Wiesbsökner TsgM
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: ®Ct(flgt ßflltggfiffe 27. Anzeigen-PreiS:
49. Jahrgang.
©rf(|eint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: ZV de» Ve^aq K« Pfg. monatlich, durch die Post L Mk. «« Pfg. vrertellährlich für beide Ausgaben zusammen.
übereil »fkisgali©.
Die Rechte des Kaisers.
L. Kerlin, 2. Juni.
Wenn die persönliche Gereiztheit, die sich in den Neben ocs Prinzen Ludwig von Bayern ausspricht, ihren Grund einzig m der vom Kaiser gebrauchteii Wendung „Meine Torpedoboots-Division" gehabt haben sollte, so müßte des Verwunderns über so große Wirkungen aus so kleiner Ursache kein Ende sein. Da sich die Franzosen in so liebevoller Weise dieses jüngsten Zwischenfalls in der absonderlichen Geschichte der Beziehungen zwischen Berlin und München angenommen haben, so werden sie wohl auch die weiteren Einzelheiten der Sache verfolgen und dabei mit Necht an das Wort von den „gnorellss d'LIIsinand" erinnert werden. Sollten uns weiter keine Sorgen als die vedrucken, von denen die Telegramme zwischen dem Kaiser und dem Prinzregenten Luitpold nebst den sich anschließenden prinzlichen Reden Zeugniß oblegen, so mußten wir uns als das glücklichste Volk und' das im Innern am stärksten und festesten gegründete Reich lob preisen. Nicht ohne Widerstreben geht man auf den Streitfall em, und dennoch thut man es schließlich nicht ungern weil es immer ganz hübsch ist, sich davon zu überzeugen' wie winzig die Anlässe zu Verstimmungen manchmal sein können, und wie leicht es bei einigem guten Willen wäre, derartige unnütze Reibereien und Zornmüthigkeiten zu vermeiden. Der unbefangene Beobachter lernt aus den letzten Vorkommnissen vor Allem dies, daß man an der Isar empfindlicher zu sein liebt, als sich mit den, Sclbstbcwußtsein eines gleichberechtigten Gliedstaates verträgt, und daß *.] ,e f® Empfindlichkeit bei Gelegenheiten zeigt, die selber nicht Werth und Wichtigkeit haben. Aber Anderes noch geht aus dem Zwischenfall
hervor, nämlich daß Prinz Ludwig von Bayern die Reichsverfassung vielleicht dem Buchstaben nach beherrscht, ihrem Sinn aber nicht gerecht wird. Es kann nicht als zutreffend erachtet, werden, wenn gesagt wird, daß der Kaiser nicht die Befugiilß habe, von „Seiner Torpedoboots-Division" zu sprechen. Wohl ist die Flotte die des Reichs, also nicht die des .Kaisers, und in dem sie eine Reichsinstitution darstcllt. ist ste auch die Flotte der Bundesfürsten, wobei man die herkonimliche Uebertragung staatlicher Einrichtungen auf das Gebiet der politischen Courtoisie gegenüber den Staatsoberhäuptern mit in den Kauf zu nehmen pflegt. Insofern also könnte ein von bayrischem Sclbstbcwußtsein erfüllter Mann puden, das die Bezeichnung der Flotte als einer zum Kaiser persönlich bezughabenden Institution eine Beeinträchtigung der übrigen Bundesfürsten bedeute. Aber die Rcichsverfassuna lelber rechtfertigt durchaus den vom Kaiser gebrauchten Aus- '«W m c ö ” "'cht sogar sagen muß, daß sie ihn gebietet Die Re chsverfassung gebraucht im Artikel 53 die Worte: „Kaiserliche Marine." Auch Professor v.Seydel in München , hat anerkannt, daß der Kaiser im Namen des Reichs nicht I
nur den Oberbefehl über die Marine führt, sondern " tt i e . r ganzen staatsrechtlichen Bedeutung des MÜ ?,.dere» Kriegsherr ist". Die Bezeichnung „Kaiserliche n 9 • £ ii erfe, § 0e c vabe öom bayrischen Minister
4 «r empfohlen worden (in der Sitzung
