«8. Jahrgang.
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Uo. 2^4. Fernsprecher No. 52. SllNtstag, dkN 16. Iuitt. Fernsprecher N». 52. 1900.
Björnen-M&i&ffab©.
Politische Uebersicht.
Der Reichstag hat endlich diese ungewöhnlich lange Doppelscssion zu Ende gebracht und die ungeheure Fülle des Arbeitsstoffes, dessen Erledigung ihm zngedacht war, bis auf einen unbedeutenden Nest glücklich bewältigt. Das letzte große Werk, dessen Zustandebringen dem Reichstag oblag, war die Flottenvorlage, die der Reichstag in seiner letzten Sitzung mit starker Mehrheit, mit Zweidrittelmehrheit, zum Gesetz erhoben hat, nachdem er sie freilich um die von der Negierung geforderten Anslandsschiffe gekürzt hatte. So nahm die Reichstagstagung einen schönen Abschluß, und indem der Reichstag ein Werk von weittragender, nationaler Bedeutung zu Stande brachte, bewährte sich das Wort: Ende gut, Alles gut!
Nicht friedlich-freundlich wie der deutsche Reichstag, sondern mit einer schrillen Dissonanz hat der österreichische Neichsrath geschlossen, dessen Thätigkeit durch die rohe Gewaltpolitik der Tschechen jäh unterbrochen worden ist. Wenn die Deutschen Oesterreichs seiner Zeit gegenüber der ungerechten Gewaltpolitik der Regierung und der Neichsrathsmehrheit zu dem Mittel der Obstruktion griffen, so konnten sie sich zur Entschuldigung darauf berufen, daß in dem Streit um die Sprachenverordnungen nicht nur das formale, sondern auch das moralische Recht auf ihrer Seite war. Je weniger bei der jetzigen Obstruktion der Tschechen das Recht auf deren Seite war, desto mehr suchten sie es durch die Gewalt zu ersetzen, und sie thaten dies mit dem Erfolge, daß das Kabinett Körber in unbegreiflicher Zaghaftigkeit vor dem tschechischen Rowdythum zurückwich. Der vom Kabinett Körber verfügte Schluß der Reichsrathssession ist ein Akt der Verlegenheit, der für die prekäre Situation des Kabinetts charakteristisch ist. ■ Mit diesem Akt ist das Kabinett Körber richtig zu der bewährten Methode des „Fortwurstelns" zurückgekchrt, auf Grund dessen schon die früheren österreichischen Kabinette von der Hand in den Mund lebten. Aber mit dem Entschluß, keinen Entschluß zu fassen, wird die Krisis in Oesterreich nicht gelöst werden, und so wird Herr v. Körber nothwendig irgend etwas machen müssen, sei cs auch nur — Platz für den kommenden Mann!
Nicht ohne Sorgen sieht auch das italienische Kabinett Pell oux in die parlamentarische Zukunft, denn die begeisterten Ergüsse der italienischen Negiernngspresse über die geschlossene und starke Regierungsmehrheit werden bei dem Ministerpräsidenten selbst nicht mehr Glauben finden, als außerhalb der Grenzen Italiens. Auch ist angesichts des öden und fruchtlosen Parteihaders im italienischen Parlament kaum eine Aussicht vorhanden, mit ernsthaften und umfassenden Maßregeln dem chronischen Nebel zu begegnen, an welchem Italien seit Jahrzehnten leidet, dein immer stärker anwachsenden Defizit des Staatssäckels.
So sieht sich das Kabinett Pelloux in getreuer Nachahmung des österreichischen Kabinetts zu einer recht unfruchtbaren Politik des Fortwurstelns gezwungen, und der französische M inist er Präsident Waldeck-Nousseau kann in dieser Beziehung zu seinen beiden Kollegen sagen: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte!" Auch das Kabinett Waldeck-Nousseau fuhrt nur ein politisches Dasein von der Hand in den Mund, denn zu den vielen kleinen Siegen über die nationalistische Opposition will sich doch kein großer entscheidender Sieg gesellen. Wenn die Angriffe der Nationalisten in der letzten Zeit zahmer geworden sind, so liegt das weniger an einer Verstärkung der NegierungSposition als an der Vesorgniß, die auch von der Opposition empfunden wird, den Erfolg der Weltausstellung zu beeinträchtigen, und an de» Problemen auf dem Gebiet der auswärtigen Politik, die gerade gegenwärtig in verstärktem Maße auch den Franzosen auf- gegeben werdeir.
