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«8. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezngs-PreiS: durch den Verlag so Pfg. monatlich, durch die Post L Mk. oo Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusaninien.

Verlag: Langgafse 27.

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Dl». 8^0. Fernsprecher Ro. 52.

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Mitlrvoch, den 13. Juni. Fernsprecher No 52. 1900.

Morgen-Ausgabe.

Zu den Vorgängen in Hnnnover

wird der „Franks. Ztg." von dort geschrieben:

Ueber das unerhörte Vorgehen der hiesigen Polizei wird noch an anderen Orten als von der öffentlichen Meinung zu Gericht gesessen werden. Eine Petition an das Ministerium wird vorbereitet und einwandfreie Zeugen werden zu Protokoll geben, was sie gesehen haben. Anderer­seits ist zu wünschen, daß auch die Rowdies und Anstifter der Unruhen die gebührende Strafe empfangen. Gegen circa 100 im Zellengefängniß Sitzende und 50 in ärztlicher Behandlung Befindliche soll die Anklage wegen Land- friedcnsbruchs erhoben werden. — Der Streik der Straßen­bahner ist thatsüchlich aus. Die Direktion siegte auf der ganzen Linie.

Wie es bei den Unruhen zugegangen, schildert ein Be­richt des „Hannöver'schen Anzeigers" vom 9. ds. wie folgt:

Ueber die Vorgänge am Donnerstag gehen uns noch folgende Berichte zu: „Es war um 10'/- Uhr Abends," so berichtet der Gastwirth Riechers, Vahrenwaldcstraße 76, einem Berichterstatter. .Ich hatte fünf bekannte Gäste bei mir, und um Niemand mehr hinein zu lassen, habe ich die Jalousie heruntergelassen, die auf die Straße führende Thür verschlossen und die Gardinen zugezogen. Meine Nichte konnte cs nicht unterlassen, durch die Gardinen auf die Straße zu sehen und bemerkte, daß ein Kommissar mit 20 Schutz­leuten, die wohl gesehen hatten, daß Licht in der Gastwirthschaft, auf die Thür hiuzugingen. Wir drehten das Gas aus, aber im Nächsten Augenblick hieß es „Thür aufmachen!" Mein Neffe be­mühte sich, auch dieser Aufforderung Folge zu leisten, konnte aber die Thür nicht ausschließen, da sich 6 Schutzleute von draußen dagegen lehnten. Was jetzt geschah, dürfte zu den ungeheuerlichsten Vorkommnissen gehören. Die Thür wurde gewaltsam erbrochen, Alles flüchtete, nur drei ältere Gäste, die die tzansgetegenhcit nicht genau kannten, blieben im Dunkeln am Tische sitzen. Es wurde mit Säbeln herumgehauen, und als man Licht anaezündet hatte, wurden meine drei Gäste vor die Thür geworfen. Mein Neffe er­hielt einen Säbelhieb über den Kopf uns wurde von den Schutz­leuten verfolgt, die jetzt die Wohnung durchsuchten. Fußfällig und händeringend hat meine Nichte für ihren Bruder um Erbarniung kitten muffen."

Einen ähnlichen Auftritt gab es im Hause Vahrenwalder­straße 78A, beim Wirth Plänker. „Ich wohne hier 26 Jahre," sagte der alte Mann. „Ich zähle nur gute Bürger zu meinen Gasten. Mittwoch Abend waren bei mir der Bäckerineister Wiechmann aus der Füstlierstraße, Nangirmeistcr Boas, Bau­unternehmer Reimers und Gastwirth.Hildebrand aus der Derfflinger- straße. Wir saßen in unserem Vorgarten in der Laube, hatten das Gartenlhor verschlossen, damit kern Fremder herein sollte, und hatten, damit wir nicht bei dem Tumult auffielen, die Gaslaternen vor. dem Hause ausgedreht. Da plötzlich hieß es von draußen: „Hierher, hier sind noch welche." Die Gartenthür wurde erbrochen und mit Säbeln dazwischcngehaucn. Eine Frau stand wie versteinert da und ste wird an den Folgen der Aufregung noch wnge zu thun haben. Hiermit begnügte man sich aber noch nicht, ** ra etu ä lDe ' tet Trupp hinzu, der mir sämmtlichc Fenster zur Gaststube zerschlug und dann das Nebenhaus durchsuchte, wo die Leute dabei waren, sich zur Ruhe zu begeben. „Aufmachen", hieß es an der Thur eines dort wohnenden jungen Mädchens, aber w°n >m nächsten Augenblick wurde Gewalt angewendet. Ver- pverselte Hulferufe erschallten durch die Nacht, dazwischen ein

Kommandoruf „Frauen und Mädchen schonen". Hiermit hörte die Scene auf."

