*«. Jahrgaug.
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Ma« 287. Fernsprecher No. 52.
Samstag, den 23. Juni. Fernsprecher N- 52
1900.
Abend -Ausgabe.
Zum Jubiläum der „schwarzen Kunst".
Der morgige Tag gilt der Erinnerung an einen Mann, dessen geniales Wirken eine Revolution auf dem Gebiet der kulturellen und geistigen Entwicklung herbcigefnhrt und die Menschheit einer neuen Epoche entgegengeführt hat, einer Epoche des Vorwärtsstrebens, der Bildung, der Aufklärung. Es ist ein merkwürdiges Geschick, daß uns von dem Manne, dem wir die Kunst verdanken, die Geschehilisse der Ver- gangenheil und Gegenwart der fernsten Zukunft zu übermitteln, weder Jahr und Tag der Geburt noch des Todes mit annähernder Genauigkeit überliefert worden ist. Nur soviel hat die eifrige historische Forschung festzustellen vermocht, daß Johannes Gutenberg, der geniale Erfinder der Buchdruckerkunst, muthmaßlich in der Zeit von 1397 bis 1400 zu Mainz das Licht der Welt erblickt hat, in der er Licht und Aufklärung in so reichem Maße Derbreitet hat, und daß er zu Ende des Jahres 1467 oder zu Anfang des Jahres 1468 in Eltville im Nheingan sein Leben beendet hat, das arm an äußeren Erfolgen und Ehren, aber reich an unermeßlichen, weltumwälzenden Leistungen gewesen ist.
Der geniale Erfinder der schwarzen Kunst hat nicht nur sein ganzes Leben hindurch mit Noth und Entbehrungen kämpfen müssen und vergeblich nach Anerkennung gerungen, sondern auch nach seinem Tode sollten ihm seine unsterblichen Verdienste um die Fortentwicklung der Menschheit streitig gemacht werden. Demjenigen Manne, der ihn um die materiellen Erfolge seiner genialen Erfindung gebracht hatte, dem Johann Fust, gelang es eine Zeit lang, auch den Ruhm dieser Erfindung sich anzueignen, und auch andere Länder, wie Holland und Italien, suchten das Verdienst der Erfindung der Buchdruckerkunst für sich in Anspruch zu nehmen. Aber die geschichtliche Forschung hat es als unanfechtbare Thatsache festgestellt, daß kein Anderer als Johannes Gutenberg es war, dem wir jene Kunst verdanken, welche Martin Luther als die zweite Erlösung des Menschengeschlechtes bezeichnet hat.
Und eine Erlösung des Menschengeschlechts war es in der That, eine Erlösung aus den Banden der Unwissenheit, des finsteren Aberglaubens, der geistigen Sklaverei. Vor der Erfindung der Buchdruckerkunst waren Bildung und geistiges Vorwärtsstreben ein Monopol einer kleinen Klasse von Besitzenden, ein Privileg der „Wenigen, die was davon erkannt". Erst durch die Erfindung der Buchdruckerkunst gelang es, die Schätze des Wissens und der Erkenntniß, die bis dahin ein Monopol der Reichen waren, zu einem Gemeingut aller Menschen zu machen. Für einen kleinen Theilbetrag der Summe, die vor der Erfindung der Buchdruckerkunst die Anschaffung eines einzigen geschriebenen Werkes kostete, vermag sich heute auch der minder Bemittelte eine Anzahl nützlicher Bücher anzuschaffen, aus denen er Belehrung und Bildung schöpfen kann. Aber auch dem Unbemittelten werden in steigendem Maße die Wohlthaten der schwarzen Kunst zugänglich gemacht, je mehr überall die Bestrebungen Boden gewinnen, durch Gründung von Volksbibliotheken und öffentlichen Lesehallen allen Kreisen des Volkes die Fortschritte der geistigen Entwicklung zugänglich zu machen.
