. Sei Inge zum Wiesbadener Tagblalt.
290. Morgen-Ausgabe.
(32. Fortsetzung.)
Dienstag, de« 26. Juni.
48. Jahrgang. 1906.
(Nachdruck verboten.)
Auf Grunmeide.
Roman von K. ^alme - ^aysen.
„Trautest Du mir wirklich zu," sprach sie mit gesteigerter Empfindung, „daß ich Verrätherin an meiner Selbstachtung werden könne? Ich muß das annehmcn, da Du mir die Unwahrheit so mundgerecht machtest. O, gestehe es mir, Du wolltest mich prüfen."
„Marietta, nichts weniger," rief er, „ich glaube an Deine Wahrhaftigkeit, wie an mein eigenes Ich!"
„Das Du dennoch Verleugnetest, Onkel Reimer. Oder sprachst Du Deine Ueberzeugung aus?"
Er wandte sich gegen das Fenster, als beachte er draußen etwas. Seine Lippen lagen einen Augenblick fest aufeinander, als fürchte er sich vor dem auszusprechenden Wort, dann sagte er: „Dein Vormund, Dein alter Onkel wünschte Dir eine peinliche Erklärung zu ersparen —"
„Lieber Onkel Reimer, Du wolltest —!* sie machte eine Bewegung seine Hand zu ergreifen, er aber bückte sich hastig und sagte, indem er ein von der Fensterbank herabflatterndes Blatt Papier von der Erde nahm und es auf einen fernstehenden Tisch legte:
„Es war ein Einfall des Augenblicks, Kind, weiter nichts. — Du wirst entschuldigen," sprach er von dort her, .draußen werde ich erwartet."
Damit ging er.
Marietta blieb regungslos stehen. Ihr Blick haftete noch oa, wo er gestanden und Worte gesprochen, so wechselvoll in Ton und Idee, warm, innig, ablehnend, ironisch, daß sie fast irre an ihm wurde und dennoch — hatte er nicht ihre Schuld auf sich nehmen, sie davon emlasten wollen! Einen Einfall nannte er es, aber war er ein Mann, der nach Einfällen handelte, der ohne tieferen Beweggrund alle seine Grundsätze verleugnete? — Ohne tieferen Beweggrund — sie sann darüber nach und langsam zog eine Röthe über ihr weißes Antlitz. Ihr Auge hob sich und blickte der jubelnden Lerche nach, die sich draußen im Sonnenschein jauchzend ins Blaue schwang. Ein Glück schwebte ihr vor, unerreichbar, unmöglich wie dort der Flug in den Himmel hinein.
XXVI.
„Alice, Mama wünscht Ruhe. Du sollst das Springen »uf dem Korridor sein lassen."
„Großpapa hat es erlaubt, Minna."
„Wenn auch. Du gehst sofort ins Kinderzimmer."
„Da ist es langweilig und draußen regnet es, und hier kann ich mit dem Philax so wunderschön umherrennen."
„Na, meinetwegen," und Minna ging gleichgültig die Achseln zuckend an ihr Bügelbrett.
Die kleine Mädchengestalt jagte hell aufjauchzend mit dem großen, schwarzen Neufundländer wieder den Gang hinunter. Gleich darauf öffnete sich die Thür von Herminens Zimmer, sie selbst trat auf die Schwelle.
„Du wirst thun, was Dir befohlen ist," sprach sie mit harter Stimme.
„Großpapa hat es erlaubt," schmollte die Kleine wieder, indem sie vor der Mutter stehen blieb und den weißen Arm um den Hals des großen Hundes schlang.
„Das gilt gleich, bist Du Großpapas Kind?"
„Ja, sein liebes Kind."
Hermine lächelte spöttisch. Dann zog sie die Stirn kraus.
„Thu, was ich Dir gesagt."
„Bitte. Mama, erlaub' es," schmeichelte die Kleine mit den freundlichsten Mienen.
„ Ganz gewiß nicht, daDu aufGroßpapas Erlaubniß trotzest."
Das Antlitz des Kindes verdüsterte sich. Es hatte eine Natur, die willig lenksam war, sobald die Liebe und Sanft- muth darauf einzuwirken strebten, harte Strenge forderte stets seinen ganzen Trotz und Eigenwillen heraus. Jetzt mit dem dunkeln, zornigen Strahl der schwarzen Augen und dem trotzig energischen Zug um den kleinen, purpurnen Mund, sah das Antlitz frappirend schön und interessant aus.
„Ich wollt', ich hätte keine Mama, nur einen Großpapa," stieß es heftig hervor.
„Das glaub' ich, man läßt sich- lieber verziehen, als erziehen." entgegnete Hermine gereizt.
Sie wnrde unterbrochen.
„Die Chaise von Grünweide hält vor der Thür, Frau Landrath," meldete Minna.
,,O, Onkel Reimer," meinte das Kind und wollte, seinen Unwillen vergessend, fröhlich davon eilen.
„Du bleibst hier," rief Hcrmine mit leiser, trockener Stimme und ergriff unsanft den zarten Kinderarm.
Einen Augenblick verharrte sie mit klopfenden Pulsen in aufhorchender Stellung. Ihr Blick haftete dabei auf dem dunklen Lockenkopf des Kindes, auf jener Stelle, wo unbarmherzig die Scheere eine häßliche Lücke geschnitten.
„Es ist das alte Fräulein Annette," kam Minna Bericht erstattend zurück.
