Wiesbadener Sagblatt.
48 . Jahrgang.
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U». 308.
Fernsprecher No. 52.
Donnerstag, den 5. Juli.
Fernsprecher No. 52.
1000 .
Morgen-Ausgabe.
UernrallnngsAngelegenheiten der Stadt Wiesbaden.
n.
Wie wir in Nr. 134 Morgeu-AnSgabe dieses Blattes vom 21. März d. Js. in unserm unter obigem Titel mit- gethcilten Artikel in Aussicht gestellt haben, wollen wir nachfolgend über die Organisation der Erhebung und Verwaltung der städtischen Accise das für alle hiesigen Einwohner Wisseuswerthe in möglichster Kürze mitthcilcn. Zuerst dürfte die geschichtliche Vorbemerkung angebracht sein, daß nach der Annexion des vormaligen Großhcrzogthums Nassau durch das Königreich Preußen infolge der kriegerischen Ereignisse von 1866 eine Acciseordnnng für unsere Stadl nnterm 28. Januar 1869 von der Königlichen Regierung, Abtheilung des Innern, Hierselbst erlassen wurde, welche inzwischen manchen Aenderungen uutcrivorfen gewesen ist. Zunächst kommen solche Aenderungen in Betracht, welche durch die staatliche Gesetzgebung auf andern Gebieten die Accisc-Ordnung beeinflußten, wie die Maß- und Gewichtsordnung vom 17. August 1868, welche erst später ins Leben trat, das neue Münzgesetz, welches mit dem 1. Januar 1876 in Wirksamkeit getreten ist. ferner ganz wesentlich ans der neueren Zeit das Branntweinsteucrgesetz vom 24. Juni 1887 und noch einige andere Gesetze, dann aber auch solche Abänderungen, welche durch Beschlüsse des Magistrats und der Stadtverordncten-Versammlung, die zuständigen Orts genehmigt wurden, die bisherigen Vorschriften in wesentlicher Weise beeinflußten. Die heute geltende Accisc-Ordnung datirt vom 30. Juli 1892. Die Gegenstände, von welchen eine Abgabe an die Accisc-Kasse zu entrichten, und die Sätze und Maßstäbe, nach welchen die Abgabe zu berechnen und zu erheben ist, sind im Tarif bezeichnet, den mir schon im oben näher bezeichneten ersten Artikel mitgerheilt haben. Ein städtisches Accise-Amt mit dem erforderlichen Büreau- und Aufsichtspersonal führt die Acciscvcrwaltung. Das Gc- schäftslokal befindet sich auf der Friedrichstraßc 15. Als Chef des Acciseamts fungirt ein Acciseinspektor, unter demselben steht ein Einnehmer oder Kassirer und das übrige Bureau- uild Aufsichtspcrsonal. Im Stadtgebiet mit Einschluß der Landhäuser, der in der Gemarkung Wiesbaden befindlichen Höfe, Mühlen und bewohnten Anlagen sind die im Tarif bezeichneten Gegenstände accifepflichtig. Für Clarenthal, die Fasanerie, das Adamsthal, die Platte, das Holzhackerhäuschcn, die Fischznchtanstalt, die Kupfermühle, Stcinmühle, Dietenmühle, Wellritzmühle, Walkmühle und Klostermühle kann die Accise von den daselbst zur Konsumtion kommenden accisepflichtigen Gegenständen durch
Beschluß des Magistrats jährlich fixirt und dann monatlich erhoben werden. ~
Allgemeine Vorschrift ist, daß alle accisepflichtigen Gegenstände von auswärts mit Ausnahme des frischen Fleisches, welches im Schlachthause thierärztlich untersucht wird, auch kvenn sie bloß durch die Stadt geführt werden sollen, dem Acciscamt oder der Erhebungsstclle desselben an der Eisenbahn zur Revision vorgeführt werden müssen. Hierzu sind die folgenden Stadteingänge und Straßen bestimmt:
1. Frankfurter- und Mainzerstraße und Bierstadter Licinalweg: durch die untere Friedrichstraßc zum Acciseamt.
2. Diebricher Chaussee: durch die Adolfstraße nnd Nhein- straße, sodann die Bahnhofstraße und über den Schillerplatz zum Acciseamt.
3. Schiersteiner Viciualwcg: durch die obere Adclheid- straße, die Moritzstraße und Kirchgasse bis zur Fricdrich- straße, dann durch diese zum Acciseamt.
4. Dotzhcimer Vicinalweg: durch die Schmalbacherstraße bis au die Jnfanlcriekaserne, dann durch die Fricdrich- straße zum Acciscamt.
