«8. Jahrgang.
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N». 363.
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Freilag, den 8. Inni.
Fernsprecher No. 52.
1900.
M orgen ■Ausgabe»
Der südafrikanische Krieg.
Mit der Einnahme von Pretoria durch die Engländer ist der südafrikanische Krieg strategisch entschieden, aber nicht beendet. In England freilich hatte man sich der Hoffnung hingegeben, daß die Einnahme Pretorias zugleich das Ende des Krieges bedeuten würde, aber diese Hoffnung hat sich als eine Täuschung erwiesen. Im Uebrigen ist es verständlich, wenn man in England den Buren keinerlei Widerstandskraft mehr zutraut. Seit dem Unglückstag von , Paardeberg hat die bis dahin heldenmüthige Haltung der Buren einem Zurückweichen von Position zu Position Platz gemacht und nirgends haben die Buren einen nachhaltigen Widerstand zu leisten vermocht. Die gute Vertheidignngs- linie am Vaal wurde ohne ernsthaften Widerstand aufgegeben und auch Johannesburg wurde dem Feinde fast ohne Schwertstreich überlassen. Ernsthaftere Kämpfe haben erst wieder in dem einen guten natürlichen Schutz bietenden Gelände zwischen Johannesburg und Pretoria stattgefunden, aber die Hauptstadt selbst haben die Buren dem Feinde überlassen, ohne den Versuch einer Vertheidignng zu machen.
Dies Verhalten der Buren kann Wunder nehmen, denn es ist bekannt, daß Pretoria eine starke, modern eingerichtete Festung ist, die mit Munition und Nahrungsmitteln auf länger als ein Jahr versehen war und in der den Engländern ein hartnäckiger Widerstand hätte entgegengesetzt werden können. Um die Aufgabe Pretorias zu verstehen, muß man sich den Charakter der Buren vergegenwärtigen. Der ganze Verlauf des Feldzuges hat gezeigt, daß es für den Buren nichts Widerwärtigeres giebt, als eine Position, rus der es keinen Rückweg, kein Entweichen für ihn giebt. Das eine Mal, wo die Buren sich in eine solche Stellung socken ließen, bei Paardeberg, schlug es zum schweren Unheil für sie aus. Das war ver eine Grund, weshalb bei den Buren wenig Neigung vorhanden war, sich in Pretoria, aus dem es kein Entrinnen mehr gab, festzusetzen. Der zweite Grund war der, daß die Buren einen sehr beträchtlichen Theil ihres zusammengeschmolzenen Heeres auf die Verteidigung der ziemlich ausgedehnten Festung hätten , verwenden müssen. Wie aber die Dinge auf dem Kriegsschauplatz liegen, kann es wohl auch als taktisch richtiger anerkaynt werden, daß die Buren, wenn sie noch weiteren Widerstand leisten wollen, alle noch kriegslustigen Elemente dorthin zusammenzuziehen suchen, wo sich auf dem Kriegstheater der letzte Akt des Schauspiels abspielen wird, das als Tragödie zu enden im Begriff ist.
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, wo sich dieser letzte Widerstand der Buren abspielen wird, den sie, wenn man anders den Kundgebungen des Präsidenten Krüger und des Generals Botha Glauben schenken darf, zu leisten entschlossen sind. Die Buren haben ihr Hauptquartier und ihre Hauptstadt vorläufig nach Middelburg verlegt, welches östlich von Pretoria gelegen ist. Aber auch diese Position werden die Buren nicht ernstlich zu halten versuchen, sondern es kann als zweifellos gelten, daß sie, sobald Lord Roberts stinen Vormarsch nach Osten fortsetzt, ihren Rückzug nach dem Gebiet von Lydenburg fortsetzen werden. Lydeuburg liegt Wdöstlich von Middelburg und Pretoria, und zwar auf der
Mitte des Weges zwischen Pretoria und der portugiesischen Grenze. Schon früher war gemeldet morden, daß die Buren Proviant und Munition in reichen Mengen nach dem Bezirk von Lydenburg abgesandt haben, und in der lebten Zeit sollen täglich 15 Züge mit Vorräthe» von Machadodorp nach Lydenburg abgegangen sein. Hieraus kann man, wenn man nicht an eine völlige Demoralisation der Buren glauben will, schließen, daß die Buren in dem gebirgigen Gelände von Lydenburg den letzten Verzmeiflungskampf gegen die Engländer zu führen entschlossen sind.
