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«8. Jahrgang.

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Die Mieren in China.

Kerlin, 20. Juni.

Begünstigt durch die Abschneidung des direkten Verkehrs mit Peking, überstürzen die sensationellsten und abenteuer­lichsten Gerüchte über die Lage in China einander förmlich. Besonders von englischer Seite ist man bemüht, die Situation in China noch schwärzer zu malen, als sie es schon ist. Die sensationellste der Meldungen, welche heute von London aus in die Welt gesetzt worden sind, ist die von der an­geblichen Ermordung aller Europäer in Peking. Es liegt auf der Hand, daß auf alle diese Meldungen, die lediglich auf in chinesischen Hafenstädten verbreiteten Gerüchten beruhen, nichts zu geben ist, und bis zum Eintreffen beglaubigter amtlicher Nachrichten wird man sich wohl oder übel mit der jetzigen peinlichen und sorgenvollen Ungewißheit abfinden müssen.

Jedenfalls erscheint Alles in Allem die Lage heute be­ruhigender als in den letzten Tagen, denn wenn man von der vorhin erwähnten Meldung absteht, die von vornherein den Eindruck einer Tartaren-Nachricht macht und die auch auf dem hiesigen Auswärtigen Amt für durchaus unglaub­würdig gehalten wird, so ist der Gesamniteindruck der heute vorliegenden Meldungen Alles in Allem derart, daß eine baldige Beilegung der Wirren in China jedenfalls nicht als ausgeschlossen gelten darf. Offenbar hat die Eroberung der Forts von Taku, welche in China als die stärkste Position und als nahezu uneinnehmbar angesehen wurden, auf die chinesische Regierung ernüchternd und deprimirend gewirkt. Anscheinend beginnt man in Peking ein­zusehen, daß ein weiterer Widerstand gegen die Mächte das Ende der heutigen Regierung und das Ende des Re­giments der Kaiserin-Wittwe bedeuten würde. Die Meldung, daß der einzige Diplomat in China, welcher über die europäischen Mächte und damit über die internationale Lage genauer orientirt ist, Li-Hung-Tschang, nach Peking gerufen worden ist, klingt durchaus glaubwürdig. Diese Berufung würde aber beweisen, daß die Machthaber in Peking das Spiel verloren geben und eingesehen haben, daß eine Fort­setzung der jetzigen unsinnigen Politik für China den Anfang vom Ende bedeuten würde.

Als einigermaßen beruhigend kann es auch empfunden werden, daß bis jetzt noch keine Bestätigung der Meldung von der angeblichen Gefangennahme der Gesandten in Peking und von der Ermordung des Freiherrn v. Ketteler cingetroffen ist. Ebenso scheint sich die Meldung von der Ausgabe des Vormarsches der internationalen Truppen nach Peking erfreulicher Weise nicht zu bestätigen, denn nach den heute vorliegenden Meldungen scheint es, als ob wenigstens ein Theil dieser Truppen Peking erreicht hat. Freilich sind alle diese Meldungen nur mit Vorsicht aufzunehmen, und so wenig Werth man auf die von englischer Seite verbreiteten sensationellen Gerüchte legen darf, so muß man andererseits immerhin darauf gefaßt sein, daß die Lage sich weiter komplizirt.

Besonders erfreulich ist es, daß nach wie vor zwischen den Mächten vollkommene Einigkeit darüber besteht, daß es zunächst sich allein darum handelt, der dringenden Gefahr mit allen Kräften zu begegnen. Wir sind nichts« optimistisch, zu glauben, daß diese Einigkeit über die augenblickliche Noth- iage hinaus Vorhalten wird. Vielmehr ist jetzt schon zu er­kennen, daß sowohl Rußland wie Japan beflissen sind, sich eine gute Basis für die etwaige Liquidation der chinesischen Erbmasse zu sichern, und auch die englischen Diplomaten sind offenbar in starker Furcht, daß sie dank ihrer Gebunden­heit in Südafrika bei der Regelung der Dinge in China zu kurz kommen werden. Die Annahme, daß nach der Be­schwörung der augenblicklichen Gefahr die chinesische Frage in größerem Maßstabe angeschnitten wird, ist jedenfalls nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen, und es ist nur natürlich, daß alle Mächte, welche an den Vorgängen in China betheiligt sind, darauf Bedacht nehmen werden, auch später bei der Regelung der chinesischen Angelegenheiten ein entscheidendes Wort mitzureden.

