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Uo. 306. Morgen-Ausgabe.

Donnerstag, den 8. Juli.

(40. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Ans Grnmveibe.

Nouian von K. Salme-Papsen.

„Aber das ist's ja. Wie wurde ich sonst diese Ange­legenheit in dies Gespräch ziehen? Warum Ihnen Schein­gründe für den Jrrthnm Ihrer Liebe angcben, die mich in Ihren Augen verdächtigen, wenn nicht die wirk­lichen Sie weit schmerzlicher, als jene verwunden müssen. Liebes Mädchen —" die Landräthin hielt in ihrem un­ruhigen Gange an und trat nahe zu Marietta, — „ich möchte Sie wahrhaftig vor diesem Jrrihnm schützen, glauben Sie doch nicht, daß die Nachsicht und Milde, die Ihnen Ihr Vormund erzeigt, ein Ausdruck seiner erwachenden Liebe ist, und die Thatsache, daß man Sie auf Grünweide zurückhält, ebenfalls hierin ihren Grund findet. Sie kennen ja seine Humanität, die er bis auf den Taglöhner, den Bettler er­streckt, wie sollte er nicht dem Kinde seines Freundes, besten Vormund er ist, in hülfloser Lage, — wie soll ich mich aus- drücken, ich will Sie nicht erschrecken, beleidigen, aber — Sie nehmen für Liebe, was Mitleid ist." _

„Mitleid!" Marietta warf den Kopf auf. „Wozu brauche ich des Mitleids! Sie rühren an die empfindlichste Stelle meines Charakters! Lassen Sie die geheimnitzvollen Anspielungen, sagen Sie in ein paar Worten, wa» man mir verheimlicht, um mir Kummer und Schreck zu ersparend!

In ein paar Worten! ich bitte Sie, ein ganzes Lcbeiw- Unglück fassen. Denn das ist es doch, für Sie, ich

Ihnen sage, daß Sie Ihr ganzes Vermögen verloren haben Marietta lachte auf, aber es war ein unnatürliches

heiseres Lachen. _ .

„Ist das etwa ein neuer Scherz, Herminc? Sie befinden

sich heute in einer sonderbaren Laune." .

„Liebes Herz, lassen Sie sich erklären, mein Gott, wie

blaß Sie aussehen —“ ..

Sie eilte auf Marietta zu, die ihren Kopf gegen die Fensterbrüstung gelehnt, sie an ihre Brust zu ziehen, aber diese machte eine heftige, unwillige Bewegung.

„Bitte, lassen Sie das," sagte sie sich aufrichtend mit kalter Stimme, „mir sind Gefühlsscenen zuwider. Wollen Sie mir gefälligst Alles klar und wahrheitsgelreu mittheilen, was Sie von dieser Sache wissen." „ ...,

„Wahrheitsgetreu!" wiederholte Hernnne empfindlich, „ich"habe Ihr Vertrauen verloren!"

Marietta zuckte die Achseln.

„Bitte, erzählen Sie," sagte sie gequält. „

„Es ist wenig, aber genug, um Sie schwer zu betrüben, antwortete die Landräthin und erzählte, was sie von Annette erfahren. „Sce sehen," schloß sic, „ich habe Ihr Bestes im Sinne, wenn ich Sie bitte, als mein Gast die Prozektirte Reise mit mir zu machen. Wir wollen miteinander ^hre Zukunft berathen, mein Gott, Sie sind poch jung, werden verwinden, vergessen! Ich kann Ihnen Nicht verhehlen, daß Fräulein Annettens Uebersiedelung ins Klostcrstift mit Ihrer Anwesenheit auf Grünweide zusammenhängt. Die Verdrieß­lichkeiten des Brandes, die Unkosten, die daraus erwachsen

_ Sie werden verstehen — es ist Zartgefühl Mitleid!

Was? Sie wollen gehen? Aber, liebes Mädchen, so sprechen Sie antworten Sie doch, was soll ich von Ihnen denken.

