1. Beilage ?uut Mesbaüener Tagklatl.
Mo. 288. Morgen Ausgabe.
Sonutaa. den 24. Juni.
18 IQ An
(31. Fortsetzung.) (Stachdruck verboten.)
Auf Griinweide.
Roman von K. ^«fmö-A'ayse«.
„Wohl," schnitt er ihr das Wort ab, „so ist die Sache erklärlich. Du fürchtetest Gefahr für den Gefangenen von dem Brande, — Du —"
„Onkel Reimer!"
Der Ruf klang so ernst vorwurfsvoll in seine Rede hinein, daß er stockte.
Er, ein Feind jeglicher Lüge, der auf die geringste Abweichung von der Wahrheit verächtlich niederblickie, er sprach hier mit vollstem Bewußtsein vom Gegenthcil seiner lleberzeugung. — Dieser Ton, dieser Blick aus ihren dunklen Augen machte ihn, den charakterfesten Mann, erröthen, beschämte ihn wie einen schuldigen Knaben, den man auf einer Lüge ertappt. — Er wich ihrem Blicke aus, sah erst auf, als sie zu reden begann und den ganzen Thatbestand des Geschehenen wiedergab, klar, einfach, ohne die mindeste Beschönigung ihres Thuns. Niemals war ihre interessante Schönheit so wirkungsvoll hervorgetreten, als jetzt in dieser fremden, ernsten Würde. Sie schien auch äußerlich verändert. Nicht wie sonst wand sie ihr schönes Haar kunstvoll um den zierlichen Kopf. Sie hatte sich nicht die Zeit dazu geben wollen, und war hastig hinunter geeilt, als sie von der Ankunft des Gendarmen gehört. Noch hing es in ganzer Fülle, wie ein dunkler Schleier um den Oberkörper, und zitternd, unbewußt spielte ihre Hand damit, während sie sprach, es um sich ziehend über die Brust, gegen die ihr stürmisch pochendes Herz schlug. Durch die bewegte Stimme drang trotz aller Beherrschung, die ihr noch fremd, etwas von der überstandenen Scelenpein und von der augenblicklich tiefen Beschämung, hier, vor aller Augen, ein Schuld- bekenntniß oblegen zu müssen.
Die Fremden mochten dies empfinden und unliebsame Erörterungen voraussehen. Der Beamte entfernte sich deß- halb mit dem Volontair, indem er vorgab, nochmals die Brandstätte besichtigen zu wollen.
Somit verlor sich auch bei Annette die Rücksicht, die sie in Gegenwart Jener ihrer Zunge auferlegt.
Alles, was sich im Laufe des halben Jahres an kleinen Aergernissen, Bitterkeiten und Gehässigkeiten in ihrem kleinlichen, quälerischen Gemüthe angesammelt, ohne durch Worte Ausdruck gefunden zu haben, vergegenwärtigte sich ihr jetzt, wo die Urheberin derselben ein fast verderbenbringendes Unheil über sie und ihre Familie herbeigeführt. Nun endlich konnte sie doch einmal mit vollem Recht dem zurückgehaltenen Groll freien Lauf lassen, und ihre ohnehin scharfe Zunge sprach kalt und rücksichtslos aus, dessen das Herz voll war.
„Und nun, nach so manchen Verdrießlichkeiten dieses Halbjahrs," schloß sie erregt, „nun noch dies Ungemach, diese fürchterliche Nacht, diesen enormen materiellen Schaden —".
„Tante," unterbrach sie Marietta mit zitternden Lippen, „was den anbetrifft, so sorge Dich nicht, den Schaden werde ich selbstverständlich tragen."
„Pah, Dul" rief die alte Dame im zornigen Selstver- gcssen, „etwa von dem Erlös Deiner Schmucksachcn, wovon sonst?"
In Marietta schwoll zornige Empfindlichkeit auf. Ent- gegnnngslos hatte sie alle Vorwürfe hingenommen, diese feindliche Gehässigkeit glaubte sie nicht verdient zu haben. Nicht ohne Bitterkeit sagte sie: „Ich denke doch, daß meine Renten für den Neubau eines Stalles genügen werden."
