48. Jahrgang.
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und wenn zweitens eine durchgreifende, auch das öffentliche Leben erfassende Neuerung Platz greifen würde. Das war ja das Todesurtheil der Puttkamer'schen Rechtschreibung, daß sie von vornherein zur Schnlorthographie gestempelt wurde. Kam dann der junge Mensch ins Leben hinaus, dann war's mit dem mühsam Errungenen nichts: es gab sogar Behörden, welche die Abweichungen von der alten Rechtschreibung bei Probearbeiten einfach als Fehler bezeichneten. Inzwischen hat die Puttkamer'sche Reform in der Schullitteratur, sowie bei den meisten wissenschaftlichen Werken Eingang gefunden, und der erwähnte Wunsch der Buchhändler, es beim Alten zu belassen, ist darum wohl zu begreifen. Eine günstige Gelegenheit zur Einführung einheitlicher Normen auf dem Gebiete der Rechtschreibung war vor Kurzem durch dir Herausgabe des bürgerlichen Gesetzbuches gegeben. Da sich aber dasselbe im Wesentlichen der vor dem Jahre 1880 gebräuchlichen Schreibweise bedient, so wird auch dieses Werk die erhoffte Einigung nicht bringen.
* Der deutsche Keema,m»vert»n,d hat, wie aus seinem
Verbandsorgan ,,Der Seemann" ersichtlich ist, in diesem Frühjahr eine große Rührigkeit entfaltet. Er hat in sieben Orten eine Erhöhung der Heuer sowohl in der großen, als auch in der kleinen Schiffahrt um 5 Mk. pro Monat und Erhöhung des Ueberstunden- lohnes auf 40 Ps. erzielt, zumeist durch friedliche Verhandlung; nur in Flensburg kam cs zum Ausstand. Neuerdings haben sich in Hamburg und Bremen je eine Sektion der Stewards aufgethan und dem Seemannsverband angeschlosse». Dieser zählte nach dem zweiten Jahresbericht Ende vorigen Jahres zusammen 5283 Mitglieder, und zwar 2380 in Hamburg, 856 in Bremerhaven, 615 in Stettin, 789 in Flensburg, 428 in Bremen, 90 in Kiel, 60 in Lübeck, 65 in Rostock. Das Verbandsorgan erschien alle 14 Tage in rund 4000 Exemplaren.
Anstand.
* Spanien. Aus Madrid, 31. Mai, schreibt uns unser Korrespondent Höä di« b,ahsichtigtE-L«MattWa.s«foMxn nimmt ein Hauptinteresse die Reorganisation der Polszei in AnspnlH, tveil sich dieselbe in einem geradezu erbarmungswürdigen Zustande befindet. Auf Madrid, eine Stadt von etwa 500,000Einwohnern, kommen 3314 Polizeibeamte höherer und niederer Charge, die einen Jahresaufwand von 4 Millionen Pesetas erfordern. Die verschiedenen Abthcilungen, in welche das Gesammtkontingent zerfällt, arbeiten nun keineswegs mit vereinten Kräften, sondern eine sucht immer die andere zu contrecarriren, um sich in den Vordergrund zu dränge». Austcrdem findet die Auswahl der Angestellten nicht nach ihren Fähigkeiten, sondern auf Grund von Protektion statt. Durch diese Verhältnisse herrscht in Madrid eine höchst fragwürdige Sicherheit für Leben und Eigcnthmn. Nach dem von:'Minister des Innern airsgearbeitcten Projekt sollen die zunächst in der Hauptstadt cinzuführenden Neuerungen darin bestehe», daß die Polizei in 4 Corps eingetheilt wird: städtische, Sicherheits-, gerichtliche und Wohlsahrtspolizei, in denen die Zulassung und das Avancement durch detaillirtc Bestimmungen geregelt werden soll. Die Aspiranten müssen ein Examen ablegen oder den Nachtveis erbringen, daß sic der Armee angehört haben; für die höheren Stellen der beiden letztgenannten Abthcilungen sind zur Disposition gestellte Richter und Mngistratsbeamte in Aussicht genommen. Der Mindestgehalt wurde auf 1250 Pesetas festgesetzt. Die Sicherheitspolizei wird vollkommen militärisch organisirt und unter das Konnnando von Offizieren des Heeres gestellt. Der Polizeichef, im Range eines Geheimen Rathes 1. Klasse, steht direkt unter den, Gouverneur der Provinz._
Ans und Land.
Wiesbaden. 7. Juni.
