48. Jahrgang.
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Werkag des „Wiesöadener Zlagökatt".
Der Krieg gegen China.
Aus dem Vorgehen der europäischen Truppen gegen die aufständischen Boxer hat sich schnell ein regelrechter Kampf gegen die chinesischen Truppen selbst entwickelt. Mit der Erstürmung der Taku-Forts hat, genau genommen, eigentlich der Kriegszustand zwischen den Mächten und China begonnen, denn wenn auch von keiner Seite eine Kriegserklärung erfolgt ist und die chinesische Negierung auch noch nicht offiziell erklärt hat, daß sie mit den Boxers gemeinsame Sache mache, so herrscht doch bereits zwischen den Truppen der Mächte und denen Chinas der offene Kriegszustand. Wie sich die Ereignisse in China weiter gestalten werden, läßt sich angesichts der unsicheren und einander widersprechenden Nachrichten aus Peking noch nicht mit einiger Sicherheit beurtheilen. Aber daß die Lage in China ganz außerordentlich ernst ist und daß man sich auf die schwersten Komplikationen gefaßt machen muß, darüber darf man sich keinerlei Täuschungen hingebcn.
Jedenfalls wird es des einmüthigen und energischsten Vorgehens aller Mächte bedürfen, wenn den blutigen Wirren in China ein schnelles Ende gemacht werden soll. Mit schwerster Sorge muß das Geschick der Gesandten und
überhaupt der Europäer in Peking erfüllen, denn wenn man auch die pessimistischen Meldungen aus Peking mit Vorsicht aufnehmen muß, so muß man doch angesichts der Lage in der chinesischen Hauptstadt und in Anbetracht der geringen Zahl der zur Verfügung stehenden internationalen Truppen leider auf das Schlimmste gefaßt sein. Für Alles, was in Peking geschehen ist oder geschieht, wird die
chinesische Negierung verantwortlich und haftbar gemacht werden müssen, denn wenn es schon bisher kaum zweifelhaft sein konnte, so ist jetzt der volle Beweis dafür geliefert, daß die reguläre chinesische Armee offen gemeinsame Sache mit den Boxers macht. Man wird überhaupt nicht fehl gehen, wenn man die ränkesüchtige europäerfeindliche Kaiscrin-
Wittwe zu den Haupturhebern der Erhebung gegen die
Europäer rechnet.
Es ist nothwendig, daß die vereinigten Mächte mit rücksichtsloser Entschiedenheit gegen China Vorgehen, nachdem sich gezeigt hat, daß dieser Staat nicht im Stande ist, aus eigener Kraft für geordnete und sichere Zustände Sorge zu tragen. Nur durch ein schnelles und rücksichtsloses Eingreifen ist das wieder gut zu machen, was die Mächte in China durch allzu langes Zögern versäumt haben. Nachdem das Blut europäischer Truppen und leider auch deutsches Blut geflossen ist, werden die Mächte sich hoffentlich nicht langer durch die Hinterhältigkeit der chinesischen Diplomatie hmzichen lassen, sondern mit aller Energie und mit Aufbietung aller verfügbaren Kräfte der gelben Nasse einen Begriff von der Macht bcibringen, über die Europa verfügt, wenn es einig ist.
r ®j e f er Einigkeit und des Aufgebots stärkerer Kräfte bedarf es freilich, wenn dem Morden in China ein Ende gemacht werden soll. Im Uebrigen darf die Macht des t-hmesenthnms nicht überschätzt werden. Wenn China auch ""Elächenraum Europa übertrifft, und wenn seine Einwohner- qao arw/- Mnc ^ Vilich nicht allzu sicheren Schätzungen, gegen -bi c^^'ouen beträgt, so ist doch die ungeheure Blasse des t>Jf ir CK in eine Starrheit und Bewegungslosigkeit rsailen, die seine militärische Bedeutung sehr herabdrückt. Iw k )tne f e ist feige und als Soldat so gut wie un- Auch ist ihm die Anhänglichkeit an sein Vater- no vollkommen fremd, und wenn einzelne Blätter sich für m^.""0i>onale Idee und die nationale Erhebung" der gelben bu begeistern suchen, so beweist das nur, daß diese Ä ttungen sich in vollkommener Unkenntniß über die treibenden v 0 afk ei Ehinesenerhebung befinden. Diese Motive sind Eb,8 C0en die europäische Kultur, der Haß gegen das d-n und Neid und Haß gegen die Fremden, welche
J 1 e *'} cr höheren Kultur unzugänglichen Chinesen
wirthschaftlicher Leistungsfähigkeit weit überlegen sind.
