füßen gelrclen. Und wenn ein irischer Staatsniann, dessen Namen ich aber um keinen Preis verrathen möchte, letzthin John Bull von heute als den Bragging British Brigand bezeichnet?, so geschah das nur, als wir ganz unter uns waren. Indessen wer in einem so ungerechten Kriege zur Unterdrückung eines wackeren Völkleins mit Zehn — oder es sind nun wohl bald Zwanzig! — zu Eins bei allen Niederlagen und Veilusten, bei der entsetzlichsten Mißwirthschaft, immer nur sein Heldenihnm preisen kann, der hat sich einen solchen Namen wohl verdient. Wie ist das 6ovä Old England heruntergekommen! Und dabei möchte das Chamberlain'sche England nun sich selbst weißmachen, es hätte nie höher in Ansehen und Ruhm und Ehre gestanden als heute!
Da hat nun John Bull das große, rühmgekrönte Reich
und- keinen Namen dafürI Das macht ihm viele
Schmerzen. England, Schottland und Wales heißen zu
sammen allerdings 6reat Britain, aber der Name schließt doch Irland nicht ein. Daö bereitet nun den Irländern wohl keinen Kummer. Im Gegcnlheil, sic erstreben ja nichts sehnlicher, als von John Bull losznkommcn. Aber in demselben Grade, indem sich die übrige Welt mehrnnd mehr von ihm lossagt, möchte er wenigstens die innere Einheit des Reiches umso mehr gefestigt sehen, überschüttet er Erin mit umso zudringlicherem Licbcswerben. Nein, Irland darf nicht fehlen. Dann giebt es aber nur die langathmige Bezcichunng United Kingdom and Ireland. Das ist nicht packend genug. Die „Times" öffneten nun lctzhin ihre Spalten einer eingehenden Erörterung dieser hochwichtigen Frage, und es wurde der Vorschlag gemacht, das Wort England — daS in Wirklichkeit ja in dieser Bedeutung vielfach lange schon gebraucht worden — ein für allemal als Bezeichnung für das ganze große Reich der Königin Viktoria anznerkenncn. Aber dagegen erheben die Schotten den lebhaftesten Einspruch. Ein anderes Blatt brachte nun vor, ein ganz neues Wort zu bilden, in dem die Anfangssilbcn aller Bestandthcile des Jnselreiches aneinandergerciht werden, ein Wort wie: Eng —wal —scot —ir—ia. Das wäre allerdings recht bezeichnend, jedenfalls in dem Anhängsel von „i—a", wodurch dann auch gleich der Charakter des Begründers eines so schönen NamenS in sprechender Weise verewigt würde. Wenn es denn aber durchaus ein ganz neues Wori sein muß — und da die Engwalscotirianer ganz und gar mit den geheiligten Traditionen ihres alten Vaterlandes gebrochen haben, würde sich eine nene Bezeichnung auch gewiß empfehlen — wäre es da nicht den Umständen recht angepaßt, nach dem Vorbild eines Wortes wie Rhodesia für das ganze Reich der Königin eine Bezeichnung wie
„Ehamberlainia" cinznführen. Das könnte ja auch gleich die Kolonieen mit einschließen.
Indessen, wird der Chamberlain'sche Geist auf die Dauer dieses Land beherrschen? Chamberlains Persönlichkeit ist nie so populär geworden wie seine Politik. Wird nicht bald einmal eine Reaktion eintreten? ES giebt immer noch eine große Anzahl gerade unter den gebildeteren Elementen, die auch seiner Politik, ungeachtet aller Verfolgungen, in mannhaster Weise entgegentrctcn. Mannhaft? — Diese feste Haltung ist mir nirgends so ausgefallen, als ans einer Frauen-Versammlung, die letzthin zum Protest gegen die Annektirung der südafrikanischen Republiken abgchalten wurde. Männer waren, außer einer Anzahl von Berichterstattern, garnicht zugclasscn, und um sich vor störenden Widersachern zu schützen, war der Eintritt nur gegen Abgabe von Karten gestattet, die an Gesinnungs-Genossinnen verlheilt waren. Aber dennoch war die große Queens Hall bis auf den letzten Platz gefüllt, und cs ging AlleS so wohl geordnet, so sachgemäß und doch so enthusiastisch zu, daß, was man auch von der Franeu-Bcwcgnng unserer Zeit ans manchen Gebieten halten mag, dieses Meeting doch auch ans ihre ärgsten Gegner einen wohlthnenden Eindruck Hütte machen müssen. Männer haben eine so wirkungsvolle Versammlung in Bezug auf eine Verurthcilung des Krieges nicht zu Stande gebracht, was zum Theil allerdings wohl darin begründet liegen mag, daß selbst, wo auch sie sich in ähnlicher Weise durch besondere Einlaßkarten zu schützen versuchten, wüthige Horden stets mit Gewalt in ihre Versammlungen cin- gebrochen und ihre Bestrebungen vereitelt haben. Ans einer Frauen-Versammlung hielten die Störenfriede das wohl nicht für nöthig.
