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1 . Beilage M Wiesdaüener Tagblatt.

Ko. 28V. Morgen-Ansgnbe.

Mittwoch, de« 2V. I»ni.

48. Jahrgang. 1900.

(27. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Anf Grnuweide.

Ronian von K. H'almä-I'aiisen.

Marietta hatte ihren Strohhut abgenommen. Sie trug :in hellblaues Sommerkleid mit herzförmigem Ausschnitt, dessen zarte Farbe ihrem dunklen, schönen Kopfe sehr reizend stand. Ihre Gestalt war in der gesunden, frischen Landluft allmählich voller, kräftiger geworden, ein leises, feines Roth färbte die früher gar zu blassen Wangen, und die Augen, die lang bewimperten, herrlichen Augen strahlten sinnig heiter aus dem feinen Oval des Gesichtes.

Nun hatte sie sich neben den Knaben gesetzt, eine wunder­schöne, voll aufgeblühte Nose mitgebracht und nun ihm diese soeben gereicht.

„Nicht zum Zergliedern," sagte sie, „wir wollen ihr das Leben lassen, sie duftet so schön, nimm sie morgen mit auf die Reise und freue Dich daran. Heute laß mich auL dem Linno vergleichen, was ich aus dem Gedächtniß in Dein Buch geschrieben. O —!"

Bei dem Durchblättern des Heftes hatte sie die ver­schiedenen Verbesserungen bemerkt.

„Wessen Stift hat hier geändert?" fragte sic erröthend, „o welch eine Menge Fehler. Du siehst, ich bin keine zu­verlässige Lehrerin."

Die Frau begann nun mit aller Umständlichkeit davon zu erzählen, und dadurch kam sie auch auf den ersten Theil der Unterhaltung.

In dem lebhaften Gespräche beobachteten Beide nicht, daß es auf der Dorfstraße plötzlich laut wurde. Verworrene Rufe, Stimmen, Fußtritte schlugen immer deutlicher ans Ohr. Fern näherte sich ein Trupp Menschen, in dessen Mitte ein Mann im blauen Kittel, mit gebundenen Händen ausgenommen war. Dicht nebenher schritt der Förster Brandts, zornig scheltend, wenn das Geschrei des nachfolgenden Kindcr- volkes überhand nahm. Noch hatten sie das Häuschen nicht erreicht, in dem das junge Mädchen mit der erzählenden Frau vor dem Fenster stand. Dieselbe sprach weiter: „Es ist wahr, Fräulein, daß der Karsten zuletzt lodderig und durch schlechten Umgang verwilderte, aber heilige Wahrheit, daß er mich von all' dem heimlichen Treiben nichts wissen ließ. Hart ist e§, zuletzt selbst Schlechtes denken zu müssen vom eigenen Mann — aber was ist da los —, o Zesus, o Jesus!"

Sie sank auf den Stuhl nieder, ohne das starre, todten- bleiche Gesicht von dem Fenster wegzuwenden.

„Kiek da, de Fru," rief ein halbwüchsiger Bengel, der in nackten Füßen nebenher trabte, „hett sick allmindag höllisch optümt un'n Tick hatt op uns ehrliche Lüd — bradcn Hahns mit'n mitten Stadtlümmel eeten, statt Swattbrot as wie — in'n Kasten gift ok nicks anners." Er rannte weiter, um nicht zurückzubleiben.

Marietta hatte beide Hände über die Augen des Knaben gedrückt und sich über ihn gebeugt und wirre Worte ge­sprochen, um seine Aufmerksamkeit von dem höhnischen Rufe des jungen Burschen abzulenken, deßhalb konnte sie es nicht verhindern, daß der armen Frau, die todtenbleich, thränen- und wortlos da stand, der unselige Anblick zu Theil ward.