Marietta hatte sich mit mechanischen Bewegungen Hut und Mantille angelegt, jetzt wandte sie sich langsam um Ihr Antlitz sah schattenbleich aus, ihre Lippen zitterten, es klang wie leises Weinen, was sie sprach, obgleich ,hr Auge

trocken blieb und die Stimme die gewohnte Festigkeit nicht verloren hatte, als sie sagte: „ . „ .,

„Ich möchte Ihnen Ihre Frage znruckgeben, was soll ich von Ihnen denken, Frau Landräthin? Daß Sie es gut mit mir meinen? Daß Sie meine Freundin sind? Unter den Bethenerungen der Freundschaft zerschmettern Sie nur lieblos, herzbrechend die Stützen, auf denen mein Herz sich sein Glück gebaut. Sie zerstören mir meine Zukunft zugleich mit meiner Liebe. Ich frage nicht warum, Ihr Antlitz, Ihre Erregung, Ihre Worte, diese ganze bittere Stunde giebt mir Antivort darauf. Nicht fassen kann ich noch das Unglaubliche im Zeitraum von Minuten, ist's aber wahr, was Sie sagen, was mir als schattenhafte Möglichkeit noch undenkbar scheint — ist's wahr, daß ich mittellos, arm wie eine Bettlerin geworden bin. —" sie drückte ihre Hände an die pochenden Schläfen, als verwirrten sich plötzlich ihre Gedanken, „die Sonde an da§ Herz des Mannes, den ich liebe, die lege ich selbst an. Sie haben mir zwar ein Weh angetha», ein grenzenloses, durch das erweckte Mißtrauen, doch habe ich einmal gelesen, daß auf eine reine, echte Liebe, soll sie zum Glück heranreifen, erst der Thau der Thränen fallen muß. So will ich denken, wenn ich einmal zage. Das sei mein letztes Wort in dieser Sache. Fern sei es mir, Ihnen Böses für Böses zu wünschen — mögen Sie so glücklich werden, wie ich es einst zu werden hoffe!"

Sie neigte ein wenig ihr bewegtes Antlitz und verließ leichten Schrittes das Gemach.

Es lag etwas Hoheitsvollcs, Unnahbares in Ton und Mienen, an das sich Jntrigue und Falschheit nicht nochmals heranwagtcn.

Die Landräthin sah ohnmächtigen Zornes dem lief getroffenen Mädchen nach. Sie mar erkannt, dieses Mal von einen! blutjungen Mädchen, und nichts erreicht, als eine demüthigende Niederlage. Sie preßte ihre Hände gegen die Brust, gegen das hämmernde Herz, in dem sie ein nagendes, ungekanntes Weh fühlte. Immer noch meinte ste das bleiche, erschreckte und unglückliche Mädchen vor sich zu sehen, mit dessen Herzensrechten sie frevelvolles Spiel ver­sucht hatte. War das Reue oder die Gewissenssprache, die sie niemals gekannt? oder die erste schwache Erkenntniß, daß die Leuchte der Wahrheit immerdar über die auf krummen Wegen erstrebten unedlen Ziele triumphiren wird, sei es auch durch das tief im Herzen empfundene Bewußtsein!

Sie richtete sich auf. sie wollte nicht denken, nicht selbst

Gericht halten über ihr Thun.-

Einige Stunde» später ließ Frau Landrathm Lindner sich zur Eisenbahnstation fahren und trat ohne Begleitung

ihre Reise ins Bad an. — ... >

Marietta legte mit fliegenden Pulsen den Heimweg zurück. War's noch dieselbe Welt, in die sie hinaustrat? Noch schien die Sonne und der Himmel blaute darüber, die Vogel sangen so fröhlich, rings auf den Feldern herrschte arbetts- frohes Schaffen und sie — war sie's selbst noch? die reiche, die schöne, die unabhängige — pah! die ubermnthige, rn ihrem Hochmuth gestrafte Marietta Tonelli, die ihren Reich­thum bisher angesehen hatte wie eine Wnnschelruthe, durch welche sie sich die Welt hätte zu eigen machen können. Nein, sie that sich Unrecht. Wann hatte sie auf Grünweide re ihres Reichthums gedacht, darauf getrotzt, sich glücklich nur hierdurch gepriesen! galt er ihr hier mehr als der Kiese stem den ihr Fuß berührte, daß er aufhupfend ui den seitwärts rauschenden Bach sprang? Zn anderer Zeit, ja da hatte mit starrem Schreck sie erfüllt das noch Unglaubliche was jetzt nur vorübergehend durch das Wirrmtz ihrer Gedanken