Fürchten wir somit, daß die Einigkeit der Mächte, wenn die Aufrollung der chinesischen Frage, was wir im Interesse des Weltfriedens nicht hoffen wollen, sich als die direkte Folge der jetzigen Wirren ergeben sollte, nicht lange Vor­halten würde, so steht doch zu wünschen und zu hoffen, daß diese Einigkeit wenigstens so lange vorhält, bis die Gefahr in China gedämpft und beseitigt ist und bis die Frevelthaten, die dort begangen wurden, und die alle Mächte in gleicher Weise berühren, ihre Sühne gefunden haben. Jedenfalls darf kein Zweifel darüber bestehen, daß dem jetzigen Regime in China ein Ende gemacht werden muß. Es hat sich gezeigt, daß die Herrschaft der ränkesüchtigen Kaiserin-Wittwe eine Gefahr für die Europäer und für den Frieden Europas bedeutet. Deshalb muß diesem Regiment ein Ende gemacht werden, gleichviel welches nn seine Stelle treten soll, und gleichzeitig muß dafür Sorge getragen werden, daß sich Vorgänge wie die jetzigen in China nicht_ mehr wiederholen dürfen. Der chinesische Staat hat gezeigt, daß er weder die Kraft noch den Willen

hat, für die Sicherheit der dort lebenden Fremden, für die Sicherheit der Vertreter der Mächte zu sorgen. Es wird deshalb unumgänglich sein, daß der chinesische Staat in der einen oder anderen Weise unter die militärische Vormund­schaft der Mächte gestellt wird.

* * *

hd. Krrltn, 20. Juni. Die Liste der Namen der bei Taku gefallenen und verwundeten deutschen Matrosen war auch heute Mittag weder im Auswärtigen Amt noch im Reichs-Marineamt zu Berlin cingetroffen.

«,. bd. Kortin, 20. Juni. Der „Lokal-Anzeiger" meldet aus K rel: Sowohl die Maniischaften der heimischen Schiffe, wie die­jenigen des ostasiatischen Geschwaders, deren Dienstzeit adaelaufrn ist, gelangen bis auf Weiteres nicht zur Entlassung.

hd Wilhelmshaven. 20. Juni. 2100 Mann Marine- 3nfant*rtt sollen tu 8 Tagen mit den Lloyddnmpfern „Frankfurt" und „Witteklnd" nach China abgehen.

hd. Krrltn, 21. Juni. Der „Lokal-Anzeiger" meldet ans London: Eine aus Shanghai von gestern 3 Uhr 55 Mn. datirte Depesche besagt, daß nach einem mühevollen, durch Kämpfe unterbrochenen Marsche die vereinigten europäischen Truppen am Sonntag Vormittag in Peking ef ge troffen Hub. Sie wurden von den Chinesen angearifft woher die Chinesen mit großer Tapferkeit fochten. Die Vcrlu der Chinesen werden aus 500 Todtc berechnet, die der Europäer sind noch nicht ermittelt. - Ueber die deutschen Rüstungen gegen C hin a wird Folgendes berichtet: Sofort nach dem Ein­treffen des Mobilmachuiigsbefchls in Kiel wurden die MspositionS- urlauber zmückberufen. Die Offiziere wurden auf ihre Fähigkeit für den Torpedodienst geprüft. Die Deck-Offiziere und Many- werden morgen geprüft. Es wird angenommen, daß

schäften

Truppen

Gruppen innerhalb 10Tagen in voller Kriegsstärke für den Marsch reisefertig sind. Das Marine-Detachement wird auf dem Kanonen­boot „Luchs" nach China vefördert. — Dem „Börsen-Courier" wird aus Kiel gemeldet, daß das Marine-Detachement auf den Kreuzern „Freya" und „Victoria Louise" nach Ostasien abgehen werde und daß diese Schiffe erforderlichen Falls auch noch den lwßen Kreuzer „Bmeta" und den kleinen Kreuzer „Geyer" im Sefolge haben werden.

hd. Wien. 20. Juni. Nach dein „Neuen Wiener Tageblatt" erhielt die erste Kreuzer-Division, bestehend aus drei großen Schiffen, den Befehl, sich zur Abfahrt nach China bereit zu halten. , . bd. Kerlin, 21 Juni. Ueber die fralizösischen Rüstungen berichtet der „Lokal-Anzeiger" aus Paris: Das französische Ge- jAwader in bcn chinesischen Häfen wird aus 10 Schiffen mit 226 Geschützen und 21 Torpedos bestehen. Der Bestand an Truppen beträgt 171 Offiziere und 350 Mannschaften.