Das Hochplateau von Lydenburg liegt nördlich von der Selati-Bahn, die von Pretoria nach Komati Poort an der
portugiesischen Grenze führt. Lange Zeit hindurch bestand dort ein eigener Bnrcnstaat, dessen Hauptstadt das 5000 Fuß über dem Meeresspiegel gelegene Lydenburg war, und der sich erst 1860 mit den Potschefstroom-Buren zur südafrikanischen Republik vereinigte. Der Distrikt Lydenburg weist eine vollkommen alpiuische Formation und natürliche Vertheidigungsstellen von solcher Güte auf, daß sich entschlossene und hinreichend mit Munition und Nahrungsmitteln versehene Männer dort ungemessene Zeit auch gegen eine ungeheure Ueberniacht halten könnten. Die Stadt Lydenburg selbst ist zwar kaum zu vertheidigen, aber die uni- liegenden Kopses, die sich zum Theil bis zu 2- bis 3000 Meter Höhe erstrecken, bieten schwer einnehmbare Positionen.
Fast uneinnehmbar ist auch die Gebirgskette, welche sich in geringer Entfernung westlich von Lydenburg von Süden nach Norden erstreckt. In diesem gebirgigen Bezirk, wo die Kaffern sich jahrelang gegen die Buren und später gegen die Engländer gehalten haben, sind so viel natürliche
Festungsbastionen, Tunnels, unterirdische Gänge und Höhlen, daß das Ganze eine schier uneinnehmbare Festung von riesenhafter Ausdehnung darstellt.
Wenn die Buren entschlossen sind, sich hierhin zurückzuziehen unv ernsthaft zu vertheidigen, so würden den Engländern noch lange und blutige Kämpfe bevorstehen. Ja, es kann fraglich sein, ob Lord Roberts überhaupt einen Angriffskrieg in dies gefährliche Terrain wagen und sich nicht lieber damit begnügen wird, die Buren dort zu cerniren und allmählich auszuhungern. Das würde freilich den Krieg sehr in die Länge ziehen und noch auf unabsehbare Zeit hinaus eine starke Belagerungsarmee in Trans
vaal nöthig machen. Zunächst wird nunmehr abzuwarten sein, ob ein hinreichender Theil der Buren in der That entschlossen ist, den Kampf bis aufs Messer fortzusetzen.
Die Jahrhundert-Ausstellung der französischen Kunst aus der Pariser Weltausstellung.
Unter den Ausstellungsgebäuden in Paris wird der beistehend abgebildete Palast der Jahrhundert-Ausstellung der französischen Kunst einen hervorragenden Platz einnehmen. Dieser Palast imponirt durch Schönheit und Ebenmäßigkeit der Formen seines Baustils und präsentirt sich in äußerst günstiger Lage auf dem AusstcllungSplatze. Unsere Zeichnung giebt eine treffliche Darstellung des Acußeren dieser Baulichkeit. Die retrospektive Darstellung der französischen Kunst von 1900 bis 1800 wird angesichts der hervorragenden Stellung, welche die französische Kunst einnimmt, bei den Ausstellungsbesuchern ein außerordentliches Interesse finden.
(Nachdruck verboten.)
Mein erster Frack.
humoristische Skizze von Alfonse Dauvct.
(Autorisirte Uebersetzung.)
Wie ich ihn bekam, diesen Frack? Welcher Schneider aus alter Zeit, welcher unverhoffte Ritter von der Elle sich auf Grund von phantastischen Versprechungen sich veranlaßt gelehen Hatte, ihn glänzend neu und kunstgerecht in grünes Wachstuch eingepackt mir eines schönen Morgens zu bringen? Wahrlich, das würde ich schwerlich sagen können! Von dem ehrenwerthen Meister weiß ich nichts Anderes mehr — es jaben seitdem so viele Schneider meinen Lebensweg ge- Ireuzt als das, in dunkler Erinnerung, daß er eine Denker,tirn hatte und einen großen Schnurrbart trug. Aber
ö ,e J ^he ich noch immer vor meinen Augen. Sein Bild haftet, trotzdem zwanzig Jahre ver-
"e'uem Gedächtniß wie eine unvergängliche
I? l i sif‘ e ri% a 0 l" «Nb diese Aufschläge, und * & Schöße, die einem Schwalbenschwänze glichen I .icein Bruder, ein Mann von Erfahrung, hatte z» mir gesagt: „Wenn uian m der Welt vorwärts kommen will, muß man unbedingt einen Frack haben " Und der Me Kerl setzte auf diesen Plunder Alles bezüglich meines Ruhmes und meiner Zukunft.
