1. Beilage mm Wiesbadener Tagblatt.
Us. 266. M^^'Sen-Ansgabr.
Komrlag» den 16. Juni.
48. Jahrgang. 1966.
(20. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Ans Grünmeide.
Romau von K. H'akmc-Z'ayfen.
Nochmals hielt er ihr die Hand hin, und einen Angen- Llicl legte sie ihre kalten Finger hinein. „Ja, gehen wir auseinander," wiederholten ihre Lippen schweren Tones, indem sie sich von ihm wandte.
Die Thür, die sich schloß, den Schritten, die nach und nach verhallten, horchte sie nach, dann brach sie zusammen. Das Gesicht mit den Händen bedeckt, lag sie einen Augenblick bewegungslos, tonlos da. Nur das rasche Athmen der Brust verrieth die innere Bewegung. Sie weinte ohne Thränen . . .
Im Saal hatte unterdessen Spiel mit Gesang abgewechsclt. Auch der brave Herr Bohne war dazu aufgefordert und hatte mit angenehmer Stimme, aber entsetzlichen Gesichtsverziehungen ein Lied gesungen, welches ihm Marietta begleitete. Zum Daitk hierfür wich er nun erst recht nicht von ihrer Seite. Heilwitz konnte kaum mehr seinen Aerger darüber verbergen. Er fand das „Skelett" durchaus nicht eomme il kaut und versuchte diesen Trabanten seiner Sonne durch moquaute Bemerkungen und geringschätzige Behandlung in andere Bahnen zu lenken. Ilnisonst, Bohne besaß eine zu kindische Harmlosigkeit und Gulmüthigkeit, um in dem Benehmen des Offiziers eine Absicht zu erkennen. — Jetzt bat dieser ihn, das eben vorgetragene Lied, mit eigener Bc-° gleitung, zu wiederholen, die ganze junge Damenwelt sei entzückt davon, er sei beauftragt, ihm dies zu sagen.
„Schmeichelhaft, sehr schmeichelhaft," stieß Bohne freudig hervor.
„Sie stammen wohl aus einer Künstlerfamilie?" spöttelte Heilwitz.
Von^seiner Familie und einigen wohlklingenden Namen zu reden, das war Böhnes Schwäche.
„Das nicht, Herr Rittmeister. Familie jedoch musikalisch, bis zu Großvätern zurück. War ein Genie, mein Großvater, der General. Nicht gekannt, aber davon gehört. Blies die Flöte," — er spitzle den Mund und schnippte mit den Fingern, — „exquisit! sage ich Ihnen. Dann der noch lebende Appellationsrath, mein Onkel, ein Geigenstrich, den man nicht wieder vergißt I die Flöte des todten Generals dagegen nichts. Dann —"
„General? Bon welchem Corps? Divisions- oder Brigadegeneral? Welche Garnison?"
„Was weiß ich! General der Bürgerwehr. Ist veraltet, hm, ja. Na, sein Sohn, der Medizinalrath Dohne, mein Vater, ein Tenor —" er schnalzte mit der Zunge, — wundervoll ist nichts dagegen! Mein Großvater, der General soll gesagt haben —"
„Ach, lassen Sie den todten General und den noch lebenden Appellationsrath und übertreffen Sie das ganze Bohnengcschlecht in der Meisterschaft der Kunst, Herr Volon- tair," spottete Heilwitz.
Marietta aber, die dem ganzen Gespräch still zugehört, mischte sich nun hinein. Sie hatte sich selbst über diesen originellen Menschen belustigt, aber vor der ganzen Gesellschaft sollte sich ihres Vormundes braver, zuverlässiger Beamter nicht lächerlich machen, was geschehen, wenn er unaufgefordert nochmals dasselbe Lied und mit eigener Begleitung gesungen, wobei sicherlich unter den eifrigen Fingern der langen Hand sogleich einige Saiten gesprungen wären. Ueberall vielleicht unterdrücklcs Lachen und spöttische Mienen,
nein, das litt sie nicht. So sagte sie schnell: „Wenn noch gesungen werden soll, so will ich dies thun."