5. Schwalbacher-'und Platter- oder Limburger Chaussee: durch die Schwalbacherstraße bis zur Friedrichstraßc, dann durch diese zum Acciscamt.
6. Sonnenbergcr Vicinalweg: durch die obere Wlhelm- straße und Große Burgstraße über den Markt, dann durch die Marktstraße an das Acciseamt.
7. Geisbergweg: durch die untere Taunusstraße, obere Wilhclmstraße und Große Bnrgstraßc, über den Markt, dann durch die Marktstraße an das Acciscamt.
8. TannuS-Eisenbahn, Nassauer Eisenbahn, Hessische Ludwiosbahu und Postamtsgebäude: für die nicht bei der Accise-Erhebungsstelle an der Taunus-Eisenbahn zur Abfertigung gekommenen accisepflichtigen Gegenstände: durch die Rhcinstraßc und Bahnhofstraße bis zur Friedrichstraßc, dann durch dieselbe zum Acciscamt.
Alle übrigen Eingänge zur Stadt und Wege zum Acciscamt sind für die von außen kommenden Gegenstände verboten. Transporte mit accisepflichtigen Gegenständen, welche zugleich der Kontrolle des hiesigen Königlichen Steneramts (ain Rheinbahnhofe) unterworfen sind, müssen vorerst letzterem Amte und dann dem Acciscamt, bczw. der Accischcbestcttc an der Eisenbahn vorgeführt werden. Wegen Revision der durch die Post eingehenden accisepflichtigen Gegenstände ist eiik°e besondere Anordnung getroffen. Für die Einfuhr des von außen kommenden, einer thierärztlichen Untersuchung in der städtischen Schlachthausanlage unterliegenden frischen Fleisches sind gleichfalls besondere Stadtcingänge und Straßen bestimmt, während alle übrigen Eingänge zur Stadt und Wege zur Schlachthausanlagc für das genannte Fleisch verboten sind. Zur Deklaration und Abfertigung
accisepflichtiger Gegenstände sind die Büreaustuuden deS Acciseamts maßgebend, welche in den Monaten Januar, Februar, März, Oktober, Novcinber und Dezember, Vormittags von 7 bis Abends 7 Uhr, in den Monaten April und September von Vormittags 6 bis Abends 7 und in den Monaten Mai, Juni, Juli und August von Vormittags 5 bis Abends 7 Uhr dauern. Die Stadtuhr ist entscheidend. An Sonn- und Feiertagen werden nur ganz dringende Abfertigungen mit Ausschluß der Zeit des öffentlichen Gottesdienstes zugelaffcn. Transporte, welche zur Zeit des Bürcauschlusses beiin Acciseamt eingehcn, «verden dort ohne Ab- und Zuladen ausgestellt oder in das Niederlagelokal gebracht. In besonders dringende» Fällen soll das Acciscamt auch außer den Büreaustuuden Abends von 7 bis 11 Uhr Abfertigungen eintrctcn lassen. Mit der Eisenbahn hier eingehende acciscpflichtige Gegenstände können auch bei der Accise-Erhebungsstelle im Hofe der Taunus-Eisenbahn erfolgen, jedoch ist von dieser Bcfugniß alles Schlachtvieh und frisches Fleisch ausgeschlossen, sofern solches nicht der Accise-Erhebungsstelle in der Schlacht- hansanlage vorznsühren ist, ferner Wein, Spiritus und Brannlwcin im Falle eine Kreditirung der Acciseabgabe beansprucht wird. Die Vornahme der Abfertigungen im Hofe der Taunus-Eisenbahn findet dort vom ersten bis zum letzten hier ankommcndcn Zuge statt. Alle vorzuführenden Gegenstände sind bei den Acciscstcllen unter Vorlage der Frachibriefe oder der sonstigen Bezettelungen nach Anleitung des Accisctarifs zu dcklariren. Für die Vorführung und Deklaration ist der Transportant, außer ihm im Unterlassungsfälle auch der Empfänger verantwortlich, namentlich wenn letzterer die Waare ohne Quittung über die entrichtete Accise annimmt. Wenn accisepflichtige Gegenstände, von welchen die Accise entrichtet oder krcditirt ist und die Rückvergütung der Accise in Anspruch genommen wird, aus« geführt worden, so muß dies ebenfalls beim Acciseamt vorschriftsmäßig deklarirt werden. Die Acciseabgabe» «verden jedoch nur znrückerstattet, wenn bei Wein, Obstwein, Branntwein, Bier und Essig die Menge mindestens 16 Liter beträgt. Bei Mehl ist die Miiidcstmcnge auf 1 Hektoliter oder 70 Kilogramm, bei Schwarz- und Weißbrod aller Art, Semmel und Milchbrod, Zwieback und Kuchen auf 40 Kilogramm festgesetzt. Bei Schlachtvieh, Fleisch, Wildpret, Truthühnern und Gänsen dürfen nngetheilte Thiere ansgeführt werden. Von den zur Verwendung für die' Mililärmenagen und das Militärhospital dahier gelieferten accisepflichtigen Gegenständen, ebenso von den für die hiesige Offizierspeiseanstalt gelieferten accise- pflichligcn Gegenständen, mit Ausnahme von Getränken, sowie von dem an die Militärverwaltung hierselbst für Dicnstzivccke gelieferte» Spiritus wird die Rückvergüttlng der bezahlten Accise in der bisherigen Ausdehnung nach den
Bestrebungen um die Reinheit der deutschen Sprache.