Ein schadenfrohes Lächeln trat auf Annettens Lippen. „Dein Hochmuth," sagte sie, Marietta gerad und fest ins Auge sehend, „verdiente eigentlich gerechte Demüthigung; immer und bei allen Dingen fußest Du auf Deine Gelder, übermüthiges Mädchen! Wie nun, — wenn —"
„Nicht weiter, Du vergißt Dich! Was soll der Streit!" so rief Reimer, der am Fenster gestanden und jetzt seine Hand schwer auf den Arm der Sprecherin legte. Er hatte mit steigendem Unmuth, aber stumm dem erregten Zwiegespräch zugehört, denn er scheute sich, nochmals Mariettas Vertheidiger zu spielen. Nun hielt es ihn nicht mehr. Das ganze von Annette widerwillig gegebene Versprechen war in Gefahr, gebrochen zu werden.
„Wie können wir von Brandstiftung sprechen," fuhr er unwillig fort, „ohne die geringsten Beweise dafür, und von Schadenersatz, da Gebäude und Inventar vortrefflich versichert sind."
„Freilich," gab Annette empfindlich zu, sie war es nicht gewöhnt, daß man ihr das Wort so rücksichtslos abschnitt, „freilich, Schreck, Angst und Aufregung lassen sich auch nicht bezahlen."
Dunkle Röthe überzog Mariettas Antlitz.
„Du hast Recht, Tante," sagte sie mit vibrirender Stimme, „auch nicht die vielen Verdrießlichkeiten, die ich Euch bereitet; deßhalb, Tante, wird es gut sein, wenn ich Euch bald, recht bald verlasse. Vor Allen, Du wirst es wünschen, Onkel Reimer, da ich Dir so viel Unbequemlichkeiten und Leid zugefügt habe."
Sie sprach es schüchtern aus, den fragenden Blick zu ihrem Vormund erhebend.
Reimers Stirn röthete sich. Er fühlte, daß er nicht im Stand sei, ihr auf diese direkte Frage eine ruhige Antwort zu geben. Nun schon zum zweiten Male in dieser Stunde überfiel ihn bei ihrem Blick, bei ihrem Wort eine unbegreifliche Verwirrung. So wandte er sich mit schneller Bewegung zu seiner Tante und sagte ausweichend: „Die Gastfreundschaft ist von Vätern her das Privilegium dieses Hauses gewesen. Du wirst nicht die erste sein wollen, Tante, welche ihm diese Zierde raubt. Ich mindestens — und ich glaube auch Deine Schwester — wir verwahren uns gegen die Vorwürfe, die Du unserem Gaste machst."
„Mein liebes Kind," stimmte Sophie ein, Marietta umfassend, „wir wollten Dich eben bitten, länger noch als den Sommer bei uns zu verweilen, von Abschied darf daher gar keine Rede sein! Vergiß aber nicht, daß Annettens Gereiztheit über die entsetzliche Begebenheit dieser Nacht gerechtfertigt ist." Die gewinnende Herzlichkeit dieser Worte besänftigte das erregte Mädchen. Sie umschlang die alte Dame und trat dann mit plötzlich erwachendem Reuegefühl zu Annette, ihr die Hand reichend.
„Verzeihung, Tante," bat sie, „es ist wahr, ich habe gefehlt, Du hast Recht, sehr böse auf mich zu sein. Vergiß, was ich Unfreundliches gesagt."
Annette erhob sich. Diesen versöhnenden Ausgang hatte sie nicht erwartet und durchaus nicht gewünscht; widerstrebend legte sie einen Augenblick die hageren Finger in Mariettas dargebotene Rechte und sagte: „Solches läßt sich leicht sagen. Empfindungen sind indessen nicht so schnell zu wandeln, wie Worte und Ton. Zum Vergessen gehört Zeit, rechnen wir also Beide auf diese."
Sie schritt in gerader, steifer Haltung durchs Zimmer, wandte sich an der Thür aber nochmals um.
„Ich muß Dich bitten, mitzukommen, Sophie," bemerkte sie, „hast Du etwa die grenzenlose Unordnung zwischen den
Arzneiflaschen in meinem Schranke angerichtet? Ich suchte mein englisches Salz vorhin, ohne es zu finden."
