48. Jahrgang.
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239. Fernsprecher No. 52. Mittwoch» dkN 6. ZUM. Fernsprecher No. 52. 1990.
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Abend-Ausgabe.
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Die Kammermahle» in Italien
haben mit dem „Siege" der Regierung geendet, welche der neuen Kammer über eine nahezu ebenso große Mehrheit wie in der alten verfügen wird, ein Ergebniß, an dem auch ein sehr ungünstiger Ausfall der verhältnißmäßig wenigen Stichwahlen nichts zu ändern vermag. Wenn wir sagen, daß die Wahlen mit dem Siege der Negierung geendet haben, so sprechen wir freilich etwas ganz Selbstverständliches aus, denn in Italien siegen die Regierungen gewohnheitsmäßig bei den Wahlen.
Die Mehrheit bei denWahlen besagt dort weder etwas für die Politik noch für die Beliebtheit der Regierung, denn Italien gehört zu den Ländern, in denen die jeweiligen Machthaber regelmäßig den Wahlerfolg haben, weil sie die Wahlmacht haben. Die Exekutivgewalt verfügt dort über einen hinreichenden Apparat, um während der Wahlcampagne den „Anschauungen" der Regierung zum Siege zu verhelfen. Diese üble Lage der Opposition bringt es mit sich, daß gar mancher Wahlkandidat beflissen ist, unter ministerieller Flagge das Mandat zu erringen, während er, auf dem Monte Citorio angelangt, wenig Bedenken trägt, den ministeriellen Deckmantel ab- znwerfen.
Wenn wir das Ergebniß der italienischen Wahlen von diesem Standpunkt aus betrachten, so werden wir unschwer erkennen, daß es eine etwas optimistische Auffassung ist, wenn man, wie die offiziösen italienischen Meldungen es thun, von einem Siege der Negierung spricht. In Wahrheit hat die Negierung lediglich ihre Position behauptet, wobei sie noch dazu einige Einbußen erlitten hat, die der entschiedenen Opposition zu Gute gekommen sind. Zieht man in Betracht, daß die Auflösung der Kammer und die Ausschreibung der Neuwahlen eine ausdrücklich gegen die äußerste Linke, deren Obstruktion die parlamentarische Maschine ins Stocken gebracht hatte, gerichtete Maßnahme war, so schwindet immer mehr von dem Glorienschein des Regiernngssieges. Denn gerade die aus den drei Gruppen der Radikalen, Republikaner und Socialisten bestehende äußerste Linke ist es, welche allein mit einem Zuwachs aus denWahlen hervorgegangen ist, der sich, abgesehen von dem Ausfall der Stichwahl, auf ungefähr 15 Mandate beläuft. Die Kosten dieses Zuwachses hat zu zwei Dritteln die aus den Gruppen Giolitti, Zanardelli und Crispi bestehende gemäßigte Opposition zu zahlen, während das übrige
Drittel den Verlust der Regierungspartei, und zwar der Gruppe Rudini, darstellt.
Sehen wir also von den Stichwahlen ab, welche das Wahlresultat nur unwesentlich korrigiren werden, so können wir feststellen, daß die Regierungsparteien einige wenige Stimmen verloren haben, welche der äußersten Opposition zu Gute kommen, die ihrerseits noch aus den Reihen der gemäßigten Opposition Zuwachs erhalten hat. Das ist angesichts des Anlasses der Neuwahlen, wie wir schon vorhin betonten, gerade kein günstiges Resultat für die Regierung. Jedenfalls entspricht der Wahlansfall nicht im Entferntesten
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Pelloux' einzuschwören. Sie hielten früher zu Crispi, dann zu Rudini und jetzt zu Pelloux, und es würde ihnen keine Umstünde verursachen, nach vier Wochen zu Giolitti Sonuino oder einem anderen Parteiführer zu schwören, den die Wogen der politischen Tagesbewegung hochgehoben haben.
