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dinge zum Piestmüener Taglilult.

Uo. 277. Abend-Ausgabe.

Montag, de» 18. Juni.

48. Jahrgang. 1900.

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Nur das Gesetz ist Sicherheit und Freiheit. Die Freiheit ist so weit entfernt von Willkür, wie die Sklaverei von der Freiheit.

Toland.

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(12. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Des Nächsten Weib.

Roman von Georg Kugel.

„Ich?" Holstein zuckte die Achseln und entzündete sich eine neue Cigarre.

„Sprechen Sie ruhig weiter", entgcgnete er während des Anrauchens. „Sie besitzen so etwas Gespenstisch-Interessantes, das mich anheimclt."

Er bot ihm eine schwere, lederne Tasche dar, und der Kranke nahm die streng verbotene Havana und rauchte in großen, gierigen Zügen.

„Sie sind der Erbe Ihres Vaters", fuhr er hüstelnd fort und blickte den jungen Mann mit seinen glänzenden Augen an: „Verlassen Sie sich darauf. Vorläufig sind Sie zwar gekommen, um Ihr gesunkenes Geschlecht zu heben, oder vielleicht auch, um es zu ignoriren. Das letzte ist aber nicht möglich, mein Lieber, denn jede Familie ist ein Polyp, der auch feine fernsten Glieder immer wieder an sich zieht. — In diesem Kampfe werden Sie untergehcn. Alles deutet darauf hin — die großen Unternehmungen, die Sie scheinbar spielend ins Leben rufen, die Genialität, abnorme Verhältnisse zu schaffen, der raubthierartige Egoismus im lockenden Fell, den zu bewundern ich vorhin Gelegenheit hatte, und vor Allem ein gewisser brutaler Trieb nach den Weibern, welcher Ihnen aus den Augen leuchtet — das ist die Erbschaft Ihres Vaters."

So lange hatte es Holstein ausgehalten, jetzt drückte er hastig auf einen Knopf, das Gefährt hielt und der Kapitän sprang elastisch auf die Landstraße hinaus.

„Verzeihung", rief er heftig, „Sie sind eine zu zierliche Salonausgabe des fliegenden Holländers, als daß ich Ihre Weisheit nicht auf den Grund hören möchte, aber im Augen­blick macht mir das bekannte Mühlrad im Kopfe bedenklich zu schaffen — mein Wagen steht zu Ihrer Verfügung."

Loffau kicherte leise und reichte dem Kapitän die fein behandschuhten Finger aus dem Fenster. „Sie sind sehr liebenswürdig", versicherte er ernsthaft, „aber noch eins. Weltin steht auf der Stelle, wo einst das leichtlebige Vineta im Meere versank, und immer, wenn ein Vorwitziger hinuntertaucht, um etwas von der versunkenen Pracht zu heben, da läuten unsichtbare Glocken über unserer Stadt. Niemals kehrt einer zurück, denn die Bürger von Vineta ziehen ihm gleich das weiße Todtenhemd an. Was Sie aber am meisten interessiren wird, seit gestern klingen die Glocken wieder, und wissen Sie für wen? — Für Sie!"

_ Der Diplomat brach in ein heiseres Lachen aus, und während die Equipage umwandte, warf der Kapitän gereizt den Schlag zu.

„Sehr geistvoll, lieber Lossau, aber Sie sollten sich doch an einen Arzt wenden."

„Der hilft mir nicht mehr", erwiderte der Kranke un­beirrt, und obwohl das Gefährt pfeilschnell davonflog, glaubte der Zurückbleibende noch immer ein unheimliches Lachen zu

vernehmen.

Auf einem der kleinen sonnigen Plateaus, welche der Wind zwischen der Dünenkette glattfegt, stand Hertha, die vor Kurzem aus der Stadt zurückgekehrt war, und suchte aus nassen Fischernctzen allerlei Tang und Meergswächse zu entfernen.

Die Maschen waren über mehrere Stangen geworfen, sodaß sie schlapp und schwer herabhingen, und mit einem knrzln Messer ging die Fischerslochter den ungebetenen Gästen geschickt zu Leibe.

Tief unter ihr murmelte das beruhigte Meer, im blendenden Licht der Sonne huschten grüne und blaue Schatten in die unendliche Ferne hinein, und ein schwacher Wind säuselte in dem schwanken Dünengestrüpp.

Heimliche Stille umfriedete den kleinen Naum, nur zu­weilen knirschte der Sand unter Herthas nackten Füßen.

Da tönten leise Schritte die Düne hinauf. Das Mädchen erhob das Haupt und erkannte in dem Aufwürtsklimnienden den langen Doktor, welcher während Holsteins Abwesenheit ruhig auf seinem Zimmer gearbeitet hatte.

Lautlos setzte sie ihre Arbeit fort, aber der Doktor hatte sie bereits bemerkt und kam grüßend heran.

„Guten Morgen", wünschte er höflich und ließ sich auf einer natürlichen Sanderhöhung nieder, sodaß er ihr gerade in das Gesicht sehen konnte, „welch prächtiger Tag".

Hertha warf einen flüchtigen Blick über die unbewegte Fläche und stocherte mit ihrem Messer ruhig weiter.

„Für die Fischer nicht", entgegnete sie, „heut geht nichts ins Netz."

