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I. Beilage mm Wiesbadener Tagblatt.
(3S. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Auf Griiriweide.
Roman von K. H»akm6 - Z'ayseu.
Reimer blickte auf, scheu und flüchtig. „Wie es kommt? Nun, die Natur wird es sein, die sich Dir zum ersten Mal verständnißvoll mit ihren Freuden erschließt."
„Du warst es, der mir den Sinn dafür eröffnete," sagte sie innig, „Dir habe ich's zu danken, dieses und Vieles mehr.'" *•
„Mir? Ich wüßte nicht."
„O, ja. Schon damals," ihre Stimme senkte sich, — „als ich Dich wieder und wieder in die Grenzen oberflächlicher Bekanntschaft zurückmies, ließest Du nicht nach, mich aus der schlaffen Gleichgültigkeit zu wecken, mit der ich's gewohnt war, meine Umgebung zu betrachten. Weißt Du's nicht mehr? Bald sollte ich einen blüthenreichen Baum bewundern, oder eine sonnenbeleuchtete Haidestrecke, oder einen Waldflcck, der sich durch edclgcwachsene Bäume auszeichnete. Oder einen Sonnenuntergang, aber gleich jetzt, mahntest Du, denn die Wolkengestalten seien so einzig schön. Oder Du riefst mich ins Treibhaus, oder in den Garten, um eine eben erblühte Pflanze oder Blume zu betrachten. So ge- riethen wir auf die Botanik. Es war unter dem großen Tulpcnbaum. Weißt Du's noch? Ich meinte, es sei ein Ahorn, da seine Blätter dieselben tiefen Zacken haben. Du sagtest, selten fände man ihn im Norden und selten komme er hier zur Blüthe, dieser habe die Form einer Tulpe, und deßhalb sein Name. Sagtest Du nicht so?"
„Ja, ich sagte so," antwortete Reimer, ohne seine Blicke von der reizenden Gestalt, den beweglichen Zügen des Mädchens zu wenden. Es lag in Ton und Geberde, in der ganzen, leicht dahinflicßenden Plauderei eine unwiderstehliche, hinreißende Anmuth und Natürlichkeit, ihr ureigenes Wesen, das sich bisher in die Gewandung unerzogener Formen verborgen gehalten, nun hervortrat in aller Holdseligkeit und Unbefangenheit, deren Zauber sich der ernste Mann zum ersten Male ganz und voll hingab.
„Nun siehst Du," sprach sie, die Arme leicht übereinander- legend, mit ernstem Lächeln, „Du bist's gewesen, der mir d,e Natur lieb gemacht hat, und auch die Arbeit. In diesem stillen und doch so geschäftigen Hause bist Du mir ein Beispiel, nach dem ich mich zu bilden suche."
Er wandte sich bei diesen Worten plötzlich ab, stand auf um d,e Asche seiner Cigarre draußen am Fenstergesims' abzustoßen und sagte dann mit spottendem Anflug: „Kinder sehen m chren Eltern ihre Vorbilder. Du thust mir allzuviel Ehre an, Mariettal"
, Sie sah ihn einen Augenblick erstaunt an. Die oft so herbe Wendung seiner Redeweise kannte sie, und da sie keine Erklärung dafür fand, sagte sie furchtlos und rasch: „Ich weiß nicht, warum Du mir gegenüber geflissentlich stets „den alten Onkel!", oder wie jetzt den Vater betonst. Verzeih' als solchen möchr' ich Dich gar nicht. Auch als „alter OnkelI gefällst Du mir nicht, und Du bist's ja auch nicht es ist nnr so eine Redensart. Du erscheinst mir weder für die eine, noch die andere Figur durchaus nicht alt und — o, verzeihe, — nicht würdig genug. —"
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Ja, zwanzig Jahre älter als ich, Du könntest mein Bruder sein, mein Freund —"
Sie hielt in ihrer schnellen Rede an, ihr glänzender B lck traf sein tiefes Auge, einen Augenblick ruhten ihre Blicke ineinander, dann ergoß sich dunkle Röthe über ihr Antlitz: „Aber wir vergessen die Boianik —nun schon zum zweiten Mal, —" schloß sie verwirrt, eilte an den Tisch und fing an, mit geschäftigen Händen von den mitgebrachten Blumen die besten Exemplare zu sondiren. Reimer nahm seinen Platz wieder ein und das Konzept in die Hand, aus welchem Notizen über jene Blumen standen, die der Analyse unterworfen werden sollten. Er blickte schweigend eine Zeit lang nieder auf di- zierlichen Schriftzüge, ohne eigentlich zu lesen.
Es herrschte eine sonnige Stille im Zimmer. Der Gutshof lag verlassen und leer, denn die Leute arbeiteten noch auf den Feldern und manchmal drang fern her das Geräusch der Sensen, welche der Schnitter schärfte, oder vereinzelte Thierlaute aus den Ställen, oder das Klappern des Storches, der aus dem Strohdach der Scheune seine Jungen das Gehen lehrte. Der Regen hatte längst aufgehört und ein leiser Luftzug trug manchmal warmfeuchten Erdgeruch durchs Fenster.
Marietta nahm nun auch Platz am Tisch, erst ihrem Vormund gegenüber, als sie jedoch einige unleserliche Zeilen entziffern helfen mußte, blieb sie neben diesem sitzen. Einige Blumen hatte sie ihm und sich vorgelcgt und mit leis vorgebeugtem Haupte blickte sie nieder auf dieselben.