zog. Ob Herminens Eröffnungen wahr, übertrieben, in welcher Weise deren Konsequenzen in ihr späteres Leben eingrcifen würden, nicht dies marterte sie. damit hatte ja ihr Herz nichts zu thun, ihr Herz, in dem das Wort: Mit­leid! ein vieltöncndeS Echo gefunden. Ihr ganzer eben „och offenbarter Heroismus wich nüchterner Reflexion. Das Gift des Mißtrauens lag nun auf ihrer Seele, und also beschattet, verwandelten sich die von dem Zauber der Liebe unnvobenen Erinnerungen in häßliche Zerrbilder.

Mit dem Scharfblick der Liebe hatte sie der Laudrathin das Widersprechende durch die Logik aufgedcckt. In dieser Annahme aber war es eben die Logik, welche den Verdacht

bestätigte. , „ . _ , „. .

War sein Leben, sein Thun nicht ein Hohelied der Toleranz und Menschenliebe? Bis auf den Tagelöhner, auf den Bettler erstreckt sich seine Humanität, klang es wieder und wieder in ihr. Sie war eine Bettlerin, sie aß das Gnadenbrod auf Grünweide, und Keiner hatte den Muth gehabt, ihr dies zu sagen. Ans Mitleid nicht. Oh! — Und mit dem ganzen Freimuth ihrer Natur hatte sie diesen ' !l)ann in ihr innerstes Denken und Fühlen blicken lasten, ihm die Blumen gegeben, die ihres Herzens Sprache redeten, hm vor wenigen Stunden noch Blumen auf sein Zimmer gelegt, die ihm ans blauen Augen zurufen sollten: „Vergiß­meinnicht! Vergißmeinnicht!-" . r .

War sie's noch selbst, die in glänzender Welt ernst Viel- bewunderte. Vielgeliebte, Spröde, Stolze, die hier einem Manne ihre Liebe anfdrang? —

Ihre Wangen glühien und ihr Schritt erlte sich. Die Blumen wenigstens sollten, mußten fort, bevor er von seinem

Ritt heimgekehrt. — . , . _.

Annette hatte das junge Mädchen kommen sehen. Sie trat demselben oben auf dem Korridor mit dem Ausdruck der Erwartung und Spannung entgegen. , ^ _ -

„Nun," sagte sie freundlicher als sonst, „hast Du Frau Hermine gesprochen, ihre Einladung angenommen?

Marietta preßte die Lippen aufeinander. Die Frage ver- rieth das Einverständniß der Beiden. Also so lästig, so widerwärtig war der alten Dame ihr Hiersein, daß es der Jntrigue bedurfte, um sie fortzuireiben!"

„So, Du wußtest davon, Tante?"

„Allerdings," gab Annette verlegen zurück, „Frau Her- mine hatte mir ihren Wunsch mitgetheilt. Du wirst Dich mit dem Arrangement Deiner Garderobe eilen muffen, um

bis zum Reisetag fertig zu sein."

Ich habe die Einladung abgelehnt, Tante. Aber ge­dulde Dich nur etwas noch, nicht lange mehr, dann werde ich mich zur Abreise rüsten," stieß Marietta hervor. Ihre Erregung war so unverkennbar, daß Annette sogleich aus den Gedanken kam, die Landräthin könne geplaudert und sie dadurch kompromittirt haben. Sie scheute so unvor- bereitet nähere Erörterungen, und als Marietta bemerkte, ste wolle ihr das zur anderen Stunde, nur nicht letzt erklären, zog sie sich in etwas auffälliger Hast auf ihr Zimmer zurück.

" Marietta eilte auf das Zimmer ihres Vormundes zu, dort, auf seinen Schreibtisch, hatte sie die Blumen mit der wissenschaftlichen Ausarbeitung gelegt, doch blieb sie plötzlich wie erstarrt stehen. Vor ihr auf dem Fußboden — ver­trocknet, zerdrückt lag ein Jelängerjelieberzweig. So ehrte er das Andenken, die Blume, an der eben noch ihres Lebens freundlichste Erinnerung haftete. Die alte Canzone brauste ihr wieder durch den Sinn, in welcher die Blume gleichen Namens ihr Schicksal erzählt.

(Fortsetzung folgt.)

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