1. Beilage zum Wiesbadener Tagklall.
Mo. 260. Morgen-Ausgabe.
(17. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Auf Griinweide.
Roman von K. ^almö-^ayse«.
Er nahm ein Heft in die Hand, um den Wissensgrad des Knaben an den kleinen korrekt geschriebenen Aufgaben für Botanik zu erkennen. Die junge Lehrerin freilich — Reimer lächelte — mußte bei Durchsicht der Korrektur doch nicht ganz mächtig gewesen sein, das verriethen verschiedene Fragezeichen und hier — Reimer zog einen Stift hervor und verbesserte etwas — hier hatte das zierliche Zittergras, in seiner lateinischen Benennung „Briza media“, einen falschen Endvokal erhalten und die Familie der Scheingräser, „Oxxoracea", ein tr statt des e. Ja, das hatte der Knabe schon selbst herausgefunden.
Reimer verließ das Häuschen mit seltsamen Empfindungen.
XVII.
ES war ein heißer Tag gewesen und der Abend brachte auch nur wenig Frische. Marietta hatte die Fenster ihres Schlafgemaches weit geöffnet, um möglichst viel Luft einströmen zu lassen. Bis auf das weiße, feine Mullkleid, das wie eine Wolke auf ihrem Bette ausgebreitet lag, war sie angekleidet. Längst wäre sie mit ihrer Toilette fertig gewesen, wenn nicht Tante Sophie immer noch etwas zu ändern, zu befestigen oder zu lösen hatte. Der liebevolle Eifer der alten Dame hatte für das junge Mädchen, welches bisher immer nur von bezahlten Händen bedient worden war, etwas Rührendes. Seit dem Tode ihrer Mutter war ihr niemals wieder so zärtliche Fürsorge begegnet, ach, und wie lange war das her.
Sie saß vor dem großen Trumeau, ohne einen Blick auf die eigene reizende Gestalt zu werfen. Mit stillem Lächeln verfolgte sie die geschäftigen Hände der alten Dame, die eben jetzt das reiche, wellige Haar in einen breiten Knoten zu schlingen suchten. Sie erhaschte eine derselben, drückte sie an ihre Wange und küßte sie. Ein stummer, unwillkürlicher Dank.
„Kind," schalt Sophie, „Du störst mir dadurch den ganzen Aufbau. Sieh', da fluthet es wieder nieder, das wieder- spenstige Haar. Was meinst Du, lassen wir's hängen?"
„Mach's, wie es Dir gefällt, süße Tante."
„Ach was, Kind, wie's ihm gefällt, so müssen wir's machen."
Das Hausmädchen trat jetzt mit einer Bestellung ins Zimmer.
„Hier sind die Rosen," sagte es, „Moosrosen, wie Fräulein Sophie es verlangt haben. Der Herr hat sie selbst geschnitten. Und ob das Fräulein mitfahren wolle, dann solle die große Chaise genommen werden."
„Selbstverständlich die Chaise, sonst wird Fräulein Mariettas Anzug zerdrückt. Aber mitfahren werde ich nicht. Meine Schwester hat Migräne, sage das dem Herrn."
Das Mädchen entfernte sich.
„Ich bitte Dich, Tante, fahre mit," bat Marietta.
„Unmöglich, Kind, so gern ich Herrn von Heilwitz schon heule kennen gelernt und Dich einmal singen gehört hätte, Du kleiner Trotzkopf, ungeachtet aller Bitten hast Du uns niemals Dein Talent zeigen wollen. Mußte Herr von Heilwitz erst kommen, bis dies geschieht."
„Nein, nicht deßhalb, Tante. Hermine bat mich so sehr."
„Das that sie auch sonst."
„Aber aus Trotz weigerte ich mich nicht."
Donnerstag, de« 7. Juni.
„Nun warum denn?"
Marietta schwieg einen Augenblick. Langsam stieg eine Röthe in ihr Antlitz.
„Ich glaube, Onkel Reimer ist kein Freund der Musik," sagte sie zögernd. „Wenn Hermine singt, so sucht er sich zu entfernen, unbemerkt, wie er glaubt, ich aber sah es noch jedes Mal. Tante, wenn das mir begegnete, mitten in einem Lied — Tante!"
Sophie nahm das junge Gesicht, das erregt zu ihr hinauf sah, in beide Hände und sagte, auf die kleine Stirn deutend:
„Was für ein Sprühteufelchen sitzt darin und welch eine Empfindlichkeit! Ich will eine Locke auf die böse Falte legen. So, und nun sitze einmal ganz ruhig, ich stecke das Haar doch lieber auf, damit die Blumen fester sitzen. — ,,Ja," fuhr sie fort, „Frau Hermine ist nachsichtiger gegen Reimer, als Du, und sie wird wohl wissen, warum er ihre Lieder nicht hören kann."
„Es fehle dem Vortrag wahre Empfindung, er sei erkünstelt, ontrirt in Allem, hörte ich Onkel Reinier sagen."
„Ja, er sagt so."
„Was Onkel Reimer sagt, das meint er auch. Ist er immer so ernst und gegen Frauen so — kalt gewesen? Hat er nie geliebt?"
„Kind, woran rührst Du! Das unglückliche Lieben, das liegt in der Hartmann'schen Familie. Ihn hat's auch getroffen."
„Ich dacht' es."
„Also Du hast auch bemerkt, daß es noch nicht vorbei ist, mit seinem Interesse für die liebe Frau?"
„Wen meinst Du, Tante?"
„Nun, Frau Hermine. Ich glaubte, Du hättest ihr Vertrauen?"
„O, Tante, die können sich ja Beide nicht leiden!"