Als das schwierigste und gefährlichste dieser Probleme muß zweifellos die chinesische Frage anerkannt werden, deren plötzliche Aufrollung den meisten Mächten ebenso unerwartet wie unerwünscht gekommen ist. Die Boxerbewegung hätte trotz ihres Umfanges niemals eine so gefährliche Form annchmcn können, wenn nicht die chinesische Regierung, deren oberster Chef thatsächlich die Kaiserin-Wiltwe ist, insgeheim mit den „Rebellen", gegen die sic offiziell die schwungvollsten Edikte erläßt, gemeinsame Sache machte. Darin liegt eben die ganze Größe der Gefahr, welche den Europäern, der europäischen Kultur in China droht, und dieser ungeheuren Gefahr kann wirksam nur dann begegnet werden, wenn alle betheiligten Mächte gemeinsam und geschlossen Vorgehen und auf eine kurze Zeit alle Gegensätze und Rivalitäten bei Seite lassen. Zur Zeit scheint cs, als ob wirklich einige Ansätze zu einer solchen Einigkeit gemacht worden sind, aber die in China auf diesem Gebiet gesammelten Erfahrungen mahnen zu einer skeptischen Beurtheilung der Sachlage.
Diese unerwartete Aufrollnng der chinesischen Frage hat sogar das Interesse an dem südafrikanischen Kriegsdrama vorübergehend etwas zurückgedrängt. Die Nachrichten über die Geschehnisse in diesem Drama leiden wieder an einer starken Unzuverlässigkeit. Zwar haben die Engländer einige bedeutsame Erfolge errungen, so die Ucber- schreitung des Laings Neck-Passes, aber die wiederholten Schlappe», ivelche sie ini Rücken des Lord Roberts auf den, Gebiet des Oranje-Freistaats erlitten haben, zeigen doch, daß der Widerstand der Buren noch keineswegs gebrochen ist und daß der jetzt cingeleitete Guerillakrieg den Engländern noch mehr zu schaffen machen wird, als sie sich träumen ließen. Und zu dieser Sorge tritt die weitere, wie es nach dem Krieg gelingen soll, den Gegensatz der beiden weißen Nassen in Südafrika aus der Welt zu schaffen, dessen Schärfe gerade jetzt angesichts des Rücktritts des Premierministers Schreiner den Engländern mit aufdringlicher Deutlichkeit vor die Augen getreten ist.
Aus Stadt und Kand.
Wiesbaden, 16. Juni.
— Malffatlii-Theater. Heute Samstag tritt ein fast vollständiger Wechsel des Artistenpcrsonals ein. Von den alten Kräften verbleibt außer der Soubrette Goltz nur der wegen feiner drastischen Komik so schnell beliebt gewordene Humorist Mariot, der mit einer Reibe neuer Schlager aufwarten wird. Da bekanntlich „das ewig Weibliche uns anzicht", so hat die Direktion de», schwächeren und doch so starken Geschlecht einen großen Platz in, dicsnialigen Spiclplan eingeräumt. Da sind z. B. die aus 7 Wienerinnen bestehende „Damen-Kavallerie". die Geschwister Leoni, fesche GesangSduettistinuen, Edith Russell mit ihren originell dressirtcn Ziegen, Antoinette Liudenthal, Konzertsänqerin x. Besonders gespannt darf man auf das Auftreten des „amerikanischcn Silberkönigs" Francis King gespannt sein, der in allen größeren Variötös Sensatron erregte. — Im Haupt-Restaurant findet am Abend wieder Frei-Kouzcrt der 80cr Kapelle statt.
o. Dir Ucnpflnsterung brz,v. Asphaltirung de» Zpirgrlgaffr von der Wcbcrgnsie bis zum Kranz, wozu die Geldmittet bereits im vorigen Herbst von der Stadtvertretung ver- wllligt tvaren, die aber wegen nothwendiger Erneuerungen an Thcrmalleitungen bislang verschoben werden'mußte, soll im Lauf des Monat« Juli vorgeuommcn werden. Die Anlieger werden wohl daran thun, sich vorher mit ausreichendem Vorrath von Kohlen und dergleichen zu versehen, da die ganze Straße auf die Dauer der Arbeiten gesperrt werden muß. Im Winter können solche Arbeiten bekanntlich nicht ausgeführt werden, weshalb die sogenannte „stille Saison" gewählt wurde.