sagten, daß es der rückhaltslosesten Einigkeit der > äste bedarf, wenn es gelingen soll, den hochgcfährlichen . 'u China, deren Folgen noch garnicht abzusehen toi,* e '?i, "de zu machen. Auf welche Weise dies geschehen ' steht freilich noch nicht mit Sicherheit fest, denn die
bisher zur Verfügung stehenden Streilkräfte reichen in keiner Weise ans. Der Vorschlag, eine Macht mit dem Mandat zur Niederschlagung des Aufstandes zu betrauen, wobei nach Lage der Sache nur Rußland oder Japan in Betracht kämen, die allein mit entsprechender Schnelligkeit die nöthigen Truppenmassen nach China schaffen könnten, dürfte bei der Mehrzahl der Mächte schwerlich Anklang finden, da keine Macht der anderen das Messer zur An- schncidung des chinesischen Bratens wird in die Hand drücken wollen. Wir stehen mithin vor einer internationalen Aktion größeren Maßstabcs, deren Anfang wir sehen, deren Ende aber noch gar nicht abzuseheu ist. Wir wollen hoffen, daß die Solidarität der Mächte wenigstens so lange vorhält, als es sich um die Beseitigung der gemeinsamen Gefahr handelt. Ob diese Einigkeit auch darüber hinaus Vorhalten wird, und ob wir uns nicht nach der hoffentlich in Bälde erfolgenden Beseitigung der dringendsten Gefahr einer Aufrollung der komplizirten chinesischen Frage gegenüber scheu werden, das ist eine Frage, die sich noch gar nicht beantworten läßt, deren Inhalt aber vielleicht der Inhalt der hohen Politik der nächsten Jahre bilden wird.
* * *
hd. $ erlitt, 19. Juni. Nach Meldungen aus London soll der Kommandant des „Iltis", Korvetten- Kapitän Lans, bei dem Sturm auf Taku schwer verwundet, nach einer andern Version sogar gefallen und das Schiff selbst schwer beschädigt sein. — Nach einer Meldung aus London werden über die Schlacht bei Taku folgende Einzelheiten ans Shanghai lelegraphirt: Sonnlag Nacht um 1 Uhr eröffncten die Forts unerwartet das Feuer ans die ruhig vor Anker liegenden Schiffe. Der „Iltis" und das britische Schiff „Algerine" wurden total überrascht und litten schwer. Sie erhielten 17 Treffer. Hierauf cröffnete die kombinirte Flotte ein furchtbares Feuer. Zwei Forts wurden buchstäblich in Stücke gerissen. Darauf landeten die Schiffe 2000 Mann, bestehend aus englischen, amerikanischen, deutschen, russischen, französischen, österreichischen, italienischen und japanischen Truppen. Dieselben erstürmten die Forls. Die fliehenden Chinesen wurden der russischen Landmacht in die Arme getrieben. 400 Chinesen sollen gefallen, sein. Eine Granate sprengte das Pulvermagazin des russischen Kanonenbootes „Mandschur". Das Schiff flog in die Luft. Der Angriff der Chinesen soll auf persönliches Geheiß der Kaiserin erfolgt sein. Die chinesischeGarnisonfloh nordwärts, dnrchschnittdieTelegraphen- drähte und äscherte die Dörfer ein.
hd. Kerlin, 19. Juni. Dein „Berliner Tageblatt" wurde im Reichsamt des Innern ans Anfrage mitgcthcilfi daß die Namen der bei der Beschießung und Erstürmung der Forts von Taku gefallenen und verwundeten deutschen Matrosen noch nicht bekannt find, daß mau jedoch das Eintreffen einer Depesche hierüber stündlich erwarte.
hd. 20. Juni. Den Blättern zufolge wurde der
größte Thcil der chinesischen Garnison von Taku infolge des glanzenden Angriffes der vereinigten europäischen Truppen getödtet. Zwei chinesische Festungen wurden vollständig zerstört.
, hd. Kertm, 19. Juni, lieber die Maßnahmen der Mächte in China erfährt ein hiesiges Blatt von gut unterrichteter Seite, daß, falls Japan die ihm von den Mächten angebotene Mission, die imiltärischc Exekution in China zu übernehmen, abiehnen sollte, dem Deutschen Reiche die führende Rolle zufallcn dürfte. Bereits $ , w und 2. See-Bataillon der Befehl zugegangen, sich zur Einschiffung bereit zu halten, und es ist auch evcntiiell die Entsendung enier deutschen Jnfanterle-Brigade, welche mnthmaßlich dem schleswig-holsteimschen Armce-CorpS entnomnien werde» wurde, in Aussicht genommen.
