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1. Beilage mm Wiesbadener Tagblatt.

Wo. 302. Morgen Ausgabe.

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(38. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Auf Griinweide.

Roman von K. ^akmö-H»aysen.

Nicht verhehlen konnte sie es sich, daß anfangs eine an Beschämung grenzende Verlegenheit über ihr waukclmüthiges Verhalten in dem von der Landräthin so eifrig unterstützten Verlobungsprojekt sie von derselben fern gehalten. Das war kindisch, thöricht, denn den Verhältnissen mußte Rechnung getragen werden, aber damals dachte, fühlte sie noch so.

Allmählich erst hatte sich in ihr eine große innere Um­wandlung vollzogen und deßhalb mußte jedes, selbst flüchtige Rühren an den einst gehegten Groll gegen ihren Vormund, den Hermine, in der eigenen Abneigung gegen jenen, stets genährt hatte, wie Dissonanzen in die Harmonie ihrer jetzigen Stimmung hineinklingen. Dies und die gerechtfertigte Scheu, ihre junge, aus Haß emporgeblühte Liebe könne sich ver- rathen, Hermine treffen, die ja einst in Herzensbeziehungen zu demselben Manne gestanden, erzeugten den beklemmenden, fast körperlich fühlbaren Druck auf der Seele.

Unter diesen widerstreitenden Empfindungen kam sie in Rosenau an und betrat Herminens Boudoir. Dasselbe war leer, doch stand die Thür, durch welche man die ganze Flucht der sich daranreihenden Zimmer übersehen konnte, offen, und in einem der letzten sah sie die Landräthin zwischen Koffer, Schachteln und umherliegenden Toilettengcgenständen sich beschäftigen, langsam, ruhig, mit vornehmen Bewegungen, wie es ihre Art war. Sie trug ein dunkclviolettes Seiden­kleid, eine weiße Rose hing wie verloren an ihrer Brust, in dem goldblonden Haar spielte die Sonne.

Marietta hemmte ihren Schritt. Nie hatte sie die junge Frau so schön gefunden, vielleicht deßhalb, weil ihr betrachtender Blick heute zum ersten Male mit dem Gedanken auf ihr ruhte, daß es diese Frau gewesen, die einst Reimer Hart­manns Liebe errungen, eine Liebe, nach der sie selbst mit allen Kräften ihrer Seele strebte.

Doch Hermine hatte ihren Eintritt bemerkt und sogleich war sie umschlungen, begrüßt und in eine bewegte Unters Haltung gezogen, in welcher ihr Entschuldigungen und Ver­legenheiten gänzlich erspart blieben, denn die weltkluge, gewandte Frau mischte in die Freude der Begrüßung keine Fragen und Vorwürfe.

Nur dann flog eine befangene Röthe über ihre Wangen, als Hermine ihre Hände frei gab, nun ein wenig zurücktrat und mit betrachtendem Blicke sagte:

„Wissen Sie, daß Sie sich verändert haben in der langen Zeit, da wir uns nicht gesehen? aber vortheilhaft, liebe Kleine. Ohne Scherz, Sie erscheinen mir größer, ent­wickelter, mit einem Worte reizender als je."

Das klang aufrichtig und war auch so gemeint, denn e8 war eine nicht abzuleugnende Thatsache.

„Das ist mir lange nicht gesagt worden," lächelte Marietta.

„Natürlich, wer sollte das thun in Ihrem Hause, wo lauter alte Leute leben."

Das junge Mädchen preßte die Lippen zusammen ohne «ine Erwiderung.

Die Landräthin fuhr fort:

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48. Jahrgang. 1S00.

ungesehen verblühen wird im Versteck der Welt, wenn ich die schöne, exotische Blume nicht entführe, in die Helle, blendende Sonne pflanze, wo ihrer Pracht gebührende Be­wunderung gezollt wird."

„O nein!" rief Marietta, „ich kenne die Sonne draußen, sie blendet die Augen, daß man immer nur die glänzende Oberfläche, nie den Kern der Dinge zu schauen vermag; ich habe das Leben genossen mit allen meinen Kräften, cs verlangt mich nicht von Neuem hinaus. Gönnen Sie mir mein Versteck, das mir so lieb geworden ist."

„Daraus kann nichts werden. Ich habe tausend Pläne und Wünsche, die Sie unterstützen sollen. Kommen Sie aus diesem Chaos heraus, Liebste, Sie sollen davon hören, und diese Koffer und Schachteln verralhen es, daß es vorerst auf eine gemeinsame Reise abgesehen ist."

„Eine gemeinsame Reise?" betonte Marietta überrascht. „Ich bin gekommen, Ihnen Adieu zu sagen, liebe Hermine."

„Und ich habe um Ihren Besuch bitten lassen — kleine Un­treue, warum sind Sie nicht von selbst gekonimen? um Sie herzlich zu bitten, mich auf einer Badereise zu begleiten. Was sagen Sie dazu?"

„Daß Sie eine sehr gütige, liebreiche Freundin sind, aber —"

„O nein, kein aber. Sie werden sich doch nicht besinnen, das Einerlei des Landlebens mit dem wechselnden, fröhlichen eines Badeortes zu vertauschen?"

Marietta schlug die Augen nieder. Sie fühlte den festen brennenden Blick der Landräthin und sagte verwirrt:

„Und doch, Hermine. Ich möchte nicht reisen, nicht diesen Sommer!"