Bezeichnend ist, daß am Mittwoch bei bent plötzlichen Aurücken von Schutzleuten auch ein Kriminalbeamter mit in eine Hausthür hineingedrängt wurde, zu Falle kam und mit anderen Flüchtenden auf einen Fleck zu liegen kam. Er wurde hierbei als Aufrührer von seinen Berliner Kollegen angesehen, erhielt empfindliche Stock­hiebe und ffonute erst mit feinem Revolver sich einen Ausweg bahnen. Die Fälle, daß Kriminalbeamte von den Schutzleuten Säbelhiebe erhielten, sind mehrfach vorgekommen. Ueber die Zahl der Verletzten ist in Erfahrung gebracht, daß von den insgcsammt 18 Personen, die im Krankenhause Hülfe suchten, 10 schwerer Ver­letzte dort verbleiben mußten. Der Arzt ■ I)r. Josephsohn am Weidendamm allein hatte bis in die Nacht hinein 15 durch «Säbel­hiebe Verletzte zu verbinden. Passanten mit Kopfvcrbändcn sind an der Lahrenwaldcrstraße nichts Seltenes. Der bei dem Auftritt bei dem Wirth Plänker verletzte Gastwirth Hildcbrand liegt an seinen Verletzungen schwer krank darnieder.

Photograph Herm. Trieloff, Nordmannstraße 17, theilt uns Folgendes mit. Er stand vor einem Hotelrestaurant in der Kanal­straße, in dem er wohnt, Donnerstag Abend 12 Uhr. Mit einem Mal kamen an 20 junge Burschen vorbeigelaufeu, hinter ihnen zwei Schutzleute mit geschwungenen Säbeln, die fortwährend schrieen: „Wollen Sie lausen! Wollen Sic laufen!" Plötzlich machten die Schutzleute Kehrt, sprangen auf mich zu und schrieen: „Wollen Sie 'rein!" indem sie auf mich eindiangen. Der Rollschutzwand wegen konnte ich nicht so schnell ins Hans. Ein Civilschutzman» sprang auf mich zu, schrie meinen Namen und rief: „Holen Sie den mal 'raus." Beide Schutzleute faßten mich und schleppten mich zur Georgstraße, wobei sie mich in der unerhörtesten Weise beschimpften. Am Straßeubahnpavillon standen au 30 Schutzleute und viele Kommissare. Hier mußte ich wieder Schimpfworte aushalten. Ein Beamter rief: „Das Schwein blutet noch nicht einmal!" Der Bczirkskommissar, der mich kannte, entließ mich schließlich, und nun schrieen mehrere Schutzleute: „Aber laufen, laufen!"

Gestern und heute sind fortwährend Leute zu uns gekommen, die entweder selbst mißhandelt oder deren Angehörige mißhandelt sind. Wir können natürlich keine» Werth auf die Aussagen von uns ganz unbekannten Leuten lege», ebensowenig auf die Briefe unbekannter Leute. Wir können nur das aufiihren, was uns unsere ständigen Berichterstatter oder uns bekannte Personen mitthcileu. Zu der Spannung zwischen Polizei und Publikum ist nun noch ein gespanntes Verhältniß zwischen dem Militär und der Polizei ge­kommen. Zu unserem gestrigen Bericht ist noch nachzutragen, daß es der Mazor v. M. vom Kgl.Militär-Reitinstitut gewesen ist, der von den blindlings darauf loshancnden Schutzleuten geschlagen ist, trotzdem dieser Offizier in Uniform war. Außer diesem Offizier sind noch mehrere Angehörige des Reitinstituts, die in Civil nach Hanse znlückkehrten, arg geschlagen worden. Unter den Offizieren und Mannschaften des Reitinstituts herrscht deshalb eine große, berechtigte Aufregung gegen die Polizisten. Auch viele Königs- Ulanen und Infanteristen sind vorgestern von den Schutzleuten ge­schlagen worden.

