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«8. Jahrgang

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag L» Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. «« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusamnicn.

Verlag: Langgasse 27.

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U0. 276. Fernsprecher No. 52. SsNtttttg, dkN 17. Iuttk.

Fernsprecher Wo. 52.

1900.

Morgen-Ausgabe.

Das Schweizeidorf.

Zu den besuchtesten Orten auf der Pariser Weltausstellung gehört das Schweizerdorf, von dem wir unfern Lesern hier ein Bild bieten. Die ebenso originelle wie anheimelnde Schöpfung stellt den stillen Frieden der Schweizerberge mit überraschender Treue dar und täuscht dem Besucher gleich­zeitig das urwüchsige Leben in den Schweizer Städten vor. Man betritt dies Schweizerdorf durch ein Thor, das von 2 altberühmten Thürmen in Bern gebildet wird, und befindet sich dann auf einem Platze, umgeben von historischen Häusern,

oon denen ans zwei Straßen hinaus in eine grüne Land­schaft führen. Diese ist umrahmt von hohen Bergen und Felsen, über die herab sich ein Wasserfall ergießt. Er sammelt sich zu einem Mühlen treibenden Bache, der sich murmelnd nach einem kleinem See hinschlängelt, an dessen Ufer sich die Tellsplatte und die Tellskapelle erheben. Oben auf den Bergen gewahrt man die Sennhütten eines Dorfes mit seinem weißgetünchten Kirchlein, und in wirklichen Thälern mit natürlichen Matten weiden wirkliche Schwcizer- kühe und geben unverfälschte Schweizermilch. Sie wird'in einer großen Molkerei zu dem berühmten Schweizerkäse von echten Schweizern verarbeitet. Das imilirte Hochgebirge hat eine Höhe von 65 m, bildet aber in seiner Anlage ein geradezu wunderbar schönes perspektivisches Bild. In den Berg hinein erstreckt sich das große Restaurant mit Platz für ca. 800—1000 Personen.

Aus Stadt und Land.

Wiesbaden. 17. Juni.

— Se. Kgl. Koh. der Kronprinz non Griechenland

war gestern Vormittag Uhr nach Wiesbaden gereist, um Sr. Majestät dem König von Dänemark einen Besuch abzustattcn. „ Mikvbadener Alleen. Eine alte Neimregel gebietet dem Landbewohner, überall einen Baum anzupflanzen, wo der Boden dafür geeignet ist, da derselbe die Mühe reichlich lohne. Dabei ist wohl zunächst an den Obstbaum gedacht. Die Bäume an den Straßen und auf den freien Plätzen unserer Stadt bringen nun freilich reinen klingenden Gewinn: im Gegentheil, sie verursachen fortgesetzt Ausgaben, weil sic mit Sorgfalt gepflegt werden müssen. Trotzdem verdient die städtische Verwaltung mit dieser Bepflanzung der Straßen und Plätze den Dank der Einwohnerschaft, und gerade jetzt muß auf das bisher Erreichte hingewiesen

werden, stehen doch im Juni die Bäume in ihrer kraftvollen, prunkenden Entwickelung da. Zwar gab es in der Stadt und ihrer Umgebung schon vor vielen Jahrzehnten Alleenanlagen; man denke an die Baumricsen in der Wilhelmstraße und vor dem Kurhause, an die alte Allee in der Röderstraße und an die sogenannte Kastanienplantage zu beiden Seiten der Platterstraße. So schön auch die erst- und letztgenannten heute noch sind, so wollen sie in ihrer Ausdehnung doch wenig bedeuten gegenüber den Leistungen der letzten Jahrzehnte. Früher hatte man für derartigen natürlichen Schmuck in der Nähe der Bürgerqnarticre keinen Sinn, sonst hätte man beispielsweise zwei stattliche und vom Verkehr wenig berührte Straßen des alten Wiesbadens, die Friedrich- und Luisenstraße, mit Alleen versehen. Diese Verjänmniß nachzuholen, gestattet leider der heutige Verkehr in den genannten Straßen nicht mehr. Wie langweilig und reizlos sieht doch eine solche städtische Verkehrsader ans im Vergleich zu denen, die mit Alleen bepflanzt sind. Man denke sich einmal die Rhcinstraße ohne Allee! Doch nicht allein Schönheitsrücksichten dürften es gewesen sein, welche das städtische Bauamt leiteten, als es überall da Bäume anpflanzen ließ, wo cs obne Störung des Verkehrs angängig