Heilwitz sah seinen Plan durchkreuzt, er war nicht darnach geartet, sich dies gefallen zu lassen. Das gnädige Fräulein dürfte sich nicht überanstrengen, er proponire das schöne Waldlied im Chor, zu dem Herr Bohne im monddurch- schienencn Garten das Echo singen müsse. In der That, Bohne ließ sich als Echo hinausschicken in den Mondschein, der nur im Kalender existirie.
Das junge Mädchen sah den beiden Herren ängstlich nach.
„Laß Dich das nicht verstimmen," ließ sich plötzlich die Stimme ihres Vormundes hören, der nun an ihre Seile trat, „es ist Bohne schon recht, wenn er einmal böse Erfahrungen macht, wann lernt dies große Kind Meuschen- kenntniß und Weltklughcit? Aber daß Du ihn der allgemeinen Bespöttelung nicht preisgcbcn wolltest, dafür weiß auch ich Dir Dank."
„Ich hatte selbst etwas gut an ihm zu machen," lehnte sie ab.
„Er giebt auch Veranlassung zur Belustigung, dieselbe darf nur nicht in Bosheit nusarten," erwiderte Reimer und sah dann eine Weile schweigend auf die muntere Gesellschaft. Sein Antlitz zeigte nicht die gewohnte Frische, zwischen den beiden Augenbrauen lag eine ernste Falte. „Wenn es Dir recht ist," fragte er, „so bleiben wir nicht länger, als das Souper dauert."
Marietta blickte schnell und forschend zu ihm auf, die Stimme verrieth einen leisen, müden Anflug.
„O, ich sehe, Du bist nicht wohl," ries sie, „hast Du dcßhalb vorhin den Saal verlassen?"
„Ei, hast Du das bemerkt?"
Sie erglühte tiefroth. „Du hörtest mein Lied nicht zu Ende."
„Verzeihung! Ich konnte die Lobhudelei nicht mit ..n- hören, außer dem Rittmeister Schlütter umgab Dich ja die ganze Gesellschaft. Freilich — Du hast sehr gut gesungen, Marietta."
„O," es tönte so erfreut, so dankbar. Das einfache Lob von seinen Lippen, die selten oder nie etwas au ihr gelobt, ließ ihr dunkles Auge aufstrahlen.
Da kehrte Heilwitz zurück. Er durfte sein Gestirn jetzt ungestört umkreisen, denn Herr Hartmann räumte ihm sofort seinen Platz.
XX.
Es blieb ihm ein unvergeßlicher Anblick. —
Die Nacht war darüber hingegangen und ei» Tag und wieder einer und jetzt, wo er die wichtige, entscheidende, in ihres Lebens Schicksal tief eingreifende Nachricht, den vcr- hängnißvvllen Brief in der Hand hielt, vergegenwärtigte sich ihm nochmals Alles.
Es war kurz vor der Abfahrt nach Rosenau. Er stand auf dem großen, hellcrlenchtetcn Hausflur, nachdem draußen das Anspannen befohlen mar. Da sah er das schöne, junge Geschöpf langsam die Treppe herabkommcn. Aus dem Haar nickten ihr die Rosen, und das weiße, zarte Gewand wehte leicht auf, als der Luftzug sich darin fing. So in Glanz und Duft, mit einem Lächeln auf den Lippen, überreichte sie ihm ahnungslos ein Papier, das nur wenige, aber so bedeutungsreiche Worte cnthicll.
„Ans Italien, Onkel Reimer! Eine Depesche für Dich aus Italien. Ist das nicht sonderbar? Soll ich meinen Shawl holen, wollen wir fahren?"
Es überkam ihn gleich wie eine böse Ahnung, und es war gut, daß sie sein aschfahles Antlitz nicht sah, da er den kurzen Inhalt las, die Bestätigung, daß Marietta Tonellis Vermögen in Gefahr schwebe, verloren zu gehen.
Es hatte mit der Vermögensbelegnng des verstorbenen Herrn Tonelli eine besondere Bcwandtuiß.
