1. Beilage nt nt Wiesbadener Tnglilntt.
(Nachdruck verboten.)
Auf Grünmeide.
Roman von K. Z»akmö - I»aysen.
Das lebende Inventar sämmtlicher Ställe in Sicherheit zu bringen, schafft stets unendliche Mühe und Verwirrung. Den Pferden mußten Decken über die Köpfe geworfen werden, sollten sie nicht blindlings in die Flammen hineinlaufen.
Vorläufig nahm man aus diesem Grunde Abstand, den Schafstall zu entleeren, obgleich die Gluthhitze und erstickender Rauch über die Breite des Hofes in gerader Richtung hineindrang und der oftmals aufwirbelnde Funkenregen bei leisester Winddrehung demselben gefährlich werden konnte. Dem mußte vorgebeugt werden. Ueber das strohbedeckte Dach wurden triefende Decken gebreitet, da sich jedoch mehrere der Leute m der Aufregung und Hast ungeschickt dabei benahmen, überlies Reimer seinen Posten an der Spritze dem Verwalter und beschäftigte sich selbst mit beharrlicher Ausdauer an dieser beschwerlichen, tödtlich ermüdenden Arbeit. Durch das bunte Durcheinander des taghell erleuchteten Gutshofs, durch Menschen- und Thierstimmen drang laut und vernehmlich immer wieder sein anordnender Ruf.
Während er in dieser Weise seine Geistesgegenwart und Besonnenheit auf der Brandstätte nutzbringend verwerthele, behauptete unter dem weiblichen Personal im Wohnhause seine alte Tante Sophie nicht minder ihre Umsicht und Ruhe. Wenn auch nicht wahrscheinlich, es konnte immerhin eine ^ahr für das Herrenhaus aus dem Brande erwachsen.
Roch war man auf die eine Spritze beschränkt und außer dem langen, gottlob schiefergedeckten Gebäude des Pferdestalles, auf dessen Dach jedoch unausgesetzt die Funken flogen, trennte nur noch die Verwalterswohnung das Haus ^n den Flammen. Bei einer Winddrehung war das Schlimmste zu befürchten.
® ÖI f* der Mägde beschäftigte sich die-alte Dame, Werthsachen und wichtige Papiere in Sicherheit zu bringen, während Annette in ganz unzurechnungsfähigem Zustande auf ihrem Zimmer verblieb. Auch auf Mariettas Hülfe- wistung war nicht zu rechnen. Auf der Rampe des Hauses stehend, verwandte sie keinen Blick von dem furchtbaren Schauspiel. Das braune Haar hing ihr losgelöst über die Schultern und in der dunklen Umrahmung trat die geisterbleiche Gesichtsfarbe um so mehr hervor. Das Auge hing nur an einem Einzigen. Ihren, durch die Angst geschärften Tinnen entging keine seiner Bewegungen, kein Ruf. — Sie war es sich selbst garnicht bewußt, daß sich ihr Fuß mehr und mehr vom Hause hinwegirrte, daß sie sich zuletzt in- mttten der umhereilenden Leute befand, die ihrer im Eifer der Arbeit nicht achteten.
und Prasseln stürzten die Dachsparren, mit ^ Hochaufschlagenden Flammenwogen die eine fSZ,}* Stallgebäudes zusammen. Eben jetzt floh ein gerissener scheugewordeuer Stier hinein in den noch un-
Bursche demselL nach?'" Üf,ereifrifler ' ""weg-ner junger
c, Unsinnige!" rief der Gutsherr, von der Leiter „ist das Vieh ein Menschenleben werth?" »nd ohne sich ,u besinnen, war er ihm nachgeeilt.
Eln allgemeiner Schreckensruf erscholl. Wie Nadeln bogen sich einige brennende Balken zusammen und stürzten nieder vor dem Eingang. In wilden Sätzen floh das Thier wieder hinaus, von den beiden Männern war einen Augen- • sehen. Ein zitternder Angstschrei ertönte,
eine Helle Frauengestalt flog daher, aber wie von eisernen Klammern fühlte sich Marietta plötzlich umfaßt.
„Unglücklich sind Sie, Fräulein," rief Bohne, „wenn Sie da hincm wollen — ist auch nicht nöthig — seh'n Sie, da ist ja Herr Hartmann —"
E Feuerhaken die brennenden Trümmer hin- weggeschafft, und eben vor der furchtbaren Katastrophe des völligen Zusammensturzes erschien Reimers hohe Gestalt im 6men, den schweren Körper des jungen bewußtlosen Mannes mühsam schleppend, der drinnen jäh uiedergestürzt, unrettbar verloren gewesen wäre, wenn Reimer ihm nicht gefolgt.
.. Bohne gab das junge Mädchen frei. Ihr starrer Schreck ängstigte ihn.
„Kommen Sie, Fräulein, dies ist kein Ort für Sie. ein Funken in ihre leichten Kleider brächt' auch für Sie Gefahr."
Sie erwiderte nichts, ließ sich aber ohne Widerstand durch die aufgeregte Menge zurückleiten und nahm dann von Neuem ihren Platz vor dem Hause ein.
Endlich trafen die erwarteten Spritzen von allen Seiten mn und es war die höchste Zeit, daß sie kamen. Die GiebelseUe des Pferdestalles, die von den Flammen zuletzt unausgesetzt berührt worden, gerieth schon in Brand: nun konnte auch die primitive Vorrichtung, das Dach des Schaf- stalleö zu schützen, aufgehoben werden und regelrechtem Loschen weichen. Es war ersichtlich, daß man die Herrschaft über den Brand gewinnen würde, und dadurch wich die nervöse Spannung und Furcht allmählich ruhiger Ueber- legung.
