1. Beilage Min Wiesbadener Tagblatt.
Po. 262. Morgen-Ausgabe.
Freitag» den 8. Juni.
48. Jahrgang. 1906.
(18. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Auf Grünmeide.
Nomau von K. Vakm« - I'aysen.
Draußen in der halbgeöffneten Küchenthür stand die Haushälterin; ein paar Mägde suchten dahinter hervor- znlngen, um auch einen Blick auf das wunderschöne junge Fräulein zu werfen, so elwas sah man in diesem stillen, ernsten Hause nicht alle Tage. „Wie 'ne Prinzessin sieht sie aus," flüsterte die Eine. „Sie geht unserm Herrn gerade bis an die Schulter," meinte die Andere, „man könnte glauben, 's ging zur Hochzeit. — Schad', daß der nicht mehr heirathcn lhut —"
Fräulein Neiupel wandte sich ärgerlich um. „Was habt ihr zu schwatzen! Ihr dummen Dinger!" schalt sie; „macht, daß ihr an die Arbeit kommt."
Der Wagen fuhr jetzt davon.
XVIII.
Die Gesellschaftsräume der Landräthin waren sehr geschmackvoll und glänzend ausgcstattet, und sie verstand es auch, eine liebenswürdige Wirthin darin zu machen. Die heutigen Gäste, größtentheils benachbarte Gutsbesitzer mit Familie, einige Volontaire und Stadtfrcundc, schließlich als einzige Uniformen die beiden Kavallerie-Offiziere, hatten sich eingefunden. Von den älteren Herren machten einige in kleinen Nebenzimmern ihr Spiel, wieder andere bewegten sich zwanglos heiler zwischen der Jugend in dem hell erleuchteten Salon, in welchem die Unterhaltung in vollem Zuge war.
Die animirte Stimmung verscheuchte endlich den Zwang und die peinlichen Gefühle, gegen die Nittmeister Schlütter anzukämpfen hatte. Ihm wurde es schwer, sich harmlos in die von seinem Freunde improvisirte Sachlage hereinzufinden; seine gerade Natur ließ dies nicht zu. Hartmann hatte ihn in ein sein volles Interesse erweckendes Gespräch hineingezogen, beide Herren gefielen sich; sie hatten sich Stühle an die offene Balkonthür bringen lassen, dort wehte ein angenehmer Luftzug und die ganze sich bewegende Gesellschaft hatte man vor sich.
Reimer zwar wandte sich geflissentlich von dieser fort; es war zarte Rücksicht gegen Marietta, die sich durch seine Beobachtung nicht beengt fühlen sollte. Ueberdies hing von seinem Urtheil über den Rittmeister von Heilwitz keine Entscheidung ab. Seinen Pflichten als Vormund war vollkommen Genüge geschehen durch gewissenhaft eingezogene Erkundigungen über den Lebenswandel und die äußeren Verhältnisse dieses Herrn. Dieselben lauteten durchaus nicht ungünstig. Die Letzteren waren zerrüttet gewesen, aber seit Längerem wieder arrangirt worden. Er erfreue sich, hieß es, zwar nicht besonderer Beliebtheit, wohl aber der dienstlichen Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Einen Beleg hierfür bildete ja die Chargenerhöhung. Nach allem diesem fand Reimer keinen Grund mehr, seinem Mündel Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Er hatte ihr dies vorher auf der Fahrt nach Rosenau mitgetheilt, ohne Einmischung seiner eigenen Ansicht. Was nützte auch diese, wo Marietta nicht wollte.
Bei ihr aber hatte dieses anscheinend bedeutungslose
Gespräch plötzlich eine innere Wandlung hervorgerufen. Ein mühevoll zu erringendes Ziel hatte von jeher ans sie einen namenlosen Reiz ausgeübt. Ihr Wille stählte sich so zu sage» an den zu überwindenden Hemmnissen. Auf das Gute gerichtet, hätte man diesen Charakter nennen können, so aber streifte er nahe an Starrsinn.
Jetzt war das selbstgestellte Ziel ohne jeden Widerspruch vielleicht durch ein einziges kleines Wort zu erreichen. Das Rechtswidrige ihrer Handlung, eine Lebensfrage aus ganz selbstischen und mit Bezug ans ihren Vorniund unedlen Beweggründen zu entscheiden, machte sich mahnender als sonst geltend; diesem instinktiven Rechtsgefühl stellte sich indessen ein Faktor entgegen, das war die falsche Scham über eine Inkonsequenz.
Unklar und wirr flutheten diese Empfindungen durch ihren Geist und nahmen ihr diesen Abend die sonstige unbefangene Heiterkeit. Durch das lebensfrohe Gcmüth dieses Weltkindcs zog ein ahnungsvolles Bangen, daß cs im Begriffe stehe, für immer ein unbekanntes, großes, unaussprechliches Glück dahin zu geben. — —
Heilwitz hatte mit großer Sorgfalt seine Toilette wieder patent zu machen gesucht. In jeder Hand eine Haarbürste, mit gesperrten Beinen, denn der Spiegel im Logirzimnier hing für seine Länge ein wenig zu niedrig, hatte er sich am Hinterkopf eine tadellose Linie gestrichen. Seine Hände steckten in blendenden, weißledernen Handschuhen, deren er stets zwei Paar bei sich zu tragen pflegte; für die leider nichts angesteckten Orden prangte eine duftende Rose auf der Brust, empfangen aus der weißen Hand seiner „charnianlen" Wirthin. Sehr leicht war es dieser geworden, sich dies Prädikat zu erwerben. Kannte sie doch genau seine geheimsten, zarteste» Interessen, die sie geschickt in die Konversation einzuflcchten verstand. Ihrem Bemühen verdankte er cs auch, daß die viel beanspruchte, reizende Geliebte, mit der er bis jetzt, außer der formellen Begrüßung, noch nicht hatte ungestört sprechen können, endlich von jenem langen, komischen Kauz befreit wurde, dessen ungebührlich lange Nnterhattung, die von schlänkernden Armbewegungen begleitet wurde, sie sich gutwillig gefallen ließ. — Ja, es hatte den Anschein, als halte sie sich mit einer gewissen ängstlichen Scheu absichtlich von ihm fern, und jetzt, wo er aufgefordert wurde, sie zu einem Gesangsvortrage an den Flügel zu führen, zitterte ihr Arm in dem seinigen. Durfte er sich dieses veränderte, eigentlich reizend ansprechende Wesen zu seinen Gunsten anslegen?
