I. Beilage Mm Wiesbadener Tagklatt.
Uo. 276. Morgert-Aasgabr.
Sonntag, den 17. Juni.
48. Jahrgang. I960.
(25. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Anf Grunwerde.
Noma» von A. Z>alme-Z»ayfen.
Der Riltmcister versank in Schweigen und Nachdenken. Die Hand strich dabei mechanisch den wohlgcpflegten Backenbart. Beide hatten den Pferden die Sporen gegeben und Grünweide wurde bald erreicht. Hier folgte ein solennes Frühstück, an welchem die Damen jedoch nicht Theil nahmen, und darnach, statt des Zwiegespräches mit Fräulein Tonelli, welches sich anf ihr Zimmer zurückgezogen Halle und nicht mehr erschien, ein solches mit Herrn Hartmanu, der einen Auftrag delikater Art zn erledigen hatte. Erschwert wurde ihm derselbe nicht; von einem Echauffement des Rittmeisters konnte nicht die Rede sein. Allerdings lauschte dieser mit einer gewissen nervösen Spannung der kurzgcfaßten, ruhigen -Auseinandersetzung, nahm aber, wie erleichtert von einer geheimen, drückenden Befürchlung, die aus der Hand gelegte Cigarre wieder auf, schnellte einige Rauchringe fort und sagte:
„So tief, so schmerzlich es mich betrübt, ich respektire die Gefühlsmotive, welche Fräulein Tonelli veranlassen, meinen Antrag abzulehnen. Bei Gott, sie hat Recht, es ist etwas Fremdes zwischen uns getreten. Wir verstehen uns nicht mehr, und dann, die Sache von anderem Standpunkt betrachtet, — so nebensächlich es Ihnen als Land- mann erscheinen mag, der Ehrgeiz eines Soldaten, Sie werden es begreifen, hat weitere Grenzen als der Ihrige," — ein leises Lächeln zuckte um Reimers Lippen, — „ich glaube, daßFrätulein Tonelli ihre gerade Art, zu reden, als meine Gcniahl n nicht ablegen würde, was eben geschehen müßte. Ich glaube, daß sie im Stande wäre, zn opponiren, wenn die Frau Oberst, oder Ihre Exccllenz, die Frau Generalin, anderer als ihrer Meinung wären —"
«Ich glaube es auch," schaltete Hartmanu ernsthaft ein.
„Es gehört in meinem Stande ein gewisses Neigen und Biegen des Nackens dazu, um Karivre zu machen. Nicht, daß diese von der Devotion abhängt, aber sie kann unter Umständen dennoch ein Förderungsmittel sein und ich kann nicht leugnen, daß mir meine soldatische Laufbahn außerordentlich am Herzen liegt."
«Ich wünsche Ihnen die allerbesten Erfolge," lenkte Reimer ab.
„Ihre Braune soll vorläufig meine praktischen Leistungen unterstützen, wahrlich, ein elegantes Roß." Er schöpfte sich von Neuem in Lobeserhebungen darüber und kam erst uiit einem Seitensprung auf das Gesprächsthema zurück, indem er Hartmann ersuchte, dem Fräulein Tonelli seinen Ab- schiedsgruß, seinen Respekt und die Bitte zn Füßen zn legen, sich seiner stets als ihres besten Freundes zu erinnern.
. Der Nachmittag war vorgerückt, als die Herren Grünweide verließen.
Auf der einsamen Chaussee angekommen, sagte Heilwitz: „Eine ganz verfehlte Spekulation, Schlüttcrl Die Kleine besitzt nicht einmal das Kommisvermögen — na, ich muß mich mit der Braunen zu trösten suchen."
Schlütter lachte ironisch.
„Rührende Resignation! Sie sind der größte Materialist, der unter Gottes Sonne wandelt! — Uebrigens — ich st"de, sie paßt durchaus nicht für Sie."
„Was, das sagen Sie mir erst jetzt? Sie fanden sie ja charmant, reizend, Gott weiß, was Alles."
„Das finde ich auch jetzt noch, indessen —"
„Was denn?"
„Lenksam scheint sie mir nickt zu sein."