Wie war das Feuer entstanden? Etwa aus Unvorsichtigkeit oder war es angelegt? Das waren Fragen, die nun erst alle Gemuther beschäftigten. Marietta allein hätte Antwort geben können denn daß der flüchtig gewordene t « bte§ in der Voraussetzung angelegt, es verhindere auf alle Falle seine Verfolgung, das konnte sie wohl mit Gewißheit aunehmen. Und sie that dies auch; sie hing mit quälenden Enipsindungen dieser Annahme nach, den Blick auf bte bewegte Masse vor sich richtend. Wie das prasselte und zischte oder krachte, wenn ein Gerüst zusannnenbrach — roie grell beleuchtet auch der tiefste Winkel, wie gespenstisch erhellt der geheimnißvolle Thurm mit seiner aufgerissenen Zinne hoch oben, den weit geöffneten Fenstern, aus denen die Vorhänge wie weiße Fahnen herausflatterten.
Zu jeder anderen Zeit hätte sie der Stimme, die plötzlich an ihr Ohr schlug, mit namenlosem Interesse gelauscht, mit tiefem Mitgefühl und vollster Aufmerksamkeit die große hagere Gestalt betrachtet, die sich nun neben sie stellte. In dem jetzigen Zustande der Verwirrung, Angst und Gewissenspein erschien ihr Alles, was damit nicht in Berührung stand, gleichgültig, nebensächlich.
„Ich sehe, Sie ängstigen sich; Feuer ist ein entsetzliches Element," redete sie der Irre an.
Sie schreckte zusammen, überflog sein Aeußeres, blickte aber sogleich wieder fort, da Reimer eben jetzt seinen Platz
auf der Brandstätte wechselte, eine Leiter erstieg, um von hier aus wirksamer den Wasserstrahl der Spritze zu leiten
Den einsamen Thurmbewohuer, der von seinem Wächter auf Augenblicke verlassen worden, hatte der Brand aus seiner stillen Behausung hinausgelockt. Doch blickte er nicht hinein in das Feuermeer; das bleiche, schöne Gesicht mit den nachtdunklen Augen mußte eine zaubervolle Anziehungs-
mri ur haben. Er starrte es mit verzehrenden Blicken an.
„Wir kennen uns bereits, nicht wahr? wenn wir unS auch noch nie gesprochen?" fragte er. Marietta sah flüchtig
„Wir sahen uns wiederholt an den Fenstern, meinen Sie das, Herr Gottfried?"
„Ja, und dann — mein Gott, an wen erinnern Sie mich?"
„An meinen Vater wohl — ich heiße Marietta Tonelli."
„Manetta Tonelli," sprach er langsam und schwer nach.
Dann leuchtete in seinen blauen Augen ein Glanz auf.
„Touelli war mein Freund."
„Ich weiß es. Sie reisten zusammen."
„Ja, wir fuhren über das Mittelmeer. Flößt Ihnen das Wasser auch solch Grauen ein, wie jetzt das Feuer?"
„>icdes Element, wenn es seine Kräfte und Gemalten entivickelt, wirkt auf uns Menschen schreckenerregend," antwortete sie.
„Nein, nicht alle, das Wasser fürchte ich nicht."
„Gewiß nicht, wenn cs mild und sanft bewegt ist."
„So meine ich's. Es freut mich, das von Ihnen zn Horen. Wollen wir - was willst Du, Christian? nein, laß mich! ich will von Tonelli reden, ich sprach nicht von lhm."
Der alte Mann stand mit tödtlich erschrecktem Gesicht vor den Beiden. Er wußte Anfangs kein rechtes Wort zu finden, das junge Mädchen beachtete ihn gar nicht.
Fern im Osten begann der Himmel sich zu färben. Der ruhe Sommcrmorgen dämmerte herauf. Marietta bemerkte mit erleichtertem Aufathmen, daß die Gewalt des Feuers gebrochen, daß von Gefahr für die Nebengebäude keine Rede mehr sein konnte. Demungeachtet ertönte noch immer die eit Stunden bewegte Spritzenpumpe, nach wie vor glitten die ledernen gefüllten Wassereimcr von Hand zu Hand, und obgleich die Leute bis zur Erschöpfung ermüdet waren, arbeiteten sie unverdrossen weiter, die Flammen der stets von Neuem auflodernden Heumassen zu ersticken. Das Auge des Zuschauers findet bei einem solchen Schauspiel keinen Haltepunkt, wo es ruhen kann, und als Marietta einmal neben sich blickte, war Christian mit seinem Herrn verschwunden.
Die Nacht wich mehr und mehr dem Morgen. Endlich
die Arbeit geschehen. Man durfte bis auf einige Wächter die Brandstätte verlassen. Todtmüde schwankten dre Meisten ln ihre Kammer, die Bauern ins Dorf zurück
Drinnen im Hause hatte Fräulein Sophie bereits lange dem Packen und Kramen ein Ende gemacht. Der Zustand ihrer Schwester, deren ernsthaft beunruhigende Nervenzufälle bannte sie ans Zimmer. Frairen und Mägde, Alles hatte sich müde, schlafbedürftig zurückgezogen. Von den Haus- bewohnern wachte nur noch das junge Mädchen.
(Fortsetzung folgt.)
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