„Ja, so sieht's aus. Es giebt aber eine Liebe, Kind, die sich in Haß kleidet, und das scheint mir hier der Fall. So, nun gieb die Rosen. Ach, reizend! Ganz leicht nicken sie heraus aus dem dunklen Haar — nun schnell das Kleid, ich höre den Wagen Vorfahren."
Marietta blieb aber unbewglich stehen, sie hatte gar nicht auf Sophiens Worte geachtet.
„Haß ist Leidenschaft, Tante, und Onkel Reimer zeigt Hermine eine eiserne Kälte."
„Ja, er besitzt eine unglaubliche Beherrschung."
„Freilich, freilich."
Marietta versank in Nachdenken. Sie vervollständigte ganz mechanisch ihre Toilette; erst die entzückten Ausrufe Sophiens über das prächtige Kleid, wie kleidsam es wäre, ach, und die Frisur, die schöne Frisur — entzogen sie weiteren Grübeleien.
Sie blickte endlich in den Spiegel, brach aber sogleich in ein helles Lachen aus. Die alte Dame sah sie erstaunt, fast empfindlich an.
„Nun. was ist?"
„O, nichts, nichts, liebe süße Tante. Du hast Alles so hübsch und gut gemacht, ich freue mich ja."
Dabei umarmte und küßte sie dieselbe, als sie sich indessen auf Augenblicke allein sah, zog sie schnell die Blumen und Nadeln aus dem Haar. Dem Aufbau war doch eine zu sonderbare, bedenklich schiefe Richtung gegeben. Dieser Thurm von Piesa erregte nochmals ihre ganze Heiterkeit.
Tante Sophie durfte natürlich nichts davon merken, sie hatte ja so große Freude an ihrem Machwerk gehabt. Was dieser in einer Stunde mühsamer Künstelei nicht gelungen, brachte das junge Mädchen mit einigen Bürstenstrichen und ein paar gewandten Bewegungen fertig. Dann lief sie
48. Jahrgang. 1900.
schnell die Treppe hinunter, um noch vor der Abfahrt bei Tante Annette vorzusprechen. Beide lebten freilich noch immer auf Kriegsfuß; diese Rücksicht wurde deßhalb widere strebend und nur auf Wunsch Sophiens vollzogen, die ihr noch vor dem Eintritt in das Krankenzimmer allerlei Verhaltungsmaßregeln gab, behutsam die Thür zu schließen, leise aufzutreten, mit halber Stimme zu sprechen, um Himmelswillen nicht zu lachen — ja, da lachte das übermi'tthige Mädchen schon — nun, hier draußen schadete es nicht.
Das Zimmer, in dem die Kranke auf einer Chaiselongue ruhte, war dunkel verhängt und Marietta konnte sich, als sie aus dem Hellen Sonnenschein in das Dunkel hineintrat, nicht sogleich zurechtsinden. Sie blieb daher stehen, just in dem glänzenden Abendsonnenlicht, das durch die breite Spalte der Vorhänge hereinströmte. Es war ein Anblick, der einen Maler entzückt hätte, dies junge Wesen in dem feenhaften, zarten Gewände, das den herrlichen Hals und die edelgeformten Arme frei ließ. Das Gewand so einfach kostbar, so gering dieser äußere Schmuck gegen die lebensvolle, warme Schönheit darin. Aus dem braunen Haar schob sich keck eine kurzgeschnittene Locke vor, das erhöhte den Ernst der marmorweißen Stirn, sie gab ihr den Trotz der auch oft in dem dunklen Stern des wimpelbeschatteten Auges ruhte. Und doch konnten diese so sanft und zärtlich blicken, denn ihr Gemüth besaß ebensoviel Weiblichkeit, als unbeherrschte Leidenschaft. Es fehlte demselben nur noch die Läuterung, die das Leben hervorbringt durch Härten und Stürme, oft auch durch eine edle, große Liebe, mag dieselbe erfüllt werden oder nicht.
Nun stand sic im rothgoldenen Licht des Abends, hineinschauend in dasselbe, dabet die Hand schattend über die Augen legend, leise lächelnd.
„Tante, bist Du wach?" fragte sie leise.
Eine verdrießliche Stimme bejahte.
„Tante Sophie hat mich hergeschickt, damit Du sähest, wie sie mich herauszeputzt."
„Ja, wie eine französische Tänzerin, — o, mein armer Kopf — wie eine französische Tänzerin!"
„So. Tante, ist die Präsentation zu Ende? Darf ich jetzt gehen?"
Sie drehte sich dabei lachend langsam um sich selbst.
„Ich bitte Dich, laß' das, ich werde schwindlig — Reimer, gieb mir gefälligst die Hoffmannstropfen."
Das junge Mädchen trat bei Nennung dieses Namens ganz erschreckt aus der Helle in den Hintergrund.
„Ist denn hier noch Jemand außer uns?" fragte sie verlegen.
Sie stand ihrem Vormund plötzlich nahe gegenüber, daß es keiner Antwort bedurfte.
„O, die Sonne, sie hat mich ganz geblendet."
„Ja," lachte Reimer, „ich sah auch hinein; wie sollen wir zwei Blinde nun unter dem Dutzend Fläschchen hier das richtige erkennen?"
Annette verdroß der Scherz. Wie durfte man scherzen, lachen, wenn sie litt?
„Schickt mir Sophie," sagte sie unfreundlich, „ich kann Euch Beide nicht brauchen."
Ehe sich die Thür schloß, rief sie ihrem Neffen nach: „Reimer, leg' den Tyras nicht an die Kelte, weil er sonst bellt bei Eurer Rückkunft; laß auch die Hausthürglocke ab- binden und, Marietta, flieg' nicht die Treppen so eilig hinauf, wie es Deine Art ist. Jedes Geräusch erschüttert meine zerstörten Nerven."
(Fortsetzung folgt.)
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