6. Die FirrigrnschwiUbachrr „Maflerpanlfcherei" vor Gericht. Daß es außer den Fabrikanten von Riechwasser Jemand giebt oder geben kann, der ein Interesse daran hat, das billige Wasser zu fälsche», das glaubt gewiß kaum Jemand, wie es im ersten Moment überhaupt unwahrscheinlich erscheint, daß Wasser — ganz gewöhnliches Wasser—ein geeignetes Objekt für Fälschungen sei. Und doch, wollte Einer unser gutes Wiesbadener Quellenwasser mit dem Wasser zweifelhafter Güte des Salzbachs vermischen. so würde sich der Mann zweifelsohne der Wasserfälschung und somit der Nahrungsmittelfälschung schuldig machen. In Langenschwalbach hat man auch im vorigen Jahre und noch früher eine Wasserleitung eingerichtet und in den benachbarten Bergen ein wundervolles Wasser gewonnen. Da gutes Wasser nun einmal für die Bewohner von Kurorten doppelt werthvoll ist, so kann man sich ungefähr vorstellen, wie groß die Erregung in unserem Nachbarkurstädtchen war, als es auf einmal hieß: „Der Wasserwerks- Unternehmer hat Wasser aus der Äarbach in unsere Wasserleitung geführt." Der Aarbach ist zwar ein munteres, sauberes Bächlein und nicht mit vielen seiner Brüder zu vergleichen, die durch Dörfer und Städtchen ihren Lauf nehmen und überall Unrath mitführen, aber dennoch: Bachwasscr ist kein Leitungs-
Wasser, und wenn man sich mit vielen Kosten eine Wasserleitung errichtet hat, will man kein Oberflächenwasser trinken. In Langenschwalbach herrschte also eine große Erregung über die vermeintliche „Wasserpantscherei" des Wasserwerkes, vermeintliche Wasscrpantscherei insofern, als sie überhaupt nicht statt- gefundeu hatte. Die Sache verhält sich folgendermaßen: Die Errichtung einer Wasserleitung wurde von der Gemeinde Langen- . schwalbach einem Ingenieur Hcssemer übertragen, dem das Wasserwerk auf etwa 3 Jahre auf eigene Rechnung und gegen eine Vergütung von so und so viel für den Kubikmeter Wasser zum Betriebe überlassen wurde. Der Ingenieur stellte zwei Maschinisten und einen Werkmeister an, und dieser letztere, der Ü548 geborene Karl L., ist es, dem ncan die „Wasscrpantscherei" zunächst in die Schuhe schob. Im August v. I., nach etwa achtwöcheutlicher TrockenlM, machte sich ein bedenklicher Wassermangel bemerkbar und der Werkmeister pflog mit seinen Maschinisten Raths, was es geben sollte, wenn plötzlich ein Brand ausbrechc, weil zu befürchten stand, daß dann die vorhandenen Wasscrmengen des Werkes nicht
(Nachdruck verboten.)
Gambrinus und das Zier.
Plauderei von Robert Rosenthal.
Sechshundert Jahre sind es nunmehr her, daß Gambrinus das Bier — nicht erfunden hat. Trotzdem dürfte es wohl nur wenige Leute geben, die auf die Frage, wer eigentlich der Erfinder des „edlen Gerstensaftes" gewesen sei, nicht schlagfertig antworten: „Das war ja Gam-
brinus!" Und wer sich auf seine Schulweisheit etwas Besonderes zu Gute thnn will, der fügt wohl noch stolz hinzu: „Jener bekannte König von Flandern und Brabant". — Ja, er hat es zu einer ganz beispiellosen Volksthümlichkcit gebracht, der gute Gambrinus von Brabant; hat doch wohl ein Jeder schon hundert Mal und öfter sein farbenprächtiges Bildniß beivundert. In Bierhallen und Wirthssluben zumal bildet cs eine beliebte Wanddekoration; oft findet man es in den öffentlichen Speiseanstalten auch im farbigen Bogenfenster, jenes traditionelle Bild mit der Krone auf dem Kopfe, dem Schwert an der Seite, in der erhobenen Faust den überschäumenden Pokal, ein Prototyp echter, strotzender Mannhaftigkeit. Unterhalb des Portraits pflegen dann wohl ein paar mehr oder minder schöne Verse den bärtigen Mann mit der Königs*rone auf dem langgclockten Haupt als den Erfinder des Gersleiurnnks zu verherrlichen. — Ja, um die Erfindung des Bierbranens ist es doch eine eigene Sache, und es hat von jeher Gelehrte gegeben, die vorwitzig genug waren, dem Volk den guten, alten Glauben an die königliche Herkunft des Bieres zu verleiden, indem sie behaupten, der Umstand, daß das Bier schon lange vor unserer christlichen Zeitrechnung exislirte, daß es bereits die heidnischen Völker des grauen Alterthums gekannt und sich trefflich haben munden lassen, beweist zur Evidenz, daß Gambrinus nur eine mythische Figur, zum Mindesten aber nicht der wahre Erfinder des Biers sei. Und in der That. es ist erwiesen, daß bereits viele Jahr