Na^"'"rrn-Lchw«selniilch-Seise aus der König!. B. Hof-

W>>mer>ksa!nrk « . Wimderlicli, Nürnberg. 3 Prämien, 37 4 t Auszeichnung der Parfümerie, Renommäe seit nun ltr Neuheiten entschieden vorzuziehen. Unentbehrlich Bei'iüÜ!lugendsrilche», geschmeidigen, blendend reinen Teints, a afi mt ?-Ha»tschärsen, Ansschlägen,Jucken, geg. Haarausfall rc. » Pf. be, Apoth. A. Herliiiir, Droa. Gr. Burgstr. 12. 3477

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Detail.

In dieser Stunde that sie den ersten Blick in unsäg­lichen Jammer menschlichen Geschickes. Namenlos ergriffen von dem verzweifelten Schmerz der trostlosen Frau, sah sie ein, daß solchem Weh mit Geld und Gut nicht zu helfen sei. Sie hätte weinen können über die eigene Machtlosigkeit. Leise schloß sie das Fenster, um unberufenen Einblick Fremder zu verhindern, und dahinten im dunkeln Hintergrund saß nun die arme Frau und konnte es nicht fassen, daß der Karsten nun doch ein gemeiner Verbrecher sein müsse, wenn man ihn gebunden durchs Dorf führen dürfe. Und sie rang die Hände und schlang ihren Arm um den kranken Knaben an ihrer Seite, als müsse sie einen fühlbaren Beweis haben, daß ihr bei allem Leid noch ein Trost geblieben, in dem Egoismus des Schmerzes, vergessend, daß dieser nicht minder litt. Auch in seinen Empfindungen war dieses kein Kind mehr; es kämpfte ein thränenloscr aber gewaltiger Schmerz in seinen Zügen und die Hand, die liebkosend das Antlitz der Mutter streichelte, zitterte vor innerer Bewegung. Zu Füßen der Leidenden, mit dem Ausdruck unbekümmerter Heiterkeit, spielte der kleinste Knabe, lächelnd, plaudernd, während brennende Thränen des Leides auf ihn nieder­tropften. Friedvolle Kindheit! Du bist ein Eden seligster Sorglosigkeit und Unschuld, sowohl int Palast als in der Hütte! —

In höchster Aufregung verließ das junge Mädchen die unglückliche Familie. Sie beeilte sich, den Gutshof zu er­reichen, Kunde dort einzuziehen über Alles, um dieselbe der Frau wieder zu übermitteln. Im Geheimen hoffte sie die Erlaubniß von ihrem Vormund erwirken zu können, daß sich Mann und Frau noch vor unberechenbarer Trennung sehen und sprechen dürften.

Unglaublich schnell hatte sich im Dorfe das Gerücht von der Festnehmung des einstigen Großknechts als Wilddieb verbreitet, in Folge dessen befanden sich auf dem Gutshofe eine Menge Menschen, welche trotz Reimers Befehl nicht so­gleich zu vertreiben waren. Aus den verworrenen Reden ringsum vernahm Marietta, daß im Forst in aller Frühe von Seiten der Gendarmerie wiederum Nachforschungen ge­halten worden seien, dieses Mal endlich mit Erfolg. Bon den drei auf der That ertappten Wilderern sei dieser er­wischt, man habe den ganzen Tag auf ihn gefahndet, endlich sei er von dem Förster Brandts, nahe vor Grünweide, im Korn versteckt gefunden worden. Die zwei Anderen wären nach der Stadt transportirt, von der Festnehmung dieses Mannes wußte man dort nichts, und der späten Stunde wegen solle er bis zum Morgen hier festgchalten, dann erst nach N. gebracht werden.

Gleich rechts am Eingang des Hofes, neben dem jetzt zur Sommerzeit leeren Kuhstalle, grenzte die Böttcherwerk­stätte, ein Raum, in welchem auf großen Gütern die Böttcher­arbeiten, Buttertonnen und dergleichen, verfertigt werden. In diesen kleinen, fensterlosen Raum brachte man den Ge­fangenen, band ihn daselbst an und machte ehrerbietig Platz, als der Gutsherr mit erregter, zürnender Miene daherkam und nun seinem ehemaligen Großknecht gegenüberstand.