hd. London, 20. Juni. Nach einer Shanghaier Meldung aus amtlicher chinesischer Quelle befanden sich am 17. d. M. die Gcsaiidtschaftcii in Peking in voller Sicherheit. Weiter wird ge­meldet, daß der Admiral Seymour mit den fremden Truppen, so­wie das russische Entsatz-Corps mit zahlreichen Geschützen vor Peking emgetroffen sind und den Kampf begonneii haben.

hd. London, 20. Juni. „Daily Expreß" meldet au, Shanghai: Hier verlautet, daß der Kaiser von China nicht mehr am Leben sei. Weitere Unruhen werden aus verschiedenen Provinzen gemeldet, wo die Vicckönige die Theilnahme an dem Krieg gegen die Fremden verweigerten.

hd. London, 20. Juni. „Daily Expreß" meldet au» Shanghai: Die chinesischen Truppen sollen anläßlich der Zer- storuiig der Forts von Taku sämmtliche Fremden in Peking er­mordet haben. Die Gesandtschaften hätten verzweifelt gekämpft und

(Nachdruck verboten.)

Charlotte Sirch-Ufeiffer.

Zu dem 100. Jahrestage ihrer Geburt (23. Juni).

Von I. Eltz.

Es wird wohl Niemand mehr heutzutage Charlotte Birch- Pfetffer alseine große Schriftstellerin anerkennen, aber sie hat Jahrzehnte lang im Spielplan der deutschen Theater die erste stelle für das Rührstück eingenommen. Ihre Schauspiele haben Unzählige ergriffen, sie selbst war eine Schauspielerin von Ruf und deshalb geziemt es sich wohl, den 100. Jahres­tag ihrer Geburt nicht unbemerkt vorübergehen zu lassen, zumal einige ihrer Stücke noch jetzt zuweilen auf dem Spiel­plan erscheinen.

Charlotte Birch-Pfeiffer wurde am 23. Juni 1800 zu d ,, ,o„ r l fl * § Tochter des Douiäuenraths Pfeiffer geboren, fE6 als Oberkriegsrath nach München kam. Sehr dV* zeigte sie Lust zum Schauspielerberuf. In ihrem sick,' «i » P ctrat sie bereits die Hofbühne in München, wo so«», r , schnell entwickelte. Als tragische Liebhaberin sw wir soviel Beifall, daß sie auch Kunstreisen durch l* unternahm. Sie war 25 Jahre alt, als sie r . vamschen Schriftsteller I)r. Christian Andreas Birch > e , bet 1703 zu Kopenhagen geboren war. Ihre k te f beschränkten sich jetzt nicht mehr auf Deutschland,

' " 0er " dehnten sich bis Petersburg, Pest und Amsterdam v- 3ahre 1837 übernahm sie die Leitung der Bühne fitp sTI't b * e sio mit Seydelmann zu einer Pflanzschule Li , deutsche Theater zu machen suchte. Sie gab diese ledoch «ach 6 Jahren auf. Bis dahin war sie bereits !•; s sterisch thätig gewesen und 1828 hatte sie sogar r»s-t" ^deutenden Erfolg mit ihren beiden Stücken „Pfeffer- U !l b »Schloß Greifenstein" erzielt.

>t1844 wurde sie an das Hoftheater zu Berlin bi.f o t, 0,0 sie die älteren Rollenfächer übernahm. Von Zeit an bearbeitete sie mit unermüdlichem Fleiß da»

, .^erliche Schauspiel, als dessen Vater man Jffland be- nr,i!t! tn und sie kam sogar Kotzebue an Produktivität Neben ihr hatte hauptsächlich noch Noderich Benedix,

der den harmlosen philiströsen Schwank der Situations- und leichten Karikaturkomik mit Erfolg bearbeitete, für den Ge­schmack der Menge und das Alltagsbeoürfniß der Theater zu sorgen.

