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Mo. 289. Abend-Ausgabe.

(18. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Des Nächsten Weib.

.. Roman von Heorg Enget.

Nun klebte ihm die Zunge am Gaumen, dem unheiligen Hunger nach Gold folgte der körperliche, der wirkliche, nagende Hunger, und während der Baron seinen vornehmen, gebückten Gang annahm, beschloß er mit triumphirendem Lächeln, diesem Gelüst auf das Fürstlichste zu stöhnen.

Wohin?

Die vornehmste Weinhandlung der alten Hausastadt hieß das „Gelbe Faß".

Hier hatten schon die bezopften, schwedischen Raths- herren langwierige Weinproben gehalten, hier verkündeten alte Sprüche, daß schmucke Wirthinnen dem durchreitenden Feldobersten den Pokal aufs Roß hinaufgereicht, und daß der feste Haudegen ihren Kopf in beide Hände genommen and sie gröblich auf die schwellenden Lippen geküßt habe.

Das waren alte Erinnerungen; jetzt hielten die reisigen Herren auf —itz und —witz und —ow im „Gelben Faß" ihre Sitzungen und die blonden Wirthinnen, jetzt distinguirte Damen, zeigten nicht mehr solch ausgesprochene Neigung, sich von fremden Neitersmännern küssen zu lassen.

Ja, dorthin, dorthin wollte der Genußsüchtige eilen, bevor er sich anderen, he, he, ganz anderen Vergnügungen hingab. Denn hier, wo nur seine ehemaligen Standes­genossen verkehrten, war er sicher, daß seine Gattin nichts wn seinen kleinen Ausflügen erfahren könnte.

Und nun SN avant, nur keinen Gedanken nachhängen, nur hineilen mit möglichst vornehmen, sicheren Allüren und dann trinken den sprühenden, gischtigen Champagner, und wie in kräftigen Lebenswassern gebadet werden, und dann sich langsam darin berauschen, ja berauschen — gleichviel, ob auch die blasse Frau in seinem Hause darüber erstaunt, denn seine Krankheit schützt ihn ja vor ihr. Alles macht sie ja glaublich, dieser beste Einfall seines Lebens — die Krankheit.

Und nun war er da, nun sprang er mit fliegendem Athem die tiefausgetretenen Sleinstufcn hinauf — noch ein Moment feigen Zauderns und die gebräunte Eichenthür ächzte knarrend in ihren Angeln.

Feiner, duftiger Cigarrenrauch, Weinwolken. Lachen und Gläserklang schlugen ihm entgegen, der Athem ging dem Eindringling aus, mit unsicheren Bewegungen schlüpfte er durch die kleine Stube bis an den nächsten einsamen Tisch und ließ betäubt das Haupt sinken.

VIII.

Im „Gelben Faß" ging es hoch her?

Der Kapitän von Holstein gab hier ein pompöses Sekt­frühstück zu Ehren eines sehr kleinen, sehr kahlköpfigen und sehr schwarz gekleideten Herrn, des Geheimen Negierungs­

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O mein Hcimathland! O mein Vaterland!

Wie so innig, feurig lieb' ich Dich!

Schönste Ros', ob jede mir verblich.

Duftest noch an meinem öden Strand,

Werf ich von mir einst dies mein Staubgewand, Beten will ich dann zu Gott dem Herrn:

Lasse strahlen Deinen schönsten Stern Nieder auf mein irdisch Vaterland.

Gottfr. Keller.

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Montag, den 23. Juni.

raths von Buggenhagen, Vortragenden Raths im Marine- ministerium, welcher eigens aus der Hauptstadt gekommen war, um die Holsteiuschen Werften in Augenschein zu nehmen, und den jungen Besitzer eventuell mit der Bau­ausführung zweier neuer Kanonenboote zu betrauen.

Das machte Aufsehen in der Stadt!

So lange der alte Worse noch die Oberleitung gehabt, hatte sich die Regierung niemals um seine Anlagen ge­kümmert und jetzt — der neue Herr konnte sich kaum in seinem Besitztum umgesehen haben, da saß bereits der offizielle Vertreter des Reiches bei ihm, eine Art Minister, der sich von ihm bewirthen ließ, von ihm, dem mit schlichtem Abschied entlassenen Offizier.

Wie das wirkte!

Ein Kleeblatt greiser Stadtväter, das schon seit un­zähligen Jahren in der dunkelsten Ecke des „Gelben Fasses" zu tagen gewohnt war — Punkt zwölf erschien, mit dem Glockenschlag eins anfbrach, und während dieser Zeit nicht ein einzig vernehmbares Wort von sich gab. selbst dieses stumme Kleeblatt brach in Folge des Ereignisses mit allem Brauch und Herkommen, und munkelte, brummte und wisperte, daß die kleinen Weinfexe mit stillem Entsetzen in die finstere Ecke starrte», überzeugt, dort hinten begebe sich irgend ein gräulicher Spuk.

„Ein gewaltiger Umschwung, Herr Kollege."

„Sehr gewaltig, Herr Kollege."

„An dem ganzen Gerede ist auch nichts, meine Herren."

„Ist nichts, Herr Stadtrath?"

„Der junge Herr wird nämlich jetzt seinen Prozeß gegen den Landrath von Parchim gewinnen."

„Was Sie sagen, Herr Stadtrath?"

„Und das Gut wird der Landrath auch hcrausgcben müssen, erzählte mir gestern der Kreisrichtcr Bremer."

