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1> Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.

128. Fortsetzung.)

INachdruck verboten.)

Auf Grümueide.

Roman von K. Z»almö- I>al)srn.

Sie stand rathlos, unsäglich betrübt und unglücklich da. Die Leute hatten nach und nach den Hof verlassen, die Bauern waren ins Dorf, Knechte und Mägde, hnngerig und müde von des Tages Arbeit, in die Gesindcstube gegangen.

Man befand sich inmitten der Heuernte. Ununterbrochen waren den ganzen Tag die großen, schwerbeladenen Wagen über den Hof geschwankt, und obgleich der Abend des heißen Julitages herannahte, es schon zu dunkeln begann, beschäf. tigten sich einige Knechte noch, die letzte Fuhre auf den bald gefüllten Heuboden des Kuhstalles unterzubringen. Endlich war auch dies geschehen, langsam, müden Schrittes begaben

sie sich ebenfalls ins Haus.

Dem Allen sah Marietta mit bewegter Gedankenunruhe

zu. Sie rang niit Absichten und Plänen, und wollte sich zuletzt von Fräulein Sophie Rath für ihre schwankenden Entschlüsse holen; doch hörte sie, daß beide alte Damen sich bereits in ihr Schlafzimmer zurückgezogen hatten. Wenn Annette Migräne hatte, wie es heute der Fall war, so duldete sie keine andere Pflege, als diejenige der Schwester, und Marietta wußte aus Erfahrung, daß eine Störung dann nicht angebracht sei.

Nun wohl, so wollte sie selbständig handeln, und, einmal zum Entschluß gekommen, verlor sich schnell alles ängstliche Zaudern. Sie genoß hastig einige Bissen, richtete die Be­stellung ihres Vormundes aus und begab sich eiligen Schrittes wieder ins Dorf.

Der Abend war inzwischen ganz hereingebrochen. Es war Neumond und deßhalb tiefstes Dunkel überall. So spät hatte Marietta sich noch nie allein aus dem Bereich des Gutes gewagt, indessen der Gedanke an die trostlose Frau, an den Zweck ihres Ganges, benahm ihr jede Furcht.

Es brannte jetzt ein einsames Lämpchen in der ein­samen Kammer, wo die Frau neben ihren schlafenden Kindern, in starren Schmerz versunken, sab, Marietta trat schnell hinein. Hastig wurde Alle?, was sie von der unglücklichen Begebenheit erfahren, erzählt, dann sagte sie: „Wenn Sie nun Ihren Mann sprechen wollen, so kommen Sie, Frau Bechtholdt — ich habe den Schlüssel zu dem Raum, in dem er angebunden ist, und werde diese eigenmächtige Handlungs­weise bei Herrn Hartmann verantworten. Erfährt er, daß Sie schon Morgen in der Frühe Ihren Umzug halten, so wird er den Verhältnissen Rechnung tragen, mir nicht zürnen, zumal er nicht abgeneigt zu sein schien, selbst die Erlanbniß dazu zu geben. Also schnell, eilen Sie sich, Frau Bechtholdt."

Schon während Marietta sprach, war die Frau auf­gesprungen. Herr Gott, was Alles hatte sie nicht dem Karsten zu sagen, wie wollte sie in ihn dringen, daß er seine Schuld bekenne, ganz und voll, nicht durch Leugnen dieselbe verschlimmere. Und späterhin solle Alles vergessen, verziehen sein, wolle er nur wieder ein ordentlicher Man'' werden.

Ja, da hatten Beide bereits den Guishof erreicht. Marietta hielt mit hochklopsendem Herzen einen Augenblick in: Gehen inue; sie empfand es klar, daß sie jetzt im Begriffe stehe. Etwas zu lhun, was nicht recht war.

Es war schattendunkel rings der Scheune und Ställe, aber keineswegs so lautlos still, als sie angenommen. Kann; den Hof betreten, kam der große Hofhund aufbellend heran» geiprungen, lief dann freilich sogleich wieder seiner Wege.

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Donnerstag, de» 21. gitiii.