hunderte vor Christi Geburt die Chinesen, Japaner, Abessynier ein unserem Hefenbicr völlig verwandtes Getränk, das gleichfalls aus Gerste gewonnen wurde, kannten. Auch von den Armeniern berichtet die Geschichte, daß sie schon mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt ei» Gerstengebräu herstcllten, das bei einem sehr angenehmen Geschmack eine stark berauschende Wirkung auf den Trinker ausübte und ähnlich unseren modernen Erfrischungsgetränken mittels langer Strohhalme geschlürft wurde. Im mittleren Theil von Frankreich soll das Bier um das Jahr 100 n. Ehr. den eigentlichen Bolkstrunk gebildet haben; man nannte es „kroma", und dasselbe Fabrikat ist — ein Beweis seiner Vortrcfflichkcit — noch heutigen TagesinNordfrankreich, Belgien und England ein außerordentlich beliebtes und verbreitetes Getränk. Die Germanen lernten das Bierbrauen erst viel später kennen, als das Nomadisiren der einzelnen Stämme anfhörte und diese sich dem Ackerbau zuwandten. Die Bezeichnung „Bier" dagegen stammt aus dem Germanischen; im Niederhochdeutschen hieß das Wort pcor, auch Pier oder bior, woraus allmählich „Bier" entstanden ist. Alle im Alterthnm und frühen Mittelalter gebrauten Bierarten unterschieden sich jedoch von unserem heutigen Getränk wesentlich dadurch, daß sie des Hopfenbeisatzes völlig entbehrten; wurden doch, wie ans einer Urkunde des Königs Pipin hervorgeht, die ersten Hopfengärten um die Mitte des achten Jahrhunderts angelegt. Als Bierzusatz aber wurde des Hopfens zum ersten Male in einem aus dem Jahre 1079 stammenden Briefe der heiligen Hildegard, Aebtissin von Ruppertsburg, Erwähnung gethan. Es ist daher anznnehmen, daß im Mittelalter zucrst die Ktöster ein gutes Biergebraut haben.
Um indessen auf unseren Gambrinus zurückzukommen, so verdanken wir neueren Forschungen die Aufklärung, daß dieses Wort eine Verballhornung des Namens „Jan Primus" ist. Dieser „Jan Primus", oder kurz Jan I., war ein Herzog von Brabant, der um das Jahr 1300 lebte. Die Chronik erzählt von ihm, daß er ei» gar ritterlicher Herr und Bürger-
freund gewesen, der sich auch als Minnesänger in vlämischer wie in französischer Sprache rühmlichst hervorgethan und schließlich in einem Turnier zu Bar ein ebenso heldenmüthiges wie vorzeitiges Ende gefunden habe. Mit der Bierbrauerei aber, die ja, wie oben bewiesen, schon undenklich lange Zeit vor seiner braven Existenz bekannt gewesen war, hat ihn eigentlich nur ein Zufall in Verbindung gebracht: Jan war nämlich ein wegen seiner Leutseligkeit sehr volksthümlicher ^ und allbcliebter Fürst, und so kam cs, daß ihm außer anderweitigen Ehrungen auch die Ehrenmitgliedschaft der Brüsseler Brauereigilde angebote» wurde. Herzog Jan acceptirte diese Auszeichnung auch dankbar, was ihm in Anbetracht jener ritterstolzcn Zeit besonders hoch angerechnet werden muß. Die Brauer von Brüssel aber waren über diese Gnade und Huld ihres Fürsten sehr entzückt und gaben ihrer Dankbarkeit dadurch beredten Ausdruck, daß sie das Bild ihres volksfreundlichen Fürsten in ihrem Gildcnhause öffentlich aushängten. Daß man dem Herzog im Bilde den schäumenden Becher in die Hand gab, war natürlich; wollten doch die Bierbrauer nicht allein den Fürsten, sondern zugleich auch ihr Gewerbe ehren!
Später, als der brave Jan sammt seinem Geschlecht längst im Grabe ruhte und der Schleier der Jahre sich über die Vergangenheit und ihre Ereignisse breitete, entstand aus „Jan Primus" „Gambrinus"; zugleich gab der etwas ungewöhnliche Standort des Bildes im Gildenhause, sowie der Umstand, daß es in der Hand den schäumenden Bierkrug hält, einem phantasievollen Kopf Veranlassung, dem farbigen Jan Primus nlirw Gambrinus die Biererfindung anzuhängen, eine Sage, die sich im Volksmund fortpflanzte und schnell allgemeinen Anklang fand. Doch halten wir ihn in Ehren, den wackeren Gambrinus, wenngleich er ebensowenig das Bier, wie etwa das Pulver erfunden hat; war es doch ein ritterlicher Held, ein minniglicher Sänger, ein kräftiger Regent und — was ihm die Bierbrauer nimmer vergessen werden-ein fröhlicher Zecher.
