Einzelbild herunterladen
 

1. Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.

Ko. 272» Morgen-Ausgabe.

(23. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Auf Grunmeide.

Roman von K. Sakmö-I>aysen.

Sie wandte sich ab, ohne einen Ausdruck der Recht­fertigung zu finden; zum ersten Male, ohne für den Tadel, also liebevoll eingekleidet, ihm grollen zu können.

„Du zürnst über meinen F-reimuth, da Du schweigst?" fragte er.

„O nein," antwortete sie mit herbem Lächeln, „das Ein- geständniß des Rechtes wird meiner Zunge nur schwer, und wenn ich fie sprechen lasse, so muß ich fürchten, sie werde wieder einmal Funken sprühen. Wir sind auf dem besten Wege dazu."

„Auf dem besten Wege, uns zu verstehen," meinte er, „ist's nicht so?"

Sie nickte und ging leicht vor ihm her die Treppe hinab. Es war das erste Mal, daß sie sich seiner Ueber- legenheit unterordnete, nicht eben willig und gern, aber mit dem Bewußtsein, daß seine Menschenkenntniß, sein klares, praktisches Denken, stets nur das Rechte, Beste treffen könne.

XXII.

Nun ritt man in den schönen, heiteren Tag hinaus.

Ohne bestimmtes Ziel wurde der Weg Anfangs durch den Wald genommen. Die Sonne brannte, wo kein Schatten kühlte, gar heiß, hier konnte nian die Pferde munter austraben lassen. Auf dem Rückritt freilich ließ man den Forst seitwärts liegen, es sollte eine Galoppade gemacht werden, und dazu eignete sich die flache, breite Hatdestrecke, die parallel mit diesem sich weit hinausdehnte, vortrefflich.

Da, wo man aus dem Walde bog, breitete sich, theil- weise noch in diesen hineindringend, das stahlblaue Gewässer des großen, schilfbewachsenen Weihers aus. Es lag über diesem Ort eine seltsame Düsternheit. Die tiefe Einsamkeit, der dicht mit schwarzgrünen, ernstrauschenden Tannen bestandene Uferrand, das leiszitternde, durch den lindesten Luftzug zusammenschauernde Schilfgras, manchmal der plötzliche Schrei eines Wasservogels, alles dieses drückte der Stätte den Stempel der Melancholie, den Stempel tief­ernsten, poetischen Zaubers auf. Wer menschenscheu Stille suchte oder die Natur iu ihrer Ursprünglichkeit zu belauschen, oder eine ernste Gedankenarbeit zu verrichten wünschte, oder irgend ein geheimes, großes Weh ausweinen wollte, der mochte es hier thun; die Tannen hätten ihr Klagelied dazu gerauscht und aus der Welle, die einförmig ihre ewig gleiche Melodie an den Uferrand klingen ließ, hätte ein Sonntags- kind müden Herzens vielleicht einen Lockruf erlauscht, daß es sich da unten friedlich ausruhen lasse von des Lebens Leid und Sorge. — Ja, verriethe nicht jener leuchtende, wie ein meißfarbiges Band sich hinziehende ferne Chaussee­streifen die unmittelbare Nähe von Kultur und Menschen, so hätte man sich hier ein Dornröschenmärchen träumen können, so wild verzweigten sich Schlingpflanzen mit hoch- aufragendem Epheu, wechselte undurchdringlicher Röhricht mit alten, krummgewachsenen Laubbäumen, die nur dort eine Lichtung zeigten, wo der schmale Weg aus dem Forste führte.

Es war kurze Rast hier gemacht worden, und nahe an das Wasser heranreitend, das in klarsten Umrissen ihre Gestalt wiederspiegelte, blickte Marietta, von der eigen­artigen Romantik dieses Ortes ergriffen, gedankenvoll in die

Donnerstag» den 14. Juni.

Tiefe, halbvergessenen Erinnerungen nachgehend, die ihr das Bild des Vaters vor die Seele zauberten, wie er hier mit dem wilden, o, so glücklichen Kinde gestanden, und wie es hallte und schallte, wenn Onkel Reimer im Röhricht die Enten äufgcscheucht, die flatternd über den Köpfen jagten oder nieder zu den Füßen sielen, wenn der Schuß getroffen, wobei das weiche Kinderherz Thränen des Mitleids geweint über die armen, blutigen Thiere.

