Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgabe». — Beziigs-PreiS: durch den Verlag L«» Pfg. monailich, durch die Post 1 SH!. «« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasie 27.
LT'MGO Avouneuten.
Slnzeigen-PreiS:
Die einspaltige Pctitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige «zeigen 25 Pfa. — Reclame» die Petitzeile für Wiesbaden SO Pfg., für Auswärts 7S Pfg.
für die Abend-AnSgave bis 11 Uhr Vormittags, für die Morsen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags.
iiä(t)fterfd)ciiieitbcii Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Moglrchkcit Sorge getragen.
Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur
N». 303.
Fernsprecher No. 52.
Dienstag, den 3. Juli.
Fernsprecher N». 52.
1000 .
Abend-Ausgabe.
Zur Ermordung des deutschen Gesandten.
Die beschwichtigenden Meldungen, welche in den letzten Tagen aus chinesischen Quellen und von Seiten der russischen Negierung über die Lage in China verbreitet worden waren, haben sich schnell als falsch erwiesen und die bisherige Ungewißheit über das Schicksal des deutschen Gesandten ist einer furchtbaren Gewißheit gewichen. Bereits vor zwei Wochen, am 18. Juni, ist in Peking das verabschenungs- würdigste Verbrechen wider die Menschlichkeit und das Völkerrecht begangen worden und bis heute haben die chinesischen Behörden es verstanden, dies grauenhafte Vvr- kommniß zu vertuschen und durch lügnerische Berichte über den den Gesandten gewährten Schutz die Mächte in Sicherheit zu wiegen.
Das verabschcuungSwürdigc Verbrechen, welches in China an dem deutschen Gesandten Frciherrn v. Ketteler begangen worden ist, ist das schlimmste, das schwerste, welches ein Land, welches eine Nation auf sich laden kann, und es steht in der neueren Geschichte ohne Beispiele da. Denn nichts wäre unberechtigter, als wenn man, wie es vielleicht hier und da geschehen wird, den Mord in Peking mit dem Rastatter Gesandtenmord vom 28. April 1799 vergleichen wollte. Es ist geschichtlich nachgewiesen, daß jene Ermordung des französischen Gesandten, wenn sie auch auf deutschem Boden erfolgt ist, von französischen Emigranten ausgcführt worden ist. Für die in China verübte grauenhafte That giebt cs in der modernen Geschichte kein Beispiel, und der chinesische Staat hat sich, nachdem eine solche That auf seinem Boden oerübt worden ist, auch aus der Reihe der halbcivilisirtcn Staaten, als welchen man ihn bisher ansah, gestrichen, und er kann in Zukunft nur noch in die Reihe der barbarischen Staaten rubrizirt werden.
Was wird geschehen, um furchtbare Sühne, um glänzende Genugthnung für dies Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen das Völkerrecht, welches in Peking begangen worden ist, zu erlangen? Handelte es sich um normale Verhältnisse, wäre der Gesandtenmord in Peking mit unbedingter Sicherheit auf die Schuld der chinesischen Regierung zurückzuführen, dann würde die natürliche Folge der Mordthat die sein, daß der chinesischen Gesandtschaft in Berlin die Pässe überreicht würden, wenn nicht die deutsche Regierung zu der Maßnahme schreiten wollte, die Mitglieder der chinesischen Gesandtschaft als Geißeln zu behalten. Jedenfalls würde so oder so die offizielle Kriegserklärung an China erfolgen müssen.
In Deutschland hat man sich, wie überhaupt Seitens der Mächte, freilich bisher auf den Standpunkt gestellt, daß sich die bisherigen Maßnahmen in China nicht gegen die chinesische Regierung, sondern gegen die aufständischen Boxer und die aufrührerischen chinesischen Truppen richte. Zu dieser Auffassung, welche man vielleicht als eine Fiktion bezeichnen darf, haben sich die Mächte bisher deshalb entschlossen, weil sich noch immer nicht auch nur annähernde
Klarheit über den wirklichen Zusammenhang der Vorgänge in Peking hat schaffen lassen und weil die Mächte befürchteten, daß die Feststellung des offenen Kriegszustandes die Lage der Europäer in China verschlimmern, die Niederwerfung des Aufstands erschweren und die ohnehin ^vorhandenen internationalen Schwierigkeiten noch vergrößern könnte.
