1. Beilage junt Wiesbadener Tagblaii.
U-. 278. Morgen-Ansgalre.Dienstag» de« IS. Juni. 48. Jahrgang. 1900.
(26. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Auf Griinweibe.
Noma» von K. Palme - I>aysen.
„Wenn ich das Kinderbild sehe, da über Ihrem Schreibisch, Herr Hartmann, wie Einem dann Alles wieder ein- ällt! ein kleiner Junge noch, aber wild und ausgelassen wie Keiner. Kein Baum zu hoch, und gerad vom Thurm oben hat man ihn nie 'runterbringeu können. Er wollt' die Welt sehen, und wohin die Sonne ginge, so weit wollte er auch reisen, wenn er erst groß. Und wenn ich sagte: Gottfriedchen, da, wo die Sonne sinkt, da geht's gerade erst recht weiter, — so reise ich auch weiter, immer mit der Sonne, sagte er, durch alle Länder. — Und jetzt steht er da oben, alt und grau und hat alle Länder und die halbe Welt gesehen, und —" es zuckte schmerzlich um die Lippen des Alten, — „und hat sich daraus den zerstörten Geist und das kranke Herz mit nach Haus gebracht. Wär er doch niemals hinausgezogen in die Welt!"
Reimer hielt in seinem Gange inne.
„Ob es dann anders geworden wär, wer will darüber richten? Sein aufgeregter, schwärmerischer Geist wäre derselbe geblieben, auch hier hätte sein Herz erkranken können. Ich denke dabei an den alten Mann, der in die Wüste geflohen, um dem Todesengel zu entgehen. Unserem Geschicke enteilen, wohin wir auch fliehen, das können wir Menschen nicht, es trifft uns doch."
Der Alte nickte.
„Ich glaube", sagte er leise, „der Tod, der läßt auch bei ihm nicht mehr lange auf sich warten."
Es folgte ein schmerzliches Stillschweigen. Dann sagte Reimer:
„Ich werde an die Aerzte schreiben und diese Zeit recht oft dort oben hinauf kommen, alter Christian. Geh jetzt voran, ich folge Dir sogleich."
Als sich die Thür hinter dem Alten geschlossen, trat Reimer an eine an der Wand' hängende Geige, nahm diese in die Hand und murmelte:
„Was soll die noch hier! Rühr ich sie je anders an, als da oben im Thurme? Da mag sie auch bleiben, ihre Tön« sollen ihm die letzten Lebenstage erheitern. Dir, mein Bruder."
Der Abend dunkelte herauf, da schritt er langsam dem Thurme zu. Die Stiegen, die sein schwerer Schritt traf, knarrten, sonst herrschte hier Grabesruhe.
Gegen das Kreuz des offenen Fensters, durch das man weit ins Land hinaus sah, lehnte die Gestalt des Irren. Der Abendwind wehte in den Vorhängen und strich durch sein graues Haar, und das scheidende Sonnenlicht, ehe es ganz verschwand, lag noch mit leisem Schimmer auf der edlen Stirn. Er blickte nicht auf, als Reimer seine Schulter berührte, und einen Augenblick standen Beide schweigend nebeneinander.
Von der sprechenden Aehnlichkeit früherer Jahre war nichts mehr zu sehen. Die ehemalige Schönheit dieses kuhngeschnittenen Gesichts konnte nur geahnt werden. Gelb und eingefallen war jetzt die Haut, und der Blick der blauen Augen so sonderbar, matt und selten aufleuchtend. Dagegen verrieth die Stimme den sonoren Tonfall des Bruders.
„Christian", sagte er, und als plötzlich der Gutsherr antwortete, „so, Du bist's, Reimer, ich hatte Dich auch erwartet."
„Ein schöner Abend, Gottfried, ich glaubte, Dich auf der Zinne zu finden."
„Nein, ich betrachte den Sonnenuntergang von hier. Diesen mattvioletten Schimmer wie heute, sieht man selten hier, drüben immer."
Reimer schwieg. Ein Gespräch, daß sich auf die Vergangenheit, auf seine Reisen bezog, pflegte er niemals anzuregen oder zu unterstützen. Er rollte einen Sessel ans Fenster und sagte: „Sicherlich hast Du schon lange gestanden und bist müde. Komm', ich setze mich daneben und erzähle Dir etwas. Unsere Ernte-Aussichten sind gut. Der Weizenertrag wird dieses Jahr ein Drittel des vorjährigen übersteigen und für meine Ziegelbrcnnereien sind mir bedeutende Aufträge gemacht."
Der Bruder hatte seinen Kopf gegen den Stuhlrücken gelehnt und machte eine abwehrende Handbewegung.
„Laß das, Reimer, es langweilt mich."