— Geschick, lokalender. 7. Juni. 1896: Anarchistisches Bombenattentat in Barcelona. 1866: Einrücken preußischer Truppen in .Holltein. 1858: Vertrag zu Tientsin mit China, China dem europäischen Handel eröffnet. 1854: * Max Kretzer zu Posen, bekannter deutscher Schriftsteller der Gegenwart. 1843: ff Johann Christian Friedrich Hölderlin zu Tübingen, einer der eigenthüm- lichstcu deutschen Dichter der klassischen Dichtungsperiode. 1840:
Das Palais luminenx und dasWeltenpaiwrama auf der Pariser Weltausstellung.
Die beistehende Abbildung stellt eine Reihe von Baulichkeiten dar, welche um den Eiffelthurm herum gruppirt sind. Zur Rechten sieht man das „Palais lumineux“, das fast ganz aus Glas hergestellt ist und Abends im Glanze der elektrischen Beleuchtung einen wunderbar schönen Anblick gewahrt.
Zur Linken schließt sich an das Palais lumirwux das Weltenpanorama an, in dem sich die Baustile Süd-Europas und des Orients vereinigen.
Beide Schöpfungen legen von der hochentwickelten Bautechnik unseres Jahrhunderts beredtes Z-ugniß ab.
Deutsches Reich.
Zur Schulreformfrage.
Aus der Zusammensetzung der Schulkonferenz Schlüsse auf die mit der Konferenz verbundenen Absichten zu ziehen, wäre unmöglich.
Es werden theilnehmen sowohl die Vertreter derjenigen Richtungen, die am Monopol der Gymnasien festhalten, wie auch die Vorkämpfer der Realgymnasien und ihrer Ansprüche auf Erweiterung der Berechtigungen. Aber man hat den Eindruck, daß diese zweite Kategorie, die Herren Böttinger, v. d. Borght, Slaby und Jntze, das angriffslustigere Element darstellen und wohl auch zu ihrem ersehnten Ziele kommen werden. Auf die Stellungnahme der Berliner Professoren Mommsen, Virchow und Harnack darf man gespannt sein. Alle Drei sind als Freunde des bisherigen Zustandes bekannt; sie werden von ihren Zweifeln an der Ersprießlichkeit der Gleichstellung der Realgymnasien mit den Gymnasien nicht zurückgekommen sein, aber da sie in diesen Fragen etwas Besonderes und Eigenes zu sagen wissen werden, so wird
es von Interesse sein, gerade sie zu hören. Die Berathungcn der Schulkonferenz werden der Ocffentlichkeit selbstverständlich nicht lange Vorbehalten bleiben. Sollte, was noch nicht feststeht, der Kaiser an den Sitzungen theilnehmen, so wird erst recht für eine ausgiebige Berichterstattung gesorgt werden, die aber auch sonst bestimmt zu erwarten ist.
* * *
x Dir deutsche Rechtschreibung» soweit wie sie gegenwärtig in amtlichem Gebrauch ist, wird demnächst einer Acndcrung unterzogen. In diesem Sinne äußert sich der preußische Kultus- ministcr dem Vorstand des „Börsenverems deutscher Buchhändler"
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gegenüber. Diese Körperschaft beschloß in ihrer letzten Haupt- vcrwmmlung, sich gegen eine Aenderung der Puttkamer'schen Rechtschreibung bei dem Ministerium ausznsprechen. Zugleich svurde der Antrag der Verlegerkamnier angenommen, “ daß der „Borscnverein" beauftragt wird, in Gemeinschaft mit der deutschen Verlegerkamnier und dem „Deutschen Bnchdrucker- vercm Ermittelungen anzustcllen, in welcher Ausdehnung die Rechtschreibung von 1880 Eingang in Litteratur und Presse gefunden habe. Es wäre geradezu als eine Erlösung zu betrachten, weil» fürs Erste die Reformpläne auf das ganze Reich ausgedehnt würden
Morgen ■Ausgabe«
(Nachdruck verboten.)
In den Tagen der Rosen.
Von Gustav Hcick.
Sie sind verklungen, die Maientage, die Tage d Baumblüthe, aber nur, um einem vollkommeneren Blüht zu weichen. Die Tage der Rosen beginnen. Jetzt feie die Rose, die Königin der Blumen, ihre Triumphe, je lohnt sie all die Wege, die Mühen, die der Nosenfrem ihr gewidmet, tausendfach. Sie entfaltet ihre Blüthen i wunderbarer Pracht, in entzückender Anmuth, und mir stehc davor und bewundern ihre geheimnißvolle Schönheit.
Die Rose ist von den Dichtern aller Zeiten und ach Zungen besungen worden, und ist gerade der Rosenmona sind gerade die Tage der Rosen dazu augethan, ihr dc Hohelied zu singen.
