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stach, erledigte der Reichstag in wenigen Stunden eine Vorlage, wie sie gleich wichtig und namentlich kostspielig bisher noch nicht an die deutsche Volksvertretung gelangt war. Die Berathung entbehrte, da die Entscheidung längst schon gefallen mar und heute nur noch durch die Form bestätigt werden mußte, jeder Größe und jeden Schwunges. Die dichte Corona von Ministern und Staatssekretären, die sich mit dem Reichskanzler am Bundcsrathstisch eingefunden hatten, hätte ebenso gut fortbleiben können; es gab für sie nichts zu thun, und nur weil es nicht vermieden werden konnte, hielt Herr Tirpitz eine seiner kurzen und trockenen Reden, die sich besser lesen als anhören. Der Marincchef hatte die bequeme Aufgabe, die Zustimmung der verbündeten Regierungen zu der vorläufigen Streichung der Auslandsflotte auszusprechen, und er konnte dies um so leichter thun, je mehr alle Welt davon überzeugt ist, daß später diese Schiffe werden nach­gefordert und auch bewilligt werden, bewilligt von demselben Centrum, das einmal A gesagt hat und nicht umhin können wird, zu gebotener Stunde B zu sagen. Für die Minderheit gab es keine Gelegenheit mehr, an der sicheren Entscheidung auch nur das Geringste zu ändern. Mußte somit die Verhandlung auf den Reiz irgendwelcher Spannung verzichten, so brauchten die Abgg. Bebel und Richter ihrerseits nicht auf eine möglichst umfangreiche Kritik der gegenwärtigen Zustände im Allgemeinen und der zum Theil sonderbaren Verhältnisse im Einzelnen zu verzichten, die bei der Ein- und Durch­bringung der Flottenvorlage obgcwaltet haben. Diesen beiden Rednern kam es zu Gute, daß in den Zuständen selber eine solche Fülle von krassen Widersprüchen steckt, die zur bittersten Ironie förmlich zwingen.

* * *

. * Kof- und Prrfonal-Uachrichlen. Wie die „Nordd. Allgem. Ztg." erfährt, wird der Direktor der Kolonial-Abtheilung des Auswärtigen Amts, Dr. v. Buchka, auf seinen Wunsch seines Postens enthoben werden. Zu seinem Nachfolger ist der Gesandte in Chile, D»-. Stübel, ausersehen.

* Ueder das Krfinden des Königs Otto von Kapern berichten bte „Münch. Neuest. Nachr." auf Grund von Jnforniationen an kompetenter ärztlicher Stelle (wahrscheinlich beim Professor Zttmssen), daß die Aerzte ain Freitag sich von Neuem von dem, birhaltnißmaßig guten Befinden des Königs überzeugt haben. Nichts, berechtigt zu der Annahme, daß der König an Blasenkrcbs erkrank^ lfd Als vor zwei Jahren die ersten Anzeichen einer Nieren­erkrankung auftraten, war die Annahme nicht ganz auszuschließcn,

(Nachdruck verboten.)

Streihüge durch die Pariser Weltausstellung.

Von Paul Lindenberg.

IX.

Die Fremden kommen! - Deutschland obenan! - Deutsches Leben in Paris. — Allerhand Rathschläge. - Mit der Ausstellung wird'ö allmählich. - Buffet-Tiger nnd -Tigerinnen.

„0n parls krsnxais ici“ — man wird sich bald wundern, baß man nicht auch auf diese Inschrift stößt, wie man jetzt schon erstaunt ist, wenn man in Paris noch französisch reden hört!! Denn der Fremde na ndrang ist mit einem Male ein ganz gewaltiger geworden, alle Völker des Erdballs ent­senden täglich dichte Schaaren der Wanderlustigen an den Strand der Seine, und die Zahl der Ausstellungsbesucher schnellt von Tag zu Tag in die Höhe, sodaß sie bereits in der Woche durchschnittlich bis 120,000 beträgt, sich Sonntags aber noch wesentlich erhöht.