Zum ersten Male in diesem Frack erschien ich bei Augustme Brohan, und die näheren Umstände sind wirklicb werth, der Nachwelt überliefert zu werden:
Mein erstes. Bändchen Gedichte war damals styilchtern und. jungferlich in einem schönen, rothen Einbande erschienen. .Einige Zeitungen hatten meine Verse erwähnt, das „Officiel"
hatte meinen Namen gedruckt. Ich mar nicht mehr ein un- gekannter und ungenannter Dichter, sondern gedruckt, in die Welt eingeführt, in den Schaufenstern der Buchhändler ausgestellt. Ich wunderte mich, daß die Menge sich nicht nach mir umdrehte, wenn sie mich mit meinen achtzehn Jahren durch die Straßen schlendern sah. Ich fühlte thatsächlich auf meiner Stirn den sanften Druck eines papiernen Kranzes, aus Zeitungsausschnitten hergestellt.
Da machte mir eines Tages Jemand den Vorschlag, mich in die Abendgesellschaften Augustinens einzuführen. Wer, Jemand? Ja, Jemand; bei Gott, Ihr könnt ihn sehen, diesen ewigen Jemand, der Jedermann ähnlich ist, den liebenswürdigen, von der Vorsehung bestimmten Menschen, der, ohne selbst etwas zu bedeuten, ohne irgendwie gekannt zu sein, Euch überall führt, den Freund eines Tages, einer Stunde, dessen Namen Niemand kennt, ein echt Pariser Typus.
Daß ich annahm, kann man sich wohl denken! Eingeladen sein bei Augustine, der berühmten Schauspielerin und Soubrette vom PböLtro Fran^ais, in deren Hause Müsset seine Komödie „Louison" geschrieben hatte, kurz, bei Augustine Brohan, deren Geist ganz Paris feierte, deren Witze es citirte und die bereits auf dem Hute, zwar noch nicht eingetaucht, aber fertig mit feinem Federmesser geschnitten, die Feder vom blauen Vogel trug, mit der sie später die „Briefe Susannas" zeichnen sollte!
„Du Glückskind!" sagte mein Bruder zu mir, während er mir den Frack anziehen half, „jetzt ist Dein Glück gemacht!"
Es schlug 9 Uhr, und ich machte mich auf den Weg.
Augustine Brohan bewohnte damals in der Lord Byronstraße eine jener schmucken Villen, von denen die Roman-
schretber die armen Provinzialen so poetisch träumen lassen. — Ein eiserner Zaun, ein Gärtchen, eine überdachte Freitreppe, ein Vorflur voll der herrlichsten Blumen, gleich daneben der Salon, ein grüner, glänzend erleuchteter Salon, den ich noch heute vor mir sehe.
Wie ich die vier Stufen der Freitreppe Hinaufstieg, wie ich eintrat, wie ich mich vorstellte, ich weiß es nicht. Ein Diener meldete meinen Namen, aber dieser Name, übrigens undeutlich hervorgestammelt, machte nicht den geringsten Eindruck auf die Gesellschaft. Ich erinnere mich nur noch einer weiblichen Stimme, welche sagte: „Um so besser, ein Tänzer mehr!" Es schien an solchen zu fehlen. Was für ein Empfang für einen Lyriker!
Eingeschüchtert, gedemüthigt, verbarg ich mich unter den Anwesenden. Wer hätte meine Verwirrung beschreiben können! . . . Nicht lange, und es kam ein anderes Abenteuer: meine befremdende Erscheinung, meine langen Haare, mein düsterer, mürrischer Blick riefen die allgemeine Neugier hervor. Ich hörte um mich her flüstern: „Wer ist das? . . . Sehen Sie doch!" . . . Und man lachte. Endlich sagte Jemand: „Das ist der walachische Fürst! —Der walachische Fürst? Ach ja, ganz recht!" Jedenfalls erwartete man an jenem Abend einen walachischen Fürsten. Ich war nun taxirt, und man ließ mich in Ruhe. Abrr trotz alledem kann man sich nicht vorstellen, wie schwer mich a»c jenem Abend meine usurpirte Krone drückte. Zuerst Tänzer, dann walachischer Fürst! Die Leute da wollten also nichts von meinem Dichtertalente wissen?
Endlich begann die Quadrille. Ich mußte tanzen! JH mußte! Und ich tanzte schlecht genug für einen walsichischeü Fürsten. Als dir Quadrille zu Ende war. lllieb ich.
