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«8. Jahrgang.

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Donnerstag, den 28 . Inni.

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(Nachdruck verboten.)

Goldmacher und Kiebeslraulrsdraner.

Wir Europäer haben wahrlich wenig Ursache, uns über die Zurückgebliebenheit der Chinesen aufzuregen, die jetzt mit Shrapnels, Flintenkugeln und Bajonetts knltivirt werden sollen; hat die lor Heinze schon im Allgemeinen gezeigt, daß es bei uns noch dunkel genug aussieht, so war es im Be­sonderen der Giftmordprozeß Jänicke, der sich am 22. und 23. Juni vor dem Schwurgericht in Potsdam abspielte, welcher mit erschreckender Deutlichkeit bewies, daß Europa bei sich noch ebensoviel zu kultiviren hat, wie bei den sogen. Wilden da draußen.

Europäische Kultur!-Ja, wir haben so Manches

seit dem Mittelalter gelernt, aber >vie Biele haben gelernt? Und giebt cs nicht noch schwarzes Mittelalter genug -aller­orten? Wie hätte Jemand geglaubt, daß in einer Stadt wie Berlin noch heute Menschen zu finden sind, welche an Goldmacherci, Liebestranke und dergleichen glauben, und mit welcher Entrüstung hätte die reichshauptstädtische Presse Den angefallen, der es vor dem ominösen 21. März des Jahres gewagt hätte, derlei von der „Hauptstadt der Intelligenz" zu behaupten I

Die Versuche des Menschen, in die Zukunft zu blicken, wie die geheimnißvollen Kräfte der Natur und die geheimniß- oollen Triebe des Menschenherzcns seinem Willen durch Vermittelung einer höheren Macht dienstbar zu machen, sind so alt wie die Menschheit, und zu allen Zeilen hat es schlaue Gaukler gegeben, welche diesen dunklen, im Menschen lebenden Trieb, den nicht der schärfste Verstand zu unter­jochen vermag, für sich ausgebeutet haben. Geheime Künste und Zauberei, sie ziehe» sich wie ein schwarzer Faden durch die mit Blut geschriebene Menschheitsgeschichte, und Alle, Alle haben daran geglaubt, Könige und Bischöfe. Künstler und Gelehrte ebenso wie das niedere Volk, und — aus allen Ständen glauben auch noch heute Leute daran!

Was war es, das die Mutter Alexanders des Großen, des größenwahnsinnigen Besiegers des Perserreichs, ins ge­heime Gemach trieb, wo sie sich mit einer mächtigen, scheuß­lichen Schlange einschloß? Das niedere Volk sollte glauben, der Knabe, welchen sie unter dem Herzen trug, sei der Ab­kömmling eines übernatürlichen Wesens, und die durch Gaukelei belhörte Masse der Makedonier und Griechen ver­richtete im Namen eines notorische» Schwachkopfes, eines Wahnsinnigen, der sich für einen Gott hielt, Thaten, welche einer Kreatur, die unter gewöhnlichen Verhältnissen ins Irrenhaus gekommen wäre, den Namen eines der größesten der Herrscher aller Zeiten eintrug.

Oder die Damen des alten Nom, wenn sie Sklaven­kinder schlachten ließen und Bäder nahmen in ivarmem Menschenblut, sie leitete der einzige Gedanke, damit an Schönheit und Liebenswürdigkeit zuzunehmen und auf den

(Schluß.)

(Nachdruck verboten.)

StreiMge durch die Pariser Weltausstellung.

Von Paul Lindenberg.

XI.

Sammlungen. - Das Feenreich der Diamanten. - Allerhand Uhren. — Die kleinsten Bücher. - Gobelin- 'Ausstellnng. — Idyllische Winkel.

Anfangs der Plauderei hatte ich erwähnt, welch be­deutenden Kaufmarkt das französische Kunstgewerbe besitzt, in dieser Gruppe nun erhält man einen fleiueu Beweis da- von: über einem mäßig großen Glasschranke liest man: „Sammlung eines Liebhabers der modernen französischen Kunst", und in den Gestellen findet man die mannigfachstcn Gegenstände, .meist mäßigen Umfangs, in Gold, Silber, Bronce, Elfenbein, Marmor, Holz, Email, edlen Steinen, und zwar Figuren, Geräthe, Vasen, Dosen, Schüsscin, Ringe, aber auch Messer, Gabeln, Notizbücher (in Gold), Cigareltenbehnlter (in Silber), Kruzifixe rc. — jedes ist ci» Kunstwerk, manches auf die Anregung dcsSammlers entilanden, bei dem nicht der Gegenstand an sich entschied, sondern die Schönheit desselben.