„Aber wer begreift das? Noch vor einem Vierteljahr—"

„Ach, rühren Sie nicht an die Vergangenheit, ich denke nicht gern zurück."

„Sie haben sich verändert, auch seelisch, ganz und gar!"

„Das ist das zweite Kompliment, was Sie niir heute machen," lächelte Marietta, nun wieder frei aufblickend.

Sie hatte den Hut und die Mantille abgcnommen und athmete erleichtert auf in dem lustigen, blumenduftigen Empfangssaion. Hermine zuckte die Achseln.

„Ich darf dieser Auffassung nicht widersprechen. Sie sind mein Gast."

„Also nur aus Höflichkeits-Rücksichten wollen Sie mir nicht sagen, daß ich Ihnen früher besser gefallen?" lachte das junge Mädchen.

„Sie würden sich früher nicht besonnen haben, nicht einen Moment, Grünwcide zu verlassen, um sich von mir in die blühende Welt hinausführen zu lassen," lenkte die Land­räthin wieder ein.

^„Allerdings, nein, früher! Ich langweilte mich dort, jetzt ist es anders —" sie stockte verwirrt und beugte sich über einen frischen, schönen Vergißmeinnichtkranz, der auf Porzellan ein Nebentischchen schmückte. „Welch hübsche Blumen! Es ist das Sumpfvergißmeinnicht, nach dem ich gestern lange au Gräben und Wiesen gesucht. Darf ich einige davon mitnehmen?

„Gewiß; mein Vater kauft sie Bettelkindern vor der Thüre ab. Mich langweilen die blaßblauen Dinger, die nicht einmal duften. — Sie studiren Botanik, wie ich gehört habe?" . m

Ja," antwortete Marietta und verstummte im Vor­

gefühl, daß das Gespräch in ein gefährliches Fahrwasser einlenke.

Es entstand eine kleine Pause, denn auch die Landräthin schmieg. Sie sah nieder auf die schlanken Finger des jungen Mädchens, die vorsichtig einige der besten Exemplare aus dem Sande hoben; die anstürmenden Gedanken und Em­pfindungen beherrschten sie einen Augenblick gänzlich. In dem ivachscnden Aerger über die ruhige Festigkeit Mariettas bei dem fortgesetzt scheinbar absichtlichen Abschweifen von dem angeregten Thema hatte ihre innere Gereiztheit einen immer höheren Grad angenommen. Der ganze geheime Plan schwebte in Gefahr, zu scheitern an dieser außer der Berechnung liegenden Gleichgültigkeit für die geselligen Ver­gnügungen. Eifersucht nnd Haß schärften ihr den Blick, sie sah klarer, tiefer als Annette, und zweifelte gar nicht mehr an der Bewahrheitung aller ihrer quälerischen Ahnungen. Wie Blitze, zündend und brennend, loderte von Neuem aus der gekränkten Liebe der rachedürstende Haß, der es sticht ertragen konnte, den Mann durch den Besitz eines schönen, jungen Weibes glücklich zu wissen, das in seinem Herzen den Platz erhalten könne, welcher dereinst ihr gehört und den wiedcrzuerlangen sie vergeblich gestrebt.

Ihre Finger gruben sich krampfhaft in den Sammet des Fauteuils, auf welchen sie die Hand gestützt, und mühsam das Beben ihrer Stimme bezwingend, sagte sie:

„Jnteressirt und beschäftigt Sie Ihr Studium in der That so sehr, liebe Marietta, daß Sie der Bitte Ihrer Freundin keine Beachtung zu schenken vermögen; ja, Ihrer Ablehnung nicht einmal ein triftiges Motiv unterschieben wollen?"

Marietta fühlte sich durch das Festhalten und die Dring­lichkeit der Bitte immer peinlicher berührt.

„Hat meine Begleitung denn wirklich eine Bedeutung für Sie, liebe Hermine?" sprach sie ausweichend.

„Welche Frage, liebstes Mädchen! Ich will es nicht ver­hehlen, es liegt in meinem Wunsche freilich ebenso viel Selbstsucht wie Streben, Ihnen eine vergnügte Zeit zu ver­schaffen. Sehen Sie mich an; ich bin leidend, nervös. Ihre Heiterkeit würde wohlthuend auf meinen oftmals schwer- müthigen Zustand wirken; außerdem — ich vertraue es Ihnen hiermit — möchte ich eine hochwichtige, zukunft­entscheidende Sache beS Herzens mit Ihnen besprechen —"

Hermine zögerte, rollte einen Sessel heran und blickte auf das plötzlich mit tiefer Glulh überstimmte Müdchcn- antlitz; — „ich gedachte", fuhr sie fort, „die Hand eines Ehrenmannes anzunehmen, mich wieder zu verheirathen, nnd schwanke noch, weiß mir selbst nicht zu rathcn; das Alles würden wir miteinander besprechen. Ich appellire also au Ihr Gefühl, Ihre Freundschaft! Nicht wahr, jetzt nicht mehr vergeblich?"

Sie blickte mit nervöser Spannung ans das verwirrte, von dieser Mittheilung sichtlich überraschte Mädchen, dessen Züge nun einen großen inneren Kampf verriethen. Wie rang die instinktive, nie ganz überwundene Antipathie mit den Gefühlen der Dankbarkeit und der Thcilnahme für die thatsächlich leidend aussehende Frau, rang mit dem Bedürf­nisse des Vertrauens, nun da ihr solches rückhalllos in die ernstesten Interessen des Herzens selbst dargebracht werden sollte.

(Fortsetzung folgt.)

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