Nicht lange währte ihr Sinnen; es wurde durch einen eigenthümlichen, weithintönenden Dohlenruf unterbrochen. — Eben jetzt hatte sich die lebhafte Koiwersation der Herren auf den wildreichen Forst gelenkt; hierbei war der Wild­dieberei Erwähnung gethan und Hartmann äußerte, er ver­liere allgemach die Freude an der Jagd, wenn der Unfug nicht bald ein Ende nähme.

Jetzt bei dem seltsamen, einem Signal gleichenden Dohlenruf horchte er mißtrauisch auf und sein scharfes Auge suchte das dämmerige Licht des Waldes drüben zu durchdringen, von wo der Ruf erschallt. — Da er seinen Unterförster den schmalen, eben zurückgelegteu Waldweg daher kommen sah, sprengte er in ein paar Galoppsätzen an diesen heran.

„Haben Sie den Dohlenruf gehört, Brandis?" fragte er.

„Ja, Herr, heute dies, morgen jenes Signal. Wir kennen nachgerade die Kniffe. Das verdammte Takclzeug treibt förmlich Handel mit dem Wild. Aber es hat schon abgenommen, seit • die Behörde uns unterstützt. So findig das Diebesvolk ist, eine Memme, die de» Verräther macht, findet sich doch mal drunter. Ich nieine den Forst zu kennen wie meinen Gemüsegarten hinter dem Hause, und die Kerle drehen mir doch 'ne lauge Nase aus ihren Schlupfwinkeln heraus. Den ganzen Morgen schnüffle ich hier schon herum, denn der Pluto hat eine Spur aufge­stöbert, .mit der Axt muß man sich durchhauen, die da hinten zu 'ncm frischgeschossenen Reh führte. Hab's aber liegen lassen. Ich denke, es soll ein Köder werde», woran sich der Dalketer fängt. Den Donner ja, wenn ich ihn erst gefaßt habe, den Halunken, den verdammten Spitzbuben, mit Verlaub zu sagen."

Die letzten Worte richtete er an die inzwischen heran­gerittene Gesellschaft.

„Soll ich Herrn Hartmann hinführen? die Kerle haben sich nun doch aus dem Staube gemacht, da sie die Herr­schaften gesehen, 'ne Kugel auf den Pelz, wenn ich einen mit der Flinte sehe. Reiten die Herrschaften zwei Mal die Schneuse auf und nieder, so sind wir wieder da."

So sollte es geschehen. Reimer saß schnell ab, schlang den Zügel seines Pferdes an einen Baumast und drang mit seinem Förster durch die unwegsame Waldpartie, ohne sogleich zu bemerken, daß der Rittnieister Schlütter es ihm nachgeahmt und hintendrein folgte.

Heilwitz befand sich dadurch plötzlich und unerwartet mit der jungen Dame allein, die schnell ihr Pferd herumge­worfen hatte und den Weg hinunter sprengte.

Im Nu befand er sich an ihrer Seite. Einen Moment ritten Beide schweigend neben einander her, bei der Weg­mündung jedoch, wo Kehrt gemacht wurde, griff der Offizier in die Zügel ihres Pferdes, dasselbe zu langsamem Schritt zwingend, und sagte: „Der so oft von Ihnen verspottete Zufall ist mir doch günstig! Diesen kostbaren Augenblick, das erste ungestörte Wort verdanke ich ihm. — Nun, Marietta, Theuerste, was für eine Antivort wird Ihrem getreuen Ritter auf seine zweimalige Anfrage?"

Er hatte seinen Handschuh abgestreift und legte seine

48. Jahrgang. 1900.

weiße, wohlgepflegte Hand auf die ihre. Ein Zug unge­duldigen Begehrens lag auf seinem Antlitz, aber nichts, was auf ein leidenschaftliches Empfinden, auf Liebe schließen ließ.

Ihm jetzt mit kalter Ruhe falsche Vorspiegelungen über ihre Vermögensverhältnisse zu machen, nein, das vermochte Marietta nicht, Lüge und Verstellung standen ihr fern, wie hatte sie dies nur ihrem Vormund zumuthen mögen! Warum auch sollte er erst Probe bestehen, sie sah es ja, es bedurfte keines Prüfsteines mehr, nur ihres Muthes, die angeknüpften Fäden schnell und sicher zu lösen.

So sagte sie, langsam das etwas erblaßte Antlitz ihm zuwendend: „Sie haben ein Recht auf endliche Antwort.