Deutschland steht, was die Fremden anbelangt, obenan, überall hört man die deutschen Laute, trifft mau auf die gewohnten deutschen Erscheinungen, sieht man zumal an lenen Ställen, wo die erquickenden Gaben des Gambrinus berzapfk werden — und es sind ihrer viele in Paris! — suppen fröhlich plaudernder Landsleute, die sich hier völlig heimisch zn fühlen scheinen. Deutschland in Paris zu Hanse klingt absonderlich und ist doch völlig wahr. „Man spricht deutsch" und „Bei Einkäufen über soundsoviel Francs werden die Maaren »ach Deutschland franko gesandt" steht an zahllosen Lüden, Zettel mit Empfehlungen von Restau­rants und Geschäften mit dem Zusatz: „Deutsche Bedienung" oder „Deutsch sprechen" werden einem auf der Straße in du Hand gedrückt, und auch von „eingeborenen" Franzosen, dle noch nie die Grenzen ihres Vaterlandes verlassen, wird wan gelegentlich auf den Omnibussen oder in Lokalen deutsch angesprochen, denn in den höheren Schulen wird eifrig unsere Sprache gepflegt. Eine ganze Reihe deutscher

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daß sich Nierenkrebs entwickele. Auch diese Annahme hat sich als irrig erwiese». Seit letzter Nacht genießt er längere Zeit festen ruhigen Schlaf. Die schon mehrmals von uns hervorgehobene Möglichkeit, daß Zwangsvorstellungen den König bisher vom Stehen und Geben abhielten, wird dadurch zur Wahrscheinlichkeit, daß der König eben in den letzten Tagen mehrfache Geh- und Stehversuche mit Erfolg gehabt. Es ist auch unrichtig, daß der König in der letzten Zeit auffallend häufig lichte Momente gehabt habe. Die Hallucinationen dauern bei dem hohen Patienten ununterbrochen an, er gestiknlirt und spricht fortwährend laut, häufig sehr laut, ist aber schwer, sehr oft gar nicht verständlich. Daß bei seinen Reden Manches cinfließt, was für Vergangenheit oder Gegenwart zutreffend ist, wird nicht erstaunlich erscheinen. Die mit dem leb­haften Gestikulircn und Sprechen verbundenen physischen An­strengungen sind so groß, daß es in Wahrheit Erstaunen erregt, wie der kranke König diese Anstrengungen zu leisten vermag.

* Kerlin, 7. Juni. Da« „Bert. Tagebl." erfährt aus Rom: Der P a p st erklärte sich auf Wunsch Kaiser Wilhelms bereit, im nächsten Konsistorium dem Kölner Erzbischof den Kardinalspurpur zu verleihen.

Der Senioren-Konvent des Reichstags beschloß gestern, außer dem Flottengesetz, sowie den Novellen zum Stcnipelsteuer- und Zolltarifgesetz vor dem Sessionsschluß auch noch das Reichs- scucheugesetz zu erledigen. Außerdem wird am Samstag die Inter­pellation der Socialdemokraten bcrathen. Der Schluß des Reichs­tags erfolgt wahrscheinlich am 12. Juni.

Nach dem „Lokal-Anzeiger" wird an hiesiger amtlicher Stelle die Sachlage im chinesischen Aufftandsgebiete deswegen ernst an­gesehen, weil das Uebergreifen der Bewegung auf deutsch^» Gebiet ieden Auacnblick erfolgen kann. Uebriaens

> ohnehin schon stiefmütterlich behandelten Kultur- und social­politischen Aufgaben des Reiches übrig bleiben. 300 Schul­kinder in Ostrowo sind ohne Lehrer und Schule, dafür fehlt es an den wenigen Groschen, aber diese 4>/- Milliarden ist der deutsche Reichstag bercst, schlankweg zu bewilligen. Die Art, wie für die Flottenvorlage agitirt worden ist, hat selbst bei den Flottenenthusiasten die schärfste Berurtheilung gefunden. Was ist nicht Alles an Flottenagitation geleistet worden. Das Ungeschickteste freilich in den letzten Wochen am Rhein, diese famose Fahrt der Torpedo-Division. Man hat offenbar auf die Centrumswahlkrcise spekulirt, und wenn eine Anekdote wahr ist, auch mit einem ge­wissen Glück. Es wird ja erzählt, daß ein Bäuerlein, als es von der Rheinbrücke in Köln die kleinen Torpedoschiffe sah, ausrief: Ja, wenn der Kaiser so kleine Schiffchen hat, müssen wir ihm größere besorgen!" (Heiterkeit.) Der Hohn und der Spott, der über diese Agitationsreise sich in und außerhalb Deutschlands ergießt, gereicht aber wahrhaftig dem deutschen Namen nicht znm Ansehen. Wir sind ja allerdings in Deutschland in einer wahren Festesstimmung. Keine Woche vergeht, wo wir nicht von großen Festen hören, sodaß das Ausland glauben muß, Deutschland lebe nur so in lauter äulei jubilo, und dabei weiß Niemand im Innern, wer Koch und wer Kellner ist. 1891 sprach Caprivi das Wort: es ist nicht unmöglich, daß die Zeit kommen wird, daß die Staaten einsehen werden, daß sie