Charlotte Birch-Pfeiffer entnahm ihre Stoffe ziemlich kritiklos den beliebten Tagesromanen, und zwar sowohl deutschen als ausländischen. George Sand (die „Grille"), Currer Bell („Die Waise von Lowood" nach Jane Ehre) u. A. mußten zu ihren dramatischen Verarbeitungen ebenso her­halten, wie Tieck, Auerbach rc. Das Protestircn und Klagen der von ihr ausgebeutetcn Autoren half nichts. Als sie Auerbachs Dorfgeschichte „Die Frau Professorin" zu dem Schauspiel „Dorf und Stadl" verarbeitete, wobei sie die Dialoge vielfach wörtlich beibehielt, strengte der Verfasser einen Prozeß zur Wahrung seines geistigen Eigenlhums- rechtes an, aber das Gericht wies ihn ab, da es der Auf­fassung war, daß hier kein gesetzlich unzulässiger Nachdruck vorliege, und das Stück behauptet noch heule seinen Platz auf der Bühne. Das Publikum verübelte ihr jene Praxis auch nicht, da es die ihm liebgewordenen Romanfiguren in der dramatischen Beleuchtung gern wiedersah. Sogar Viktor Hugos großartigen Roman „Hotrs äams äs Pari«" verarbeitete sie zu einem Theaterstück „Der Glöckner von Notre-Dame".

Obgleich sie sich bei Abfassung ihrer Theaterstücke wesentlich an Nomanvorlagen hielt und mehr Bearbeitungen alsOriginal- stückc geschrieben hat, kann man ihr doch nicht ein gewisses Erfindungstalent absprechcn. Um ihren tieferen Blick für das Spannende in der Handlung und das Wirksame bei den Aktschlüssen konnte sogar mancher bessere Dichter sie beneiden. Sie verstand sich eben vorzüglich ans den theatralischen Effekt, besonders auf die Rührung des Publikums. Zuweilen hatte sie übrigens auch Glück mit einem „Original- schnuspiel" oder „Original-Jntriguenstück", wie sie es zur Abwechselung nannte, z. B. mit „Die Marquise von Vilette", „Das Pfefferrösel" je.

Charlotte Birch - Pfeiffer war eine keck zugreifende Schriftstellerin, der es nicht darauf ankam, Menschen zu schaffen, sondern gute dankbare Rollen zu schreibe». Mit unermüdlicher Arbeitskraft deckte sie den Tagesbedarf der

Buhne, die sie mit einer Masse Schau- und Trauerspiele versorgte. Bei ihrem schriftstellerischen Tagewerk kam ihr der schauspielerische Beruf wesentlich zu Statten, da sie mit dem Auge eines geübten Bühneupraklikers ihre Personen sofort in die Coulissenwelt versetzte; als Schauspielerin ver­stand sie es, vorzügliche Rollen zu schreiben. Im Uebrigen aber erzielten ihre Stücke großen Erfolg, weil sie aus einem Gemisch von Rührseligkeit, oberflächlicher Komik und Ge­fühlsmoral bestanden, wobei auch zuweilen versteckte Pikanterie mfl unterlief. Die besonnene Kritik wandte sich vergeblich gegen die „Birch-Pfeiffereien" — die spannende Handlung und die hausbackene Moral sagten dem Geschmack der Massen eben zu.

Die Birch-Pfeiffer versuchte sich auch in Romanen, jedoch nur mit geringem Erfolg. Der zweibändige Roman „Burton Castle" erlebte immerhin drei Auflagen

Sie starb am 24. August 1868 und hinterließ nur ein Kind, Wtlhelmine (geboren 11. März 1836 in München) die den Präsidenten v Hillern heirathete. Diese wurde als Schriftstellerin durch Sensationsromane bekannt, die sie für die „Gartenlaube" schrieb. Sie wandte im Roman die krassen Effekte des Rührstücks an und malte die bäuerliche Welt so manierirt und sentimental aus, wie der selige Ciaurcn die Schweizer Alpen. Ihr Vater, der am 29. August 1868, also schon fünf Tage nach seiner Frau, in Berlin starb, hatte sich besonders durch sein dreibändiges Werk über Ludwig Philipp, König der Franzosen, und seine „Dramatik" bekannt gemacht.

Die gesammelten draniatischen Werke der Birch-Pfeiffer liegen in 23 Bänden vor. Auf der Bühne haben sich aber von ihr nur erhalten: „Der Goldbauer", „Die Waise von Lowood", „Dorf und Stadl" und „Die Grille", aber auch diese Stücke werden nur mehr wegen der Paraderollcn ge­geben, die sie enthalten.

Die Birch-Pfeiffer hat keinen nachhaltigen Einfluß in der Litteratur ausgeübt. Ihre Schauspiele, die schon zu ihrer Zeit Manchem als zu hausbacken erschienen, sagen dem modernen Geschmack nicht mehr zu. Ihr Triumphzug über Deutschlands Bühnen gehört der Vergangenheit an.