Und wie wird uns erst dieser Kaufmnrk! vor Augen geführt, wenn wir in die benachbarte Abtheilung der Diamanten, der Edelsteine, der Schmucksachen gelangen — da» funkelt und flimmert und schillert tausendfach um uns herum >vie in einem Feenreiche, und die Angen wissen nicht, wa^- ste zuerst bewundern sollen. Bewundern und wundern sind hier eins wundern, daß der Reichthum in derartiger, geradezu unerhörter Fülle vertreten ist, wo das alte Wort Wahrheit gewinnt: „Wcr's nicht gesehen, glaubt's nicht!" Da ist beifpielsweise der am meisten umlagerte Pavillon eines der ersten Bijoutiers (Boucheron), der Werihsachc» für 5 Millionen Francs birgt; und der Werth machl's ja nicht allct», sondern die meisterhafte Ausführung in eigenartigster und gefälligster Stilisirung, die Seltenheit der Steine (neben

Einen endlich den erwünschten Eindruck zu machen. Solch grausame „Sympathie"mitiel blieben in Gebrauch bis ins Mittelalter, natürlich nur in höheren Kreisen; die niederen Kreise suchten in' Kräutern, Steinen und mißgestalteten Thieren die geheimnißvollen Kräfte, welche das Wunder verrichten konnten. Gegen Krankheiten von Menschen und Vieh, zur Verhütung von Krankheiten, um Krankheiten an- znthun und Liebe cinzuflößcn, wurden die setksanisten Mixturen gebraut und gekauft; Schlangenaugen, Vogelzungen und Vogelnugen wie Vogelherzen, „Gallen", Augen u. A. von Kröten, Eidechsen, wilden Vierfüßern rc., starke Gifte, im Gotteshaus gewcihie Kräuier: all das spielte in der mittel­alterlichen Zauberei eine große Rolle und die „Zauberer" schreckten auch vor Grabesschändungen nicht zurück.

Nach dem dreißigjährigen Kriege, der die Venvilderung aufs Beste begünstigte, noch mehr aber im achtzehnten Jahrhundert, ging man der Zauberei energisch zu Leibe; das hatte aber nicht zur Folge, daß sie auSgerottct wurde, ganz im Gegeuiheil blühte die Spekulation auf die Dumm­heit der Menschen lustig weiter, und zog sie sich seitdem mehr in ein geheimnißvvllcs Dunkel zurück, das der Sache in den Angen mancher Leute noch ein ganz besonderes Ansehen gab.

Man kann mit vollem Recht sagen, baß die Zahl der „Zauberer", Karlen- und Eidenter heute nicht geringer ist wie im Mittelalter und weite Kreise glauben an derlei Unsinn, selbst hochgestellte Leute! Das Viehbesprechcn in nranchen Gegenden Dcntschlands ist nicht das Einzige, das von der Zauberei übrig geblieben ist, hatte doch noch vor Kurzem ein hoher Staatsbeamter in Ostpreußen dadurch großes Aergerniß irr der Geistlichkeit erregt, daß er zu einem „Zauberer" ging und seinen kranken Fuß besprechen ließ, der hinterher auch wirklich heil wurde. Eigenihümlicher Weise war die Geistlichkeit aber nicht über den Abcrglanbcn des hohen Herrn entrüstet, sonder» über — die Verbindung mit dem Teufel, welche er nach dem Glauben der Geistlichen damit curgegangen war, daß er den „Zauberer" aufsnchie. Nach ihrer Meinung mar die Heilwirkung des „Zaubers" nur mit teuflischer Einwirkung zu erklären.

Und dabei ist die Erklärung einer etwaigen Heilwirkung solchen „Zaubers" bei Krankheiten doch so naheliegend'! Nicht der „Zauber" heilt, sondern der Glaube an den Zauber, die Selbst suggestiv», welche den Willen stählt und ,die ganze Kraft des Körpers auf einen Punkt, auf die kranke Stelle konzenirirt. Wer das vermag, wer in anderen Menschen den gebundenen Willen lösen kan», >ver die ganze Kraft eines Fremden auf einen Punkt zu richten vermag, der ist eben der große „Zauberer", dem so Vieles gelingt; solche anßcrgen'öhnliche Menschen giebt cs aber nur wenige, und gerade fie. arbeiten mit einfachen Mitteln und nicht mit vergifteten Krähenaugen, Blansäuredämpsen und allein niöglichcn Zeug. Gewiß, in der Seele des Mcrischen ruhen gewaltige Kräfte, und es giebt Nuserwählte, die bergehoch über das übrige Gewürms hinausragen: aber die arme» Schächer ä In Jänicke sind

