Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts,
ff Nr. 90. Sonntag. 18. klpril. 1915 *
Herrscher der Ozeans. »m»
Novelle von Marcellv Rogge.
55 ° 10' n. Br., 8° 14' w. L.
Die „Britannic", einer der Riesenpassagierdainpfer der „White-Star-Line", durchfurcht mit ihrem ungeheueren Kiel in gleichmäßiger Schnelligkeit die hier wenige Seemeilen von der Küste in langen Zügen dahinrollenden Wogen des Atlantik.
Sie war vor sieben Tagen von New Jork ausgefahren, und so hatte ihre Ozeanfahrt volle vierundzwanzig Stunden länger beansprucht als in Friedens- zeiten. Früher wäre diese Verspätung vermutlich ein Grund ehrlicher Entrüstung gegen den Kapitän gewesen, denn die Dollar- und Pfundmillionäre, die cs sich leisten konnten, diesen Luxusdampfer zu benutzen, huldigen alle dem Grundsatz „Zeit ist Geld", und für einen neuen Schnelligkeitsrekord hätten sie gern ihr Leben gelassen. Heute brauchte kein „Rekord" mehr j gehalten oder gar geschlagen zu werden. Die „Britannic"
;formte ungestört das so vielbegehrte „Blaue Band des Ozeans" als ihr eigen betrachten. Deutschland, ihr gefährlichster und erfolgreichster Rivale, war vorläufig unschädlich geinacht. „Imperator" und „Vaterland" vermochten ihre sicheren Häfen nicht zu verlassen, und stolz trug die „Britannic" den „Union Jack" über den Ozean.
Trotz dieser unbestrittenen Herrschaft über das ewige Meer hatte der unbestechliche Schutzgott des Atlantik ihr in diesen sieben Tagen nicht günstig ge- lächelt. Schwere Stürme hatten die grünen Tiefen aufgewühlt, .daß sich der Riesenleib aufbäumte wie ein Fieberkranker und in den stählernen Fugen ächzend von einem Wellental in das andere taumelte. Furchtbare Sturzseen waren bis auf das sechste Deck hinaufgeb raust, und ungeheuere Massen Wassers und weißer schäumender Gischt waren selbst über dem kleinen Turm, zehn Meter oberhalb der dreifach erhöhten Kommandobrücke, zusammengebrochen. wo der Funkentelegraphist Ben Griffith seinen luftigen Platz hatte. Tag und ! Stacht hatte Ben dort oben Wache gehalten. -Tag und Nacht spielten die knisternden Funken . über ihm im ischlanken Antennenmast, tickte und zuckte es in dem empfindlichen Hörapparat.
Nach mühsamer Überwindung der gefährlichen Bidal-Bänke kam die „Britannic" endlich in gemäßigtere See, und cs schien, als recke sich der riesige Körper snach diesem tosenden Kampf mit Wind und Wetter, und der „Union Jack" droben schien zu prahlen, daß er Sieger selbst über die furchtbaren Mächte der Natur geworden sei.
„Britanuia rnles tlie waves" klang die Weise des Schiffsorchesters aus der großen Glashalle des „Wintergartens" auf dem dritten Promenadendeck, wo die Passagiere der 1. Klasse ihren Nachmittagstee ein- ^Nahmen. Ein Schwirren und Rauschen von hundert Stimmen und verschiedenen Lauten, ein Begrüßen und Fragen ging von Tisch zu Tisch und mischte sich mit der Musik und dein leisen Geklirr der Silberlöffel und zierlichen Tassen. Man konnte so recht erkennen.
wie alles aufatmete nach den letzteir bangeir Tagen. Auch die Damen waren zum Teil wieder erschienen, vielleicht ein wenig blasser als sonst, doch anmutig und mit wirkungsvoller Grazie die letzten Schöpfungen der Pariser Mode zur Schau tragend, — wie im Frieden.
Richtig, inan hatte hier ja fast vergessen, daß die Welt in Kriegszeit lebte. „Britanuia rnles tüe waves", — man fühlte sich so sicher. Krieg gab eS ja zwar — drüben auf dem Festlande. Man merkte es wohl zuweilen auch hier. Manchen bekannten Börsenkönig koiinte man mit gefurchter Stirn ruhelos im Muchzimmer auf und nieder schreiten sehen, . manch kleinen Kreis noch in später Stunde beobachten, in denr schon ein wenig zweifelnd die bange Frage aufgeworfen wurde, ob Englands Macht wirklich so uiwcrletzlich sei, und die „damned Germans" nicht doch. . . Aber jetzt im Wintergarten zwischen blühenden Rosenbüschen, schlanken Aiirekarien und breitfächerigen Palmen ver- mochte man von solchen Sorgen eiirzelner nichts zu merken. Das letzte Markonigramm hatte ja gelautet: „London: Business as usual", — Geschäft wie gewöhnlich, — das war die Hauptsache.
„Britanuia rnles the waves", summte Ben Griffith leise mit. Die ihm vertraute Melodie des Liedes trug der Seewind bis zu seiner einsamen Warte hinauf, denn er hatte zum ersten Male wieder die breiten zolldicken Scheiben seiner Kabine geöffnet und schaute nun mit scharfem Glase den endlosen Horizont ab. Weit ganz in der Ferne zeigte sich wie ein seiner, kaum sichtbarer grauer Strich Land. Die Thory- Jnseln, hinter denen die Küste Irlands aufsteigen mußte.
„Tak, tak-tak, tak-tak-tak" ging cs im Apparat. Der dreimalige Anruf zeigte au, daß eine Landstation sprechen wollte. Griffith schloß gleichmütig die Scheiben und band sich den Hörer um. „Tak, tak-tak-tak, tak-tak- tak." Griffith notierte: „London: Über Havre wird gemeldet, siegreicher Vorstoß der Franzosen im Norden. Im Elsaß ging 10. Armee bis Metz vor. — „Havas" meldet: Französische Flieger bombardierten Köln und Mainz. Köln ein Flammenmeer. Sechs Zeppeline zerstört. Kopenhagen meldet: Graf Zeppelin verübte Selbstmord. — Tak-tak, tak, tak-tak. — König Albert teilt mit, daß spätestens in -einem Monat Antwerpen und Brüssel von Deutschen gesäubert. Joffre beglückwünscht Zaren. Zar beglückwünscht König Georg. — London: Landung an deutscher Küste gelang. Näheres noch nicht bekamrt. Deutschland durch Hunger entmutigt. — Kaiser sagte: England Deutschlands Tod.
Reuter. Rrrrr, tak-tak, rrrr, tak, tak-tak." Eine Störung im elektrischen Feld. Längere Zeit vermag Griffith nichts mehr zu hören. Mit flinker Haird rollt er den beschriebenen Bogen, fügt ihn einer Kapsel eilt und läßt ihn nach unten gleiten. Im Setzraum des „Bord-Journals" warten schon geschäftige Hände, die neuesten Nachrichten zu drucken, mir zur Dinerstunde den Passagieren der 1. Klasse die neuen großen Erfolg«