Nach einer Weile, während er zerstreut in die Ferne geblickt, sagte er: „Es ist heule der Jahrestag, als mein Auge zum ersten Mal den Libanon erblickte. Ich hatte das Alpenglühen in der Schweiz vergeblich erwartet, hier sah ich etwas Entzückendes. Es war ein grandioser Anblick. Unser Schiff entfernte sich mehr und mehr von den felsigen Mceres- gestaden Syriens. Die wurden zu Hügeln, als plötzlich bei einer Wendung der majestätische Libanon uns entgegenleuchtete, mit seinen Schneeregionen, seinen 8000 Fuß hohen schimmernden Gipfeln. Stundenlang, bis in die Nacht hinein, hatte ich dies herrliche, wunderbare Panorama. Sah am Fuße des Berges das Thal der Cedern, tausendjährige Riesen. Die Sonne ging unter und Alles flimmerte in rosigen Glnthen. Die Lichtreflexe am Horizonte sind gar nicht zu beschreiben, und als Alles schon in tiefe Schatten gehüllt war, leuchteten noch lange die schneebedeckten Bergeshäupter. Dann kam die Leuchte der Nacht. Der Mond im ersten Viertel. Ich weiß, die ganze Scheibe war eigentlich sichtbar, denn der Schatten ist so hell, als wär' sie mit einem feinen schwarzen Schleier bedeckt. — Der Mond ist auch mein Freund. Er leuchtete in einer Nacht, o, in einer Nacht, die ich nie vergesse. Soll ich Dir erzählen — von Macaria, Cypern, dieser wunderbaren Insel — ?"
Er hatte sich vorgebeugt, die Hand des Bruders ergriffen und mit plötzlich belebten Ausdruck geredet.
Reimer antwortete mit festem Blick und ruhiger Miene:
„Ich hatte meine Geige mitgebracht. Lange ist es her, daß Du sie gehört. Laß mich jetzt spielen, hernach sollst Du mir recht viel erzählen."
Christian brachte das Instrument und der Gutsherr fuhr fort: „Du solltest selbst wieder Musik treiben. Was kannst Du noch? Versuche es einmal."
Es erfolgte keine Antwort. Der Kranke hatte sich wieder zurückgelehnt, und mit fernschweifendcm Blick saß er still und ruhig da. Reimer begann zu spielen. Erst einfache Weisen, dann vertieften sich die Gedankenklänge. Von Meisterhand gestrichen, entfaltete sich ein wunderbares Spiel, ernst, klagend, ringend, versöhnend, mit gewaltigen, Ansdruck in die Seele des Hörers dringend. Noch jedes Mal hatte es auf den ruhelosen Zustand des Kranken seine
Wirkung geübt. Die kranken Ideen traten dann zurück und zuletzt stellte sich eine körperliche, angenehme Müdigkeit ein, die den ersehnten Schlaf früher als sonst hcrbeiführte.
Es war Nacht, als Reimer den Thurm verließ. Ein einziges Fenster im Hause war noch erhellt, und scharf gezeichnet, mußte dem Vorübergehenden die Gestalt der jungen Marielta emgegentreten.
XXIV.
Alle Versuche der armen Frau Bechtold, Kunde von ihrem Manne zu erhalten, blieben vergeblich. Die dürftige» Habseligkeiten der kleinen Faniilie waren bereits verpackt, das kleine Anwesen verkauft, die Ankunft bei den Verwandten, welche an der See wohnten, angemeldet und morgen i» aller Frühe sollte der Aufbruch in die unbekannte Ferne, in ein fremdes Asyl vor sich gehen. Das Herz war ihr schwer. So klein das Fleckchen, was ihr bisher gehört, so arm es war, es war ja ihre Heiniath gewesen, die Heimath, für welche der Arme wie der Reiche und Vornehme eine instinktive Anhänglichkeit, ein gleich tiefes Gefühl besitzt. Aber die Frau besaß neben diesem ebenso stark ausgeprägte Rechts- und Ehrbegriffe. Sie wußte, daß ans ihrem Namen hier Schmach lag und bis zur Unerträglichkeit waren ihr die scheelen Blicke, die gehässigen, zweideutigen Bemerkungen unnachsichtiger Nachbarn geworden, denen sie ja mit dem Verlassen der Heimath für immer entging. Dies halte aller.: Schwanken ein Ende gemacht. Ihr ehrliches, gutes Gesicht, das noch Thränenspuren trug, erhellte sich froh, als plötzlich in das niedrige Stübchen die junge Dame trat, der sie für ihre „Gutthaten," wie sie sich ausdrückte, gar nicht genug danken konnte. Das heißt im Herzen. Ihr Mund war scheu, auszusprechen das übervolle Gefühl desselben, und sie vermochte auch nicht das rechte Wort zu finden. Es lebte ein angeborenes Zartgefühl in dieser Frau, das Ma- riettu mit ihrem eigenen zarten Enipfinden erkannt habe:: mußte, denn obgleich sie niemals bisher Gelegenheit gefunden, auch nicht gesucht hatte, Wohlthätigkeit zu üben, hier hatte sie das liebevolle Wort: „Da nimm, mimm von dem Vielen, Uebcrflüssigen, was ich selbst besitze," ausgesprochen wie eine Bitte, für deren Erfüllung sie selbst zu danken habe. Ihr Geben war, was es sein soll, „eine Liebkosung mit lächelndem Munde."
