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1. Beilage Min Wiestmüener Taablatt.

258.

( 16 . Fortsetzung.) (Nachdruck Betboten.)

Auf Gruumerde.

Roman von K. H»ak,»6-z>aysen.

Recht," sprach Marietta hastig, „erinnern

""H daran, wenn ich schwanke. Ich will nicht noch lunf Jahre in Kinderschuhen umherlaufen. Da ich den

ba"©')^ h-eibf" off ' ^ ^ er e§ ' ber «'ch ins Joch

!$ nö , 2och der Ehe! Kleine Thörinl Lenkt die Liebe die Zügels so ist die Ehe ein Paradies."

»®, ei liebe nicht, und wenn ich auch nicht achten kann —"

*® ,e l°r.“ ma ? "«e kleine, gesellschaftliche Lüge so hart richten! Haben wir nicht alle schwachen?"

Marietta lächelte bedrückt.

„Lieber Himmel, ja, seitdem ich auf Grünweide lebe, erkenne ich auch die meiuigen besser, aber —", fügte sie stockend hinzu, - „ich kann es nicht ertragen, dieselben aus Onke Reimers Munde zu hören." Sie warf ihren klonen Kopf trotzig zurück, — „und ich brauche es auch bald nicht mehr. Lassen Sie den Wagen Vorfahren, Hermlne, damit ich rechtzeitig zurück bin. Die Wahl der Toilette bereitet mir keine Mühe, man wird auf dem Lande sonderbar gleichgültig gegen alle Aeußerlichkeiten."

XVI.

Reimer hatte den Wagen mit seinem Mündel fortfahren sehen. Er selbst wünschte den Weg nach seinem Gute zu g“» zunickzulegen. Es blieben ihm ja noch mehrere Stunden bis zum Beginn der kleinen Abendgesellschaft. Daher schritt ^'„°hne sich zu eilen, durch die blühenden Felder seines Besitzes. Die Leute, die auf den Aeckern arbeiteten, konnten me schnell genug die Mützen vom Kopfe ziehen, wenn sie seiner ansichtig wurden. Er war ein beliebter, zwar strenger aber gerechter Herr, auch ein wohlthätiger, wenn auch dies nicht in dem Maß, als er es verdiente, bekannt geworden. Denn Reimer liebte keinen lauten Dank. Er besaß neben seiner geraden Ausdrucksweise und dem oftmals rauhen Wesen doch ein äußerst zartes Empfinden.

Trotzdem seine Gedanken augenblicklich lebhaft mit dem eben erlebten Vorfall auf Rosenau beschäftigt waren, gedachte er als er im Dorfe an dem Häuschen seines einstigen Groß­knechtes vorüberging, jener verarmten Frau, von der Marietta kürzlich geredet. Er hatte seine Absicht, den Verhältnissen nachzuforschen, wegen Zeitmangel nicht ausführen können. So entschloß er sich jetzt schnell dazu und trat in das kleine Haus, in den ärmlichen Raum, in welchem wieder der blasse schöne Knabe saß. Erstaunt betrachtete Reimer die guten,' ttäftigen Speisen, die vor diesem auf dem Tische standen. Die gebratene Taube und die kräftige Bouillon deuteten doch wahrlich nicht auf Armuth. Er nickte dem Knaben zu und trat in die daranstoßende Kammer, weil er dort eine Frauenstimme hörte.

Da wurde ihm allerdings ein anderer Anblick zu Theil. Das kärgliche Mahl der Mutter bestand aus trockenen Kar. toffeln, während der Kleinste sich mit vergnügtem Gesichte aus seiner Milch das Schwarzbrod herauslöffelte.

Dunkle Röthe überzog das Gesicht der bestürzten Frau, als der Gutsherr so unvermuthet vor ihr stand.

Mittwoch» den 6. Juni.

"Ei," sagte dieser „das ist ja sonderbar, daß eine so kl ne Fannlle nicht zusammen speist. Warum ißt denn der c^unge nebenan Anderes als Ihr?"

Die Frau zeigte eine ängstliche Verlegenheit, bi. S’ I totterte s", „er ist krank und schwach — mirbvSb 0 ® u * ’l" erhalten. Ist die schlecht, dann ff b e ÖU ^ mtt ’ bm sei«- Sieht er aber, daß ich An- S. ;i e '4° er "i^s, der wunderliche Junge. So ^che^'chh^n "glauben, daß ich schon früher und dasselbe

"-Zt denn der Verdienst darnach, daß Sie das Kind gut verpflegen können? fragte der Gutsherr forschenden Blickes. Sie blickte zur Erde.

.'Seit Kurzem kann ich das erst, Herr —zögernd fuhr »'stderHerr gekommen, das Geld wieder zurück- zuverlangen, was mir das Fräulein gegeben hat? Ich habe bis jetzt nur ein Goldstück davon genommen."

„Von welchem Fräulein sprechen Sie?" v™rr*'>?° n dem jungen, schönen Fräulein vom Gute. Ich wollt s auch nicht nehmen, all das viele Geld, Herr, aber da

gangen" ^ m bCn Süffer flete0t unb 'st fortge-

smÄJ°;V 9i i iu,cr iieß sich auf einen Stuhl nieder, fein?*" f @te bCn " ä “ bCt Bekanntschaft mit dem Fräw

„Sie brachte mir den Kleinsten hier von der Straße

bin'Mn 10 ' ’ 1 b « ein "^der Junge, fast wäre er unter T" ^/"ihen. Seitdem ist das Fräulein manches b!l, n «r r ^kommen. Ich glaube, um des Kranken willen, <£? • jo ? ."'"erbringt, gleich mit lateinischen Namen dabei. Der ist selig, Die glauben's gar nicht, wie sehr, Herr! Wovon sie sprechen, das ist kaum zu verstehen, das ist so gelehrt, daß es ganz entsetzlich ist."