„Da ist er ja sozusagen unschuldig.

„Es scheint so, Herr Kollege."

„Allerdings, der Vater — hm."

„Ja, der Vater allerdings —"

„Der ist nicht wegzulengnen", wollte der Stadtrath bemerken, aber da schlug es eins, und das Kleeblatt er­hob sich.

Der Champagner floß in Strömen, die aufgehäuften Austernschalen schwollen zu kleinen Gebirgen an, und noch immer erwies sich der Kapitän unerschöpflich im Aus sinnen neuer Genüsse.

Mit vollendeter Liebenswürdigkeit machte er den Wirth, sprudelnd von Witz und Humor, hatte er dabei doch ein scharfes Auge für die Bedürfnisse eines jeden seiner Gäste, denn auch an der anderen Seite der Tafel saßen mehrere Großhändler, bedeutende Industrielle, welche sich eine Ehre daraus machten, mit dem Herrn von der Negierung au einem Tische zu speisen.

Man las es dem jungen Gastgeber förmlich vom Ge­sicht. wieviel ihm an dem definitiven Abschluß dieses großen Geschäftes gelegen sei, denn das empfanden Alle — wurde dem Kapitän diese für das Reich so eminent wichtige Lieferung übertragen, so gab ihm die Negierung gleichzeitig dadurch eine unverblümte Ehrenerklärung, die alles Frühere hinfällig machte.

Eine gewaltige Spannung hielt die städtischen Thcil- nehmer dieses Gelages in Athem, Allem Pokuliren und Zechen zum Trotz verfolgte man jeden Blick der kahl­köpfigen Excellenz, die mit kalter, nüchterner Geschäftsruhe eine Auster nach der anderen aufgabelte.

48. Jahrgang. 1900.

Der Kapitän sprach von allem Möglichen, von närrischen Originalen, die ihm hier in der Stadt ausgefallen, von seinen Reisen, von der merkwürdigen Firma Pilz und Schimmel, nur von dem Geschäft erwähnte er keine Silbe, und doch blickte ihn der zugeknöpfte Rcgierungsrath manch­mal mit einem halben Lächeln an, das deutlich verricth, wie offen alle heimlichen Gedanken des Sprechers vor ihm lägen.

Wieder wurde eine neue Sektbatlerie aufgefahren, da rasselte es in der geöffneten Thür, klirrend zog Graf Burg- Haus mit mehreren seiner Offiziere an ihren Stammtisch, und an der Seite des Obersten schritt der Landrath von Parchim. Als die Herren den fremden Würdenträger wahr- nahmen, boten sie ihm mit militärischer Würde ihren Gruß, ohne den daneben sitzenden Kapitän zu bemerken.

Den Seemann genirte das nicht. Mit unerschütterlichem Gleichmuth handhabte er sein Austernmesser und hielt den durchdringenden Blick der Excellenz mit einer Kaltblütigkeit aus, welche die Anderen in stunimes Erstaunen setzte.

Die Offiziere machten unterdeß ihre Bestellung.

„Jean", rief einer der Jüngeren, „Austern, aber keine Holsteiner, die taugen nichts."

Das Wort war sicherlich nur zufällig gefallen, aber plötzlich entstand eine auffällige Stille, mehrere der Kameraden wandten sich und blickten auf den Kapitän, der nun ge­zwungen den Kopf hob und die Tafelrunde mit einem leisen Lächeln maß.

Nur die kahlköpfige Excellenz rührte sich nicht. Kalt, abgemessen wie immer, führte sie den Sektkelch zum Munde und fragte dann plötzlich ganz laut, wie wenn es einer öffentlichen Angelegenheit gelte:

„Haben da eine verbundene Hand, Herr Baron, rührt wohl noch von der Föhrener Revolte her?"

Der Landrath, am anderen Tisch, wurde bleich und auch der Kapitän stockte, bevor er ausweichend zur Ant­wort gab:

„Sie thun dieser Schramme zuviel Ehre an, Excellenz, ich bin gefallen."

Der Regierungsrath starrte immer aufmerksamer den blauen Ring seiner Cigarre nach und sprach womöglich noch lauter als vorhin:

„So? Glaubte ehrenvolle Wunde im socialen Krieg — übrigens sind wir genau über diese Vorgänge orientirt, wenn auch Behörden dergleichen gern verschweigen." Und während er den Kapitän wieder mit einem ganz gleich­gültigen Blick maß, sagte er kühl und kalt: „Seine Majestät haben über Ihre resolute Art des Eingreifens, Herr Baron, herzlich gelacht und wiederholt ihre Befriedigung aus­gesprochen ; solche Männer fehlen uns — hm, wie wäre es mit einem Mandat für de» Landtag?"

Wie ein elektrischer Schlag zuckte es durch die Trink­stube, am anderen Tisch fuhr der Landrath empört zur Höhe und wurde von dem Oberst nur mit Blühe zurück­gehalten.

Um die Lippen des Kapitäns spielte ein seltsanies Lächeln, als er sich nun ablehnend verbeugte.

„Ich bin nicht bescheiden genug, um Excellenz zu ent­gegnen, das; Sie meine Gaben überschätzt hätten", äußerte er unbefangen, doch laut genug, daß sich die Zuhörer am Nebentisch über diese Unverfrorenheit entsetzten.

(Fortsetzung folflt.)

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