Wer aber ist es, dem das Hauptverdienst gebührt bei dem Bestreben, Kenntnisse und Erkenntniß, Belehrung und Bildung, Klärung und Aufklärung in die weitesten Kreise des Volkes zu tragen? Es ist kein eitles Selbstlob, wenn die Presse, welche Johann Gutenberg gleichsam als den ersten Journalisten feiern darf, jenen Ruhm für sich in Anspruch nimmt. Der hohe Beruf der Presse wird nur zu oft gering geschätzt und verkannt. Und deshalb verdient das objektive Urtheil eines Mannes, der nicht „vom Fach", sondern Rechtsgelehrter ist, umso mehr Beachtung. In einem vor Kurzem erschienenen Werk, betitelt: „Rechtswissenschaftliche Untersuchungen", hat der Rechtslehrer I)r. Leopold Bauke der Presse ein Kapitel gewidmet und dabei treffende Worte über sie gesprochen. DerSegen, der von den Zeitungen ausströmt, so sagt Bauke, wird nicht im Entferntesten so gewürdigt, wie er es verdient. „Für die Unsumme von Fleiß und Wissen und nerventödtendcr Arbeit, die in einem solchen Blatte steckt, das dem Leser auf den Kaffeetisch gelegt wird, hat kaum der Tausendste Verständniß. Und je größer die Zersplitterung der Wissenschaft wird, desto mehr ist die anständige Zeitung geeignet, das zu verhüten, daß, wie sehr treffend gesagt worden ist, der Gründliche immer einseitiger und der Vielseitige immer oberflächlicher wird. Die idealen Güter, denen die anständige Presse Schutz gewährt, würden wahrscheinlich vielfach ohne sie wehrlos den gefährlichsten Angriffen ausgesetzt sein. In der That können die idealen Güter von einer guten Presse mehr gefördert werden, als von dem mächtigsten Mann im Lande!"
Doch bedarf es der rühmenden Worte für die Presse, die heute für nahezu Jedermann zum täglichen geistigen Brod geworden ist, und die man als die siebente Großmacht
anerkannt hat? Und deshalb ist es gerade die Pflicht und das Recht der Presse, an diesen Tagen festlicher Erinnerung mit besonderer Pietät des Mannes zu gedenken, dem sie ihr Dasein, ihren ungeheuren Aufschwung verdankt. In drei deutschen Städten, in Mainz, in Straßburg und in Frankfurt a. M., hat man dem Erfinder dieser größten aller Künste, die einen unvergänglichen Ruhmestitel der Geschichte unseres deutschen Vaterlandes bildet, stattliche Denkmale gesetzt. Aber nicht minder stattliche Denkmale für Johannes Gutenberg erheben sich überall da, wo eine Zeitung, getreu ihrem hohen Beruf, beflissen ist, Erkenntniß und Klarheit, Belehrung und Wahrheit in alle Kreise des Volkes zu verbreiten.
Deutsches Reich.
Zum Ableben des russischen Ministers des Aeußeren, Grafen Murawjcw. schreibt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung": „Der dahin gegangene Staatsmann mar ein überzeugter Vertreter der Grund-Anschauung, daß dem deutschen und russischen Reich die Möglichkeit, ja die geschichtliche Bestimmung gegeben sei, in ungestörtem Frieden und freundwilliger Nachbarschaft ihren Kultur-Aufgaben zu leben. Zu den gegenwärtig zwischen den Höfen wie den Kabinetten von Berlin und Petersburg bestehenden vertrauensvollen Beziehungen hat Graf Murawjew während seiner kurzen, aber erfolgreichen Laufbahn in vollem Maße beigetragen." — Der Kaiser von Oesterreich hat anläßlich des Ablebens des Grafen Murawjew eine Kondolenzdepesche an den Czaren gesandt und bei der Truppenschau dem russischen Militär-Attachö, Obersten Roop, sein Beileid ausgedrückt. Ebenso hat Graf Goluchowski im Namen der österreichischen Negierung und in seinem eigenen Namen ein Beileids-Telegramm geschickt.
National-agrarisch.
Die Offiziösen schreiben sich die Finger wund, um uns darüber zu belehren, daß die Verlängerung der Frist für die Zulassung ausländischer Landarbeiter zwar die äußerste Grenze dessen darstelle, was im nationalen Interesse zulässig sei, daß aber dieses nationale Interesse selber „in vollstem Maße gewahrt worden sei". Dies soll geschehen sein, indem der Zulassungstermin auf den 1. Februar, der Ent- laffungstermin auf den 20. Dezember angesetzt morden ist. Hat man da nicht Recht, wenn man den offiziösen Beschwichtigungen gegenüber dabei bleibt, daß es sich bei der Verlängerung der Frist nur um eine leere Form handelt? Nichts kann gleichgültiger sein als die Frage, ob die russischen und polnischen Landarbeiter dauernd oder „nur" mährend 10 s /s Monaten des Jahres zugelassen werden. Wie rührend jedoch ist nicht die Fürsorge der Regierung für die Gemüths- interessen der Fremden! Indem sie nämlich durch die jetzige Anordnung gcnöthigt werden, Weihnachten und Neujahr in ihrer Heimath zu verleben, sollen sie dort „festgewurzelt" bleiben und sich „vollbewußt" sein, daß sie nicht nach Preußen gehören. Will man im Ernst auf den Scherz ein- gehen, so läßt sich wirklich mit mehr Recht sagen, daß diese Leute ihre wahre Heimath in Preußen erblicken und die kurze Reise nach den, früheren Wohnort nur wie einen Erholungsurlaub betrachten werden. Hierzu werden sie auch insofern alles Recht haben, als die Reisekosten wahrscheinlich doch von den Unternehmern der Vermiethungsbüreaus gezahlt werden müssen. Die Maßregel selbst mag nützlich oder unnütz sein, jedenfalls aber sollte sich die Negierung vor Beschönigungen hüten, die nur die schärfste Ironie herausfordern können.