ist. Das Stückchen Natnr, welches damit in die Nähe unserer Wohnungen gezaubert wird, gewährt uns Stadtkindern einen direkten Nutzen, indem dadurch unsere Athemluft verbessert wird. Die Aus­wahl der Bäume ist in anerkcnneiiswerther Weise in jüngster Zeit dem Wechsel unterworfen. Die Roßkastanie, die ohne Ausnahme an der Biebricherstraße verwandt wurde, sowie ihre amerikanische Schwester, die Pavie, ist nicht mehr modern. Ihr rasches Wachsthnm schafft zwar iir kurzer Zeit einen schattigen Laubgang und mit ihren tausend weißen — die Pavie hat rothe — Blüthenkerzen gewährt sie einen entzückenden Anblick; allein dreimal im Jahre ver­unreinigt sic die Wege: durch den Blüthen-, den Früchte- und den Blätterfall. Die vornehme Platane, aus dem südlichen Europa zu uns gekommen (in Wilhelmstraße, Rl)einstraße, Kaiser Friedrich- und Bismarck-Ring, sowie zahlreichen neuen Straßenzügen an­gepflanzt), behauptet ihre bevorzugte Stellung, wenngleich ihre Be­laubung gar spät erscheint und erst den ernstlichere»Nachtfrösten im Oktober und November weicht. Ihre Samen, die in stachelige» Kugeln liegen, stehen in dem Verdachte, die Erzeuger einer Augenkrankheit zu sein, allein zunächst dürfte das doch noch nicht so unwiderruflich fest- stchen und außerdem kann nur für den eine Gefahr bestehen, der in fortwährende, nähere Berührung mit den Früchten kommen mutz. Der Baum verbindet mit eine», raschen Wachsthum eine lange Lebensdauer; von ihren Blüthen »lerkt nur der Botaniker von Fach etwas, umsomehr erfreut das stattliche, fünflappige, vollsastige Blatt. In weniger geschützten Lagen tritt ein einhciuiischer Verwandter der Platane an deren Stelle, der flügelfrüchtige Ahorn, botanisch «vor psouäoplatanus genannt. Er findet sich an der Emscr- und Walkmühlstraße, auf den Höfen der Blücher- und Castellstraßschnlc und anderen Orten. Man durchsetzt ihn, da er sich etwas langsam entwickelt, gern mit der schnellwachscnden Robinie, fälschlich Akazien- baum genannt. Nach einigen Jahren werden dann die letzteren herausgchauen. So geschah es auch in der Lindenallee an der Platterstraße. Die Verwendung der Linde für den gedachten Zweck wird eine immer allgemeinere. Sie ist von Alters her ein Liebling des deutschen Volkes; unsere Ahnen weihten sie den Göttern und wir benutzen noch ihre Blüthen zur Bereitung eines gesundheit­bringenden Thees. Mehr als jeder andere Alleebaum findet ihr Hol» Verwendung bei der Bereitung von Möbeln, da es sich infolge feinet geringen Harte gut schnitzen läßt. Von den beiden Lindenarteo wird die großblätterige bevorzugt für unseren Zweck, während die alten sagemimwebten Dorf- und Schloßlinden meist kleinblätterige sind. Wie sehr sich die Krone des Baumes nach dem Willen des Menschen gestalten läßt, das zeigen die beiden reizende» Laubgänge auf dem Luiscnplatz. In ihrer natürlichen Form aber prangt die erwähnte Pflanzung an der Platterstraße. Wie anstrengend war doch früher im Sommer eine Leicheubeqleitnng nach den, neue» Friedhof; heute spenden die Linden zu beiden Seiten des Weges kühlen Schatten, ihre Blüthen im Juni und Juli einen angenehme» Duft. Ausfallen muß uns auf diesem Weg ganz besonbers das Ebenmaß, mit welchem die gärtnerische Kunst die Bäume heranzog. Wahrlich, das erwähnte Streben der städtischen Verwaltung ver­dient unsere volle Anerkennung, ihre herrlichen Schöpfungen unseren Schutz; die ausübenden Personen aber, die ihr Geschäft so meisterhaft verstehen, daß ihnen bei Neuanlagen höchst selten ein­mal ei» Baum zu Grunde geht, dürfen bei diesem Dank nicht ver­gessen werden.