„Wie ernst Sie geworden sind, Fräulein Tonelli!" bemerkte er, als er langsam die Länge des Saales mit ihr durchschritt. „Wissen Sie, daß Sie den ganzen Abend noch nicht gelacht haben? Das kam in L., wenn wir zusammentrafen. nicht vor."
Sie suchte in ihre Antivort einen scherzhaften Ton zu legen.
„O, der Abend ist noch nicht zu Ende, mir bleibt noch Zeit, zu beweisen, daß ich das Lachen noch nicht verlernt habe. Vorerst will ich einmal singen. Ob ich's noch kann? Wenn ich Fiasco mache, so trägt mein Vormund die Schuld daran."
„Wieso?"
„Ich habe, seit ich L. verlassen, nicht wieder gesungen. Er scheint kein Freund von Musik zu sein, und sein Wille
ist die Veranlassung, daß ich keine Künstlerin werden durfte. Ist es nicht einseitig," — unverhohlener Aerger lag in ihrem Ton — „die hehre Kunst von erbärmlichen Aeußerlich- keiten abhängig zu machen?"
„Allerdings, und unbegreiflich, wie man eine Bitte aus so schönem Munde abschlagcn kann."
„Ach, lassen Sie doch," sprach sie ungeduldig; denn nicht, wie ehedem, fand sie an phrasenhaften Komplimenten Geschmack, sie war deren ja längst entwöhnt, „ich möchte wissen — Ihre Meinung kennen," sie zögerte und schlug voll und forschend ihre Augen zu ihm auf, — „halten Sie es nicht gleich mir als Pflicht, ein Talent auszubilden, in welcher Lebenslage man auch sei? Stellen Sie sich vor. Sie hätten ein Mündel, eine Schwester, oder —"
Sie stockte und blickte erröthend auf ihre Hände nieder, die mechanisch in einem Notenhefte blätterten.
In Heilwitz' Augen blitzte es selisam auf. Keine Leidenschaft, aber ein freudvoller Triumph. Er neigte den Kopf ein wenig und sprach mit langsamer Betonung:
„Ich will Ihnen sagen, wie ich denke, wenn ich eine künstlerisch begabte Frau hätte. Zu der würde ich sprechen: „Entzücke die Welt mit Deinem Talent, bilde es aus und vervollkommne es bis zur höchsten Stufe." Wird sie dann nicht den Frauenberuf, wenn sie sich meines glühend liebenden Herzens verstcherl weiß, höher als den Kunstberuf schätzen?"
Marietta sah nicht auf. „Vielleicht, wenn der Frauenberuf die Geistesfreiheit einschließt."
„Geistesfreiheit für — Herzensfreiheit." Er warf einen schnellen Blick um sich her, und als er sich unbeachtet sah, trat er näher an ihre Seite, und sich mit ihr über die Noten beugend, flüsterte er: „Nach diesem Zugeständniß, schöne Marietta, lege ich Ihnen nochmals meine Krone und mein Herz zu Füßen."
Sie trat unwillkürlich einen Schritt zurück, so schnell und unvermuthet war die Frage gestellt, daß es sie erschreckte, und die Fassung derselben weckte ihren ganzen Stolz.
„Bringen Sie doch nicht die Krone mit dem Herzen in Verbindung," sagte sie, die stolze Lippe kräuselnd, „und sprechen Sie so Ernstes nicht hier in der lauten, neugierigen Gesellschaft. Ich will Ihnen
„Ein anderes Mal antworten?" fragte Heilwitz dringlich.
„Ja, ein anderes Mal," lautete die monoton gegebene Antwort, „denn jetzt soll ich ja — singen."
Damit nahm Marietta ein Notenheft in die Hand und setzte sich an den Flügel.
Singen sollte sie und mar eher zum Weinen geneigt. Warum? Das war ihr selbst nicht klar. Dem Flügel gegenüber, dort an der offenen Balkonthür, hob sich im Dunkel des Abends das scharfgeprägte Profil ihres Vormundes ab; wie er gesprächig und lebhaft sein konnte, nicht einen Blick gönnte er der Gesellschaft, auch nicht ihr, so oft sie auch zu ihm hinübergesehen, nicht einmal Herminen, die, gegen die Fensternische gelehnt, ihm ganz nahe stand und so schön, so jugendfrisch in dem mattblauen, spitzenbedeckten Seidenkleide aussah. Ob er sie liebte, haßte? was ging es sie an! Sie streifte die Handschuhe von den Händen und schlug einige Accorde an. Nicht zu heiteren Liedern paßte heute ihre Stimmung, so sang sie in weichen, wundervollen Tönen ein heiliges „Ave Maria".
(Fortsetzung folgt.)
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