zu thun haben, als sich gegenseitig das Blut auszusaugen, weil sie ihre Kräfte für ihre wirthschaftlichen Kämpfe brauchen. Bringen Sie Vorlagen, die darauf berechnet sind, Vorlagen, die Deutsch­lands Handel, Deutschlands Wohlfahrt zu stärken geeignet sind, deneir werden wir zustünmen, aber Vorlagen wie dieser hier niemals. (Beifall bei den Socialdemokraten.) — Abg. Stolberg (kons.) erklärt, er hätte gern auch die Ausland­schiffe bewilligt, er hoffe aber auf deren spätere Bewilligung. — Abg. Bass er mann (nat.-lib.) stimmt den Kommissiousbeschlüssen zu, welche namentlich infolge der Verschmelzung mit dem letzten Flottenaesetz eine Verbesserung darstellen. Wir sind der Ansicht, daß diese Flottenoorlage ein Wahrzeichen sein wird für die fremden Nationen, mit denen wir im Wettbewerb der wirthschaftlichen Kräfte stehen, und daß wir in diesem Wettbewerb nicht gewillt sind, deutsche Ehre antasten zu. lassen, sondern daß Volk nnd Regierung in Deutsch­land davon überzeugt sind, daß es nothwendig ist, auf der See so stark zu sein, um jede Beeinträchtigung unserer Interessen abwehren zu können, und daß dafür auch die nöthige Opferwilligkeit zur Auf­bringung der Mittel vorhanden ist. Deutschland hat gezeigt, daß es seit 1870 trotz seiner starken Landarmee lediglich Friedenspolitik getrieben hat, und diese starke Armee — das muß immer wieder Hervorgehoben werden — hat sich im Wesentlichen gezeigt als ein Faktor im Interesse der Friedenserhaltung. Von diesem Gesichtspunkt betrachten wir die Flottcnvermehrung. Wir meinen, daß auch diese Vermehrung, wie sie heute verlangt und- voraussichtlich wohl bewilligt werden wird, im Interesse unserer überseeischen Anlagen bewilligt werden wird, im Interesse unseres gesammten überseeischen Handels und znm Schutz unserer Küste. Es kann ja nicht geleugnet werden — und das möchte ich auch noch dem Kollegen Bebel gegenüber hervorheben, der auf die Reise der Torpedoflottille den Rhern hinaus hingewiesen hat —: wer jene Feste mitzumachcn Gelegenheit hatte oder davon sich erzählen ließ, wird aus aller Munde das eine gehört haben, daß der Enthu­siasmus unserer Bevölkerung in der That sehr groß war und daß zu Hunderttausendeu die Menschen dem Rheine zugeströmt sind, um diesen Theil unserer Mariue zn sehen und zu begrüßen. Ans der andern Seite ist es auch sehr erfreulich, daß unsere deutschenMarüieangehörigcn bei dieser Gelegenheit eine so große Leistungsfähigkeit an den Tag ge­legt haben, wie das in der That der Fall war. (Heiterkeit.) Es ist nicht zu leugnen, daß die Erkenntniß in unserer Bevölkerung mächtig gewachsen ist, daß es nothwendig ist, die Flotte zu ver­stärken. Viele Elemente, die ursprünglich, namentlich beim Einbringen des zweiten Flottengesetzes, demselben zögernd gegenüberstanden, iud jetzt dafür. Das ist ein weittragender Faktor, der in diesem ohen Hause die Annahme des Flottengesetzes gewährleisten wird, bin überzeugt, daß wir damit ein Werk thun werden

Restaurants ist über Paris verstreut,*) in der Ausstellung selbst fehlt es nicht an solchen, so dem ganz vortrefflichen deutschen Weinrestaurant im Untergeschoß des deutschen Hauses und dem gleich empfehlenswcrthen Spatenbräu nahe der Maschinenhalle, und häufig, wenn sich der Schwarm ver­laufen hat, erschallen deutsche Lieder dort und herrscht ge- müthliche Fidellias.

