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1. Beilage nun Westmüener Tagblatt.

Ko. 268. Morgen Ansgade.

Dienstag, den 12. Juni.

48. Jahrgang. 1906.

(21. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Ans Grünweide.

Roman von K. I'alme-Z'aylen.

„Oho! beliebe Dich anders auszudrücken, liebe Tante, das Alles paßt doch auf die jetzige Marietta nicht," meinte Reimer; „daß sie verwöhnt ist, lasse ich gelten, wie kann es anders sein? verschwenderisch nicht. Sie macht unüberlegte Ausgaben, aber sie vergeudet nicht, und daß sich das schöne, reiche, talentvolle Mädchen eine reine, offene Natürlichkeit trotz aller Schmeicheleien und Huldigungen erhalten hat, ist ein Beweis ihrer seelischen Unverdorbenheit und — eines Charakters."

„O, o!" machte Annette, reckte sich noch gerader und sah ihren Neffen höchst erstaunt an.

„Sie ist noch bildungs- und sehr eindrucksfähig und deßhalb —" Reimer unterbrach seinen Gang in der Stube — „deßhalb beabsichtige ich Marietta, wenn dies mit ihrem eigenen Wunsche vereinbar ist, ferner in unserem Hause zu behalten. Mag sich die Verlobung realisiren oder nicht. Dies Euch mitzutheilen, bin ich gekommen. Seid Ihr damit einverstanden? Ich würde Euch hierfür dankbar sein."

Sophie stimmte sogleich und mit aller Wärme zu, ihre Schwester dagegen sagte:

„Von einem so schnellen Entschluß kann meinerseits nicht die Rede sein; ich bin alt und liebe keine Neuerungen. Dies halbe Jahr ihrer Anwesenheit ist mir zur Pein gemacht. Von Sophie habe ich weder die Gesellschaft, noch die Hülfe, die ich sonst gewöhnt bin, und was für Launen wird sie entwickeln, wenn sie hört, daß sie arm ist."

„Darum sorge Dich nicht, sie wird dies nicht hören."

„Nicht hören? Sie hätte die erste Mitwisserin der Nachricht sein müssen."

«Ich denke nicht so. Marietta ist stolz und besitzt Selbstvertrauen; jede noch so peinliche abhängige Stellung in d^ menschlichen Gesellschaft würde sie eher ertragen, als die Beanspruchung fremder Hülfe. In die lieblose kalte draußen dürfen wir dies junge, warmherzige Kind nicht stoßen, wenn wir es verhindern können. Allerdings, dem Rittmeister von Heilwitz werde ich Andeutungen über die veränderte Vermögenslage machen müssen; beeinflußt dies seine Handlungsweise nicht, wohl, so werde ich eine bessere Meinung von ihm bekommen, ich würde darin eine X“ nt ‘* "bücken für Mariettas Zukunftsglück; anderen Falles aber soll sie ihre Minderjährigkeit in dem Bewußtsein mißerer Unabhängigkeit und Jugendglückes genießen. Möge Geistes- und Herzensbildung ausreifen während dieser fünf IAre, desto leichter wird sie sich späterhin von eingebildeten Bedürfnissen emanzipiren können."

mein Mostes" E ^ ^ «ine lange Zeit, da gehe ich in

„Das würde ich sehr bedauern, liebe Tante; ändern durfte es meinen Entschluß leider nicht."

Die Festigkeit dieses Ausspruches und die stille Gefügigkeit der Schwester, welche sich eher zu freuen als, gleich ihr, zu ärgern schien, reizte Annette mehr und mehr. Sie machte bereits einige bedenklich kurze und schnelle Kopfbewegungen, die gewöhnlich ihren Nervenzufällen vorangingen und die Sophie veranlaßten, sich nach einem Riechfläschchen umzusehen.

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»Aber warum ist der Gedanke an eine Pension ganz plötzlich aufgegeben?" fragte sie mit merklich bewegter Stimme.