Ob sich freilich die Fiktion, daß die Mächte mit China, während dort regelrechte Schlachten geschlagen werden, im „Frieden" leben, noch lange aufrecht erhalten lassen wird, ob der Zustand, daß die Gesandten des himmlischen Reiches mit den europäischen Negierungen friedlich verkehren, während unsere Gesandten in Peking ermordet werden, noch lange Bestand haben kann, das wird man füglich bezweifeln können. Jedenfalls muß so oder so das Vorgehen gegen China mit weit größerer Energie, als bisher, beschleunigter und vor Allem plangemäßer betrieben werden. Allzuviel ist durch Sorglosigkeit und mangelnde Vorsicht versäumt worden. Hätten die Mächte auf die Warnungen geachtet, die der ermordete Frhr. v. Ketteler schon vor Monaten ergehen ließ, dann wäre der jetzige Zustand vollkommener Verwirrung in China nicht eiugetreten. Aber sowohl Rußland wie England weigerten sich, das Bestehen der chinesischen Gefahr an- znerkennen, das ersterc, weil es sich bei dem bisherigen Zustand in China wohl befand, das zweite, weil es in Folge seiner südafrikanischen Abeuteurerpolitik an Gefahren in anderen Weltthcilen nicht glauben wollte.
Au dem Unheil aber, das jetzt geschehen ist, sind, ob es auch uns Deutsche in erster Reihe getroffen hat, doch alle anderen Mächte nicht minder bctheiligt. Daß das vcrhüngniß- volle Geschick gerade den deutschen Gesandten traf, ist ein unglücklicher Zufall. Sollten auch die anderen Gesandlen, was noch nicht feslsteht, gerettet werden, so haben doch alle Staaten das gleiche Interesse, die in China begangene Verletzung des Völkerrechts zu rächen. Dies hindert freilich nicht, daß jetzt Deutschland in erster Reihe verstärkte und umfassende: Maßnahmen treffen wird, um „mit gepanzerter Faust" die in China begangene Frevelthat zu rächen und Sühne für sie einzufordern. DaS deutsche Volk wird keine Opfer scheuen, um die von den chinesischen Barbaren begangene Frevelthat zu rächen. Die Mächte aber — daran zweifeln wir nicht — werden gegenüber dieser zum Himmel schreienden Frevelthal zeigen, daß die weiße Rasse gegenüber der gelben solidarisch ist. Ist die chinesische Regierung schuldig an dem Verbrechen des Gesandtenmordes, dann muß mit dieser Regierung ein Ende gemacht werden! Und ist ihre Schuld selbst nur die, daß' sie den Mord nicht hat verhindern können, dann herrscht in China die Anarchie, und Sache der Mächte wird es sein, an die Stelle dieser Anarchie mit eiserner Faust die Ordnung zu setzen.
* * *
Der ermordete deutsche Gesandte in Peking, Freiherr Clemens August v. Ketteler, preußischer Kannncrherr und Leutnant der Landwehr, war am 22. November 1853 als Sohn des Frei- hcrrn August v. Ketteler, Majors im 1. Garde-Ulancu-Regiment. zu Potsdam geboren. Die Familie gehört dem westfälischen Uradel an. Freiherr Clemens v. Ketteler war ein Neffe des verstorbenen Bischofs Kccteler von Mainz und ein Vetter des Majoratshcrrn
Frciherrn v. Ketteler zu Harkotten und Schlvarzcnraben auf Burg Eringerfeld, des größten' Grundbesitzers der Provinz Westfalen. Freiherr Clemens v. Ketteler, früher Legationsrath in Washington und kaiserlicher Gesandter in Mexiko, vermählte sich am 24. Februar 1897 zu Detroit in Nordamerika mit der 1871 geborenen Miß Mand Cass Ledyard. Freiherr v. Ketteler gehörte der Gesandtschaft in Peking schon früher als Dolmetsch an. Zum deutschen Gesandten wurde er am 12. Juni 1899 ernannt »ach dem Rücktritt des erkrankten Freiherr» v. Hehking. Zur Zeit der französisch-chinesischen Kämpfe um Tougkiug machten am 10. September 1883 chinesische Unterthanen einen räuberischen Uebersall auf die vorzugsweise von Europäern bewohnte Vorstadt und Fremdennicderlaffung von Kanton, Shamien. Freiherr v. Ketteler war stellvertretender Dolmetscher bei dem deutschen Konsulat in Kanton. Er ließ sich, unterstützt von zwei deutschen Kaufleuten, v. Pustan und Raven, vorzugsweise den Schutz der in den bedrohten Häusern wohnhaften Frauen und Kinder angelegen sein. Ihm war cs in erster