„Aber wie kommt denn Ihr Knabe zu solchen Arbeiten?"

„, "Ä don dem Dorfschullehrer, der auf Pension steht. Ich dachte, das Kind könnte bei seiner Gescheidtheit selbst einmal ein Lehrer werden, da er zum Arbeiten nicht taugt. Wenn s nur der Karsten, mein Mann, wollte."

„Hm, ja, wo steckt denn der?"

Die Frau hatte auf Augenblicke den Kummer ihres

k» st»ch„m ÄaM?" M A->-

„Ach, Herr, Sie werden's mir nicht glauben, aber — M weiß es nicht. Seitdem er vom Gute fort ist und den

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„Also die kennen sich? Ei, ei."

„Ja, es mar noch Wintertag, als Beide Abends spät hier ankamen, und das Kartenspielen und Trinken und Fluchen war nicht anzusehen. Da sind wir aneinander ge- ra hen der Karsten und ich. Ich hab's wohl zu schlimm getrieben, denn seitdem hat er sich davon gemacht und hat mich tu Roth sitzen lassen."

Reimer runzelte die Stirn.

„Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß der Karsten N "" der Wilddieberei betheiligt hat?" fragte er, sein scharfes Auge fest auf die Frau richtend.

Dieselbe wurde schattenbleich, die Beine wankten ihr, sie li- s. • dle hölzerne Bank nieder und die arbeitsharten Hände m einander schlingend, sagte sie: „Herr des Himmels,

48. Jahrgang. 1900.

ich kann versichern, daß ich daran nie gedacht habe und st Niederträchtiges dem Karsten nicht zutrauen darf."

„Nun, nun," begütigte Reimer, „ich will Ihnen den Glauben an Ihren Mann nicht rauben. Mag sein, daß er nichts damit zu thun hat. Aber rathen möcht' ich Ihnen, wieder mit ihm zusammen zu kommen, ihm ins Gewisser zu reden, daß er wieder ein ordentlicher Mensch wird. Sie weiß es doch, daß er's mit dem unverschämten Wildfrevel noch kein Ende genommen, trotz aller Wachsamkeit meine: Leute und der Behörde."

„Ja, das weiß ich," lautete die bebende Antwort.

„Seitdem mir heute Morgen eine Kugel an dem Kopf vorbeigepfiffen, werde ich kein Erbarmen mehr kennen, und die Kugeln aus meiner Flinte, die treffen. — Ich möchte Jammer von Ihrem Heuse wenden, gute Frau. Ziehen Sie mit Manr und Kindern hier aus der Gegend fort. Wenn ich Ihnen die Mittel dazu gebe, so geschieht's um Ihre Bravheit, Frau."

. Die Frau hatte den Gutsherrn anfangs furchtbar er. schrocken angestarrt. Sie faßte nur langsam den Sinn der Worte; der gütige Ton zuletzt erweckte ihr ganzes Vertrauen Sie erzählte von Verwandten, die an der See einAnweser besäßen, wo sie für Geld eine Weile leben könnten, wenn nur der Karsten aufzufinden sei. Sie danke dem Herrn für seine Güte und Hülfe, aber die Mittel habe ja das Fräulein schon so reichlich gegeben. Und mit bebender Hand öffnete ste einen hölzernen Koffer und entnahm diesem die Goldstücke, die Marietta dort hineingelegt.

„Das ist mehr als genug, Herr," sagte sie, „wenn ich's behalten darf."

Reimer nickte zuftimmend. Seine Gedanken schweiften beim Anblick des Geldes von der Sache ab, der Geberin zu Sie war also doch warmherzig, großherzig, die schöne oppo. sttionelle, trotzige Marietta. Als er ihr diese Summe Geldes vor einiger Zeit im Beisein Fräulein Annettens gegeben, hatte sie deren scharfe Bemerkung: „Kind, Du hast doch Toiletten genug, willst Du denn diese ungeheure Summe wieder nur dafür ansstreuen?" mit einem freien, muth- willigen Lächeln, aber entgegnungslvs, hingenommen. O ja, er traute ihr eine opferbereite Freigebigkeit wohl zu, und es gefiel ihm an ihr, daß sie ein entschuldbares Motiv, seiner Tante gegenüber, nicht hatte nennen wollen.

Er erhob sich, um zu gehen, zögerte aber unwillkürlich, als er bei dem kranken Knaben vorbeikam, der seine Schüsseln zurückgeschobeu und den zarten Kopf über seine Bücher gebeugt hatte, ohne auf seine Anwesenheit zu achten. Das blasse, sanfte Gesicht hatte etwas Fesselndes an sich; cs glich den offenen, guten Zügen der Mutter, Alles an ihm aber trat feiner, vergeistigter hervor.

An Gliedern und Körperbau in Allem noch ein Kind, aber der Blick des groß aufgeschlagenen Auges ging weit über die Kindheit hinaus. — Barg die elende Hütte hier ein werdendes Genie, einen groß veranlagten Geist, der sich niemals entwickeln, nicht ausrcifen sollte, weil äußere Ver­hältnisse ihn in Fesseln schlugen? Er begriff mit einem Male das warme Interesse des jungen Mädchens für dieses Kind. So hatte sie also seinen Rath befolgt und sich mit naturwissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt. Aber mit welch heimlicher Vorsicht, als schäme sie sich, daß er Kenntniß davon erlange.

(Fortsetzung folgt.)

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