„Weil ich erkannt habe, daß sie nicht mehr in solche hinein paßt. Ihre gesunde Natur rebellirt gegen eine schablonenhafte Erziehung. Die jungfräuliche Würde liegt zwar noch in stetem Kampfe mit der Kindernatur, aber alle ihre meist kindischen Fehler macht ihre Geradheit vergessen."

„O, oh!" machte Annette wieder und vergaß auf Augen- blicke, daß sie Nerven hatte. „Am Ende hat Frau Hermine doch Recht."

Reimer wandte sich schnell um.

„Was soll der Name hier?"

„Nun, nun, ich meinte nur."

„Was meinst Du?" fragte er mit plötzlich verfinsterter Stirn.

„Sie hat vielleicht Recht, wenn sie behauptet, daß Du Dich für Marietta interessirtest, daß Du —"

„Daß ich verliebt sei?" Reimer warf den Kopf zurück und lachte auf, dann wurde er sogleich wieder ernst. Mit bitterster Ironie sagte er: „Frau Hermine könnte wissen, daß mich vor solcher Thorheit meine — grauen Haare schützen. Du sprichst indessen'" fuhr er fort, „ihren Namen zur rechten Zeit aus. Glaubt nicht, daß mir Eure geheimsten Wünsche mit Bezug auf jene Frau und mir verborgen geblieben sind. Dazu gehört kein Scharfsinn, aber Sie belästigen mich, diese — Illusionen. Betrachtet Eure Wünsche als solche und begnügt Euch fürderhin an der, wie mich dünkt, sehr zweifelhaften Freundschaft dieser Frau." Spöttisch setzte er hinzu: „Ihre Freundschaftsbeziehungen zu Marietta finden jetzt auch eine Erklärung für mich."

Es erhob sich nach diesem Ausspruch ein Sturm bitterer Vorwürfe von Seiten der beiden alten Damen, den Hartmann ohne Einwürfe austoben ließ. Er wußte es ja, daß solche ganz nutzlos seien. Die Alten ließen sich nun einmal nicht in ihrem Urtheil beirren. Ehe er das Zimmer verließ, richtete er jedoch nochmals das Wort an sie.

„Es ist selbstredend," sprach er, „daß Eure Freundin auf Rosenau, daß außer uns Niemand Kenntniß erhält von Mariettas veränderter Lebenslage, Ich rechne auf Eure Verschwiegenheit." Damit verließ Reimer das Zimmer.

Nun erst bedurften Annettens Nerven der Anwendung des Riechfläschchens.

XXI.

Man war sich noch nicht einig über den Kauf geworden. Nicht, daß die Ansprüche, die ein Kavallerist an ein Reit­pferd stellt, unbefriedigt blieben, oder daß der Kaufpreis die Ursache der stundenlangen Besichtigung und Besprechung in der Manege gewesen wäre, es wurde den Herren die Wahl schwer, weil das Gestüt Herrn Hartmanns mehrere prächtige edle Rassepferde aufwies, die mit der brieflich vielbesprochenen Braunen in lebhafte Konkurrenz traten.

Dem Kavalleristen ist sein Pferd sein Ich, sein Leben, fern Ein und Alles. Mehr noch. Der Kavallerist von Leib und Seele stellt das Ich seinem Pferde nach. Er pflegt, füttert,^bedient es, ehe er selbst daran denkt, nach ermüdetem Ritte für sich zu sorgen. Deßhalb verknüpfen sich auch seine Interessen an das Pferd im Allgemeinen. Reimer fand dies erklärlich, aber was ihm an Herrn von Heilwitz unver­ständlich blieb, das war das anscheinend viel größere Kauf- intcresse als der Herzenszug nach der Geliebten. Wenn man auf Freiersfüßen ging, erschien dies selbst an dem