„Du hast das Gaisblatt erwählt?" fragte er.
„Ja. Sind meine Bemerkungen darüber richtig? Es gehört in die Abthcilung Phanerogamae?"
Selbstverständlich."
..Ich habe Klassen, Ordnung, Familie, Gattung und Art nach Linrios System vermerkt."
»Für den Laien ist zur schnellen Klassifikation des
Pflauzemndividuim 3 Sinne auch die geeignete Hülfe _
Die Blumenkrone bezeichnest Du als oberständig, röhrig, — o ist es, — sünfspaltig, oft ungleich, — richtig, — in der Knospe dachig, fünf oder vier Staubgefäße, — hier sind es ünf, — ein schönes Exemplar! — Es giebt eine Menge Arten, ich glaube zehn. — "
„Ja. und Du hast nicht eine einzige im Garten, obgleich es Deine Lieblingsblume ist."
„So, weißt Du dies?"
„Ja, Du sagtest es kürzlich zum Gärtner und daß er Stecklinge besorgen möge, damit die eine noch kahle Seite der Gartenmauer nächstes Jahr überrankt werde."
„Ich erinnere mich."
Reimer blickte still auf das Blatt nieder.
„Hierdurch weißt Du zugleich, daß sich diese Pflanze leicht durch Ableger verniehrt. Sie gedeiht ohne Unterschied in zedem Gartenboden, häufig findet man sie auch an Hecken. Du wirst diese zufällig darin gefunden haben?"
„Doch nicht. Ich suchte darnach. Endlich fand ich im Dorfe eine vollständige Laube."
„Ah so. Du siehst also, daß man die eigentliche Species auch zur Bekleidung von Lauben oder zur Ausschmückung im Garten benutzen kann."
„Ja, und es sah so wunderhübsch aus. O, und ein Duft! Hast Du die Blume deßwegen so gern?"
»Auch deshalb, und weil sie lieblich ist. — Wir kommen hierdurch auf die Farbe des hohen Schlingstrauches, der zahlreiche Blumen hat, weiß und gelbröthlich an der Basis der Röhre."
Marietta nahm einige in die Hand und sog langsam den Duft ein. Sie behandelte die Wissenschaft vollständig praktisch.
„Die Klassifizirung ist richtig, aber fti der lateinischen Benennung hier ein Fehler. Der Botaniker giebt der Blume den Namen: Caprifolium. Caprifolium mit einem p, ver- jleljft Du? Zusammengesetzt aus capra: Ziege und folium: S3!att, d. h. die Pflanze, welche klettert wie eine Ziege. Bet der Abschrift ins Herbarium vergiß nicht, ein p zu streichen."
Sie nickte. Dann sagte sie:
„Caprifolium! Gaisblatt! Das ist kein schöner Nanie für eine so liebliche Blume. Ich nenne sie nicht so."
„Nun, ch§vre feuille drückt denselben Gedanken aus; freilich man heißt sie auch anders, Specklilie, Waldlilie. Lonicera Caprifolium —"
„Dein barbarisches Latein! Du nimmst Alles so wissen« schaftlich. Ich nannte die Blume bisher: Je länger, j, lieber."
„Auch so heißt man sie."
„Je länger, je lieber! in dem Namen liegt ein ganzes Gedicht!" Ihre braunen Augen sahen mit verschleiertem Glanze auf.
„Die Blume hält aber, was sie verspricht, je länger man sie steht, ic lieber man sie hat."
„Du willst der Wissenschaft Poesie abgewinnen," meinte er, indem er das Konzept niederlegte, denn es zitterte ein wenig in seiner Hand. Dann erhob er sich, schloß das Buch und schob den Sessel zurück.
„Warum nicht?" entgegnete sie sanft, „die Wissenschaft erfreut den Verstand, die Poesie das Herz."
„Das ist wahr. Die Poesie ist ein herrliches Anrecht der äugend, sie verklärt die Alltäglichkeit mit sonnigem Schimmer. Schmücke Dir das Leben damit, liebes Kind, so lange Du jugendliche Wangen und ungebleichtes Haar Dem nennst."
Er sagte es mit gänzlich veränderter Stimme, wie aus einem Traum erwachend. Sein Athem ging schneller und er strich sich mit der Hand über die Stirn, als wisse er, daß sich plötzlich dort eine ernste Falte zeigte. Dann schritt er langsam zur Thür. Marietta war aufgestanden, suchte hastig auf dem Tisch die Blumen zusammen und sagte: „Wenn Du diese Blumen gern hast, nimm sie alle mit. Doch nein, sie sind von der Sonne berührt und nicht mehr frisch. Nimm diese." Sie löste sich den duftigen, zierlichen Zweig ab, der ihre Brust geschmückt, „eigentlich sollt' ich's nicht thun," fügte sie hinzu, während ein schnelles Roth ihre Wangen überflog, „ich denke an eine alte französische Canzone, in welcher — nein ich will sie nicht erzählen, sie ist traurig. Ich bin auch nicht abergläubisch," lächelte sie, .nimm sie, Onkel Reimer."
Als er zögerte, die Hand ausstreckte und wieder zurück- zog, sagte sie:
„Bist Du's etwa? Nun, Dich würde es nicht treffen, nur mich. Du brauchst bei der Blume nicht an den Aberglauben, nur an die Poesie zu denken."
(Fortsctzmig folgt.)
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