armselige Lumpen, denen nur winzige Brosamen vom voll- befetzicn Tische der geheimnißvollen Kraft des starken Menschenwillcns abgefallen sind. Aber auch mit diesen arm­seligen Brocken noch machen derlei Menschen Aufsehen. Der uralte kindliche Glaube der Menge kommt ihnen zu Hülfe, die Sucht nach allem möglichen Geheimnißvollen; vor Allem die Habsucht, und eigcuthümlich! — ihnen gegenüber tüirb die Habfncht zur Verschwendung und kann sich aarnicht genug thun im nutzlosen Wegwerfen des Eigenen. Diese wirklichen Gaukler sind es, welche sich auf die Kunst, Gold zu machen, werfen, ans das Herstellen von Liebestränken; schon manchen Fürsten haben diese Leute im Mittelalter gefchoren, wie sic heute noch die Dummen ansbeuten; zu Gunsten solcher Leute auzuuehmen, daß sie von der Wirkung ihrer Alberuheilen überzeugt wären, das hieße ihnen zu viel Ehre anthun. Und meuii auch nicht alle die „Beschwörungs­formel" amvendeu wie jener biedere Beschwörer aus dem hanuöver'schen Dorfe, der beim Herumgehen um das kranke Stück Bich odei den kranken Menschen in einem fort murmelte: „Help! ook nich, so schadt't ooch nicht« (Hilft es nichts, so schadet cs auch nichts), so wissen sic doch sämmi- lich, daß sie nur Uiisinn treiben und daß die Hauptsache die ist, den Dummen das Geld abzunehmeu.

Daß derartige Unsiitnigkciten viel in Dciuschland ver­breitet sind, das wissen wir Alle, nachdem aber der Mord- Prozeß Jänicke gezeigt hat, daß gar in der „Stadt der Intelligenz" die seltsamsten Dinge in dieser Beziehung Vor­kommen, da soll noch Einer sagen, daß wir über den Chinesen stehen.

Der Aufstand in China.

!M. Zeriin, 28. Juni. Die in einzelnen Blättern veröffent­lichten Mittheiluiigm über deutsche Rüstungen für Ostasicn, die über die bereit« amtlich bekannt gegebenen Maßnahmen hinaus­geben, sind, den „Berliner Neueste» Nachrichten" znfoige, unrichtig. Es sind bisher keinerlei weitergehende Maßnahmen getroffen worden. Selbstverständlich würden die betreffenden Weisungen sofort c' gchcn, wenn sich die bisherige» Vorkehrungen als imzurcichend erweisen soitlcn. - Ans absolut sicherer Quelle erfährt der „Vor­wärts", datz das russische KricgSininistcrilim a» alle zu­ständigen Behörden telegraphisch und vertraulich den Befehl geschickt hat, Alles zur Mobilmachung Nothwcndigc . o znbeieiten. Die Ordre ist am 18. und IO. dS. ergangen.' - Nach einer Meldung aus Nom entsendet Italic» zwei Latteiiccn Infanterie, zusammengesetzt ans Freiwilligen der italienische» Armee und zwei Battericen Askaris. unter den, Befehl eines OberstleutnautS nach China, dagegen keine Artillerie. - Wie den, „Berliner Tageblatt" aus Straßburg genicldci wiid, ist die für China bestimmte Ab- theilung Pioniere gestern nach Wilhelmshaven abgegangcn. — Admiral S e»mo ur thcilte, wie dem „Lokal-Anzeiger" ans London genieldct wird, am Ticnsiag heliographisch mit, daß er sich höchstens noch zwei Tage halten könne. In Tientsin ist während llö Stimdcir »ach dem Eintreffen der Entsatztriippcn in der Riclstnng ans Scymours Stellung heftiges Geschützfeuer gehört worden. - Eine Depesche der „Vossischen Zeitung" aus London besagt, der Prinz Tuan habe die Mit­glieder der auswärtigen Legalione» unter militärischem Geleit nach

großen gelben Diamanten ein kostbar gefaßter blauer Diamant von 22ftz Karat), ihre kunstferiige Behandlung — und in letzter Beziehung erregen das höchste Aufsehen die gravirlen Diamanten, schöne Steine, welche in Vertiefung die zier­lichsten Köpfchen von allerhand Göttinnen und ähnlichen reizvollen Damen aufweisen. Als einer unserer geschütztesten Berliner Goldschmiede, der in der deutschen Abtheilung Schmucksachen von „nur" 100,000 Francs ausgestellt, diesen Pavillon sah, äußerte er: „Am liebsten möchte ich meinen ganzen Kram wieder einpncken und nach Hause fahren."

