1. SeUage;um Wiesbadener Tagblatt.
Ms. 264. MorKen-Ansgabe. Kamst«,» de« 9. Juni. 48. Iahr-an,. 1900.
( 19 . Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Auf Griinwribe.
Roman von K. Z»«kme- Zinsen.
Kein Laut herrscht«- in dem ganzen Saal; als sie aber geendet, näherten sich von allen Seiten die entzückten Zuhörer, die Lob ohne Ende spendeten. Sie war dies gewöhnt, so gewöhnt, wie die Bewunderung ihrer Schönheit, heute aber erschienen ihr die Huldigungen, ohne die sie sich früher kein Amüsement denken konnte, fade, übertrieben, langweilig. Sie sehnte sich nach einem einzigen, einfachen, gute», wahren Wort. Der Einzige aber, von dem sie wußte, daß er nicht log und nicht trog, hatte den Saal verlassen. Reimers Platz war leer.
XIX.
Hermine trat in den hellerleuchteten Korridor. Ohne vermißt zu werden, konnte sic sich auf Augenblicke der heißen Salonluft entziehen, denn eben jetzt ließ sich dort ein neuer Gcsagsvortrag hören. Langsam, mit leise rauschender Schleppe schritt sie dahin. Es lag ein müder Ausdruck auf ihrem Antlitz, der im Beisein Anderer niemals sichtbar wurde. Sie war starkgeistiz und hatte eine Natur, die, wenn sie litt, lächeln konnte. Die unerwiderte Leidenschaft, zu der sich ein tiefes, eifersüchtiges Weh gesellt, hatte ihr Herz krank gemacht und — sie war sich dessen bewußt — alle bösen Kräfte ihrer Seele entfesselt. Was aber bewies ihr, daß in Reimer wirklich alle Liebe erstorben? Seine kalte Ironie konnte ein Deckmantel seines Leides sein, wie eS bei ihr das Lächeln war. Sie gedachte jenes Abends, wo er sie so eisig und fremd zurückgewiesen. Bon eigenem Denken und Thun auf das Anderer schließend, deutete ihre unedle Seele sein Benehmen als Rache für die einst erlittene Zurücksetzung. Nun diese gestillt war, bedurfte es vielleicht nur eines leisen Rufes, ihn wieder zu ihrem Herzen zu ziehen.
Als sie nun vom Gange her, dort wo das Kinderzimmer lag, wo eS still und dunkel war, das Geplauder ihres Kindes und seine Stimme hörte, überkam sie ein süßes Erschrecken. Leise trat sie näher, die nur angelehnte Thür gestattete ihr einen Blick in das von einer Hängelampe erleuchtete Zimmer. Hier, am runden, mit Spielzeug bedeckten Tisch saß Reimer, das plaudernde Kind auf dem Schooß, lächelnd in seine dunklen Augen schauend. Die erregte Frau lehnte den blonden Flechtenkopf gegen die Wand und horchte mit klopfenden Pulsen.
„Warum kamst Du nicht in den Saal hinein, Alice?" fragte der Gutsherr, „anstatt vor der Thür zu lauschen?"
„Mama hat es verboten," antwortete das Kind, „wenn Mama Besuch hat, komme ich nicht aus der Kinderstube. Aber hier ist es so langweilig, ich hörte so schönen Gesang, da bin ich hingelaufen und habe zugehört und da kamst Du, Onkel Reimer."
„Aber warum liefst Du vor mir fort?"
„Weil ich dachte, Mama käme. Ich fürchte mich vor Mama, wenn sie böse ist. Sie hat mich nicht lieb. O, ich verstehe eS wohl, wenn Mama und Großpapa sich streiten — sie hat Niemand lieb, nur Dich."
„Ol — Sieh, welch hübsche Puppe! Sie hat Augen wie ein paar schwarze Kohlen!"
„Wre meine," lachte die Kleine.
„Aber sind Deine Augen nicht müde? es ist spät, Alice, mußt Du nicht schlafen?"
„Ja, wenn Minna kommt."
Das Kind legte den dunklen Lockenkopf vertraulich an Reimers Brust.
„Ich will Minna rufen, soll ich?"
Alice nickte, als Reimer sie aber von seinem Knie heben wollte, schrie sie leise auf.
„O weh, meine Locken, sie sitzen an Deinen Knöpfen fest."
Reimer suchte dieselben loszulösen, es ging nicht. Plötzlich stand Hcrmine vor ihnen. Er wollle sich erheben, unterließ es jedoch, um dem Kinde nicht wehe zu thun.
„Sie finden mich in einer sonderbaren Situation, Frau Landrathin," sagte er verlegen.
„Einen Augenblick Geduld, ich will Sie daraus befreien," antwortete Hermine, indeni sie eine Scheere vom Tisch nahm und mit schneller Bewegung die Locke abschnitt.
„So, Herzchen, geh zu Minna und laß Dich zur Ruh' bringen. Ich kam, um dies selbst zu thun, aber lauf' nur, und laß Dir vorher noch einen Kuchen geben."
Das Kind eilte fort, es schien allerdings Furcht vor der Mutter zu haben. Die Thür fiel ins Schloß, Reimer und Hermine standen sich gegenüber. Herminens Wangen brannlen, mit verschleiertem Blick sah sie auf seine Hände, die vergeblich das krause Haar von den Knöpfen zu wickeln suchten. Er redete, aber was er redete verstand sie nicht, sie war wie traumbefangen. — Endlich trat Sie an ihn heran.
