*8. Jahrgang.
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266. Fernsprecher No. 52.
Morgen "Ausgabe»
Politische Ueliersrcht.
Der Reichstag ist am Mittwoch wieder zusammen- getreten, um noch in beschleunigtem Tempo die beiden Gesetzesvorlagen zu erledigen, welche den Beschluß der diesmaligen Thätigkeit des Reichstags bilden sollen: die Flotten- vorlage und das Reichsseuchcngesetz. Der anfänglich so heiße Kampf um die Flotte ist überraschend schnell in ein ruhigeres und gemächliches Fahrwasser verlaufen. That- sächlich war der Kampf um die Flottenvorlage bereits in der Kommission entschieden worden und dem Plenum war es lediglich Vorbehalten geblieben, die mit großer Mehrheit gefaßten Kommissionsbeschlüsse zu bestätigen. Die jetzt mit großer Mehrheit in zweiter Lesung erfolgte Genehmig n n g der Flottenverstärkung entsprach mithin nur der „logischen Konsequenz der Thatsachen" und an sie ivird sich ohne irgendwelche Schwierigkeiten die endgültige Bewilligung in dritter Lesung reihen, sodaß der Reichstag aller Voraussicht nach bereits am Dienstag seine Pforten schließen können wird und des Reiches Sendboten sich mit dem befriedigenden Bewußtsein heimwärts schlagen können: Nach gethancr Arbeit ist gut ruh'n!
Bald nach dem deutschen Reichstag wird auch der preußische Land tag seine Pforten schließen, ohne daß er die Hauptaufgabe, die ihm gestellt war, gelöst oder auch nur ihrer Lösung um einen Schritt näher gebracht hat. Was freilich kaum noch zweifelhaft sein konnte, ist durch die am Donnerstag im Abgeordnetenhause verhandelte Interpellation endgültig klar gestellt worden, nämlich daß die heiß umstrittene Kanalvorlage für diese Session -rä acta gelegt ist und daß erst die nächste Session die Lösung des viel umstrittenen Problems bringen — oder auch nicht bringen wird. Denn wer will heute Voraussagen, wann sich in Bezug auf den Mittellandkanal und die sich stattlich um ihn rankenden „Kompensationskanäle" das Wort erfüllen wird: „Es kommen, es gehen die Wasser all, sie rauschen herauf, sie rauschen nieder!"
Die Fortsetzung dieses Citates, „den Jüngling bringt keines wieder!", paßt auffallend auf die Leiter unserer Kolonialpolitik. Erst vier Jahre sind vergangen, seit Herr v. Kayser, erst zwei Jahre, seit Herr v. Richthofen den Staub des Kolonialdirektoriums von seinen Füßen schüttelte und schon ist Herr v. Buchka nach einer wenig erfolgreichen Amtsperiode den Spuren seiner Vorgänger gefolgt. Herr v. Buchka hat während seiner Amtszeit wenig Freude erlebt und sich wenig Freunde erworben. Der lang erwartete »frische Zug", der in unsere Kolonialverwaltung kommen sollte, blieb völlig aus, und der berüchtigte „grüne Tisch", von dem aus dekretirt wurde, dominirte wie niemals früher. Die Stellung des Herrn v. Buchka wurde unhaltbar, als die umfangreichen und bedauerlichen Landverschenkungen in ^surrun an die spezifisch englische Interessen vertretenden Gesellschaften den berechtigten Unwillen der öffentlichen
Sonntag, den 10. Juni.
Meinung erregten. Wir wollen nur wünschen, daß die Leitung der Kolonialpolitik unter dem Nachfolger des Herrn v. Buchka, der der Gesandte in Chile, I)r. Stübel, sein wird, eine zielbewußtere und thaikräftigere sein wird.
Es ist dies um so dringender nothwendig, als sowohl die Ereignisse in Südafrika, wie die in China ihren Schatten auf die koloniale Politik fast aller Nationen zu werfen beginnen. Man darf sich keinen Täuschungen darüber hin- geden, daß die ungünstige Wendung, welche der südafrikanische Krieg für die Buren genommen hat, unsere Stellung in Afrika erschwert und die Entwicklung unserer Kolonieen nur zu leicht ungünstig beeinflussen kann. Es liegt auf der Hand, ein wie wesentlicher Faktor die beiden freien Buren-Rcpubliken für die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts im Süden Afrikas waren, während die Zusammenfassung Südafrikas unter englischer Herrschaft den englischen Einfluß auch über Südafrika hinaus dominiren lassen wtrd. Und daß die Engländer ihr Ziel erreichen werden, ist schwerlich zu bezweifeln, wenn auch noch reichlich Ströme Blut fließen werden, bis der Widerstand der Buren endgültig gebrochen ist. Denn trotz der Kapitulation von Pretoria hat es sich bereits gezeigt, daß es unberechtigte Schönfärberei ist, wenn die Engländer den Bnrenkrieg bereits als beendet hinstellen.