o. MiUliirisches. Seitens des VIII. Armee-Corps zu Koblenz wird in der nächsten Zeit eine Generalstabsrcise ausaeführt. welche auch unsere Gegend berührt. Die Reise beginnt in Oberingelheim in Rhcinhessen und wird sich u. A. auch auf den Rheingau, die Kreise llnterlahn und Uutertannus, sowie Wiesbaden-Stadt und -Land erstrecken. Die Thcilnehmer werden voraussichtlich für einige Tage in unserer Stadt einquartirt. Unter

f ührung des Chefs des Generalstabes des VIII. Arniee-CorpS, errn Generalmajors v. Bencckcndorff u. v. Hindenburg, nehmen etwa 23 Offiziere, ein Beamter, 2 Unteroffiziere und 30 Mann mit 45 Pferden an dieser Uebungsreise Theil.

— Gutenbergfeier in Mainz. Man schreibt uns aus Mainz: Die Vorbereitungen zur großen fünfhundertjährigen Jubelfeier des Geburtstags Gutenbergs, die vom 23.-26. Juni in Mainz stattsindet, sind so weit gediehen, daß ein Gelingen des Festes außer Zweifel steht. Die tupographische Ausstellung im kurfürstlichen Schlosse erweist sich als iiberreich beschickt. Die gesang­lichen Darbietungen gelegentlich der akademischen Feier und des

(Nachdruck verboten.)

Berliner Plaudereien.

(Von unserem Korrespondenten.)

Berlin, 15. Juni.

„Das Wasser ist das Beste", hat schon vor längerer Zeit der alte Pindar gesagt, und wenn die Nichtigkeit dieses Ausspruchs auch seil mehr als 2000 Jahren in Theorie und Praxis von allen Jenen bestritten wird, die, besonders was den inneren Gebrauch betrifft, an Stelle des Wassers minder vollkommene, aber sonst recht angenehme Flüssigkeiten setzen wollen, so gicbt es doch auch wieder viele Tausende, denen der alte Dichter aus der Seele gesprochen hat, und welche die tiefsinnige Weisheit jenes Spruches umso mehr bewundern, weil Pindar dabei weder an die neueste Lagerstätte von Deutschlands Zukunft, noch an den Berliner Wassersport ge­dacht haben kann. Mit dem Wasser, auf dem unsere Zukunft liegt, hat der Feuilletonist nichts zu thun, das besorgen die ernsten Kollegen „über dem Strich", umso näher liegt ihm das Interesse für die Gewässer, auf denen der Berliner Wasscr- sportsmensch seine Kraft und Geschicklichkeit von der vor- theilhastesten Seile zeigen kann: für die Spree, die Havel, die Dahme, die Müggel re. Wo sich die sogenannte „Wendische Spree" ober Dahme zu einer recht ansehnlichen Breite dehnt, bei dem hübsch gelegenen Kolonicörtchcn Grünan, das durch diese Veranstaltung eine gewisse Berühmtheit erhält, finden alljährlich die Regatten statt, zu denen sich Huuderttausende von Menschen versammeln, welche beide Ufer des Stromes mit einer bunte», lebendigen Blauer einfassen. Am Samstag, dem ersten Tage der Regatta, hatte wieder einmal der Wettergott Einspruch erhoben; aber am Sonntag leuchteten und blitzten Himmel,