Sin Hause öffnete oder schloß Jemand ein Fenster, nun

tönten fern auch Fußtritte, aber sie verhallten wieder. Aus den Ställen drang deutlich das Kettenrasseln der Pferde. Wollte die Frau hinter verschlossener Thür mit ihrem Manne reden, mußte es, so sie sich verstehen sollten, laut und ver­nehmlich geschehen. Auf mehrmalige leise Rufe war keine Antwort von drinnen erfolgt, der gehetzte Mann mochte vor Erschöpfung eingeschlafen sein.

Marietta zog den Schlüssel und schloß leis und schnell auf. — Kaum geschehen, im gleichen Augenblick prallte die Thur auf; sie wurde zurückgestoßen und märe hingestürzt, .die hinter ihr stehende Frau sie nicht aufgcfangcn.

Wie ein verfolgtes Wild hörte man den Entfliehenden davonjagen, aber nur einen Moment, dann übertöntcn schnell sich nähernde Hnfschlüge die Tritte.

Früher als berechnet kehrte Hartmann zurück; ein ihm begegnender Landgendarm hatte ihm den gewünschten Bericht gegeben, zugleich seine Aufträge entgegengenommen. Ahnungs­los ritt Reimer an den beiden zu Tode erschrockenen Frauen vorüber, vor die Rampe des Hauses, saß ab, brachte selbst sein Pferd in den Stall und deutlich hörte man, daß er es selbst zu bedienen begann. Schreck und Angst hatten das junge Mädchen zuerst fassungslos gemacht. Sie erkannte erst allmählich die Tragweite des Geschehenen. Ihr erster Impuls war der, ihrem Vormund nachzueilen, ihm Alles zu bekennen, ja wenn ihr fliegender Athen, dies gestattet und — wenn die furchtbar erregte Frau nicht neben ihr gestanden. Emen Augenblick hegte diese die unsinnige Hoffnung, der Flüchtling könne im eigenen Hause Versteck gesucht haben; so denkend, war sie eine Strecke Weges davongelaufcn, dann aber wieder umgekehrt, hatte Mariettas Hand ergriffen und unter erstickendem Schluchzen um Vergebung gefleht für alles Ungemach und Leid, was sie ihr nun zugefügt. Diese Trost­losigkeit der Frau gab Marietta die Haltung zurück. Ge­waltsam zwang sie die eigene Erregung nieder und bat scheinbar ruhig die Frau, sie möge nach Hause gehen, die Reise womöglich noch in der Nacht antrcten; was soeben geschehen, sei allein ihre Schuld. Nachricht über Alles solle ihr im neuen Heimathsort demnächst zugehen. Hiernach er­folgte ein eiliger verwirrter Abschied, denn längeres Ver­weilen war für Marietta unmöglich, vor Schluß des Hauses und auch vor ihrem Vormund mußte sie dasselbe erreicht haben.

Als dies geschehen, als sie mit fliegendem Athem und klopfendem Herzen in ihr Zimmer gelangt, sank indessen der ganze standhaft behauptete Muth dahin. Was für eine Stunde, was für ein Auftritt stand ihr jetzt bevor? Wie sollte sie cs über sich gewinnen, ihm unter die Augen zu treten, mit dem Bekenntniß der eigenmächtigen Handlungs­weise und deren Folgen!

, Vorläufig war dies auch gar nicht möglich. Es verstrich eine unendliche Zeit, bis seine Schritte über den Hof hallten und im Hause hörbar wurden. Auch dann begab er sich nicht sogleich auf sein Zimmer, nahm wahrscheinlich erst unlen sein Abendbrot» ein; sollte sie hinuntergehen, nein, erst wollte sie ruhiger werden, es eilte ja nicht, einzufangen war der Mann, der hier jeden Fußbreit Landes, jeden Schlupfwinkel und Versteck kannte, in dieser Dunkelheit doch nicht mehr, dazu war es auch jetzt schon zu spät, nun, da seit der Flucht bald eine Stunde verronnen. — Sie deckte ihr glühendes Gesicht in die Hände und wieder verrannen nicht endenwollende Minuten in unsäglich angstvollem Warten.