Dabei dürfen unsere Juweliere durchaus nicht den Wettkampf mit den französischen scheuen, der Unterschied besieht nur darin, daß das, was bei den Deutschen als Ausnahme, als große Kostbarkeit gilt, hier in Paris gleich m umfassendster Auswahl vorliegt, als ob die Millionäre stets schockweise umhcriicfen. In Berlin versteht man ja auch zu leben und das Geld spielt häufig keine Rolle, abcr — mit Respekt zu sagen — brillantenbesctzte Strumpf­bänder für 12,000 Francs und von Juwelen ribersäte Fächer für 30,000 Francs sind für den Berliner Ben Akiba doch wohl etwas Neues, der Pariser dagegen lächelt bloß verschmitzt und flüstert verstündnißvoll: „Alles schon da- gewescn!" —

Aber selbst für diesen an Vieles gewöhnten Pariser Weisen ist doch neu der i» einem Glaskasten (welcher Nachts in einen unterirdischen stählernen Behälter gelassen wird) ausbewahrie Jubiiee-Dinmant. welcher, im Besitz des Diamanten-Syndikals von Jagersfoniein, als der größte Diamant der Welt gilt —er wiegt 239 Karat und sein Werth wird auf 7 Millionen Francs geschützt. Dafür wird sich selbst in Paris nicht so leicht ein Käufer finden — ja. wenn elwa Mr. Banderbilt König wäre und eine Krone tragen dürfte, dann würde sich die Sache schon leichter machen! —

Wohl kein kunstgewerblicher Zweig wird so von dem modernen Geschmack beeinflußt wie jener der Goldschmiede-

| und Jmvetierkiinst, linier enger Verwendung pflanzlicher Formen und . starker Hervorhebung mannigfacher Farben­wirkungen, die man früher direkt als „verrückt" bezeichnet hätte. Das lehrt ein Vergleich mit der auch in dieser Gruppe enthaltenen rückschauenden Ausstellung von Schmuck­sachen — man denke nur an die ungefügen Brüchen, die goldenen Ohrbommeln unserer Großmütter! Und wer weiß, wie in 70, 80 Jahren das Urtheil über die heutigen von uns freudig aiigestnuulcn Zierrathe lautet!

Haben wir in diesen unteren Räumen viel Zeit nicht etwa versäumt (denn wer nur über etwas längeren Urlaub verfügt, der richtet seine Schritte häufiger hierher und er wird stets Neues entdecken), sondern zngebracht, so können wir die Wanderungen durch die oberen Gallerieeil destomehr beschleunigen, denn sie enthalten Gruppen, für die sich nur bestimmte Besucher näher interessiren: Uhrmacherei, Necessaire- und Reise-Artikel, Papeterie, Lederwaaren, schließlich, wie schon erwähnt, noch Wohnungseinrichtungen und Gobelins. In den erf,ereu Gruppen fesseln die geschichtlichen Aus­stellungen von Spezial-Sammlern, die besonders zahlreich auf dem Uhren-Gebiet sind, darunter Sammlungen von hundert und mehr Stück, mit den Uhren Heinrichs III., aus den, Jahre 1580 stammend, Ludwigs XVI. und MaratS, des von Charlotte Corday ermordeten Revolutionsmannes; des letzteren silberne Taschenuhr, die mau in seiner Bade- zcllc fand, trägt die Aufschrift: „Nur dem Gesetz gehorchen, nur das Vaterland lieben!"

Ans welche Sache» Sammler verfallen, zeigt die merk­würdigste aller Bibliotheken, die in der Papieransstellung ihren Platz, nein, ihr Plätzchen gefunden, denn obgleich sie tausend Bündchen umfaßt, ist sie in einem Schrank unter­gebracht, der kaum einen Meter im Geviert hat — besteht sic doch nur aus Miniatur-Büchlein, deren winzigste etwas über einen (Zentimeter (vier von ihnen bedecken gerade eine Briefmarke), deren größte fünf (Zentimeter hoch sind. Die ältesten dieser Merkchen, unter denen eine Zahl deutscher