Streikstatistik.
Eine ganz ungewöhnliche Zunahme der Ausstände im Deutschen Reich zeigt die amtliche Statistik, die nach den Bestimmungen des Bundesraths vom 10. Juni 1898 vierteljährlich aufgestellt wird. Das reichsstatistische Viertel- jahrshest veröffentlicht die Zahlen für das erste Vierteljahr 1900. In diesem Zeitraum haben 330 Ausstände gegen 191 im ersten Vierteljahr 1899 stattgefunden. Beendet wurden 303 Ausstände, von denen 67 vollen Erfolg, 91 theilweise Erfolg hatten, während 145 erfolglos blieben. Die beendigten Ausstände erstreckten sich auf 1922 Betriebe; 1899 waren es deren nur 408. Beim Ausbruch der Ausstände waren in den gesammten Betrieben 81,151 Arbeiter beschäftigt (gegen nur 16,246 im ersten Vierteljahr 1899). Die höchste Ziffer der gleichzeitig ausständigen Arbeiter betrug 35,606 gegen nur 8129 imvorigen Jahre. DieseZahlen sind überraschend. Wohl wußte man, daß die Lohnbewegung in Deutschland neuerdings an Stärke gewonnen hat, aber ein so beträchtliches Anschwellen, wie es die Statistik nachmeist, konnte kaum vorausgesetzt werden. Gemessen an dem Umfang und der Häufigkeit der Ansstände, hat nun aber die deutsche Arbeiterschaft gewiß nicht den Eindruck hinterlassen, daß sie aufgeregter geworden sei. Man hat trotz der Zunahme der Lohnkämpfe nichts davon gehört, daß Polizei und Gerichte sich stärker als vorher mit Ungesetzlichkeiten befaßt hätten. Die Zunahme der Ausstände hängt ganz offenbar mit der Erstarkung der Gewerk
schaftsbewegung zusammen. Die Genugthuung darüber, daß die Arbeiter sich dieser friedlicheren Form einer Vertretung ihrer Interessen zuwenden, mag somit manchem Arbeitgeber als ein etwas kostspieliges Vergnügen erscheinen.
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* Hof- und Personal-Nachrichten. Der Kaiser hörte,
wie der „Reichs-Anzeiger" ans Kiel meldet, am Donnerstag an Bord der Nacht „Hohenzollern" den Vortrag des Staatssekretärs Grafen Bülo w. — Der „Post" zufolge ist der frühere Staatssekretär des Rcichs-Marineamts, Admiral Hollmann, aus dem Präsidium des deutschen Flotten-Vereins ansgeschieden. — Im Befinden des Königs Otto von Bayern wurde, wie aus sicherer Quelle mitgetheilt wird, die jüngste Störung durch ein großes Geschwür am Oberschenkel hervorgerufen, das sich der König um keinen Preis öffnen lassen wollte. Als es dann schließlich von selbst aufbrach, wurde der Patient, welcher anscheinend große Schmerzen hatte, sofort wieder ruhig. Das Allgemeinbefinden ist heute kein besseres und schlechteres als seit Jahren. — Der Reichskanzler ist nach Ragatz abgereist.
Der Aufstand in China.
