«e. Jahrgang.
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Sonntag, drn 1. Juli.
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1900.
Volttische Kei*evRri)t.
In China ist es bös l Diese Warte eines bekannten Scherzliedes kennzeichnen die Situation in China, die sich zwar im Laufe der Woche etwas günstiger gestaltet hat, ohne daß jedoch die an einzc/aen Punkten von den Europäern crzielteil erfreulichen Erfolge zu einer optimistischen Auffassung der Gcsammtlage in China berechtigen. Jedenfalls darf es uns mit freudiger Genngthuung erfüllen, das; es den vereinigten Truppen der Mächte gelungen ist, nicht nur das von den Chinesen schwer bedrohte Tientsin zu retten, sondern auch die internativiale Entsatztruppe des Admirals Seymour, die sich gegenüber einer ungeheuren chinesischen Ucbermacht in einer verzweifelten Situation befunden hatte, glücklich hcrauszuhauen. Das sind nach dem ersten Erfolg der Erstürmung der Taku-Forts zwei neue bedeutsame Erfolge, welche de» chinesischen Banden und vor Allem auch der chinesischen Regierung einen deutlichen Begriff von der LeistungL'ühigkeit der europäischen Truppen bcibringen dürften.
Im Uebrigen ist die Situasion in China noch nicht um einen Schritt weiter gerückt. Herr Li-Hung-Tschang, der geriebene chinesische Diplomat, hat zwar mitthcilcn lassen, daß er von der Pekinger Regierung mit einer Vermittlungsaktion betraut worden sei und daß er diese Vermittlerrolle übernehmen werde, aber bisher ist nichts darüber bekannt geworden, daß Herr Li-Hung-Tichang Anstalten gemacht habe, den chinesischen Diplomaten in Peking den Kopf zu waschen, den sie anscheinend — verloren haben. Darüber, was in Peking vorgeht, fehlt eben infolge der völlig unterbrochenen Verbindung jegliche Nachricht, und man darf ebenso wenig jenen Nachrichten trauen, welche von einem Nachgeben der chinesischen Regierung berichten, wie jenen anderen, welche zu melden wissen, daß die chinesische Regierung zum äußersten Widerstand gegen die Mächte entschlossen sei.
Wenn aber das Letztere der Fall sein sollte, so dürfte sich das in Bälde ändern, denn wenn auch der Aufstand )er Boxer und die Erhebung der chinesischen Soldateska gegen die Europäer noch keineswegs in der Abnahme begriffen sind, sondern der Aufstand sich vielmehr an einzelnen Stellen weiter ausbreitet, so ist doch zu bedenken, daß die Situation der Europäer sich mit jedem Tage, den wir fort* schreiten, bessert. Denn mit jedem Tage schreiten die Rüstungen der europäischen Mächte vorwärts und mehrt sich die Anzahl der Truppen, welche zum Schutze der Europäer und zur Bekämpfung der Boxer wie der chinesischen Soldaten auf chinesischem Boden einireffen. Die deutsche Negierung hat nicht gezögert, alle Maß- nahmen zu treffen, die zur Zeit getroffen werden können, um der Meuterei in China energisch entgcgcnzutrelcn und ebenso an dem Schutz der Europäer mitzmvirken, als auch die Wahrnehmung unserer Interessen in China mit starker Hand zu betreiben. Aber es liegt in der Natur der Sache, daß bei der Aufgabe, die Erhebung in China nicderzuschlagen und dort Ruhe und Ordnung zu schaffen, Rußland und Japan in erster Reihe Mitwirken, denn diese Mächte sind nicht nur durch ihren örtlichen Zusammenhang mit China an den dortigen Wirren in erster Neide interessirt, sondern sie sind aus demselben Gnu,de in der Lage, am schnellsten die stärksten Truppenmaffen in das Aufstandsgebiet zu werfen.