„Das ist immer so", entschied der Doktor nach einer Pause, was er sich aber darunter dachte, verrieth er nicht, sondern umschlang sein Knie mit den Händen und beobachtete behaglich das Treiben des braunen Kindes.

Wie sie so dastand, mit den langen braunen Flechten, mit den entblößten, weißen Armen und den kleinen Füßen -weiter kam der gelehrte Beobachter nicht.

Er hatte gerade noch entdeckt, daß der Wind mit ihrem groben Nock sein anmuthiges Spiel trieb, und glaubte schlanke, kräftige Formen zu erkennen, da überraschte ihn ein gewaltiges Niesen — viermal — fünfmal — und schüttelte ihn förmlich und ließ ihn nicht, bis es ihn endlich freigab.

Hertha lachte und er lachte mit.

„Mich wundert's", gestand sie, „daß ein so gelehrter Herr nicht weiß, woher das kommt?"

„Es ist eine Reizung der Schleimhäute", belehrte der Doktor gutmülhig.

Hertha schüttelte den Kopf.

„Es ist der Staub getrockneter Seerosen", sagte sie be- stimml und zeigte auf ein trockenes Netz, vor welchem der Doktor saß. „Sie haben daran gestoßen, Herr, und wer diesen Staub einathmet, muß niesen."

„Wetter!" rief der Doktor und sprang auf, „das ist ja eine kleine Entdeckung!"

„Hier klebt eine frische", bemerkte das Mädchen und löste aus de» noch feuchten Netzen ein rundes Schleim- thierchen — „daran können Sie es probiren."

Sie hielt ihm das runde Ding in der flachen Hand ent­gegen und der Doktor nahm eine Lupe darüber und be­trachtete es aufmerksam. Nach einer Weile blinzelte er nachdenklich zu ihr empor — ein sonderbarer Gedanke be­fiel ihn. —

„Glauben Sie wohl", fragte er sie, „daß Sie und

ich, und alle Menschen von solch einem Thierchen ab­stammen?"

„Nein", gab Hertha kurz zurück und wandte sich wieder zu ihren Maschen.

„Warum nicht?"

„Es ist mir zu häßlich, daran zu denken."

Der Doktor schwieg und verabschiedete sich plötzlich.

Er ärgerte sich, daß er mit diesem Mädchen so ernst­hafte Dinge verhandeln wollte. Mit raschen Schritten ver- schivand er auf dem abschüssigen Dünenkamm und erreichte das niedrige Gehölz, das sich in geringer Höhe über dem Meere hinzog.

Der gestrige Sturm hatte einen viorschen Eichstamm bis an den Rand 'des steinigen Abhanges geschleudert, auf ihn setzte sich der Dokior, zog ein Fernglas hervor und blickte scharf nach der verlassenen Höhe zurück. Deutlich erkannte er Herthas hohe Gestalt, sah, wie sie die Netze ausspannte, wie ihre kräftigen Arme spielend die Last über den Kopf hoben, ja, er sah, wie der sich regende Wind ihre leichten Kleider fest um den kräftigen Leib wehte, und plötzlich streckte er die langen Arme aus und rief leiden­schaftlich:

„Wie schön, wie schön!"

lieber der weiten Fläche verklang das Work, und der Rufer blickte sich ganz verdutzt um. Ihm war es, als müßte Holstein nun aus dem nächsten Gebüsch hervortreten, um ihm eine spöttische Rede zu hallen, aber nichts von alle­dem geschah. Nur vom Strande aus hallte es herauf, wie von einer ängstlichen Frauenstimme, dazwischen bellte ein großer Hund.

Der Doktor beugte sich neugierig über den Abhang und blickte suchend über den Strand herab. Dicht unter ihm, in der Nähe einsamer Badebaracken, glitzerte aus dem hellen Wasser undeutlich ein weißer Frauenleib hervor und ein prächtig geformter Arm streckte sich befehlend zun, Strande hin. Ein auffallend großer Hund sprang dort in weiten Sätzen auf und ab und trug irgend etwas zwischen den Zähnen. Bald setzte das große Thier hart in das Wasser hinein, bald prallte es spielend wieder zurück und schien durchaus keine Neigung zu verspüren, den Befehlen seiner Herrin zu folgen.

Mochte nun der Doktor von der schönen Schwimmerin bemerkt sein, oder ob sic aus anderen Gründen ihre Ver­suche aufgab, plötzlich tauchte die schimmernde Gestalt tief unter das durchsichtige Wasser und das Nixenmärchen hatte vorläufig ein Ende.

„Schade", dachte der Dokior, „was mag sie von dem Köter gewollt haben?"

Aber er hatte cs noch nicht ausgedacht, da war es, als wenn ihm der Hund die ausbündigste Erklärung darauf zu geben gedächte. Denn er fuhr in großen Sätzen die ab­schüssigen Dünen heraus, verschwand dann wieder unter großen Steinblöcken, bis er schweifwedelnd den Wald­pfad herabgerannt kam und dicht vor dem Doktor Halt machte.

Hier neigte er mit Lebensart sein mächtiges, schwarz- weiß geflecktes Haupt, stieß ein höfliches Knurren aus, sah den Doktor dann äußerst freundschaftlich an und ließ endlich wie zum Tribut ein allerliebstes Dameustieselchen vor ihm niederfallen.

(Fortsetzung folgt.)

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