„Wie am Fädchen, bester Schlütter! Sie faseln!"
„Ihr Despotismus —"
„Braucht gar nicht angewandt zn werden, sie ist lammfromm und frißt mir aus der Hand."
„Herr des Himmels, von wem sprechen Sie denn nun wieder?"
„Na, von der Braunen, von wem Sie denn?"
„Natürlich von der jungen Italienerin, was liegt Ihnen denn augenblicklich näher?!"
„Gehen Sie zum Teufel, Schlütter," lachte Heilwitz ärgerlich, „Sie, sammt Ihrer moralisirenden Scntimentaliät."
XXIII.
Hartmann hatte vom Hofe aus seinem Pferde nach- gcblickt.
„Gerade als ob solch Thier Verstand hat", bemerkte der herzutretende Verwalter, „es sah sich noch nach Herrn Hartmann um und wieherte, als ivüßt's, daß es seine bestell Tage gehabt. Man sieht's, Herrn Hartmann kommt der Abschied auch sauer an."
„Wie solll's anders sein, es wächst Einem ans Herz, was man groß gezogcil hat. Ich thn's nicht mehr, daß ich selbst die Vcrkaufspfcrde einreite. Solcher Augenblick ist doch herb. Nun, gehen wir an die Arbeit, bis zu Abend sind's noch einige Stunde» und ich habe den ganzen Tag noch nichts geschafft."
Oben im Fenster, unter welchem die Worte gesprochen wurden, zog sich ein dunkler Mädchcnkopf zurück.
„Und der soll kein Herz haben?" flüsterten Mariettas Lippen und sie legte die Hand auf das eigene, als wollte sie damit ein unnennbares, nie gekanntes Wonne- und Wehgefühl Niederdrücke», das es plötzlich durchzuckte und ihr dennoch Thrünen in die Augen trieb.
Sie horchte auf die näherkommenden Schritte und eilte zur Thür. Aber der Muth, dieselbe zu öffuen, ihm gegenüber zu treten, fehlte ihr. Sie stand noch unter dem volleil Eindruck der ebeir erlebten Waldsceue, seiner finsteren Unnahbarkeit, und doch hätte sie ihm so gerne gedankt, so gerne ihm etwas von dem überströmenden Glücksgefühl ihres Herzens verrnthen, ihn, gesagt, daß sein Wort, zur rechten Zeit gesprochen und befolgt, sie vor einem unabsehbaren Unglück bewahrt. Denn das war es doch wohl, was sie augenblicklich so wehmüthig froh machte? War's ettdas Anderes? Thörichtcs, nncrforschliches Herz, noch kannte sie dich nicht.
Reimer hatte sein Zimmer betreten. Auf dem Schreibtische lagen eine Menge Briefschaften, welche des Morgens angekommen, sonst gleich nach Empfang erledigt zn werden pflegten. Dics sollte jetzt geschehen und er blätterte und las darin, ohne recht zu wissen was, warf sie dann hin und nahm sie wieder auf, ungeduldig, zerstreut, verstimmt. Endlich sprang er auf, wanderte in der Stube auf und nieder und zwang sich schließlich doch zur Arbeit. Einige Stunden vergingen und mm, da den nüchternen Fordcrnngen der Wirklichkeit Genüge geschehen, stellte er sich vor das offene Fenster, durch welches das Abendsonnenlicht hereinschien, und sein Blick ruhte lange auf dem purpurnen Westen, und aus dem engen Tagesgeschick sich hinaushebend, versenkte er sich in eine vergessene, fremdgewordene Gedankenwelt, aus welcher ihil das Leben mit harten
Stößen Hinausgetrieben, lange schon, die nun mit plötzlicher, unbegreiflicher Allgewalt wieder vor seine Augen gerückt war, ihn wie eine in Sonnenglanz und Dust getauchte Fata Morgana anlockte. — Er gönnte sich nicht oft solch stilles Träumen und wußte auch nicht die Zeit, ivann er zuletzt das Bcdürfniß dazu gefühlt; seine Natur hatte nichts Neflcktircndes und widerstrebte phantastischer Sentimentalität. Heute aber konnte er nicht Herr werden dieser unfruchtbaren, unklaren Melancholie und bangte doch davor, sic in das lichte Gewand der Wahrheit und Klarheit zu hüllen.