(Schluß.)
Auffallend ist in jüngster Zeit das Eindringen neuer Fremdwörter aus dem Englischen. Und, was das Schlimmste dierbe« ist, nicht nur für Dinge und Begriffe, die aus England und Amerika zu uns gekoinmen sind, gebranchen wir englische Ausdrücke, sondern oft auch für die einfachsten Begriffe des gewöhnlichen Lebens. Wir lesen von Breakfast, Luncheon, Dinner, Supper, High-Life, Nobility» Mob, fashionable, gentleman. ES sind daS doch alles Begriffe, die sich iin Deutschen ganz bequem ansdrücken lassen. Etwas Anderes ist es, wen» das englische Wort unübersetzbar ist, wie Sport, Spleen, Check, Humor, Pudding u. a. Solche Wörter können wir einfach herüber nehmen, da „das Englische ja Fleisch von unserin Fleisch ist." Derartige Ausdrücke soll man am liebsten eindeutschen, wie wir es schon lange gethan haben bei Wörtern wie Bah, Brise' Dock, Dogge, Else. Frack. Lotse. Puffer, Schwindler re., dann «nutz man sic aber auch natürlich in der Aussprache als deutsche Wörter behandeln.
Noch erfreulicher ist cs, wenn die englischen Ausdrücke einfach übersetzt werden, «vas ja bei der nahen Verwandtschaft der beiden Sprachen außerordentlich nahe liegt und leicht ist. So haben wir übertragen Blaustrumpf, Buchmacher, Freidenker, Heißsporn, Ostend, Westend, Arbcitsspcrre re. Warum sagen wir nicht auch selbst- geinachtcr Mann statt Self-made-man, die oberen 10 Tausend statt the upper ten thousand, Unsinn statt Nonsense, Empfehlungen statt Referenzen, Berichterstatter statt Reporter re.
Aber sogar deutsche Erzeugnisse werden jetzt schon von ihren Verfertigern unter englischen Namen in deutschen Zeitungen angekündigt. Ein Kölner Kaufmann empfiehlt sein Pocket-Hats, rin Schneider MilitSr-breeches, ein Kaufmann Toilet-Soap, Gloves, English-silk, ein anderer Baby-Wäsche und Baby-Kleidchen. Eine Berliner photographische Gesellschaft schreibt auf der deutsch abgefaßten Ankündigung „vopyright 1897 by Photographische Gesellschaft.
Auch gute Schriftsteller lieben es jetzt, englische Brocken in die deutsche Rede einzuflcchten, und manche Zeittmgen wimmeln von vnnöthigen Fremdwörtern.
Erfreulich ist es, daß unsere Behörden jetzt gegen das Fremd- tvörterunwesen Vorgehen. Bor Allem gebührt dem Staatssekretär
l v. Stephan das Verdienst, der Sprachreinigung die Bahn gebrochen zn haben, lieber 700 fremdländische Ausdrücke hat er (1895) durch cinl-cimische ersetzt und diese in den amtlichen Verkehr ein- geführt. ES war ein kühnes Unternehmen zu jener Zeit. Mit Hohn und Spott «vurde der damalige Geireralpostmeister iiber- schüttet, als er den Deutsche» zuniuthete, deutsche Wörter ivic postlagernd, eingeschrieben, Fahrschein statt poste restante, recom- mandirt, Passagierbillct zn gebrauchen. Heute denkt Niemand mehr an die alten kauderlvelschen Ausdrücke.
Seinem Beispiel sind da>«n nach und nach auch andere Behörden gefolgt, und im Jahr 1897 hat das Gesammtministeriiim des preußischen Staates Grundziigc für den Geschäftsverkehr der Behörde» nufgcstcllt, in denen es wörtlich heißt: „Die Schreibweise der Behörden soll knapp und klar. sein. Entbehrliche Fremdwörter, veraltete Kanzleianödrücke und überflüssige Knrialien sind zu vermeiden."