In der Bevölkerung Hannovers herrscht eine furchtbare Er­regung und Erbitterung, und es ist zu befürchten, daß, wenn die Schutzmannschaft noch länger die gefammte Bcvölkernng in solcher Weise behandelt, daß auch der bessere Theil des Publikums dem Blaukoller verfällt und alle Achtung vor der Polizei verliert. Schon jetzt ist die allgemeine Ansicht, daß die Polizei unfähig ist, die Unruhen zu beseitigen, ohne mehr dabei zu schaden, als zu nützen, und schriftlich und mündlich wird »ns der Wunsch aus- gedrückt, daß die Militärbehörde den öffentlichen Sicherheitsdienst in die Hand nehmen möge, da man glaubt, daß die Militärbehörde mit ruhiger Sicherheit Vorgehen wird.

Die Krawalle haben, soviel bis jetzt bekannt ist, 150 leichtere und über 30 schwere Verletzungen zur Folge gehabt. ES ist aber anznnehmen, daß viel mehr Personen verletzt worden sind. Eine Menge Leute sind verhaftet und werden nicht auf freien Fuß gesetzt.

da die Anklage auf Landfriedensbruch lautet. Wir sind überzeugt, daß viele dieser Leute ganz unschuldig sind.

Gestern, Freitag Abend, herrschte in der Vahrenwalderstraße wiederum ein sehr erregtes Leben und Treiben. Bereits um 6'/-Uhr stand das Publikum in dichten Schaarcn vom Weidendamm an bis zur Dörnbergstraße. Vor allen Hausthüren bemerkte man erregte Gruppen von Männern, Frauen und Kindern, die die Vorkommnisse der vergangenen Abende mit höchster Erbitterung besprachen. Viele Neugierige waren nach dem Weidendamm gekommen, um fich die Verwüstungen an den Straßenlaternen anzusehcn. Gegen 7 Uhr Abends jagte auf einmal ein Zug der städtischen Berufs-Feuerwehr in schnellstem Galopp die Vahrenwalderstraße hinauf. In der Noland­straße 16, einer Querstraße der Vahrenwalderstraße, war ein gering­fügiger Brand ausgebrocheu. der jedoch beim Herannahen der Feuerwehr schon wieder gelöscht war, weshalb die Feuerwehr nach einigen Minuten wieder abrückte. Im Handumdrehen war eine tausend- köpfige Menge in der Rolandstraße zusammengeströmt, die fich jedoch bald wieder zerstreute, weil der Brand gelöscht war und die auf der Vahrenwalderstraße postirte Polizeigcwalt der Roland- straße fernblieb. Von 7 Uhr Abends an wurden die Menschen­ansammlungen immer stärker. Der große Platz am Weidendamm bildete eine einzige, fast unentwirrbare Menschemnenge, die sich jedoch, so weit wir beobachtet haben, jeder strafbaren Hnlidlungtz- weise enthielt. Ein für Hannover'sche Verhältnisse unheimlich starkes Aufgebot uniformirtcr und geheimer Schutzleute war in dem Hof der Bürgerschule an der Hagenstraße eingepfercht und wartete de« Befehls zum Losschlagen. Dieser Befehl kam jedoch nicht; der Himmel öffnete seine Schleusen und vertrieb die Menge. Kurz nach 11 Uhr waren auch die Polizisten aus dem Schulhof ver­schwunden. Die Straßen waren um diese Zeit fast menschenleer; starke Polizeipalrouillen unter Anführung junger Kommissare durchzogen jedoch die Gegend von der Goseriede bis zur Dörnberg­straße, um etwaige Ruhestörungen im Keim zu ersticken. Dabei lam es wieder zu ganz nunöthigcr Terrorisirung der Bevölkerung. So schreibt uns ein gelegentlicher Mitarbeiter:

Kann das so weiter gehen? Einsender Dieses ist gewiß ein ruheliebender Bürger, der den Behörden giebt, was de» Behörden ist, und lveit davon entfernt ist, den Rowdies und Lumpengesindel, dem die gegenwärtigen Krawalle ein gefundenes Fressen sind, das Wort zu reden. Aber schließlich giebt es auch für den loyalsten Bürger eine Grenze, wenn er sieht, wie rücksichtslos die aus­übenden Organe der öffentlichen Sicherheit Vorgehen. Gestern, Freitag Abend um '/-II Uhr, wurde Einsender Dieses, der lesend in seinem Parterrezimmer in einer von den Krawallen kaum in Mitleidenschaft gezogenen Straße saß, durch einen lauten Schrei veranlaßt, einen Augenblick einen Fensterflügel zu öffnen. Er sah, wie von einer Patrouille von 16 bis 20 Schutzleuten, die säuuutlich blank gezogen hatten, mindestens drei gleichzeitig auf zwei harmlose junge Leute loshieben, denen man die Frage vorgelegt hatte, ob sie in der betreffenden Straße wohnten. Den Einsender selber herrschte einer der kampflustigen Herren an, das Fenster zu schließe». Diese Auffordcruug wurde von einem Schwung des Säbels begleitet, die das Schlimmste für den Fall befürchte» ließ, daß das Fenster etwa nicht ganz schnell zu schließen gewesen wäre. Als die Patrouille vorüber war, erhob sich unter den Anwohnern, die insgefammt riihige, kühl denkende, hochanständige, verheirathcte Leute sind, eine Stimme der Entrüstung über den Vorfall, und wie ans einem Muiide die Frage, ob und wie lange ein solches Tyranilisiren des Publikunis noch fortgehen soll?

Druckereibesitzer C.B. Schulze theilt uns mit: Am Dienstag Abend hatte ich für meine Frau etwas von der Apotheke in der Vahren- walderstraße zu besorgen. Auf dem Rückweg kam mir auf der Vahrenwalderstraße eine Menschenmenge entgegen, hinter ihnen mehrere Schutzleute mit blank gezogenen Säbeln. Ich wollte ihnen aus dem Weg gehen und bog in die Werdcrstraßc ein. Auch hier kam mir eine johlende Menschenmenge entgegen und ich flüchtete deswegen in das Haus Jsernhagcnerstraße 2, wo ein Bekannter von nur in der Gartenthür stand. Kaum da angelangt, wurde ich

(Nachdruck verboten.)

Arbeit in der City.

(Von unserem Korrespondenten.)

London, im Juni 1900.

r . f ^. re .i re traditi ° n s which die hard“, sagt ein eng* Ittdicg Sprichwort, und zu diesen Uebcrlicferungen, welche nn so zähes Leben zeigen, gehört auch die Behauptung von der übertriebenen Thätigkeit, die tagsüber in der City herrscht,

hOii fr”!!-' ° Abendschatten sich herniedersenken, einer

vollständigen Stille Platz zu machen. Jedem, welcher zuerst nach London gelangt und sich über das dortige Leben näher zu unterrichten sucht wird selbst von den eigenen Lands- 5™"' roe[cöe , schon längere Zeit die englische Metropole »tifsn r* ""d NN die er sich aus naheliegenden Gründen Ä», m,t 23ovlte6e w-ndet, mit dem Brustton innigster «ÄT n8 '""theilt, daß in der City „mit Hochdruck" werde, und eine begeisterte Schilderung dieser L- t chen Betriebsamkeit entworfen. Der Cityman Un.'«brechung seiner Thätigkeit nicht. Gegen na 5i J tm ?""au gelangt, verlasse er dasselbe nicht Jlnfmin , Ik m b i° t9 £ e "izwischen nur für seines Leibes ,? 0t|kt - ft durch hastiges Einnehmen eines » ?;wlchs nebst eines Glases Wein, wobei natürlich die »ibc t stetig ftmen Fortgang nehme.

L, -a ^ndon, sagen wir an der Charing-cross-

bofe "Grifft, der wird von selbst zu dem Schluß gelangen, länuer/a»» 0 ' 0111 ' e ^dt der Welt ihn für kürzere oder au?di- §7 l n t !l en ® Jfluern ausgenommen hat. Er tritt Menk». r, ia “ e ' str and genannt, heraus und ein wahrer S ?empfängt ihn. Die Leüte erscheinen alle Keiner^"^°'d-ntl.ch beschäftigt, sie gehen nicht, sie laufen, Promenir-"!!"^- • "w seinen Nachbar, der friedlich »ehr mnn"n^.7^d/"^eidslos geschoben und gestoßen. Je Getrieb«. ^ der City nähert, desto furchtbarer wird das Lmfann'*"dlich in den engen Straßen derselben einen 1 " 9 *“ erreichen, der etwas nervösere Menschen ver­

anlaßt, demselben möglichst rasch wieder zu entfliehen. Vor den Pferden der Omnibusse, Hansoms oder Four-wheelers drängt man sich mit Lebensgefahr hindurch, rennt die Trottoirs entlang, nicht rechts und nicht links schauend, augenscheinlich an nickils als an sein Ziel, seine Beschäftigung denkend. Und jeder Fremde ist überzeugt, daß all diese Leute so eilen und hasten, um das Glück zu erjagen, man fühlt um sich eine Art Fieber-Atmosphäre, man zweifelt nicht, daß man sich im Herzen der Metropole des „businoso" befinde, daß für dieses Volk in der That Zeit Geld sei.