Was die Lage des Kabinetts Pelloux zu einer besonders prekären gestaltet, ist der Umstand, daß die Frage, derentwegen die Auflösung der Kammer und die Neuwahlen erfolgt sind, durch den Ausfall der Wahlen in keiner Weise geklärt worden ist. Die Auflösung erfolgte, weil die äußerste Linke sich mit der neuen parlamentarischen Geschäftsordnung nicht einverstanden erklärte und gegen dieselbe obstruirte. Daß der für sie günstige Ausfall der Wahlen die äußerste Linke, deren Kampfmuth stärker ist, als ihre politische Einsicht, veranlassen könnte, von ihrer Obstruktion abzulassen, ist nichts weniger als wahrscheinlich. Es wird mithin dem Kabinett Pelloux nichts weiter übrig bleiben, als eine Verständigung in der Geschäftssrdnungsfrage anzustreben, umso mehr, da die Nicht- wicderwahl des bisherigen Kammerpräsidenten Colombo keineswegs nach einer Billigung des ebenfalls nicht eiuwandsfreien Vorgehens der bisherigen Majorität aussieht. Unter diesen Umständen ist die parlamentarische Perspektive, welche sich in der neuen Kammer unter dem alten Regiment eröffnet, keineswegs sonderlich glänzend, und es muß als höchst zweifelhaft angesehen werden, ob es dem Kabinett Pelloux im Verlaufe seiner weiteren Thäligkeit gelingen wird, die beiden Aufgaben, von deren glücklicher Erledigung das Wohl Italiens abhängt, ihrer Lösung näher zu bringen: die Durchführung socialer Reformen und die Heilung des chronischen Defizits, welches den Hemmschuh der wirthschaftlichen Entwickelung Italiens bildet.
den prahlerischen Ankündigungen der italienischen Negierungspresse, welche sicgesgewiß verkündet hatte, daß die Wahlen zu einer „Zertrümmerung" der äußersten Linken führen würden.
Auch wird sich erst nach einiger Zeit, nach den ersten Abstimmungskämpfen in der neuen Kannner, erkennen lassen, ob die Regierungsmehrheit, die immerhin eine verhültniß- mäßig starke ist, auch so fest gefügt ist, wie es nach den Ziffern der Wahlergebnisse den Anschein hat. Wir führten schon vorher aus, daß in Italien gewohnheitsgemäß eine Anzahl Politiker unter dem ministeriellen Deckmantel den Weg zum Monte Citorio finden, ohne daß die Regierung nachher mit Sicherheit auf diese rechnen kann. Unter der Mehrheit, die jetzt auf den Namen Pelloux gewählt morden ist, befindet sich eine nicht geringe Anzahl, die gar nicht daran denkt, sich auf die Person oder das Programm
Zum Aufstand drr Dorer in China.
Die täglich einlanfenden Meldungen von dem rapiden Anwachsen des Boxer-Aufstandes in China veranlassen uns, beistehend unseren Lesern ein Kartenbild des zur Zeit hierbei in Frage kommenden Gebietes zu bringen. Zn der ganzen rebellischen und christenfeindlichen Bewegung, deren Ursache in dem Fremdenhaß der chinesischen Bevölkerung zu suchen ist, bemerken wir kurz Folgendes:
Die Banden der fremdeufcindlichen Sekten (der großen Messer-Sekte und der rothen Faust-Sekie), welche in den Provinzen Schantung und Tschili schon seit langer Zeit ihr Wesen treiben, haben sich nach Entsendung des neuen Gouverneurs von Schantung, Uüanshikai, der mit großer Truppenmacht in der Hauptstadt Tsinanfu einzog, nach dem
(Nachdruck verboten.)
Zondon auf der Hohe der Saison.
(Eigener Bericht für das „Wiesbadener Tagblatt".)
Der Derby und AScot. — Saison-Löwe«. — Khedive und Schah. — Das Deutsche Theater. — Oper. — Ring des Nibelungen. — Händclsest. — Zur Nationalität Handels. - Chor von 4000, Orchester von 500 Personen. - Flagge der Musik.
London. 5. Juni.
Wir stehen hier im Augenblick auf dem Höhepunkt der Saison. Dieser wird nach Wettrennen bemessen. Anfangs Mai beginnend, steigt die Saison mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks langsam aufwärts, bis sie mit dem am letzten Mittwoch im Mai stattfindenden großen Derby-Rennen auf ihrem Höhepunkt anlangt. Auf diesem hält sie sich nur zwei Wochen bis zum Rennen von A s c o t. Dann geht es allmählich wieder abivärts, bis Ende Juli — nach dem Kalender der fashion — mit einem Male der Sommer beginnt.