Kiel, 19. Jniii. Die gesammte Marine-Infanterie in Kiel und Wilhelmshaven wurde mobil gemacht. Beide Seebataillone, zusammen 2400 Mann, ergänzt durch Mannschaften aus der Armee, werden innerhalb 8 Tagen nach China in Marsch gesetzt. Der Panzerkreiizer „Fürst Bismarck" nimmt 300 Soldaten.
hd. Berlin, ,20. Juni. Stach einer Meldung des „Lokal- Anzeiger" ans Kiel soll der nach China abgehende Transport der beiden Seebataillone durch ein Detachement Marine-Matrosen verstärkt werden. Das gestern aus Danzig angckommene Kanonenboot „Luchs", das für Südafrika bestimmt war, muß seine Ausrüstung derart beschleunigen, daß die Abreise nach Ostasien am Doiiiierstag erfolgen kann. Der noch im Probefahrt-Kommando stehende Panzerkreuzer „Fürst Bismarck" erhielt den Befehl, in acht Tage» reiseferiig für China zu sein. Die Probefahrten sollen dort erledigt werden. Der im Kesselumbau befindliche Kreuzer „Gazelle" soll in vier Wochen reisefertig sein mit gleicher Bestimmung. Die Marine- und Werftbehördcn entfalten eine fieberhafte Thätigkeit. General-Major v. Höpfncr übernimmt die Führung der nach China abgehendeu Sec- bataillone.
Mi. lieber tue Vorgänge in China wird dem öondon ans Shanghai gemeldet: Nach einem
hd. Kerl i», 20. Ji „Lokal-Anzeiger" über L Gerückt sei Tientsin e
Gerücht sei Tientsin eingeäschert und Anlu, der Vicekönig von Tschill, sei nach Norden geflohen, um die Degradation zu vermeiden. Der Taotai von Shanghai hatte eine Konferenz mit dem britischen Konsul und versprach demselben, er werde mit den britischen Truppen behufs Wahrung der Ordnung znsammciiwirken. Eine Anzahl chinesischer Kreuzer ankert vor den ausländischen Niederlassungen in Shanghai, die nur durch ein kleines japanisches Kanonenboot geschützt seien, während zwei 49-Pfünder und 1000
chinesische Soldaten die Forts außerhalb Shanghais besetzt halten. In Shanghai cirku irten gestern die wildesten Gerüchte über die .Rassakriruiig von Ausländern in Peking, doch schenkte man den- a nr" '"^.""^"Kreisen keine» Glauben. Ein von gestern 9 Uhr 45 Mm. datirtes Te egranim besagt: Der britische Konsul ist bisher ohne Nachricht „ber die Vorgänge bei Taku. Er weiß nur- daß ein japanischer Kapitän, 5 fremde Offiziere und 40 Matrosen getödtet, 35 verwundet wurde».
Juni. Der „Lok.-Anz." meldet aus Wien: Die russische Regierung zeigte in einer Cirkulamote den Kabinetten an, daß sie neuerlich 4000 Mam, in China landen lasse zu einer gemeiiisamen Operation mit den Kontingenten der anderen Mächte.
f dl 19. Juni. Drei italienische Panzerkreuzer haben
Befehl erhalten, „ch zur Abfahrt nach China bereit zu halten.
„ dl. Kerlitr, 19. Juni. Der „Lokal-Anzeiger" meldet aus x°nd o n: Aus Peking liegen keine Nachrichten vor. Der „Daily Telegraph-Korrespondent in, Shanghai telcgraphirt: Gestern Abend spat wurde berichtet, die Pekinger Regierung empfinde Reue. Nulu wurde dcgradirt und vor das Strafamt geladen, weil er die Aufstande erlaubt habe. General Tung sei kassirt und nach den militärischen Poststraßcn verbannt worden wegen des Mordes des japanischen Kanzlers. Die chinesische Regierung reparirt die Telegraphen-Lsinen.
niJ . "r d - ^ris. IS. Juni. Im heutige» Ministerrath erklärte der Munster des Auswärtigen, daß ein vollständiges Einvernehmen Mischen den Großmächten in Betreff der chinesischen Angelegen- heitcn bestehe. Die Verbindungen mit Tientsin sind immer noch unterbrochen Infolge der Vorstellungen, welche Seitens des chinesischen Botschafters in Paris bei dem Vicekönig der Provinz Bunna» gemacht wurden, hat der Vicekönig den Behörden den Befehl ertheilt, ^eben und Elgenthum der Europäer zu schützen.