passionirtesten Kavalleristen mindestens seltsam. Die Nichtig­keit des ersten Eindrucks, den der Offizier auf ihn gemacht, bestätigte sich mehr und mehr. Er hielt ihn für kalt, berechnend, für nicht leidenschaftlich, aber für jähzornig. Er besaß die Allüren des Weltmannes und ein wohlgeordnetes, vielseitiges Wissen, aber nicht eine Charakter- oder Herzens­tugend — fo. dachte Reimer — die sein Mündel beglücken könne. Marietta mußte ihn doch sehr hassen, daß sie sich seinetwegen solchem Manne zu eigen geben wollte. Aber von Haß konnte doch in letzter Zeit nicht mehr die Rede sein; sie erschien ihm sanfter, nachgiebiger, stiller. Hatte ihr Mädchenstolz ihm verziehen, nun, da ihre Lippen Worte gefunden für tiefbeleidigtcs Empfinden? Erkannte sie den geschmähten Despotismus als wohlmeinenden Willen? Seine Zurückhaltung als eine Rücksicht, ihr geistige Ungebundenheit schaffen zu wollen? Lernte sie ihn verstehen? Oder bereute sie plötzlich den schnellgefaßtcn Vorsatz, den der Augenblick der Leidenschaft geboren?

Er erhoffte dies, ohne jedoch einen Anhalt für die befriedigende Lösung aller dieser Fragen zu finden.

Verabredetermaßen kehrten die Offiziere, die früh von N. fortgeritten, als seine Gäste bei ihm ein. Es hatte eine allgemeine Begrüßung und Vorstellung in dem selten benutzten Empfangzimmer stattgefunden, in welchem Annette in weißer Spitzenhaube über den braunen Löckchen mit Grandezza im Sopha thronte, Sophie daneben, in ihrer natürlichen Würde, während Marietta, die eine nervöse Unruhe zeigte, bald dasselbe verließ.

Die Herren begaben sich dann scgleich in den Stall. Was mar das aber auch für ein wohleingerichtetes Gestüt! Hartmann hielt sich dasselbe nicht des Ertrages wegen, lediglich aus Liebhaberei. Er hatte dabei nicht nur die Verbesserung und Hebung der Landespferdezucht im Auge, mehr Freude gewährte es ihm, edle und seltene Exemplare zu erzielen. Das war ihm mehrfach gelungen, und auch jetzt zeigte der große, frischlnftige, peinlich sauber gehaltene Stall, der, abgesondert von den übrigen abseits des Wirth- schaftshofes liegend, sich mit der Manege verband, ver­schiedene ausgezeichnete Rassepferde ungleichen Alters.

Da standen die verschiedenfarbigen, meist noch unaus­gewachsenen Thiere in ihren mit reinlichem Stroh unterdeckten Ständern, das duftige Heu aus den Raufen ziehend oder den goldgelben Hafer aus den Krippen schnuppernd, schweif­schlagend, rasselnd, stampfend, oder die klugen Köpfe wendend, wenn das bekannte „Nehoo" des Reitknechts ertönte, von demsie's gewohnt waren, ihr Futter zu erhalten oder aus dem Stall in die Manege geführt zu werden. Mehrere der Rassepferde weideten bereits im Freien, ihre Ständer waren leer, über jedem derselben zeigten Blech­schilder die Namen.

Die Bewunderung der Herren, das Interesse und daS Verständniß für alle Einrichtungen, gereichte Reimer zur hohen Befriedigung. Er gerieth selbst in warmen Eifer und ließ ein Pferd nach dem anderen in die offene Reit­bahn bringen, führte zuletzt die zum Kauf angetragene braune, fünfjährige Stute selbst vor. — In der That, das Pferd erfüllte nach jeder Richtung hin die Bedingungen; es hatte hohen Widerriß, breite Brust und kurzen Rücken, Beine schlank und gerade.

(Fortsetzung folgt.)

Eine Parthie

u. Abendtisch in und außer dem

r. 3 (a. Luisenpl.ff Gtbs. 1 bei Simoit. gut bnrger!., empf. auch auß. d. Hause. Sprenger, Franken«!. 3. 4006

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