„So eile Dich, sie hereinzufnhren," bemerkte die Haus- Herrin; langsam lösten sich ihre Finger von der Kleinen und aufathmcnd richtete sie das verstörte Antlitz auf.
Mehrere Wochen waren seit dem Brande auf Grünweide vergangen. Durch da? Eingeständniß des endlich eingefangenen Flüchtlings war in der That eine Brandstiftung konstatirt. Verhöre und Gerichtsverhandlungen waren erfolgt, nun harrte der Verbrecher im Kreisgerichlsgefängnisse seiner Verurtheilung entgegen. Dessen Familie war fortgezogen. Auf Grünweide hatte man eifrig mit den Neubauten der zerstörten und beschädigten Gebäude begonnen.
Obgleich diese Vorkommnisse der Landräthin Veranlassung zu einem Besuche daselbst gegeben hätten, um damit die seit jener erregten Scene mit Reimer beobachtete Zurückgezogenheit zu brechen, so beharrte sie dennoch darin, schützte zur Motivirung derselben allerlei körperliche Unpäßlichkeiten vor und hatte dadurch von den Vorgängen ans Grünweide von dem sie lebhaft interessirenden Verlobungsprojekt Mariettas, von dem Brande, seinen Ursachen und Folgen, nur schriftliche oder durch ihren Vater übermittelte, sehr flüchtig gehaltene Nachrichten erhalten, denn auch Marietta beobachtete eine seltsame Zurückgezogenheit und Verschlossenheit. Dies und der verlängerte Besuch des jungen Mädchens, der immer wieder Aufschub erhielt, erweckte in ihr wieder alle jene quälerischen Vermuthungen, die früher in einer unfruchtbaren Eifersucht, jetzt, nachdem sich ihre Leidenschaft durch die erlittene Niederlage und Demüthigung in unauslöschlichen Haß gewandelt, in heißem Rachegefühl wurzelten.
Der Besuch des alten Fräuleins versetzte sie in höchste
Spannung, sie ahnte mit Recht, daß besondere Bewandtnisse dieselbe zu ihr führten, denn Annette verließ selten uni ungern ihre Wohnung. Es gehörte die immer geübte Selbstbeherrschung dieser Frau von Welt dazu, auch jetzt, wo ihr unzählige Fragen auf den Lippen brannten, die gewohnte lächelnde Ruhe zu zeigen.
Rach der ersten lebhaften Begrüßung Beider sagte Annette:
„Ich hab's nicht glauben wollen, daß wirklich Ihr Befinden Sie am Kommen gehindert, aber —" sie blickte forschend theilnehmend der jungen Frau ins Gesicht, — „jetzt sehe ich es. Sie sind leidend, meine Liebe."
Hermine erröthete. Ihr Angesicht hatte in der That etwas von der früheren Frische verloren, ein blauer Schimmer unter den Augen und die ausgeprägteren Züge ließen sie älter, ja leidend erscheinen.
Der theilnehmende Ton der alten Dame aber reizte sie; Mitleid wollte sie nicht. Mitleid um keinen Preis! Nun, da sie für die verloren gegebene Sache keiner Fürsprecherin bedurfte, spürte sie plötzlich Lust, dem alten Fräulein die Meinung zu nehnien, ihre Empfindungen für den Neffen seien jemals mehr als eine flüchtige Neigung gewesen. Dadurch entging sie nicht allein allen mitleidigen Regungen und Mienen der alten Damen, es machte dieselben auch offenherziger, vertrauender, und eben jetzt lag ihr viel daran, von allen Vorgängen ans Grünweide genau unterrichtet zu sein, wo sie es selbst nicht mehr aufsuchte und Marietta sich scheu zurückhielt.
Zudem besaß sie augenblicklich eine Handhabe für die Erzielung dieses Wunsches, welche die Glaubwürdigkeit ihres Benehmens bestärken mußte, zugleich auch dem Gutsherrn, dessen pietätvolle Diskretion ihr bekannt war, zeigen sollte, wie wenig dauernd und eknst empfunden jene Gefühlsaus- brüche gewesen, die ihr ein leidenschaftlicher Moment des Vergcssens entlockt.
Sie zeigte auf ein entfaltetes Schreiben auf ihrem Schreibtische und erwiderte:
„Daß ich leidend bin, wie kann es anders sein, thenre Freundin, ich lebe in geistiger Unruhe und Unentschlossenheit. Der Schreiber jenes Briefes, ein hoher Beamter in K., wünscht mich meiner stillen Einsamkeit zu entreißen, mich als Gattin wieder in die laute, bewegte Welt hinauszuführen — doch sprechen wir heute nicht von meinen Interessen, Sie müssen mir heute recht viel von sich und Ihren Lieben erzählen!"
Dies wurde mit einer Leichtigkeit und Oberflächlichkeit gesprochen, daß Annettens Erstaunen darüber fast an Verwirrung grenzte.
„O, Liebste!" rief sie, „nein, was Sie sagen! lieber Hinimet, ja, es kommt oft anders, wie man gewünscht und gehofft —"
„Wie meinen Sie das?" fragte Hermine empfindlich.
„Nun, nun, ich dachte soeben an mich, was ich gewünscht, — was ich — nun, lassen wic's. Also auch hier Veränderungen! hier, wie bei uns!"
„Bei Ihnen?"
Hermine legte Hut und Tuch ihres Besuches bei Seite, ihre Hände zitterten und abgewandten Antlitzes machte sie sich an einem Schranke zu thun, während sie fast athemlos auf Annettens Worte lauschte.
(Fortsetzung folgt.)
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