„Lassen Sie," sagte sie mit bebender Lippe, „ich selbst will die Locke ablösen, sie soll nicht zerstört, nicht zerschnitten werden, sie soll mir ein Andenken sein an — eine schöne Stunde."
Er entgegnete nichts, aber er ließ sie gewähren und sah nun nieder auf ihr blondes, leise niedergebeugtes Haupt und fühlte, wie die weißen, weichen Finger an seinem Körper zitterten, sah ihre Brust sich heben und senken, ihre ganze innere Bewegung und wußte und empfand es jetzt, daß sie liebte. Was hätte er für diesen sichtbaren Beweis vor einem Jahrzehnt gegeben! Sein Leben wäre ihm nicht zu theuer gewesen. Jetzt aber, — er fühlte es von Neuem,
— jetzt war es zu spät. Er konnte sie nicht lieben, nicht einmal achten, denn er haßte die Lüge und hatte sie oftmals als unwahr erkannt, er konnte nichts Anderes, als sie — bedauern.
Es lag daher eine nngekannte Weichheit in seiner Stimme, als er sagte: „Es ist mit der Erinnerung anders als mit der Hoffnung. Die Erfüllung derselben entspricht selten dem sehnsüchtigen Glücksgefühl, das wir Hoffen nennen. Aber von dem, was wir erlebt, durchkämpft haben, streift gar leicht die Zeit, was störend oder herb gewesen ist, ab und läßt im Gedächlniß haften, was wohlthuend und licht.
— Halten wir Beide daran fest. Gedenken wir der Vergangenheit fernerhin in dieser Weise."
Sie hatte die Locke abgelöst und blickte nun auf in sein ruhiges, ernstes Gesicht. Alles Bittere, Schuldbewußte, Wehvolle zuckte auf in ihrem Herzen, wallte über in zaghaften, zitternden Worten, allmählich in der ganzen Gluth der so lange niedergehaltcnen Leidenschaft. Sie sagte: „Ich
kann der Vergangenheit nicht friedvoll gedenken. Soll ich zufrieden werden, muß sie todt für mich sein! Ihrer gedenken, heißt einer Schuld gedenken, die das Schicksal schwer gerächt hat. Seien Sie ein milderer Richter. Lassen Sie sich's genügen mit meiner Sühne, die eine trostlose Ehe mir auferlegt. Aus der herzlosen Kokette hat das Leben ein Weib. gemacht, welches meint, nun erst beginne die Jugend, die fugend mit allen den holden Anrechten, welche sie an — Liebe hat. Ich kannte sie nicht, niemals zuvor. Soll ich von ihr nicht anders denken, als daß sie eine verzehrende Leidenschaft ist, die unsäglich elend macht, soll ich das Weh mein Leben hindurch tragen, weil — Sie nicht verzeihen, nicht vergessen wollen, Reimer?"
Ihr wilder Schmerz jammerte ihn, er wollte dem ei« Ende machen.
„Es läßt sich ein Gefühl nicht erzwingen, Hermine, ich kann vergessen, verzeihen, aber — nicht wieder lieben."
Sie stützte, leise zitternd, ihre Hand auf den Tisch und lachte gezwungen auf.
„Daß ich's glauben könnte! Werfen Sie die Maske ab, Reimer, wie ich, wir haben sie lange genug getragen."
Seine Stirn rölhete sich.
„Eine Maske zu tragen, dazu, Frau Landräthin, bin ich zu stolz."
Da war wieder der eisige Ton, der sein Wort bewahrheitete. Nein, er liebte sic nicht, sie hatte ihn — verloren.
Langsam trat sie zurück und die Arme schwer auf die Lehne eines Sessels stützend, sah sie todtbleich, mit festgeschlossenen Lippen, in sein festes Auge.
Er fuhr fort:
„Ich will Ihnen nicht wehe thun mit herbem Wort, aber — Sie selbst sprechen eS aus, warum sich unsere Herzen nicht wieder finden können. Die Wahrheit über Alles, Frau Landräthin! Das Fundament jeder wirklichen Liebe ist Wahrheit, höchste Achtung! Wo die fehlt, fefsit der Liebe das nährende Erdreich, woraus sie zum Glücke erblüht. Leidenschaft mag diese Basis entbehren können, die Liebe fürs Leben nicht! — Sie sind nicht, was Sie scheinen, Frau Landräthin, und das trennt uns. Die — Maske trennt uns! — Doch" — er trat zu ihr und reichte ihr die Hand — „warum die guten Beziehungen, die seit Generationen unsere Güter verbunden haben, warum unser nachbarliches Verhältniß durch so harte Worte stören! Verzeihen Sie dem rauhen Mann! Wunden vernarbt die Zeit, ich hab's erfahren, und die Ihrige —"
„O, sorgen Sie nicht darum," fiel sie ihm ins Wort, sich zur ganzen Höhe aufrichtend, der tödtlich verwundete Stolz brach in Strahlen des Hasses aus ihren Augen, — „meine Wunde bedarf zur Heilung nicht der Zeit. Ein Arzt hat sie schnell und sicher dis zur Schmerzlosigkeit ausgebrannt —"
„Der Arzt hat heilen wollen —"
„Er hat geheilt, — und damit Sie's wissen, dies Wort ist — Wahrheit!"
„Ich sehe es," antwortete Reimer, dem haßerfüllte« Blick ruhig begegnend, „ich aber erhoffte Besseres davon — Frieden, Frau Landräthin. Wollen wir nicht in Friede» auseinander gehen?"
(Fortsetzung folgt.)
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