Mit den schwersten Beklcmmunccn verfolgt man in England die starken Rüstungen Rußlands, welches sich anschickt, in China die führende Rolle zu übernehmen, und die einzige Hoffnung Englands beste t darin, daß Japan dafür Sorge tragen werde, daß das Gleichgewicht unter den Mächten in China erhalten bleibt. Denn England selbst ist durch den südafrikanischen Krieg, der, so oft er auch schon todtgesagt wurde, noch immer lebt, derart gebunden, daß es nicht daran denken kann, in China ein entscheidendes Wort mitzusprechen. InderThat ist am« dieNachrichl, daßaus Südafrika Truppen nach China abgesand: werden sollen, bereits offiziell dementirt werden. England kann Luxus auch garnich! gestatten. Der von gesetzte und mehrfach erfolgreiche ^Engländern so viel zu schaffen, daß ' denen so wie so ein großer Theil zu diesen Operationen benöthigen otande sind, hinreichende Hülfskräfte d zu entsenden, wo die Lage für die |djt bösartig ist. Jedenfalls wird es rern, bis der Krieg gegen die Buren, Entschieden ist, beendet sein wird, c südafrikanische Krieg bereits eine tndem er, verbunden mit noch manchen ßschen Umständen, den Rücktritt des Kabinetts Luciano de Castro herbei- n der miserablen Finanzpolitik des ter Reihe die Entrüstung des Landes Nachgiebigkeit gegenüber England in
allen kolonialen Fragen und das völkerrechtswidrige Verhalten gegen die Buren den Sturz des Kabinetts veranlaßt. Wenn das neue Kabinett Hintze Ribeiro jetzt erklärt hat, daß cs in der Kolonialpolitik andere Wege cinschlagen werde, so kann das freilich den Buren nichts nichr nützen. >
In Italien hat sich das „cue Kabinett Saracco der neuen Kammer mit einer Programmrede präsentirt, die zu allgeniein gehalten ist, um daraus auf die Leistungen und auf das Schicksal des Kabinetts zu schließen. Wenn für irgend Jemande», so gilt sür die italienischen Kabinette das Wort: „Nicht an ihren Reden, an ihren Thaten sollt Ihr sie erkennen!"
Zum Aufstieg des Zeppelin'schen Luftschiffes.
Noch nie hat eine wissenschaftliche Unternehmung bei der gesammten gebildeten Welt dermaßen volles Verständniß gefunden, wie der Bau und der bevorstehende Aufstieg des Zeppelin'schen Luflschiffes auf dem Bodensee. Nach unendlichen Widerwärtigkeiten aller Art sollte gestern der Aufstieg be-
Diffcrenz zwischen Gewicht und Tragfähigkeit des Luftschiffes beträgt 1300 Kilogramm, ein sehr günstiges Verhäktniß. Die Steuerung des Kolosses wird durch zwei Sleuerpaare beivcrkstclligt, von denen eines vorn oben und unten und eins hinten seitlich angebracht ist. Die vertikale Steuerung geschieht durch Verlegung des Schwerpunkts; ein 100 Kilogramm schivereS Laufgewicht kann an der unteren Schiene, an der die Gondeln hängen, vor- und rückivärts bewegt werden, desgleichen das auf unserem Bilde deutlich erkennbare, ebenfalls 100 Kilogramm schwere Hängctau.
Die aus 5 Personen bestehende Besatzung des Luftschiffes sind der Erfinder Graf Zeppelin selbst, sodann der Vorstand der Gesellschaft zur Förderung der Luftschiffahrt, Herr Hugo Knbler, ferner der die Montage leitende Techniker, Herr Bnrr, und 2 Maschinisten zur Bedienung der Motoren. Auf unserem Bild ist neben einer Detaildarstellung der Halle, in welcher das Luftschiff bis zu seinem Aufstieg blieb, des Motors und eines der Propeller noch eine Kartenskizze vom Bodensee enthalten. Wohlüberlegt ist der Plan, das Experiment gerade hier vorzunchmcn, denn bei der enormen Größe und Schwerfälligkeit des Luftschiffes kann ein Aufstieg und ein Landen auf einem im
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Motor und Propeller dts ^ — ■_
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werkstelligt werden. Mit der Füllung ist in den letzten Tagen begonnen worden. In unserem Tableau führen wir dem Leser das Luftschiff vor; wir bemerken über dasselbe, rheils in Wiederholung schon früher Mitgetheilteu, Folgendes:
Das Luftschiff ist erbaut von der „Deutschen Luftschifffahrts-Gesellschaft", die durch obengenannten Grafen gegründet wurde. Sämmtliche Metalltheile, bis auf einige unwesentliche Kleinigkeiten, nebst den verwandten Motoren sind in Lüdenscheid und in Eveking hergestellt. Das Luftschiff hat die Gestalt einer an beiden Enden zugespitzten Cigarre, besitzt ein Gcsammtgewicht incl. Bemannung von 10,000 Kilogramm und besteht aus 16 Achtmetcrablheilüngen von 11,65 Metern Durchmesser, sodaß seine Gesammtlänge 128 Meter beträgt. Jede Abtheilung ist für sich abgeschlossen, es sind also 8 aus Seide hergestellte, mit Gas gefüllte Ballonabtheilungen vorhanden. Das gesammte zur Verwendung gekommene Material besteht aus Aluminium, das im Winkel- (j“unb Ts (T) Profil miteinander vernietet wurde. Der Ballon faßt ca. 12,000 Kubikmeter Gas und hat eine Tragkraft von 11,800 Kilogramm. Vorläufig sind an dem Luftschiff zwei Aluminiumgondeln — 6,2 Meter lang und 1,8 Meter breit — befestigt, zu denen später noch eine Luftgondel hinzutreten soll. Die Gondeln sind mit dem Hanptkörper durch Rohre und Drahtseile verbunden. In jeder derselben ist ein Daimler-Motor von 16 PH untergebracht, durch die je eine Welle getrieben wird, welche ckn jedem Ende einen ca. 1 Meter Durchmesser haltenden Propeller in der Form einer Schiffsschraube tragen. Die Motoren werden durch Benzin gespeist; 90 Liter Benzin sind für jeden derselben vorgesehen; das Gewicht der Motoren beträgt 650 Kilogramm. Jeder Motor braucht stündlich 6 Kilogramm Benzin, mithin entspricht der Aktionsradius einer Arbeitszeit des Motors von 10 Stunden bei der gewöhnlichen Ladung von 60 Kilogramm Benzin für jeden. Bei einer Geschwindigkeit von 8,12 Metern in der Sekunde würde dies 288 Kilometer ergebe». Die
ffa/fe des Zu/lseJuL/Ts
Wasser schwimmenden Floß naturgemäß leichter bewerkstelligt werden, als auf festem Boden, wo eine ernste Beschädigung wohl nicht zu umgehen und eine Fortbewegung des gelandeten Ballons mit den größten Schwierigkeiten verbunden wäre. Sobald das Luftschiff sich bei der Niederfahrt der Seeoberfläche hinreichend genähert hat, soll es von dazu bereit gehaltenen Dampfern mittels Tauen eingefangen und in seine Halle zurückbugsirt werden. Durch eine schwarze Linie in der Karte ist die erste projektirte Luftreise über dem Bodensee angedeutet.
Das Gelingen des kühnen Unternehmens ist von allen Autoritäten der Aerouautik als zum Mindesten wahrscheinlich hingestellt worden. Allen Erfahrungen, die frühere Versuche mit lenkbaren Luftschiffen gezeitigt haben, ist Rechnung getragen, sodaß die zu einem Gelingen nothwendigen Bedingungen insgesammt erfüllt sein dürsten. Die Technik steht mit dem Aufstieg des Zeppelin'schen Luflschiffes vielleicht vor der Lösung eines Problems, die dem vorigen Jahrhundert noch nicht beschieden war. Hoffen wir, daß der Aufstieg glückte und daß Graf Zeppelin dazu berufen sein möge, den menschlichen Geist in der Technik auf eine Bahn zu führen, die ihm bisher verschlossen war, auf den Weg durch die Lüfte.
Aus Stadt und §and.
Wiesbaden. 1. Juli.
- Grschichtslralender. I.Juli. 1897: Furchtbarer Hagel, sturm im wurttemb. Neckarkreis, eine der schwersten Gewltter- katnstrophen dieses Jahrhunderts. ,1896: Der deutsche Reichstag nimmt mit überwältigender Mehrheit doS bürgerliche Gesetzbuch an. 1896: f Harnet Beecher-Stowe zu Hartford, Schriftstellerin, weltbekannt durch .Onkel Tom« Hütte". 1860: t Gotthilf Heinrich v. Schubert zu München, deutscher Naturphilosoph. 1742: * Georg Christoph Lichtenberg zu Oberramstädt bei Darmstadt, ausgezeichneter deutscher Satyriker und bed. Physiker.