Auch der Aufstand der Boxer in China scheint noch keineswegs dem bereits mehrfach vorausgcsagten Ende entgegenzugehen. Es hat sich eben gezeigt, daß nicht nur die Feigheit der chinesischen Truppen, sondern auch die Böswilligkeit der chinesischen Regierung die direkte Schuld daran trug, daß der Aufstand einen so gewaltigen Unifang annehmen konnte. Die europäischen Regierungen haben denn auch auf die schönen Redensarten der Kaiserin- Regentin und ihrer Rätye wenig gegeben und selbst die zur Unterdrückung des Aufstandes nöthigen Maßnahmen ergriffen. Diese Unterdrückung wird auch gelingen, wenn sich, was wir hoffen wollen, die gegenseitigen Eifersüchteleien der Mächte nicht stärker erweisen, als die ihnen Allen gemeinsamen Interessen.
Der umgekehrte bedauerliche Fall ist leider in Oesterreich eingelrcten, wo der nationale Egoismus der Tschechen und die engherzigen Partei-Interessen der polnisch-klerikalen Mehrheit sich als stärker erwiesen haben, denn das gemeinsame Interesse an der Erhaltung und Förderung des Staatswesens. Trotz aller Bemühungen des Ministerpräsidenten v. Körber hat sich auch nach dem Zusammentritt des Reichsraths die Situation nicht geklärt und die Aussichten auf eine irgendwie befriedigende Lösung der Krisis sind verschwindend gering geworden.
Auch in Italien ist trotz des etwas fragwürdigen Sieges der Negierung bei den Wahlen zur Kammer die latente Krisis keineswegs beseitigt worden. Alle Be- schöuigungsversuche der Negierung können nicht darüber hinwcgtäuschen, daß die entschiedene Opposition eine Kräftigung erfahren hat, und erst nach dem Zusammentritt der neuen Kammer wird es sich zeigen, ob die Regierungsmehrheit so fest gefügt ist, um das Schifflein des Kabinetts Pelloux über Wasser zu halten.
Fernsprecher No. 52. 1900.
Aus Stadt und Kand.
Wlesbaden, 10. Juni.
— Gefchicht»kalend«r. 10. Juni. 1863: Einzug der
g rauzofen in die Hauptstadt Mexiko. 1886: f Andrs Marie mpöre zu Marseille, französischer Physiker, berühmt durch seine elcktro-dynamische Theorie. 1811: ch Karl Friedrich, erster Groß- herzog von Baden. 1807: Treffen bei Heilsberg. 1654: ch A. Algardi, berühmter italienischer Bildhauer des 17. Jahrhunderts. 1580: ch Luis de CamoSus, der größte Dichter der Portugiesen. 1556: ck M. Agricola zu Magdeburg, führte zuerst die jetzt übliche Notenschrift ein (* zu Sorau). 1538: Nürnberger Bund gegen die Protestanten.