Endlich öffnete und schloß sich unten eine Thür, Schritte tönten im Hausflur, gewohnheitsmäßig schloß er nun die

48. Jahrgang. 1800.

große Hausthür, kam langsam die Treppe herauf und gind auf sein Zinimer. Da pflegte er sonst noch lange auf un nieder zu wandern, sich aus dem Fenster zu lehnen, erst spat dasselbe zu schließen, sie wußte das Alles genau, wachte sie doch selbst oftmals bis in die Nacht, auf das Spiel im Thurme hoffend, oder wartend, daß von dem er» hellten Zimmer sein Schatten niedcrfiel aus das Stein­pflaster, in die Schatiennmrisse des Fensterkreuzes.

Endlich! da leuchtete auch der Lichtschein, — nun war c § 3 e 'n , ' u ” , luo[Ite zu ihm gehen, noch ein Arhemzug srlscherLuft! Aber welch eine sonderbare Luft! welch eine sonder» bare. Helle ! — Der Körper verlor auf Augenblicke jegliche physische Leistungsfähigkeit. Marieita stand wie gelähmt, die Augen starr auf eine mattrosige Rauchsäule in der Ferne gerichtet, die kam und ging, auf Sekunden ganz ver­schwand, dann wieder intensiver, Form und Farbe wechselnd, sich vergrößerte, durchzuckt plötzlich von scharfgelben Flamm» chen. — Reimer, der in seinem Zimmer vor der brennendett Kerze am Tische saß und Notizen in ein Buch machte, sah plötzlich die todtbletche, zitternde Marietta vor ffich stehen, dle ihn, als er erschreckt aufgesprungen, wortlos ans Fenster zog und nichts weiter stammeln konnte, als: „Wir haben Feuer. Onkel Reimer."

Der Ruf „Feuer" hat für alle Menschen etwas Fascini» rendcs. Wie manche liebgewordene, heimathliche Stätte mit tausend Erinnerungen, tausend unschätzbaren, niemals zu ersetzenden Kleinodien und Andenken ist nicht der grausamen Gewalt dieses verheerenden tückischen Elements zum Opfer gefallen. Feuer im eigenen Heim übt auf jeden, noch so kaltblütigen, beherrschten, überlegten Menschen eine erschüt­ternde. furchtbare Wirkung aus.

Es herrschte nach Mariettas Worten eine sekundenlange Stille. Rauch und Qualm mußten auf Augenblicke die Flamme erstickt haben, es blieb dunkel draußen, aber jetzt schoß in erster heller Lohe eine mächiige Feuergarbe aus dem Dachstuhl des heule erst mit Heu angefülltcn Bodens über dem Stalle.

I» Reimers grell beschienenem und fahlen Antlitze zeigte sich ein verhaltener, furchtbarer Schreck.

Er sprang zur Thür, kehrte aber im gleichen Moment um und sagte, ans Fenster tretend, mit schwankender Stimme: „Ruhe, Ruhe, Marietlal Der Wind steht zum Glück günstig. Lauf zu den Tanten und sag's, daß der Schreck sie nicht so jäh befällt, wie uns. Es ist der Heuboden über dem Stall. Für das Wohnhaus hat's vorläufig keine Ge­fahr. Ich will den Gefangenen —" er griff nach dem Schlüssel der auf dem Tische lag und eilte fort, ohne den Ruf des jungen Mädchens zu beachten.

Gleich darauf tönte seine mächtige Stimme über den Gntshof.

Einige Minuten und Alles war ringsum wach, anfäng­lich unsäglich verwirrt, in der Panik des Schreckens zwecklos hin und her jagend, bis das Beispiel des Gutsherrn, seine weithiittönenden Befehle Ordnung in die unstäte Bewegung brachten. Es galt, das Feuer auf den Herd zu beschränken, da binnen Kurzem der ganze Dachstuhl in vollen Flammen stand, das Gebäude daher verloren gegeben werden mußte.

— Wenn nicht von den umherliegenden Gütern und Ort­schaften, wohin Voten gesandt waren, Spritzen zu thätiger Hülfe herbeieilten, so vermochte diejenige des Gutes, deren Wasserstrahl bald selbst von Reimers Hand geleitet auf den nahe grenzenden Pferdestall gerichtet wurde, allerdings nicht nicht viel auszurichten, bei ungünstigem Winde vollends nicht. (Fortsetzung folgt.)

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