Marietta^ die vorbeieilen, ihn ihm Hause hatte erwarten wollen, hemmte den Schritt. Sie hatte sich einen wild­bärtigen, bösblickenden, unverschämten Menscheil vorgestellt, ähnlich jenem, der zur Winterszeit eingefangcn war, und sah nun eine, zwar im Altzug verkommene, aber übrigens

durchaus nicht abschreckende Persönlichkeit vor sich. Es lag nicht die mindeste Frechheit, sondern tiefste Niedergeschlagen­heit, Angst und Scham in den erdfahlen Zügen des bart­losen Gesichtes, das keineswegs eine Verbrecherphysiognoniie trug. Deutlich erinnerte sie sich, wie sehr dazumal sie über die glcichmüthige Weise ihres Vormundes, jenem Unver­schämten gegenüber, erstaunt war, wie sie dies unbegreiflich gefunden, jetzt wiederum wollte sie seine Erbitterung und Härte nicht gelten lassen. Unbewußt beeinflußten sie die Beziehungen zu der armen Familie, daher vergaß sie, wie sehr gerechtfertigt Reimers Zorn war. Die großen Aerger- nisse, welche ihm diese frechbetriebenen Wilddiebereien feit einem halben Jahre und länger noch bereiteten, die Undank­barkeit und Treulosigkeit dieses Mannes, der manches Jahr hindurch Arbeit, Lohn und Güte von ihm empfangen, endlich der Gedanke an jene Kugel im Walde, alles dies vergegen­wärtigte sich ihm jetzt, rief seine helle Empörung wach. Harte Worte fielen, statt des gebieterisch verlangten Geständnisses aber setzte der Gefangene diesem Allen hartnäckiges Schweigen entgegen. Endlich übermannte Reimer die Heftigkeit, die Thür wurde zornig zngeworfen und verschlossen.

Inzwischen war gesattelt und des Gutsherrn Pferd heran­geführt worden. Derselbe beabsichtigte sogleich in die Stadt zu reiten, daselbst Bericht zu fordern und zu geben.

Zu der gaffenden Menge sagte er: „Dies hier ist mein Hof, Leute, darauf wünsche ich Ruhe zu haben. Geht in Eure Häuser, ins Dorf zurück und Ihr —" er wandte sich an die Knechte und Arbeiter des Gutes, — „Ihr habt den ganzen Tag Heu eingefahren und werdet ermüdet sein, daß Ihr zum Essen in die Gesindestuben und dann zur Ruhe kommt, morgen geht's wieder früh an die Arbeit."

Die Leute zerstreuten sich und nun erst, da sie nahe an sein Pferd herantrat, welches er bestiegen, bemerkte Reimer das junge Mädchen.

Mit einem Ausdruck flehender Bitte hob Marietta das schmerzlich erregte Antlitz zu ihm auf.

„Was, Du hier?" rief er, „Kind, das war kein Anblick für Dich."

„Ich bitte Dich, ein Wort, Onkel Reimer, ehe Du fort­reitest, ein Wort."

„Ich vermuthe, was Du willst," antwortete er mild; „nein, nein, Marietta, es geht nicht, die Gerechtigkeit muß ihren Lauf nehmen. Du siehst es augenblicklich nicht ein —"

„Doch, doch, ich wollte Anderes von Dir", fiel sie ihm ins Wort, „Dich bitten, der unglücklichen Frau zu erlauben, ihren Mann vor seiner Abführung noch einmal sehen und sprechen zu dürfen."

„Das will ich mir überdenken," antwortete er; „komm, tritt vom Pferde fort, laß mich reiten, die Zeit drängt. Ich kehre erst in der Nacht heim, sag' das den Tanten, und hier — nimm den Schlüssel des improvisirten Gefängnisses, leg' ihn auf mein Zimmer. Morgen, Marietta, sprechen wir weiter."

Damit gab er seinem Pferde die Sporen und sprengte davon.

Marietta blickte ihm in höchster Erregung nach. Morgen, wo die Familie reisen sollte, mußte, um nicht auch noch den Spott und Hohn schadenfroher Menschen ertragen zu müssen — morgen war es zu spät. —

(Fortsetzung folgt.)

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