© §ev Trinitatislonri-ag wird der hl. Dreifaltigkeit zu Ehren festlich begangen. Während den Christen der ersten Jahrhunderte die Dreicinigkeitslehre unbekannt war, kam sie im vierten Jahrhundert während der arianischm Kirchenstreitigkeiten ans. Das nicäische Konzil im Jahre 325 sprach die Wesensgleichheit Jesu mit Gott als christlichen Glaubenssatz aus. Erst das Konzil zu Toledo erkannte 589 die Gleichstellung des heiligen Geistes mit Gott und Jesu endgültig an. Nach jüdischer Sitte, nach welcher den, Hauptfeste nach acht Tagen ein Nachfest folgt, wurde dieses, zunächst in französischen Klöstern aufgebrachte und von Benedikt XVI. kirchlich eingeführte Fest acht Tage nach Pfingsten geleiert und bildet in der protestantischen Kirche den Abschluß der sogen, festlichen Zeiten. Von ihm werden die Sonntage bis Advent als erster, zweiter rc. bezeichnet, während die Katholiken von Pfingsten an rechnen. Im Namen der heiligen Dreifaltigkeit beginnt der Land- mann vielfach Alles, was für ihn nur einigermaßen von Bedeutung ist. — Von abergläubischen Ansichten bemerken wir: Den Wurzeln und Kräutern wohnen wundersame Heilkräfte inne. In Thüringen begiebt sich daher die ganze Familie in den Wald, um Zweige, Blüthen und Wurzeln der Arzneipflanzen zu sammeln, welche zu Hause getrocknet, gepreßt oder eingekocht werden. Der Nachts blühende Farrensamen macht unsichtbar und offenbart vergrabene Schätze. Aus Furcht vor den Gewittern wird keine Arbeit vollbracht. (Thüringen.) Wer in den Wald geht, verirrt sich. Wer sich badet, ertrinkt. (Rheinpfalz.). Im Saalthal geht der Bilsenschneider mit der Sichel an den Füßen durch die Fluren; wer ihn anspricht, stirbt. Wer dagegen an ihm geboren wird, ist ein Glückskind. Regnet es am Trinitatissonntag, regnet es an jedem Sonntag oder wenigstens 6—12 Sonntage nach einander.
x Natürliche Blitzableiter. Zu den Begleiterscheinungen der heißen Jahreszeit gehören die Gewitter, welche sich in letzter Zeit so häufig über dem mittleren Europa entluden. Den meisten Menschen hastet ein mehr oder weniger starkes Angstgefühl an vor dieser großartigen Naturerscheinung; besonders ist es der ganz ungefährliche, krachende Donner, der in Schrecken versetzt. Zwar hat cs in den letzten Jahrzehnten den Anschein, als ob sich die Blitzgefahr vergrößert habe, doch läßt sich nicht be- stinimen. wieviel von dieser Erscheinung auf eine gründlichere Statistik und auf eine sorgfältigere Berichterstattung der Zeitungen zurückzuführen ist. Man weiß heute allgemein, daß die Gewitter auf eine elektrische Spannung zwischen Erde und Atmosphäre oder zwischen verschiedenen Wolkengruvpen in der Atmosphäre zurückznführen sind. Im ersteren Falle kann ein allmählicher Ausgleich der ungleichnamigen Elektricitäten bewirkt und da-
tvcachvrucr vervoien.-
SerUner Brief.
(Von unserem eigenen Berichterstatter.)
die'E'«..".'? das deutsche Publik»,,,. - Pfingsten «> ~ Die Leiden der Pfingstansfluglcr. d"^fl^verket,r. — T1e abgesagte FrnlnabrSparade. Die „Internationale Urania" und ihr Begründer.
v 1Iub . wietie >- ci l l ‘ nat föat: es Pfingsten, wieder einmal hl der geplagte deutsche Zeitungsmann, dem die Pflege bi Strome unschuldiger Tinte vergossen, u dav „liebliche Fest zu feiern, und wieder einmal ist vc tan eudunde," Federn auf die uralten Pfingstgebränc! ^Oewiesen wordci^ die sich noch heute erhallen habe Ze.tiiNgspublikum mit diesen n,.Vermeil L" Uu^tikeln wirklich ein Dienst erwiesen wir be3l ? e l¥ n - Trotzdem werden sie cbeiisowen den ausscbwei^nb^ Mngstausflüge, die in der Regel m voller Enttänkck.»^" Erwartungen angetreten iverden ur
sich verschlechtern Zahl der Konsumentl
Billetschalterii und unb Schieben vor d.
fürchterlicher Enae bis ^ unb ? n * an 0 e Warten in drangvc Kn nba§ friJblil V?“" l ". ben Z»g steigen kann, ^
bedürfliaen ■** ' °? cnb au f den erholungi
das mitleidige Gefühl ? bcr ^sanier Weise scheii
und gar nicht am Platz k. unbefangenen Beobachters ga.