Von tiefstem Eindruck war es, als neulich, bei der Er­öffnung des deutsches Hauses, oder wie es offiziell genannt wird, des Kaiserlichen Pavillons, ein von amerikanischen Touristen gemiethetcs Dampfboot auf seiner Seinefahrt vor dem deutschen Hause Halt machte, eine große schwarz-iveiß- rothe Fahne am Heck gehißt wurde und die amerikanische Kapelle die „Wacht am Rhein" anstimmte, an die sich das „Heil Dir im Siegerkranz" schloß, und bei einer wenige Tage später vom Reichskommissar an nämlicher Stätte ver­anstalteten Soiree, da wurde Nachts mehrfach im vollen Chorus „Deutschland, Deutschland über Alles" gesungen — und die Seine trat nicht über ihre Ufer und verschlang nicht die germanischen Barbaren I

Und welch einen freudigen Anblick bot kürzlich der prächtige Festsaal des Hotel Continental dar, in welchem der auf eine Woche nach Paris gekommene Verein Berliner Kauflcute ein fröhlich und angeregt verlaufenes Bankett feierte, zu dem sich 400 deutsche Damen und Herren, an ihrer Spitze der Botschafter Fürst Münster, eingefunden. Erhebende Worte wurden gesprochen, des deutschen Kaisers und des fernen Vaterlands wurde treu gedacht, ein großer vaterländischer Zug ging durch dieses stimmungsvolle, gemüths- warme Fest, welches in der an manch denkwürdigen Blättern reichen Geschichte des Dcutschthums in Paris seinen Platz behalten wird.

*) Ein Verzeichniß derselben neben vielen anderen praktischen Notizen finden unsere Leser in: „Paris und die Weltausstellung 5nV‘ m # ut Führung und zur Erinnerung." Von Paul Lindenberg. Mit Planen und zahlreichen Abbildungen. Minden i.W., J.C.C. Bruns Verlag. 1 Mk. 25 Pf.

Nach Deutschland stellen England und Amerika die meisten Besucher; drollig ist eS, daß wir Deutsche Seitens der Mehrzahl der Franzosen als Engländer betrachtet werden, und uns Vettern diesseits des Kanals macht es natürlich stets ein riesiges Vergnügen, wenn bei gemeinsamen Aus­fahrten 2Z. die liebe Straßenjugend uns mit den Rufen: „Vivo les Boers!“ zu ärger» trachtet. Der Deutsche wird als solcher, wie ich ja kürzlich schon erzählt, von Vielen nur erkannt, wenn er langen Vallbart hat, Brille, Pastorrock und Bädeker trügt; der Engländer uiacht es den Franzosen leichter, denn, natürlich mit Ausnahmen, liebt er unterwegs die Bequemlichkeit und bevorzugt die Reisemütze und Helle Anzüge. Aber auch unsere Landsleute, besonders unsere Damen, lassen sich oft gar zu sehr mit der Kleidung gehen, und da namentlich in Paris das Wort Geltung hat, daß Jeder sein Vaterland vertritt und nach der Einzelerscheinung die Gesammtheit beurtheilt wird, so wäre es schon aus diesem Grunde wünschenswerth, wenn nicht die ältesten und unansehnlichsten Gardcrobenstücke auf den Boulevards und in der Ausstellung spazieren geführt würden!

Bei dem fast plötzlich gekommenen Fremdenzufluß hapert es schon bedenklich mit den Wohnungen; die Hotels besseren Ranges sind überfüllt und die Preise sind erheblich gestiegen, unter 10 Francs für eine, unter 20 Francs für zwci Personen täglich ist jetzt kaum ein Zimmer bei mäßigen Ansprüchen zu erhalten, vielfach wird man noch theurer wohnen. Jedenfalls rathe ich, sich rechtzeitig, d. h. fünf bis acht Tage vorher, eine Wohnstätte zu bestellen, man kann sonst leicht stundenlang nach der Ankunft nmhersuchen, ehe man die müden Glieder auszustrecken vermag, und wer weiß, in welchem Bette es dann geschehen muß.*) Möblirte

*) Aus eigener Erfahrung kann ich das sehr gute deutsche und mit deutschem Restaurant verbundene Hotel d’Autriche, 37 Rue d’Hauteville, empfehlen, aber rechtzeitige Meldung ist erforderlich. — Ueber möblirte Zimmer rc. ertheilt kostenlos Auskunft die Agence Gdnerate, 11 Eue Yolney (nahe der Oper), wo auch deutsch gesprochen wird