1. Beilage jiiin Mjesbaüener Tagklatl.
Ko. 298. Morgen-Ansgabe.
Samstag, den 30. Juni.
48. Jahrgang. 1900.
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(86. Fortsetzung.) ■' (Nachdruck verboten.)
Auf Grunmeide.
Roman von K. I>almv-Z>aysen.
Reimer wandte sich ab, er fühlte, wie ihm das Blut in die Schläfe stieg.
„Marietta, Kind, Du weißt nicht, was Du thust, — Du ahnst nicht — indessen — ich danke Dir, ich danke Dir herzlich!«
Er hatte ihr sein bewegtes Gesicht wieder zugewandr, und indem er die Blume cntgegenuahm, legte er seine Hand einen Augenblick sanft auf ihren Scheitel.
Das junge Mädchen stand wie unter einem Zauber. Die leise Berührung seiner Hand, die weiche, fast zärtliche Stimme, der eine tiefe, warme Blick, erschloß ihr auf einmal ein halbvcrstandenes Geheiinniß. Das stille, unendliche Gefühl im Herzen, unbenannt und ungekannt bisher, halte der Gedanke erfaßt, wußte die Lippe nun in ein Wort zu hüllen. Sie wußte es jetzt, daß sie liebte.
xxvm.
Dem regnerischen, sonnigen Tage war eine balsamische Nacht gefolgt, still, mildfeucht, wie sie der Frühling im April oftmals bringt. Der Himmel besät mit nur wenigen Sternen, die Erde warmfeuchten Duft aushauchend, lautlos, unbewegt die Luft und scheinbar doch ein gcheinies Streben und Keimen allerwürts, als solle erst jetzt das Auferstehungsfest der Natur beginnen. Jetzt, wo Sonnengluthen bereits oie Keime zur Pflanze und zur Frucht gereift, wo es zur Neige ging mit dem himmelstrebenden Wachsthum, das Grün verblaßte, ermattet schon manches welke Blatt zur Erde taumelte und der Fuß über Stoppeln uitd brachliegende Felder strich.
Frühlingsnacht im Sommer! Frühlingsahnen des Menschenherzen, das im Mittage seines Lebens steht! In der schmeichelnden Sprache solcher Nacht liegt ein verführerischer Zauber. Nicht Alle verstehen diese Sprache der Empfindung ohne Laut und Schall. Nicht der oberflächlich Genießende, dessen Lebensschisslein die Wogen des Lebens Ms eine sonnige Spiegelfläche geführt, die niemals durch Sturm und Unwetter getrübt ward. Die Natur erfordert »um innersten Berständniß Gemüth, Tiefe, Ernst, und deß- halb empfand der ernste Mann, der in diese Sommernacht hinaussah, ihren ganzen wonnesamen Zauber.
Wie tiefes Athemholen ging es durch sein Wesen. Feierte sein Herz wie die Natur Auferstehungsfest nach langem, erstarrendem Schlafe? Ein Jahrzehnt war über den Jrrthum seiner ersten Liebe dahingegangen, und was er in sich abgestorben, kalt, todt wähnte, war plötzlich erwacht zu pulsirendem, drängendem, himmelstrebeudem Leben, erwacht seit der jüngst verlebten Stunde, auch zu heißem, unendlichem Begehren, das die Schutzwehr iriedergerissen, welche die Vernunft der anwachseuden Leidenschaft entgegengesetzt. Er ließ es über sich ergehen, sich überflulhen zum ersten Male widerstandslos von allen seinen Empfindungen, und träumte Frühlingstraum in Sommernacht.
Sein ruheloses Wandern im engbegrenzten Raum deS Zimmers hatte aufgehört, er stand am Fenster mit gekreuzten
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Armen, das ernste Haupt ein wenig zurückgelegt, den Blick nach dem wolkenverschleierten Himmel richtend, wo ein heller Stern ihn an ein glänzendes Mädchenauge erinnern mochte. Manchmal irrte die Hand nieder und hob vom Fenstergesims eine weißzarte Blume auf und wenn dann ein Sinn und Herz berauschender Duft ihm entgegenströmle, klärte ein leises Freudelächeln die ernste Stirn. Doch kaum länger c iL @tenien0ru & aus daheizichenden Wolken. £>, über das Mißtrauen! Wie ein giftiger Mehlthau legt es sich über die frischgrüne Hoffnung. Vor seinen! inneren Auge erhob pch die Vergangenheit, eine Erinnerung aus seines Lebens schmerzlich süßester Zeit.
war ein Abend, mild und still wie diese Nacht. Im Bruch war's, über dem der Mond stand im ersten Viertel und er in dem stillen Dunkel, an der Seite des Mädchens seines Herzens wandelte. Da, durch ein Geräusch erschreckt, mit fast kindlicher Zutraulichkeit, legte sich eine zitternde, schöne Hand in die seinige und er glaubte, nun sei der Augenblick gekommen, wo er sprechen dürfe, wovon seine Seele erfüllt. Weitab bewegte sich eine plaudernde Gesellschaft, von der die blonde Schönheit an seiner Seite ein Glied war, das er herauslösen wollte, an sich zu ketten für immer, da es ja ein Stück seines Herzens geworden! Ein paar grausame Worte vcrntochten es für inimer herauszu- reißen und seitdem fehlte ihm wirklich Etwas, die Fähigkeit, wieder lieben zu können. Spöttischer Verstand hatte'dem warmen Wort geantwortet. Sein greisenhaftes Haupt, dem Alter wohl anstehend, könne anders betrachtet, in der Ehe doch gar leicht zu Mißverständnissen Veranlassung geben, die nut Lächerlichkeiten verbunden wären. Und ditse Aus- einandersetzung wurde ausgeschmückt und untermischt von 1 allerlei formgewandten Reden und phrascnartigem Bedauern, von dem er nichts weiter behalten, als „die mit Lächerlichkeiten verbundenen Mißverständnisse«.