ergrimmter VäterLI Ä'A ei l n tro ^ alkn Flucher bie mit den b * 8 ® et f tnS bedauernswerther Mülle
• mit ben schlaftrunkenen, heulenden Kleinen auf de
Schooße sich im Innern feierlich gegen eine Wiederholung eines solchen Ausfluges zu Pfingsten verschwören, trotz alledem und alledem findet das nächste Jahr wieder das gleiche Bild. Worin eigentlich der Genuß einer solchen Partie besteht, ist mir nie recht klar geworden. Vielleicht ist es nur die Abwechslung, das Hcraustreten aus dem
grauen Kreislauf der geisttödlenden Taacsarbeit, was den
Nerven Erholung bringt. Die Natur ist es in den meisten Fällen sicher nicht, denn diese lernt der Strom der Ausflügler kaum kennen; man fährt in der Eisenbahn hinaus
und fetzt sich draußen in irgend ein Gartenlokal, wo die Franen sich zunächst nach der Kaffeeküche drängen, um nach Alt-Berliner Brauch selbst ihren Kaffee zu kochen, während die Männer mit tiefem Ernst sich dem seit dem Abend vorher entbehrten Genuß des Skatspielens hingeben. Die freie Natur wird sorgfältig geiiiicdeu, sodaß man zum Beispiel im Grunewald an, zweiten Pfingsttage in einer Entfernung von 10 Minnten im Umkreis der großen Rcstanrants tiefste Waldesstille und friedlich äsendes Wild beobachten kann. Der Herden-Jnstinkt läßt die Massen die Einsamkeit meiden» Gewöhnlich verlaufen dank dieses Massenandrangs und dieser dumpfen Mnsscn-Jnstinkte die Pfingstfeiertage nicht ohne allerlei Unglücksfälle auf den Eisenbahnen, Straßenbahnen und Fiußdampfern, denen sich die Hunderttausende Berliner Ausflügler anvertraueil, und trotz zahlloser Exira- züge reichen die Verkehrsmittel meist nicht aus, sodaß an diesen Tagen oft bis 3 Uhr Nachts Züge verkehren müssen und trotzdem nicht selten noch viele Hunderte nicht befördert werden können. In diesem Jahr aber scheint, trotzdem das Wetter ungewöhnlich schön war und nur kurze Gewittergüsse auf die neuen Frühjahrskleider und Sonnenschirme niederginge», nichts Ernstliches vorgefallen zu sein. Die üblichen Verspätungen auf den Eisenbahnen freilich trafen auch in diesem Jahr ein, und bis 3 Uhr Morgens dauerte auch diesmal der Kampf um die Plätze, Unfälle aber sind
nicht vorgekommen. Was das besagen will, wird klar, wenn man bedenkt, daß folgende Mengen von Zügen befördert wurden: auf der Strecke Stadtbahn, bezw. Görlitzer Bahn nach Südosten und Osten 304, bezw. 108 Züge zu je 40—50Achsen,nachdem Norden 112 Züge, nach dem Grunewald auf der Stadt- und Ringbahn 296 Züge und auf der Wannseebahn 242 Züge. Das macht zusammen 1062 Züge an einem Tag!
Dazu kommt dann noch der Verkehr am sogenannten dritten Feiertag, ben sich der Berliner nicht nehmen läßt, uni) der, wenn er schön ist, bisweilen den der beiden andern an manchen Stellen noch übertrifft!
Ein anderer Tag, der die Berliner zu Tausenden auf die Beine bringt, ist der Tag der großen Frühjahrs- Parade auf dem Tempelhofer Felde, dem riesigen Exercir- platz der Berliner Garnison. In diesem Jahre hat sich das noch nie Dagewesene ereignet, daß diese Parade des schlechten Wetters wegen zweimal hat abgesagt werden müssen, das zweite Mal leider erst, nachdem schon ein Thcil der Truppen den meilenlangen Weg von den Kasernen nach dem Paradeplatz zurückgelegt hatte. Das glänzende Schauspiel, eines der populärsten Berliner Ereignisse, hat nun endlich am 7. stattgefunden. Diese Parade ist auch ein Schauspiel, dessen Publikum so kritisch ist, wie kaum ein zweites. Hier dünkt sich fast Jeder Fachmann, denn man hat ja wohl selbst einmal den bunten Rock getragen, man hat vielleicht selbst einmal dort im tiefen Sande oder im Schmntzbrei vor dem Allerhöchsten Kriegsherrn in Parade gestanden: und so regnet es denn der fachmännischen Kritiken, und der Laie erstirbt vor Bewunderung dieser unermeßlichen Kenntnisse.
Wer die Massen gewinnen will, muß Glanz und Prunk bieten, das Ange beschäftigen, nicht tiefe, langsam wirkend«, sondern unmittelbare, schnell vorübergehende Effekte bieten. ES ist wenig erquicklich, das immer wieder feststellen »u