Die lückeiihaften, widerspruchsvollen und in jedem Falle beunruhigenden Nachrichten aus China erzeugen in Berlin eine sehr e r n st e Stimmung. Man hat sich freilich die Wiederherstellung der Ruhe niemals als eine leichte und schnell zu lösende Aufgabe gedacht, aber die Schwierigkeiten könnten sich doch noch als größer denn die größten Befürchtungen erweisen. Es muß sich alsbald Herausstellen, ob die gegenwärtig zur Verfügung stehenden Streitkräfte der europäischen Mächte einschließlich Japans und der Vereinigten Staaten genügen, um die Rebellion niederzukämpfen. Genügt die Zahl nicht (und gegenüber der ungeheueren Popularität der anti-europäischen Bewegung in dem Niesenreiche muß diese Möglichkeit doch wohl in Betracht gezogen werden), so könnten bis zum Eintreffen der Verstärkungen die Europäer an Leben und Eigenlhum so sehr geschädigt werden, daß sich die aufständische Bewegung an solchen Erfolgen nur noch steigern müßte. Bei der Größe der Gefahr und der zu überwindenden Schwierigkeiten kann es für die Mächte gar keine andere Verhallungslinie als die geben, wonach zunächst nur die Ordnung wieder herzustellen und von allen weiteren Plänen, nun gar von dem phantastischen Plan einer „Liquidirung" Chinas, Abstand zu nehmen ist. Mit Genugthuung wird festgcstellt, daß bisher die vollste Einigkeit unter den Kabinetten herrscht und daß nicht zu befürchten ist, es könnte die gemeinsame Aktion der Mächte von irgend einer Seite her eine Störung erleiden. Namentlich die Schwarzmalereien der englischen Blätter, die der russischen Politik gcheininißvolle Sonderpläne zuschreibeu, sind nach wohlbegründeter deutscher Auffassung ohne Kern und Inhalt. Die Bcsorgniß, daß Rußland sich von dem Konzert der Mächte trennen könnte, besteht nicht, hat überhaupt zu keinem Zeitpunkt bestanden.
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Die „Franks. Ztg." erhält folgende beachtenswerthe Zuschrift: „In der in Shanghai erscheinenden Zeitung „North China Herald" vom 25. April ist nachstehende Notiz zu lesen:
Jschang, 18. April. Gegenwärtig spricbt man ans den Straßen von Jschang (am mittler» Lauf des Aangtsekiang, Provinz Hnpei. Die Red.), davon, daß im achten Monat eine allgemeine Erhebung stattfinden wird. Da dieses Gerede in vielen Distrikten sehr allgemein zu sein scheint, wird es interessant sein, zu sehen, ob etwas Derartiges passirt.
Die europäischen Negierungen sind durch die letzten Ereignisse bei Peking und Tientsin zweifellos überrascht worden; ob die Vertreter der Negierungen in China die Gefahr haben kommen sehen und rechtzeitig gewarnt haben, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls sollte die thatsächliche Entwickelung der Volksbewegung in Nordost-China eine ernste Warnung für die Zukunft sein und vorNllem die europäischen Regierungen davon abhalten, die Verhältnisse in den übrigen Theilen des chinesischen Reichs mit anderen Augen anzusehen als die Verhältnisse in dem zur Zeit am meisten hervortretenden Anfstandsgebiet. Die Bewegung hat das ganze Reich und das ganze Volk ergriffen, wie einzelne Vorkommnisse aus den verschiedensten Provinzen beweisen, und sie wird auch, wie die obige Mittheilnng aus Jschang verräth, das obere Iangtsethal nicht verschonen. Deutschland hat alle Ursache, seine Interessen am Jangtse, die gerade jetzt durch die Einrichtung einer bis Tschungking reichenden regelmäßigen Dampfschifffahrts-Verbindung einen neuen Aufschwung zu nehmen versprechen, gegen die unberechenbaren Zwischenfälle der gegenwärtigen Lage zu schützen.
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bä. Krrlin. 22. Juni. Der „Lokal-Anzeiger" meldet au» London: Ans Shanghai wird gemeldet: Während des Boxer- Angriffs auf die ausländischen Niederlassungen in Tientsin am 15. fanden die europäischen Frauen und Kinder die ganze Nacht hindurch Schutz in der Gordon-Hall. Am Samstag verließen alle englischen Frauen Tientsin mit bent letzten Zug. Sie erlebten aufregende Abenteuer und wären niemals durchgekommen, wenn sie die chinesischen Truppen nicht beschützt hätten. Ein Edikt war erlassen, alle Ausländer zu tobten, und die Boxer machten wiederholte Ver- suche, den Zug auzugreifcn. Ein Panzerzug ist nach Tientsin ab- gcschickt, doch liegt keine weitere Nachricht hierüber vor. — Die Abcudbiätter melden aus Shanghai, in Tientsin seien 1500 Ausländer maiiakrirt. — „DailtiExpreß" meldetan»