Begiebt man sich hinab auf eine der Stationen der Untergrundbahn, so würde man erstaunt sein, daß selbst zur schönen Sommerzeit so viele Menschen sich dieses Beförde­rungsmittels bedienen. Die Luft ist dick von Dampf und Rauch, die sehr mangelhafte Ventilation läßt nur selten einen frischen Hauch herabdringen. Aber man sagt sich eben, daß Jeder die größte Eile habe, vorwärts zu ge­langen, und daß die Dndvigiomiä diesem Wunsche am meisten entspreche.

Wer aber erst mit London und seinen Gewohnheiten bekannt und vertraut geworden, lernt bald erkennen, daß das ungeheure Jnanspruchgenommensein, welches der City­man tagsüber zur Schau trägt, ein wenig Maske ist, daß selbst die Arbeit mit Hochdruck, von der die selbst zu Citymen gewordenen Landsleute uns berichtet haben, ans einer Tradition beruhe. Möglich, daß einst eine so über­triebene Thätigkeit geherrscht, daß die Bcschäfligung ohne Unterbrechung ihren Fortgang nahm, alle Gedanken nur auf das Geschäft gerichlet waren, jetzt lebt diese Bienen- regsanikcit aber meist nur in der Ueberlieferung.

Schon im Anfang, wenn man noch vertrauensselig an dieselbe glaubt und nicht weiß, daß für jeden Cityman sehr beschäftigt zu erscheinen ebenso geboten ist, wie für den Swell des WestendS selbst beim schönsten Wetter seine Hosen aufzukrempeln, nehmen die vielen Restaurants Wunder, die in der City überall zu finden sind. Wie fristen diese ihr Dasein, da doch am Tage kein Handlungsbeflissener zu

einem anderen als zu einem geschäftlichen Zwecke sich auf die Straße begiebt und Jeder, sobald die Büreaus geschlossen sind, den engen Straßen enteilt, um in besserer Luft Ruhe und Erholung zu suchen? In Wirklichkeit erfreuen sie sich aber eines recht regen Besuches, denn das traditionelle Brödchen ist, falls es je der Wahrheit ent­sprochen, längst einem ganz substantiellen Mahle gewichen, das in beschaulicher Gemüthlichkeit in einem der Restaurants eingenommen wird, worauf nicht selten noch eine Partie Domino gespielt wird. Andere sieht man, den Hut auf dem Hinterkopf und die Hände in den Taschen, ein Plauder­stündchen halten. In den Büreaus läßt man die Fremden eine halbe Stunde warten, um ihnen dann eine Unterredung von 5 Minuten zu gewähren, aber es geschieht dies nur, um Eindruck zu machen. Für Freunde hat man fast immer Zeit, dieselben sind als Abwechslung von der Zeitungslektüre sehr willkommen, ja, man hält sie möglichst lange zurück, denn die Citymen sind gewöhnlich der Ansicht, daß außer ihnen Niemand in der Welt etwas zu thun habe.

Noch eine andere Tradition herrscht in der City und wird auch vielfach außer derselben verbreitet, nämlich daß eine geradezu übermenschliche Intelligenz dazu gehört, um da seinen Weg zu machen. Früher hat man dies auch wohl im Auslände geglaubt, den britischen Großkaufmann um- schwebte ein Nimbus, der durch die Erfolge, welche er erzielte, gerechtfertigt erschien. Seit Jahrzehnten aber sind dieselben so außerordentliche nicht mehr, daß sich nicht die anderer Länder ihnen an die Seite stellen könnten.

Ob wirklich einst die übertriebene Regsamkeit in der City gewaltet, von der wir noch jetzt so viel hören und England dadurch die großen geschäftlichen Resultate erzielte, oder ob diese immer allein in der Einbildung bestand und nur der geringe Unternehmungsgeist der Kaufleute anderer Staaten den britischen das Uebergewicht gab, ist schwer festzustellen. Sicher ist, daß dieses mehr und mehr schivindet und dah von der ungewöhnlichen Arbeitstüchtigkeit der britischen Citymen lediglich noch die Tradition besteht. H. Land.