Wenn mir nun auf unserer schwindelnden Höhe um uns blicken und zugleich unsere Blicke etwas vor- und rückwärts schweifen lassen, so scheint es allerdings, als ob die diesjährige Saison nicht ganz den sonst sich immer gleich bleibenden Verlauf dieser Periode des high lifo innehalten soll. Bälle und größere Gesellschaften werden dieses Jahr sehr wenig gegeben. Das schickt sich nicht, wo die britischen Verluste in Südafrika an Todten, Verwundeten, Kranken und Gefangenen sich auf 24,000 Mann belaufen. Im Uebrigen lassen sich aber die „Upper Ten“, die tonangebenden oberen zehntausend Familien des Landes — und Alle, die dazu gehören möchten — nur wenig abgehen;
und dieses Wenige wird durch die nunmehrige Sieges- gemißheit und das Vollbewußtsein der bewiesenen Heldcn- thaten ihrer Truppen, die ja nur in einer Zahl von Sieben gegen Eins den Bnren-Farmern gegenüber stehen, mehr als ausgewogen. Der Derby mar so besucht, wie je zuvor, und hat dem englischen Volke auch noch die Geuugthuung bereitet, daß er sich von dem Prinzen von Wales hat gewinnen lassen, der durch solche Thatcn immer höher in der Gunst des englischen Volkes steigt; und so mag sich die zweite Hälfte der Saison schließlich noch glänzender gestalten, als in anderen Jahren.
Auch ein paar „lüono of the season“ stehen in Aussicht, wie man sie sich nicht besser wünschen kann. Und einige „Löwen" muß doch nun einmal jede Saison aufweisen können. Society fragt nicht, wer der auserwählte Held ist, noch was er ist, wenn es nur eine Person ist, auf welck>c die Augen der Welt zur Zeit gerade in besonderem Maße gerichtet sind, und dessen einmal persönlich ansichtig zu werden „all London" sich drängt. Es muß eigentlich Jemand sein, den man nicht immer hier um sich hat, und insofern haben hervorragende Ausländer eine besondere Anwartschaft darauf. Kaiser Wilhelm ist es schon gewesen; aber auch General Bou- langer. Ein anderes Mal war es Nasrnlla Khan, der Sohn des Emirs von Afghanistan, dem man hier auf Staatsunkosten einen großartigen Empfang bereitete, ein schöner Beivcis englischer Gastlichkeit —zugleich aber auch ein wohlerwogener politischer Schachzng! Der junge Mann gefiel sich hier denn auch so gut, daß man ihn schließlich nur mit großer Mühe — wieder loswerden konnte. Diebeiden Hauptlöwen dieses Jahres haben nicht nur wieder einen orientalischen Nimbus aufzuweiseu, sondern der eine hat dazu — was
hier noch ein besonderes Schmunzeln erzeugt — auch noch etwas Vasallenhaftes an sich. Das ist der Khedive von Egypten. Wie wird man ihn feiern! Ehrt mau doch in Wirklichkeit dadurch nur sich selbst. Denn ist nicht der wirkliche Herrscher über das Pharaonenland John Bull selbst? Der andere orientalische Gast wird der Schah von Persien sein, lind ihn feiert man vielleicht umso enthusiastischer, um sich selbst und Andere iveis zu machen, daß den Engländern gerade in Bezug auf Persien von Rußland letzthin gar keine politische Niederlage zngefügt worden. Auch der König von Schweden und Norwegen gehört zu den diesjährigen Gästen der Saison. Aber er ist ja nicht der einzige europäische Herrscher, der es mit seiner neutralen Stellung für vereinbar gehalten, zur Zeit des Kriegs England einen Besuch abzustatten. Haben wir aber nicht auch Sir George White bereits hier, den Helden von Ladysmith. Und wenn nun erst Lord Roberts heimkehrt, und gar General Baden-Powell —, doch dann dürfte wohl die Saison vorüber seinl
„Der Park" — d. h. der Hyde-Park, der Sammelpunkt der fashionablen Welt, ist im Augenblick belebter als je. Die Theater sind gut gefüllt. Nur das Deutsche Theater, das den ganzen Winter hindurch gut besucht war und sich nun veranlaßt gesehen, eine Abschiedsvorstellung zum Besten der englischen Verwundeten und Hinterbliebenen der Krieger ins Werk zu setzen, hat dieselbe „wegen Erkrankung eines Mitgliedes" wieder aufgeben müssen. Die Op er ist ebenso stark Mode, wie sie das seit Jahren gewesen. Aber während die Unternehmer aus Rücksicht ans die Kasse auch mit der herrschenden Mode wohl zu rechnen haben und manche Aufführungen in erster Reihe eben für die vielleicht