Linie zu verdanken, daß die chinesischen Meuterer, ohne zu großen Schaden anznstiften, von ihrem Uebersall ablassen und die Fremde»,licdcrlassuug räumen mußten. Vom Frhr». v. Ketteler ist bekannt, daß er die chinesischen Ver- hältniste genau kannte. Als er Gesandter in Mexiko war, erfreute er sich in den weitesten Kreisen der deutschen Kolonie in Mexiko einer großen Beliebtheit, und zwar rülnuten Alle, Industrielle, Kaufleute und Privatleute, seine Tüchtigkeit. Er habe sich, so sagte man damals, niit einer staunenswerthen Leichtigkeit i» die schwierigen Verhältnisse cingearbeitet; er sei ein ausgezeichneter Diplomat, sehr beliebt bei Porsirio Diaz, dem Präsidenten, aber er sei ein nicht weniger hervorragender „Konsul", indem er den Verhältnissen des Handels und der Industrie eine unablässige und segensreiche Aufmerksamkeit widme, unbeschadet der gleichzeitigen Verdienste des Generalkonsuls. Alle richmten ihn übereinstimmend. Der bei der Ermordung des Gesandten v. Ketteler verwundete Dolmetscher von Kcttelers ist, wie das „Berl. Tagebl." zu wissen glaubt, vr. Kordes, welcher vor zwei Jahren Konunissar der deutschen Niederlassung tu
« ow war, dann nach Tsingtau versetzt und vor einiger Zeit olmetscher an die Gesandtschaft in Peking berufen wurde, nm den Sekretär-Interpreten der deutschen Gesandtschaft, Herrn von der Goltz, zu vertreten, welcher gegenwärtig seinen Europa- Urlaub hat und zur Kur in Karlsbad weilt.
Der Aufstand in China.
bä. Berlin, 2. Juli. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt an der Spitze der heutigen Nummer: Nach einer Spanne Zeit langen Schweigens und widersprechender Nachrichten ist endlich eine Aufklärung gekommen. Der kaiserlich deutsche Gesandte, Freiherr v. Ketteler, ist nach vorliegenden Nachrichten, während er mit dem Dolmetscher zum Tsungli-Aamen ritt, vom Pferde gerissen und ermordet worden. Der Dolmetscher wurde verwundet, hat sich aber retten können. D ie Gesandtschaft ist zum größten Theile niedergebrannt und die übrigen Vertreter der Mächte mit ihrem Personal und den kleinen Marine- schutzwachen sind, so weit Nachrichten vorliegen, noch im Kampfe um ihr Leben begriffen. Doch soll die Munition bereits knapp gewesen sein, sodaß auch hier das Schlimmste zu befürchten ist. Es ist eine erschütternde Nachricht, die ans der Hauptstadt des Reiches der Milte kommt, und ganz Deutschland wird die Kunde von dem Schicksal des deutschen Gesandten mit einem Gefühle größter Theilnahme und Trauer, aber auch tiefer Empörung crufnehmen. Das offiziöse Blatt widmet alsdann dem ermordeten Gesandten anerkennende Worte und schließt: Wenn es
(Nachdruck verboten.)
Berliner Brief.
(Von unserem eigenen Berichterstatter.)
Der preußische Schutzmann und die Kunst. — Die Sachverständigen-Kommission zur Reguiirung des Schamgefühls. — Die Secesfionsbühnc. — Allerlei vom Theater.
— Die elektrische Hoch- und Untergrundbahn.
Im Anslande hört man vielfach als Symbol Preußens den allmächtigen Schutzmann nennen, der seine Hand über so ziemlich alle' Gebiete öffentlichen wie privaten Lebens streckt. Und neuerdings war von dieser gewichtigen Persönlichkeit besonders viel die Rede, als im Parlament, in der Presse und am Stammtisch die Meinungen gar scharf im Kampfe um die Freiheit der Kunst aufeinanderplatzten. „Das Heil der Kunst" — so riefen die Gegner jener berüchtigten isx, die einen Zuhälter zum Taufpathcn und, wenigstens in der so erbittert befehdeten Fassung, das gesummte Dunkelmännerthum zum Vater halte —, „das Heil der Kunst soll dem preußischen Schutzmann anvertraut werden! Der Schutzmann soll die Kunst vor den Bakterien der Unzucht schützen! Wer aber schützt die Kunst vor dem Schutzmann?" So ertönte gar schwungvoll der Schlachtruf der Anti- Heinzianer. Nun aber ist durch das bekannte Ueber- «inkommen zwischen Polizei und Goethebund, wonach letzterer der ersteren ein Sachverständigen-Triumvirat zur Verfügung stellt, eine scheinbare Abhülfe geschaffen.