Einst sagte ich Ihnen, daß es mir schwer werde, eine Ehe einzugehen, in der ich Ihnen nichts Anderes als meine Gewogenheit entgegen bringen könne. Ich meinte, allzu viel zurück zu empfangen, und jo sehr es mich rührte, es beschämte mich zugleich. Jetzt aber kommt es mir vor, als dürfte auch ich nicht allzugroße Ansprüche auf Liebe machen."

„Auf Ehre, reizende Marietta, Sie haben sich verändert t Ich habe Sie nicht für romantisch gehalten!"

„Sie sehen, man kann das werden auf dem Lande. Doch lassen wir das, es führt nicht zum Ziele —"

„Es führt zum Ziel," fiel er ein, „wenn Sie mir antworten wollen, ob Sie als meine Frau, ohne alle Romantik, mein guter, lebenslustiger Kamerad werden wollen? Ich flehe Sie an um ein einziges Ja, meine wunderschöne Marietta!"

Er bog sich bei diesen Worten zu ihr hinüber, den Arm um sie zu legen, als in der Ferne ein knatternder Schuß fiel. Die Pferde, die zuletzt gemächlich geschlendert und von Sträuchern gefressen hatten, fuhren mit jähem Satze auseinander. Marietta hatte eben zuvor den Zügel aus den Händen gelassen, um seine Berührung abzuwehren, nun waren dieselben über den Kopf ihres Pferdes geglitten und der Versuch, sie wiederzugewinuen, vergeblich, denn der Lessing stürmte der aufgeregten Braunen nach, die Heilwitz, der allerdings nicht bemerkte, daß sie die Zügel verloren, anscheinend gar nicht zurückzuhalten suchte, weil das von Hartmann nachlässig angebundene Pferd, sein Pferd, sich losgerissen und in Karriere den Weg aus dem Walde nahm. Jetzt war er um die Waldesecke verschwunden und blickte sich nicht einmal um nach ihr, er vergaß sie vollständig, in der Furcht, sein reiterloses Pferd könne Schaden nehmen. In der That eine höchst treue Kameradschaft.

In -ihrer Empörung und Erbitterung dachte sie gar nicht an die eigene Gefahr, daß der Lessing in die Zügel treten, stürzen könne, vollends nicht, als sie plötzlich ihres Vormundes laute Stimme hörte und den bekannten Pfiff, wodurch er manches seiner Pferde auch ohne Zügelhülfe zu lenken verstand. Aber der Lessing war aufgeregt. Lang­gestreckten Halses, alle Augenblicke den Kopf mit den hängenden Riemen aufwerfend, galoppirte er dahin, seinem Herrn entgegen, der mitten im Wege stand und wieder und wieder den beruhigenden Ruf ertönen ließ. Zu einem Gefahr- und Angstbewußtsein kam die geübte, furchtlose Reiterin daher gar nicht.

Als ihr Vormund mit furchtbar erregter Miene dem Thier in die Zügel fiel, hatte sie den Steigbügel fortge­stoßen und glitt nieder in seine Arme. Mochte nun der Lessing seinen Weg nach Belieben nehmen, die Reiterin war in Sicherheit.

(Fortsetzung folgt.)

^jQfallialla

★ * Theater. *

Vornehmste Specialitätenbiihne am Platze. Vom L.—IL. Juni:

Max Renards Miniatur-Circus.

Sensationellster Dressur-Act.

Mariot, 4 Yankee Beiles, Droeses Biomatograph

mit den

Aufnahmen von den Wiesbadener Kaisertagen — und das üb rige gang vorzüglich« Programm.

Prima Kernseife,

. hellgelbe 34, vveisse 35 **r.,

5 Pfd. t Pf., 10 Pf d . 3 P f. billiger.

— W. Mboralshl, Römerberg 2/4.

CS?l‘h flj»<♦»»<»*» vcnzügl.' Sorte, frei ins £au«~

* «rlvll, „Billa Westfalia", Mosbach.

Wicsbade^

empfiehlt

billigst

Gaskochapparate, Badewannen,

Badeöfen

P. J. FSiegeii,

Eeke tioltl- und Metzgergassc 87.

80!

FRANKFURTER SCHU HFABRIK.A.O,

vormals OTTO HERZäC?

Einzige Detail-Verkaufsstelle für Wiesbaden:

J. Speier Nacht.,

18. Langgasse 18.

Telephon 246.

149«