Das Stübchen prangte in äußerster Sauberkeit. Nichts verrieth das Packen und Kramen der Habe. Außer de» Belten des Nachtlagers auf der Erde standen nur einige Stühle umher und ein Tisch, an dem der leidende Knabe saß, dicht ans Fenster gerückt, damit er noch den letzten Sonnengrnß erhasche. Marielta hatte das interessante Kind sehr lieb gewonnen; sie fürchtete, es zu enibehren, wenn sie nicht mehr wie sonst mit Büchern und Blumen ins Dorf gehen konnte und seine froh glänzenden Augen sehend, wenn sie erzählend und lehrend vor ihm saß. Längere Zeit hatte sie nicht vorgesehen, ihre eigenen Interessen halten sie ja vollständig in Anspruch genommen. Wie erstannt, toi« beschämt innerlich mar sie, als sie jetzt von dem Besuche ihres Vormundes hörte und daß auch er der Frau ans dev äußeren Bedrängniß habe helfen wollen, er, dem sie Oed) und Engherzigkeit vorgeworfen.
(Fortsetzung folgt.)
2
etnrtc
VSiK.ii
» t :
• ni : .:
^elaspee^Sftrasse 9
rremnanalung 9^jjcTienstverteJ(ellereien: J3ergschU}Sschen, /färsfrasse 24, 4
Empfehlenswerthe Marken:
1893er Laubcnhelnier Häuschen, 1893er Ockenlicimer Helle, 1895er Gaulsheimcr Edel rot,
sämiiitliclie eigenes Waclislliura.
199
Damen-Sliefelsohlen u. Fleck Mk. 2.— Herren-Sliefelsohlen n. Fleck Mk.2.50
«OV»hmjL® tun « n , sichere und gute Bedienung.
10 Gehilfen. — Reparaturen schnell und qnt.
^ *“■ Schneider, Schuhmacher, Eckladen Michelsberg und Hochstätte.
Pottentöiitiinp- und DeMfecllM-Anflult.
s»„v r m Verfahre» gesetzlich geschützt.
andern Äecn7Ä»"L Dün Iotte». Wanzen, Holzwürmern und stände,!. J1 K6ft ^ren Brut aus allen erdenklichen Gegeu-
Kraickhchs^ un^d«fällen^bra"chE^»flände und Räume nach Keine Beschädigung. Garantie. Billigste Preise. 3717 Heinrich Sperling, Moritzstraste 44.
BOOOOO OOOOCOGO ÖOOO
iesbadener
Polsteroesielie-Fabrik
von
^ Preeh, Wiesbaden,
Moritzstrasse 45.
««^.1875. Tclefon 2;i48 .
Vertreter gesucht, -q«
tOOOOOOOOOOOG
000090000000000000000000000900900000000090000000000000c
internationale 6sK!ö'lljUNg8-A!ral!6M!S, TL«"’
fachwissenschaftliches Lehr -- Institut ersten Ranges für die gesammte
boQoooooo] leieret«
Unterricht im SKiischneidcn, ülnaaanrltinen und AnFertigeai aller Cnstiime, Ja<|iictt(>a, Conrrctium und Minderkleider nach dem neuen, unübertroOenen „SYSTEM Et «CH EIIUIISI’T“.
Beste Referenzen. Aufnahme täglich. Prospecte gratis. Verkauf von Stoffbüsten u. Schnittmustern.
Direction: Heinrich ffieyrer.
»OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO
Grösste Auswahl in
Günstige Offerte!
verranne japuens. uosn
ti
um schnell damit zu räumen,
deutend unter Preis.
von jetzt ab be-
8095
M. Wiegand, Langgasse 37.
Prima Erdbeeren,
täglich frisck) gepflückt, in meinem Garten Billa Westfalia zn Mosbach. Gefällige Bestellungen an Adolph Wilhelm»,
' ' " ‘ ' ' 8352
Oranienstratze 1. Ecke Nheinstratze, Wiesbaden.
5559
©• Hexamer, Goldgasse 2, Laden,
vis-ü-vix der Hlifneri?asse.
Dl
Hpeciali tiit t
Schwedische und astreine amerikanische
Zimmer-Thoren, bJS, e t c .
Eiuil Funcke.
Haupt-Comjtoir u. Musterlager: Coblenz,8chloss8tr.7, wohin alle Anfragen zu richten sind.
I.nger s Frankfurt a. M., Niedenau 15. Illu8tr. Preislisten gratis u. franco. F123
8
nu5TiB««SrunäTtärneü«irTfn!r
Frau-nsch»» „D.B.P.“ I-,,n. P. Jtijäl grali«. Sei)«. Buch statt M. 1.60 tun 60 Pf. Bersch,vff«, 30 Pf. „l-dr.
Q. Oiohmtnn. Konitini. U 1«.
(Maga4169J