Abergläubisch war er nicht, nichts weniger als das, als sich jedoch plötzlich die Stimme des alten Thurmdieners hören ließ und in sein Icbenssrischcs Denken der Name seines unglücklichen Bruders hincinklang, überkam es ihn wie eine drohende Ahnung und er schrak zusammen wie ein Kind, das einen Warnruf hört auf verbotenem Wege. Das Leben, wie es war, nicht wie es die Phantasie verklärend geschmückt, warf seine Schatten auf die gaukelnden Bilder.
• Er trat vom Fenster zurück, dem alten Diener entgegen. Nach längerem Reden fuhr dieser fort: „Es ist mit dem Herrn Doktor, meine ich, schon seit Längerem anders. Sonst arbeitete er halbe Tage in seinen Schmelztigeln und Töpfen herum, ohne ein Wort zn sprechen, ohne um sich zu blicken, als gelte es das liebe Brod zu verdienen, jetzt nimmt er sie kaum noch in die Hand, steht an den Fenstern umher oder liegt stundenlang mit de» Armen auf der Brüstung des Thurmes und guckt in die Ferne. Dann mal wieder fängt er an mit mir zur reden, als wär er der vernünftigste Mensch auf Gottes Welt. Jedes Wort hat Verstand. Man bekommt Lust zu reisen, spricht er von fremden Ländern. Herr Gott^ wie er das ausmalt! Aber ich frage nichts und spreche nicht dazwischen, es kann ja sein, daß man unver- schends etwas trifft — na, heute, wie gesagt, kam er von selbst auf die Insel zu sprechen, aber er blieb ganz ruhig dabei. — Na, und der Körper, der wird immer hinfälliger.— Unser schöner, junger Herr Gottfried, wer hätte das früher gedacht!"
Es lag in den einfachen Worten des alten, treuen Dieners ein trauervollcr Schmerz. Unter seinen Augen, als er noch selbst jung und rüstig, waren die Söhne dieses Hauses aufgewachscn, zu frischen Knaben, blühenden Jünglingen, und nun, kaum hinausgezogen in die Welt, kehrte der eine als ein alter Mann zurück, weit älter anzublicken, als er selbst, der Greis. Und anstatt, wie er gehofft, eine neue Generation heranblühcn zu sehen, war es seine Lebensaufgabe geworden, diesen vom Sturm des Lebens zerstörten Stamm zu hegen und zu pflegen, wissend, daß die treueste Pflege es dennoch nicht vermöge, demselben die einstige Kraft und Blüthe zurückzugeben, daß es nur eines leisen Hauches bedurfte, den einst so reichen Geist dieses Mannes anszulöschen, leis und schnell wie eine Kerze. — Das war ihm ein Lebenskummer geworden, denn er fühlte ich mit der Familie verwachsen, wie ein dazu gehöriges Glied, als welches er auch von seinem Herrn betrachtet wurde. Aber Reimer ließ ungern rühren an diese wundeste Stelle seiner Seele. Er war es gewöhnt, wenn ihn Leid traf, es still auszuringen. Er war nichts weniger als mit- theilsam und liebte es nicht, Andere in seinen Kummer hineinblickeu zn lassen. Indessen heute befand er sich in einer, für alles Innerliche empfänglichen Stimmung. Er ieß den Alten gewähren, ließ ihn an eine lichte, an eine chmerzvolle Vergangenheit rühren.
(Fortsetzung folgt.)
Turn- V erein.
Zum Empfang der zurückkchrecidcn Wettturner vom Fcldbergsest laden wir unsere Mitglieder nebst Angebörigen am Sonntag, den 17., Abends 8 Uhr, in unsere Vereinsturnhalle ein. Ilm recht zahlreiche Bctheiliguug bittet F416
_ Der Vorstand.
Männer-€4es» sig$* verei n
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Sonntag, de» 17. Juni e., von 3 Nhr Nachmittags ab:
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auf Speierskopf.
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- _ _ _ Der Borstand.
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