Und jetzt, wo die Parze seinen Lebenspfaden viele Jahre weiter gesponnen, der Silberfäden mehr sich in sein Haar gemischt, jetzt ersproß nochmals zur vollen Blüthe eine Liebe, unendlich verschieden von jener andern, auf die im Jugend- rühling ein Reif gefallen.
Er wußte es, er war nicht derselbe mehr, und deßhalb J auch seine Liebe anders. Nicht so zuversichtlich wie diese,
'o gläubig, vertrauend, so äußerlich. Er liebte nicht nur mit Augen und Sinnen, aus ganzer Seele liebte er. Ihres Herzens Lauterkeit, ihre innere Wahrhaftigkeit, ibre geistige Grazie, net», warum wollte er sich täuschen, auch ihre fremde, cigenthümliche Schönheit!
Wenn ihr wunderschönes Auge mit dem freien Blick oft o warm unlb aufleuchtend das seinige traf, oder er sie dahinwandeln sah, zierlich und schnell 'wie ein Vogel, oder wenn er ihre Züge betrachtete, dies- schnellwechselnden Mienen, diesen bezaubernden Farbenwechscl, diese verkörperte geistige Lebendigkeit, so wußte er es, daß sie es ihm mit Leib itnb Seele angethan hatte. Zum Weh! zum Leid! es war Verblendung, Vermessenheit, zu glauben, was die weiße Blume in seiner Hand sprach. Je länger ich Dich sehe, je lieber ich Dich habe! Eitler Thor, der er war, für Liebe zu nehmen, was vielleicht kindlich dankbare Empfindung war! Die wahre Liebe zeigt selige Scheu, kleidet sich niemals in unbefangene Offenherzigkeit; er wußte das an sich selbst und wie schwer ihm eben solche zur Schau getragene Un
befangenheit geworden. Ihm mußte die Leidenschaft die Klarheit seines Urtheils, seines Blickes getrübt haben, daß er jener Stunde so hohe Bedeutung gegeben. Das junge Wesen, das die höchsten Ansprüche stellen und erfüllen künnte — ihn lieben!
War es nicht ein Hohn, daß gerade jetzt sein Auge den Spiegel traf, in den der leisaufdämmernde Morgen seinen ersten Lichtstrahl warf, der ihm sein überwachtes Antlitz mit den ernsten Linien und sein ergrautes Haupt zeigte! Er lachte auf und erschrak vor der,! eigenen lauten Ton. Nein, kein Hohn sollte in diese Stunde fallen, in der sich sein Inneres klären, sich befreien sollte von eingebildeten Illusionen. Alle die schwererrungenen Grundsätze und Theorieeil seines Lebens sollten nicht verloren gehen, nicht abermals in einem Jrrthum enden.
Was hatte er einzusetzen für ihre Schönheit und Jugend, nichts Anderes als seine Liebe, die er nicht aussprechen würde, nie, nienials, wenn ihm nicht ganz andere, als diese eingebildeten Beweise von heute gegeben würden. Und selbst dann, würde ihn nicht das Gespenst des Argwohns, der Furcht verfolgen, würde er es über sich gewinnen, zu erbitten, wo selbst das denkbar mildeste Wort der Ablehnung ihn treffen mußte wie ein Blitz, vernichtend, ewig verderbend?!
Nein, nicht so sollte es kommen. Seine Jugend war zwar ausgelebt, aber noch stand er im Mittage seines Lebens und seiner Kraft, er war ein Mann und verstand zu kämpfen und zu siegen, auch über diese Katastrophe.
Sein starrer Blick löste sich von dem Spiegelbild, er sank nieder in einen Sessel, und sein Haupt in die Hände legend, verharrte er unbeweglich so lange Zeit.
Als er sich wieder erhob, waren seine Züge ruhig, die Spuren schweren Kampfes sichtbar, aber nichts von der Hin- fälligkeit gefühlsseligen Schmerzes oder eine lethargische Resignation. Seine Lippen umschloß jene feste Linie, wie sie ein unumstößlicher Entschluß einprägt, er hatte sich wiedergefunden, er war wieder Reimer Hartmann, der über die Schwächen seiner Natur mit der gewohnten Energie und und einer gegen sich selbst gerichteten, rücksichtslosen Willenskraft zu kämpfen mußte.
Zu ruhen vermochte er indessen noch nicht. Der frische Morgenhauch lockte ihn hinaus.
Bevor er aber ging, nahm er die duftige Blume, öffnete ern Fach seines Schreibtisches und legte diese zwischen ein sorgfältig zusammengebundenes Päckchen Briefe. Dann ging er mit leisen Schritten durchs Haus und trat in den dämmerigen Morgen hinein.
Es war ein selten schöner Morgen. Noch zwar kämpfte der schwache Lichtschein in, Osten mit Nebelschleiern und Dunkel, aber hell genug war es bereits, die Fluren weithin zu überschauen. So wanderte er ziellos dahin, die heiße Stirn dem Morgendwind darbieteud, durch Weizenschläge, Wiesen und Gründe. Ueberall lag noch die schlummerstitte Ruhe der Frühe, nichts. >vas an das Getriebe.des Werktags erinnerte, kein Blöcken der Schafe, kein Brüllen der Rinder, kein Vogellaut, fern nur der erste schwache Schrei des Hahnes, kein menschlicher Tritt, ausgenommen der seine, und auch dieser erstarb, als er den nadelbedeckten Weg unter Tannen nahm.
(Fortsetzung folgt.) I §L
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