„Auch hierfür Verzeihung, Tante," sprach Marietta schüchtern, „ich bin's gewesen."
„Du? Was hattest Du denn in meiner Apotheke zu thun?"
Marietta blickte scheu zu ihrem Vormunde hinüber.
„Ich suchte Lilicn-Oel, Tante."
„Wofür denn das?"
„Für eine Brandwunde."
„Hm, wo sitzt denn die?"
„Es war nicht für mich," antwortete sie leise, „darf ich Dir ordnen helfen?"
„Um Alles nicht, davon hast Du gar kein Verständniß," und Annette verließ schnell, als fürchte sie, man könne ihr folgen, mit der Schwester das Zimmer.
Marietta blieb stehen. Sie haßte Thränen, aber jetzt, jetzt hätte sie weinen mögen. Wie lieblos, wie streng klang das Alles, was sie aus dem Munde dieser alten Dame gehört. Sie fürchtete auch von ihm, der doch von Allen das erste Recht dazu gehabt, ein hartes Wort.
„Onkel Reimer," sagte sie mit verhaltener Stimme, die aber in dieser Zaghaftigkeit sehr lieblich klang, „kannst Du mir auch — nur mit der Zeit verzeihen?"
Reimer wandte sich ins Zimmer. Von der verwundeten Hand, die er nun erst genauer betrachtete, wo aus feinem Battist ihr Name voll und ganz in zierlicher Stickerei hervortrat, irrte sein Auge zu ihr hinüber. Er empfand, daß bei übcrströmendem Gefühl Schweigen leichter zu tragen gewesen sei, als die Rede eines einfachen Wortes. Zu reflektiren, warum es so war, vermochte er in diesem Moment nicht, aber er fühlte es vorahnend, daß er im Begriffe stehe, abzuirren von den vorgcstecktcn Zielen seines Lebens. Wenn jemals, so war er jetzt der Beherrschung benölhigt, und so blieb er scheu stehen, als fürchtete er es, aus nächster Nähe in ihr großes, tiefes Auge zu blicken.
„Wir Menschen irren und fehlen alle," gab er ihr zur Antwort, „Du hier aus bester Absicht. Diese Nacht war für Alle gleich schrecklich, auch Du hast gelitten, ich sehe es, und vielleicht mehr als wir. Sprechen wir nicht mehr von diesen schweren Stunden."
Sie trat zu ihm.
„Du vergiebst mir also alles Ungemach, alle Schmerzen, die ich über Dich gebracht?" fragte sie mit zurückkehrendem Vertrauen und deutete ans seine Hand.
„Also Du warst meine Pflegerin, Marietta?! Reden wir doch nicht von Ungemach und Schmerzen, denen liebevolle Linderung gespendet ist — ich habe Dir ja zu danken."
Er lächelte dabei, und da er dies selten that, da er selten seiner Stimme weichen Klang gab, erkannte sie das Ausweichen seiner Antworten, als zarte Rücksicht, ihr durch eine ausgesprochene Verzeihung eine doch immerhin demüthigcude Regung zu ersparen."
„Wenn ich Dich um etwas bitten darf," fuhr er etwas gezwungen fort, „so schenke mir in Zukunft bei ernstem Anlaß rechtzeitig Vertrauen. Das peinliche Bekenntniß vorhin hätte ich Dir erlassen können, wenn dies geschehen."
Sie fiel ihm ins Wort. Ihre Stirn röthete sich, als sie sagte: „Onkel Reimer, das hattest Du nicht nöthig, meine Wahrhafligkeit auf die Probe zu stellen! Habe ich Dir jemals Veranlassung gegeben, daran zu zweifeln?"
„Ich verstehe Dich nicht, Marietta!" antwortete Reimer in größter Verwirrung.
(Fortsetzung folgt.)
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ein Schuhwaaren - Engros - Hans eröffnet und den Enden, Parterre, auch für den Detail-Verhauf eingerichtet. Auf Letzteres mache ich meine früheren Abnehmer hiermit ergebenst aufmerksam.
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