Wir werden also in Zukunft in Berlin eine aus Künstlern und sonstigen Sachverständigen zusammengesetzte Kommission haben, die in allen Fällen, wo etwa Schutzmänner mit zarten Gewissen und leicht verletzlichem Schamgefühl eine Anzeige gegen einen Ladenbesitzer erstatten, der in seinem Schaufenster Nuditäten ausstcllt, ihr Urtheil über den künstlerischen Charakter der Angeklagten abgeben wird. Sonst könnte es ja leicht wieder einmal kommen, daß ein sittenstrenger
Schutzmann vor einem Böckliu'schcn Bilde schamroth wird oder gar Anklage gegen die milonische Venus erhebt. Der Polizeipräsident von Berlin hat klug gethan, die Anregung des Goethe-Bundes mit einem höflichen zustimmenden Schreiben zu beantworten, und der Goethe-Bund hat klug daran gethan, der Oeffentlichkeit ein positives Lebenszeichen zu geben. Geändert wird durch diesen Schritt natürlich nicht viel werden. Eine Garantie gegen dunkclmännerische Barbarei bietet auch die zu berufende Sachverstündigcn- Kommission nicht absolut. Dazu liegen die Schäden zu tief. Kein Verständiger hält es für erfreulich, daß sich in den Straßen Berlins die ungeschminkte und die geschminkte Unsiltlichkeit so breit macht, wie sie es thatsächlich wagen darf. Niemand würde seine Stimme dagegen erheben, wenn die Polizei mit scharfen Waffen bestimmten Auswüchsen zu Leibe ginge, die sich zwar mit allgemeinen Formeln nicht charakterisiren lassen, über deren unzüchtigen Charakter aber im Einzelfalle kein Zweifel bestehen kann. Es giebt zahlreiche Orte, an denen ganz unzweifelhaft unzüchtiges Treiben herrscht, es giebt Schausenster niit Auslage-Gegenständen, die so sicher unzüchtige Zivccke verfolgen, wie 2x2 — 4 ist. So viel Schwierigkeiten es macht, eine allgemeine Gesetzessormcl zu finden, so leicht und sicher kann im Einzclfnll das Urtheil gefällt werden. Würde die Polizei mit ihren bestehenden Mitteln diesen Dingen zu Leibe gehen, so wäre sie allgemeinen Beifalls sicher. Mag fein, daß ihr die lox Hcinze noch bessere Waffen für diesen Kampf in die Hand giebt, als sie bereits hat. Was aber breite Volksmassen so an diesem berüchtigten Entwurf auch in der Regierungsfaffnng empört hat, das war der Geist, den man hinter dieser lox zu sehen glaubte. Niit einem Wort: man hatte und man hat auch vorläufig kein Vertrauen in den guten Willen der Behörden. Man glaubte nicht daran, daß nur die Auswüchse aetroffen werden
sollten, sondern fühlte den gairzen modernen Geist der socialen und politische» Selbsterziehung gefährdet. Und deshalb eben kann man auch in der neuen Sachverständigen- Kommission keinen wirklichen Fortschritt erblicken.
Ich charakterisirle eben den modernen Geist als den Geist politischer und socialer Selbsterziehung. Das, was unser gegenwärtiges Zeitalter vor der Vergangenheit kennzeichnet, ist jedenfalls ein kräftiger, selbstbewußter Zug, ganz und gar nicht dem verwandt, den man in der Kunst so gern als modernen Geist bezeichnet. In der Kunst hat der'wahrhaft moderne Zug noch wenig Niederschlag gefunden. Vor Allem steht ihm die sogenannte neue Romantik fern. Dieser neuen Romantik nun — wenigstens ihr in erster Linie, dann auch der gesammten modernen Kunst — will man im Herbst ein eigenes, ständiges Heim errichten, die Sccessionsbühne.
Wer das Thcatcrlebcn Berlins in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt hat, wird jede neue Bühne mit Mißtrauen begrüßen. Vor Allem, wenn sie sich auf ein ganz neues Programm stützt und neuen Talenten, die an anderen Bühnen keine Förderung erfahren, den Weg zum Ruhme öffnen will. Zu viele derartige Bühnen haben wir In diesen Jahren elend zu Grunde gehen sehen, als daß man neue Grüridungen hoffnungsvoll begrüßen könnte. Die „Secessions- bühne" kann nun allerdings ein gewisses Vertrauen für sich beanspruchen, denn sie hat bereits im vergangenen Winter in einigen recht gut insccnirten Vorstellungen gezeigt, daß sie etwas zu leisten vermag. Ihre Gründer und Leiter sind Leute von litterarischem Wissen und künstlerischem Geschmack. Nun aber wollen sie nicht mehr in besonderen Vorstellungen etwa alle Monat ein Slück zur Aufführung bringen, sondern ein ständiges, jeden Abend spielendes Theater gründen. Ob sich dafür ein Publikum und ob sich genügend Stücke finden werden, um einen wechselnden Spiel,