Erde und Wasser im schönsten Verein. So ein bischen Wasserpätschler ist in Berlin eigentlich Jeder, daher auch das allgemeine Interesse für den Wassersport, das noch mehr angeregt worden ist, seit der Kaiser sich der Sache so warm angenommen hat. Aber auch für jene Land­ratten, die sich selbst auf die Spree nur mit Widerwillen wagen, ist der Anblick ein Genuß, den der Fluß und seine Ufer an Regatta-Tagen gewähren. Zahllose Dampfer, von geputzten fröhlichen Menschen bis auf das letzte Plätzchen besetzt, keuchen stromaufwärts und bilden, am Platze an­gelangt, Spalier; neben und zwischen den großen schießen die kleinen Motorboote, Segler, Dachten und Ruderboote wie flinke Fische durch das grüne Wasser; am Ufer wallen in endlosen Zügen und Haufen die Fußgänger nach dem Ziele, von den Bahnhöfen ergießen sich stets neue Schaaren, es ist ein Wogen und Brausen, ein Fieber der Erwartung, bis endlich, pünktlich wie stets, das Kaiserschiff, die schnee­weiße „Alexandra", von tausendstimmigem Jubelruf begrüßt, auftaucht und die Wettfahrten beginnen. Und ist die Fest­freude vorbei, haben die Sieger aus den Händen des Kaisers die prächtigen Preise erhalten und hat sich dann der im Sonnenlicht flimmernde Spiegel deS Flusses unter dem milderen Mondlicht in eine ruhig glänzende Fluth ver­wandelt, dann ist es schön, mit dem Dampfer durch die Nacht zu fahren, deren Stille nur durch die von Zeit zu Zeit vom Ufer herübertöncnde Musik unterbrochen wird. Schade, daß das Vergnügen nieder Jannowitzbrücke, im Osten Berlins, ein Ende hat; durch die Stadt selbst können die Personen-Dampfer nicht fahren, und eS ist auch vom Standpunkte des Verkehrs zu bedauern, daß die zahllosen Brücken, Schleusen rc. eine Personenbeförderung innerhalb der Berliner Stadtgrenze un- müglich erscheinen lassen. Denn abermals droht uns der

Streik der Straßenbahner. Die Angestellten der „Großen Berliner" glauben zu der Annahme berechtigt zu sein, daß die Gesellschaft die von ihr gegebenen Versprechen nicht hält; in einer nächtlichen Versammlung der Straßenbahner, die im Cirkus Renz stattfand, hielten die Redner mit allerlei recht bedenklichen Anklagen nicht zurück. Trotz des in Gegen­wart des Oberbürgermeisters gegebenen Ehrenwortes, so wurde behauptet, hat die Gesellschaft die Vertrauensleute der An­gestellten entlassen; sie hat ferner nicht, wie vereinbart war, den neu eingestellten Fahrern gleich 85 Mk. monatlich ausgesetzt, sondern sie mit Taggeldern honorirt. Die Versammlung stellte in Folge dieser Vorkommnisse die Forderungen an die Gesellschaft, sie möge die Gemaßregclten wieder anstelle» und den ausgemachten Lohn zahlen; dagegen wollten die Versammelten alle mit dem Oberbürgermeister vereinbarten Abmachungen auf das Pünktlichste einhalten, jedoch sich nicht entgegen den gesetzlichen Bestimmungen dis Koalitionsrecht nehmen lassen. Als Erwiderung auf diese Bedingungen hat nun wieder die Gesellschaft öffentlich erklärt, daß sie snmmtliche Zusagen eingclöst habe, daß die betreffenden Gemaßregelten wegen Hand­lungen entlassen worden seien, deren sie sich nach der Lohnbewegung schuldig gemacht hätten, rc. Kurz:

„dies Kind, kein Engel ist so reinl" Merkwürdig ist's nur, daß trotzdem das Berliner Publikum doch wieder auf Seiten der Angestellten ist. Wenn also nicht bald eine Einigung der beiden Gegner zu Stande kommt, dürfen wir für die nächsten Tage wiederum auf die „straßenbahnlose, die schreckliche Zeit" gefaßt sein. Wer Berlin nicht kennt, kann sich von den Entfernungen, die hier zu überwinden sind, kaum einen richtigen Begriff machen; zwei bis drei Kilometer sind für den Fußgänger so gut wie nichts, auch