Schon vor 3000 Jahren vor Christi Geburt erklang il aus dem Munde des königlichen Sängers Salomo, ur das Schönste, das sein Mund preiset, das vergleicht er m : m , '. wie eine Blume zu Saron und w
eine Rose im Thal." Und wieder: „Mein Freund ist hinal gegangen in seinen Garten,'um Rosen zu brechen. Mei Freund ist mein und ich bin sein, der unter den Rosen fi wc'det." DieRose gilt als das Symbol der Liebe und Freunl schaft, der Jugend und Schönheit und der Freude W finden sie im Heldengedicht und Volksliede, im Liebeslie und im Märchen.
o "UN, das der Rose ein so überschwängliche
^ ftch "ls Königin über alle Blume erhebt? Ist es ihr wunderbarer Bau? Wir finden do> auch wunderbare Formen bei den Lilien, den Orchidee» den Teichrosen. — Ist es ihr süßer Duft? wie viele herrlii
duftende Blumen giebt es: das Heliotrop, die Reseda, das Maiglöckchen, die Nelke. — Ist es endlich ihre Farbenpracht? welch Farbenspiel finden mir aber auch bei den Gladiolen und Iris, den Chrysanthemum und Georginen und Tulpen. Es ist nicht nur die Vereinigung von wunderbarer Form, zartem Dufte und herrlichem Farbcnschmelz, die wir in der Rose finden, die sie so hoch erhoben hat, cs ist vielmehr das Geheimnißvolle, Zauberhafte, das in ihr liegt. Ans einer halbgeöffneten Rose blickt uns eine keusche Anmuth, etwas Unergründliches entgegen.
„Die Rose lag im Thau,
Es waren Perlen, grau.
Als Sonne sie beschienen,
Da wurden sie Rubinen."
So kennzeichnet der Dichter die wunderbare Macht der Rose, denn ein Sonnenstraht vermag aus grauen Thau- perlen Rubinen auf ihr zu zaubern.
Zu den tiefsinnigsten Gedanken giebt die Rose dem Dichter stets Anregung:
„Der hat in ihrem höchste» Glanz die Rose nicht gesehen.
Wer nie die Perle de« Gefühls ihr sah im Auge stehen." singt Rückert.
Wie das Geheimnißvolle die Rose umschwebt, so ist auch das Entstehen, das Erblühen derselben von Georg Scherer geschildert:
„Wie die Nachtigall des Liedes Kreise Nachts »m die Rose zieht —
Die Rose hört'S mit Beben —
Und wie der Tag erwacht.
Da ist sie aufgeblühet In wunderbarer Pracht.
Von süßen Schauern trunken.
Lauscht sie des Liedes Schall,
Doch in dem Reiz versunken,
Schweigt nun die Nachtigall."
Unendlich sind die Gesänge über das Zauberweseu der Rose, und zumeist wird sie mit der jungfräulichen Schönheit und Anmuth in Verbindung gebracht. Der „Nvse Pilgerfahrt", die Robert Schumann in unsterbliche Töne gekleidet, „die bezauberte Rose" von Ernst Schulz und viele andere geben uns ein Bild hiervon.
„Schon sah man Zweig' und Blätter sich verweben, Scho» blickte scheu die Knosp' aus grünem Laub.
Nun wurde »ach das Haar zum weichen Moose,
Und vor uns stand die schönste Maienrose",
heißt's in „der verzauberten Rose", und in der Frithjofs- Sage wird von Jngeborg gesagt:
„Die andere stand, wie Nöslein steh'n,
Sah eben man den Schnee zergeh'»,
Wenn Lenz noch in der Knospe säuniet lind schlumuiernd künftige Freuden träumet."
Die Rose als Sinnbild der Liebe sehen wir immer und immer wieder angewendet, ob es die Liebenden der arabischen Steppen oder der nordischen Gebirge sind, die sie besingen „Bor Deiner Thür in das Gartenbeet Pflanz' eine Rose und zwei Mclatti,
Nimmer kann Deine Braut ich sein,
Mit meinem Herzen bin ich nicht einig."
So singt eine Schöne aus Sumatras Urwäldern. Wie tiefinnig sind die Nosenlieder nnserer deutschen Dichter, die das rechte Lieben preisen, wie treu und herzlich singt Chamissö; »Der Gartenhag und die Rosen,
Das Haus, des Ringes Zier,
Mein Herz und meinen Frieden,
Mein Leben und mein Lieben,
Die leg' ich zu Füßen Dir."
Wie sehr die Rose mit der Liebe gemein ist, sagtLena»' „Nie soll weiter sich ins Land Lieb' von Liebe wagen,
Als sich blühend in der Hand Läßt die Rose tragen."