In jungen Jahren war diesem von einem befreundeten Banqnier ein außerordentliches, auf Stellung und Existenz einflußreiches Gcldopfer gebracht worden, welches hernach den Grundstein seiner Wohlhabenheit bildete. Daher war es kein Akt der Humanität, sondern einfache Wiederver» geltirng, daß Tonelli diesen bewährten Freund ohne Bedenken durch Einsetzung seines ganzen Vermögens aus einer plötzlichen, großen finanziellen Nothlage errettete.
Dies geschah kurz vor seinem Tode, und nach diesem ergab die gerichtlich beglaubigte Willensverfügung, daß das dem Banquier überwiesene Kapital bis zur etwaigen Ver- heiralhung Tonellis einziger Tochter belassen bleiben, nur dann pnpillarisch belegt werden solle, wenn das Geschäft dermaleinst das Kapital ohne eigene Schädigung zurückerstatten könne. — So viel Hochherzigkeit diese Handlungsweise auch verrieth, mit Bezug auf sein Kind zeigte diese andrerseits eine an Unverzeihlichkeit streifende Unvorsichtigkeit. Es gehörte die ganze Erkenntniß des Charakters dieses sanguinischen, in jeder geschäftlichen Beziehung als unpraktisch befundenen Mannes dazu, diesen Charakterzug erklärlich und entschuldbar zu finden.
Hartmann, auf sein Vormundschaftsreckit fußend, suchte daher im Laufe des Jahrzehntes, die Auslieferung des Kapitals, mindestens seine pupillarische Sicherheit zu erstreben. Dem Banquier R. mar dies bisher eine Unmöglichkeit. Die Angelegenheit erhielt Aufschub von Jahr zu Jahr. Nun, durch die unerwarteten Fallissements anderer großer Häuser, einen nochnialigen Ruin seines eigenen vorans- sehend, blieb dem Banquier R. vor Erklärung desselben keine Frist, das Tonelli'sche Geld rechtzeitig herauszuziehen. Ein Gehirnschlag endete plötzlich sein Leben. Die Depeschen und eingetroffenen Briese an Hartman» bestätigten dessen schlimniste Vermuthungen — Mariettas Vermögen war verloren, verloren bis auf ein pnpillarisch festgcstelltes, kleines, mütterliches Erbthcil, dessen Zinsertrag bedeutungslos genannt werden mußte für ein anspruchsvolles, an Luxus und Pracht gewöhntes Mädchen.
Die aufregende Spannung hatte jetzt durch diese Gewißheit ein Ende genommen. Es mußte ein Beschluß gefaßt werden und Reimer war nicht der Mann, der schwankende Erwägungen liebte.
Er war sich über sein Handeln klar, als er die beiden alten Damen im genicinschastlichen Wohnzimmer aufsuchte, ihnen den traurigen Thatbcstand der ganzen, bis jetzt noch verheimlichten Angelegenheit mitzutheilen. Der Gang wurde ihm nicht leicht. Er mußte im Voraus, daß er Wieder- redeu von Annetten zu erwarten hatte, indessen war eS eine Pflicht und Gewohnheitssache, die beiden alten Tanten, deren Vermögen in die Hypotheken des Gutes eingetragen war, von allen wichtigen Beschlüssen in Kenntniß zn setzen.
Vorher hatte er Marietta mit Büchern ins Dorf gehen sehen, und so lag denn eine ungestörte Stunde vor ihm.
Ohire Umschweife, in raschen, kurzen Worten war Alles erzählt. Sophie weinte und die Schwester saß sichtbar erregt im Sopha, die unerwartete Mittheilung erschreckte sie doch. Das Strickzeug war ihr ans den schmale», peinlich gepflegten Händen gefallen, trotzdem zeigte sich eine harte, feste Falte um den schmalen Mund, als sie sagte: „Wie soll es nun dem verwöhnten, eitlen, verschwenderischen Mädchen ergehen, wenn aus der jetzt doch fraglichen Verbindung nichts wird?!"
(Fortsetzung folgt.)
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