So sind im Post- und Eisenbahnwesen, in der Heeresverwaltung, in der Gesetzgebung in den letzten Jahrzehnten bedeutende Erfolge errungen worden. Das neue bürgerliche Gesetzbuch für das Deutsche Reich ist in rein deutscher Sprache abgefaßt. In der Spradie der Wisscnsd>nst und der Presse (leider nicht überall) ist ein Fortschritt zum Besseren nicht z>« verkennen.
Der deutsche Kaiser selbst geht mit leuchtendem Beispiel voran. Auf der kaiserlichen Tafel werden seit dem Jahre 1888 nur deutsche Speisekarten aufgelegt, und in seinen Reden meidet der Kaiser die entbehrliche» Fremdwörter. Der jüngste Erlaß über die Beseitigung gewisser FrcmdauSdrücke in der Heeressprache beginnt mit den Worten: ,U«n die Reinheit der Sprache in Meinem Heere zu fördern".
Einen großen Antheil ail den errungenen Erfolgen hat auch der im Jahre 1885 gegründete „Allgemeine deutsche Sprachverein", der gegeluvärtig 211 Zwcigvcreine in allen Theilen Deutsck,landS, sowie im AuSlande umfaßt und über 15,000 Mitglieder zählt. Der Allgemeine Sprachverein ist kein gelehrter Verein. Er wendet sich an das ganze Volk, an jeden Deutschen, der mit berechtigtem Stolze sein Vaterland aus früherer Schmach cmporgehoben steht und Unwillen darüber empfindet, daß seine schöne und reiche Muttersprache immer noch die Spuren jener Erniedrigung an sich trägt und mißhandelt wird. Sein Ziel ist nach den Satzungen:
„Den echten Geist und das eigcnthüinliche Wesen der deutschen Sprache zu Pflegen,
Liebe und Verstäudniß für die Muttersprache zu wecken, der Sinn für Reinheit. Richligkeit, Deutlichkeit und Schönheit zu «veckcn,
ihre Reinigung von «innöthigen Bestandtheilen zu fördern und auf diese Weise das nationale Bewilßtsein im deutschen Volke zu kräftigen".
Mit Mäßigung und Besonnenheit folgt der Sprachverein dem Wahlspruch:
Kein Fremdwort für das, was deutsch gut ausgedrückt werden kann.
Wenn nun auch seit den, Jahre 1870 Manche« besser geworden ist. so bleibt doch noch viel zu tbun. Erfüllen wir daher unsere Pflicht gegen unsere Muttersprache. Streben wir darnach, sie innerlich zu stärke«« und z«« kräftigen, gesund zu niachen und gesund zn erhalten. An uns Alle ergeht die Mahnung: „Du deutscher Mann, der Du so lange der Schleppenträger des Auslandes gewesen bist, besinne Dich auch wieder in der Sprache ans Dich selbst, laß ab, Deinem deutschen Leibrock frcnlden Flitter anzusetzen, betrachte nicht das ftemde Wort von voritherein als das bessere, feinere, meide das Freindwort, wenn Du Dich deutsch ebenso gut und treffend ausdrücken kannst." — Wi. sagen nicht: Weg mit jedem Fremdwort, sondern: Weg «nit dem unnöthigen Freindwort.
Jedes selbstbewußte Volk ehrt und liebt seine Sprache; denn die Sprache ist ein nationales Gut, ein Heiligthnm. Schon vor 100 Jahren hat Klopstock in der Ode „An uns" der deutschen Sprache die Worte in den Mund gelegt: „Wer mich Derbrittet, ich hass' ihn; wer mich gallizismet, ich hass' ihn".
Folgen wir der Mahnung des Dichters — jetzt, wo die Gefahr der „Verbrittnng" groß geworden ist; dlilden wir nicht, daß unsere Muttersprache, die leider ans trüber Zeit noch so viele Fremdwörter mit sich führt, jetzt in eine Zeit frischen A,«fstrebens durch neue entbehrliche Fremdwörter entstellt werde. Möchte bald zur Wirklichkeit werden, was Jakob Grimm ein schöner Traumbild war: „ein Deutschland, sich selbst erkennend, stolz alles großen Heil» bewußt, das ih«n aus seiner Sprache hcrvorgeht."
Wohlan denn:
„Laßt tief uns, innig uns versenken
In unsrer Sprache Wunderquell I
Laßt deutsch uns fühlen. deutsch uns denken
Und deutsch nur reden klar unb helll"