hd. Krrlin, 20. Juni. In einem längeren Artikel iiber die Vorgänge m China schreibt die„Natio»al-Zeitung": Vor der Hand bleibt noch die Hoffnung bestehen, daß es sich beigem Aufstand in Tschül nur um eine durch die Haltung der chinesischen Ccutral- Ncgicrung ungewöhnlich verschärfte und verwickelte Bewegung von provinzieller Ansdehnnng handelt. Die Aufgabe, welche das Deutsche gleich bei dieser Sachlage habe, bestehe in dem Schutze der eigenen Interessen in Schantnng und in der Mitwirkung bei der möglichst raschen Wiederherstellniig der Ordnung in Peking. Es selkeu'k Frage daß wenn gegenwärtig Seile, ls irgend einer Regierung selbstsüchtige Gelüste mich Ausdehnung der eigene» Macht in China hervortrcten wurden, diese sofort mit den anderen Mächten in einen schweren Konflikt gerathcn würde, dessen Ausgang nach keiner Richtung zu übersehen sein würde.
Ein Korer-Plalrat.
DieLondoner „Eöening News" giebt nach chinesischen Zeitungen, welche mit der letzten chinesischen Post angekoinincn sind, folgenden Wortlaut eines Boxer-Plakats wieder, das. nach der „Franks. Ztg" in deutscher Ucbersctzuiig lautet:
„Die Götter helfen den Boxern,
Dem patriotischen, harmonischen Corps,
Und zwar darum, weil die fremden Teufel das Reich der
..... . m . Mitte stören.
Sie nöthigen das Volk, ihre Ncligion anzunehmen.
Dem Himmel den Rücke» zu kehren.
Die Götter nicht zu verehren und die Vorsahren zu vergessen.
Männer verletzen die menschlichen Verpflichtungen, Frauen begehen Ehebruch.
Fremde Teufel sind nicht von Menschen erzeugt.
Wenn Ihr es nicht glaubt,
So seht sie genau an,
Die Angen aller fremden Teufel sind bläulich.
Kein Regen fallt,
Die Erde wird trocken.
Dies geschieht, weil die Kirchen den Himmel verschließen.
D,e Götter znrnen.
Die Genien sind ärgerlich:
Beide kommen herunter von den Bergen, um ihre Lehren
Das ist kein Gerücht. predigen.
Die Uebungeu der Boxer werden nicht vergebens sein. Rccitirt Beschwornnge», sprecht Zauberworte aus.
Verbrennt gelbes beschriebenes Papier,
Zündet Räucherstöcke an,
Um die Götter und Genien aller Grotten einzuladen.
Die Götter kommen heraus ans den Grotten,
Die Genien kommen herunter von den Bergen,
Sie helfen den menschlichen Körpern das Boxen zu üben.
Wenn alle inilitärischen Fertigkeiten oder die Taktik Genau gelernt sind, dann wird es nicht schwer sein.
Alle fremden Teufel auszurotten.
Schiebt die Eisenbahnschienen zur Seite,
Reißt die Telegraphen st a na cn heraus,
Und gleich hierauf zerstört die Dampfer.
Das große Frankreich Wird kalt im Herzen und kleinmüthig werden.
Die Engländer und Russen werden sicherlich zersprengt
Laßt die verschiedenen fremden Teufel alle getödtet werden, Möge das ganze elegante Reich der großen Ching-Dynastie _ immer gedeihen!"
zu
Deutsches Kelch.
* Kof- und Nrrfonal-Uirchrichtk». Die Beisetzung des verstorbenen G r 0 ßh c r z 0 g s v 0 n O ld e n b u r g fand gestern Vor- mittag statt. t Zur Theilnahme an derselben waren bereits vorgestern fürstliche Personen eingctroffen. Früh kam Prinz Heinrich von Preußen an. Vereine Mid Schulen bildeten Spalier. Um 9'/- Uhr traf der Kaiser ein Um 10 Uhr setzte sich der Leichenzug unter dem Geläute aller Glocken in Bewegung Dem mit acht
u UIC OU UUC, UCl HLUN UNO AXgM 0eS M0tz-
Herzogs Rach beendeter Trauerfeier reiste der Kaiser wieder ab.
infolge des Ablebens der Fürstin-Mutter von Hohcn- zollern ist die Vermahlung des Prinzen Albert von Belgien mit der Prinzessin Elisabeth von Bayern auf den Monat Dezember verschoben worden. Der Graf von Flandern und Prinz Albert reisten gestern nach Sigmaringeii. König Leopold sendet jedenfalls rllien Vertreter. - Dem .Mtlitärwochenblat/ zufolge wurde dem