“ nb ^ar mit der Bemerkung, dag diese Fassung „mehr persönliche Beziehungen zum Neichsoberhaupt andeutet". Der alte Kaiser Wilhelm hat schon vor Jahrzehnten in Kiel von „Meiner Marine" gesprochen, und wenn jetzt in einem süddeutschen Blatt der herkömmliche Ausdruck „Seiner Majestät Schiff" als un- geschickte Uebertragung englischer Vorstellungen in das Deutsche, bemängelt wird, so ist zunächst nicht zuzugeben, daß hierin etwas Tadelnswerthes liegen sollte; es ist'aber. K “ en " es tadelnswert!) wäre, darauf hinzuweisen. daß der Ausdruck seit vielen Jahrzehnten nnbeanstandet gebraucht worden ist. Mau muß eine sehr nervöse Konstitution haben, um sich über den nn Telegramni des Kaisers an den Prinz- "gEn Luitpolt. angewcndeten Ausdruck auszuregen. In Suddeutschland, und besonders in Bayern, mögen Gründe genug des eheu. neben den unberechtigten auch berechtigte, sich durch vielerlei Thaten und Unterlassungen, die den Berliner Stempel tragen, verstimmt zu fühlen, und solche Empfindungen werden auch nördlich des Mains gebührend gewürdigt werden, b ". Stärkere die Pflicht hat, seinerseits jede Empfindlichkeit bei Seite, zu lassen. Aber das Hinausspielen auf ein Gebiet, wo nur ein allerpecsön- üchstes Mißverstehen waltet, sollte gerade im Interesse der ^ m d. b °o 'mttleren und kleinen Bundesstaaten innerhalb des. Reichsgefilges be.l Zeiten znrückgewiesen werden. Das vkclch ist nun doch einmal kein Staatenbund, sondern ein überragender Organismus, dem sich di- Einzelstaaten unterzuordnen haben, und was des Kaisers ist, muß dem Kaffer gegeben werden, nicht aus persönlicher Rücksicht nähme, sondern weil der Kaiser als solcher und keines- als König von Preußen einen Theil der Funktionen ausub, durch die eben der Reichsgedauke sich verwirklicht. Mau hat es hier nicht mit parteipolitischen Rücksichten auf ern Mehr oder Weniger an Kronrechten zu thun, sondern die Rechte des Kaisers bedeuten im Bereiche dieser Frage die Rechte des Reichs gegenüber allen Bundesstaaten, Preußen eingesihlvssen. So konnte cs seiner Zeit geschehen, daß ein Mann wie Virchow darüber klagen durfte, wie geringfügig die dem Kaiser in der Verfassung zugeschriebenen Befugnisse seien; so konnte andererseits der alte Kaiser Wilhelm seine starken Bedenken gegen die Reichsverfassuug darauf stutzen, daß ihm als König von Preußen eine Reihe von Rechten fortan beschnitten werden sollten. Wer diese S"ß e ™ r unter den Gesichtspunkt bringt, daß ganz persönliche Willensbekundungen von oberster Stelle vorlicqen beue " nun etwa begegnet werden muß, der vcr' kennt Geist und Wesen der Reichseinrichtungen in bedauerlichem Maße. Es ist den Bayern und ihrer Dynastie nun eiiimal nicht zu .helfen: das Reich besteht und hat an seiner Spitze einen Kaiser. Das Reich als solches läßt dem Glied- staate Bayern genau die Rechte, die die Verfassung ihm
gewährt, womit sich auch die anspruchsvoll,^ MinunH fr-eden geben darf. Halt man in Bayern auf die Beobachtung korrekter Formen, so. sollte man nach sorgfältigem Studium der Verfassung und ihrer berufensten Ausleger auch finden, daß diese Formen durch den Ausdruck „Meine Torpedoboots- Dwlston' in keiner Weise verletzt worden sind, daß jeder andere Ausdruck geradezu im Widerspruch mit Verfassung und Herkommen gewesen ivüre. u
Deutsches Reich.
,." Rersonalrlach richten. Die „Nordd. Ma
stg. schreibt: Die aus Wien verbreitete Nachricht, dast Kaike?
^'thelm am 18. August den Kaiser Franz Jose zu d ss n
siebzigsten Geburtstag persönlich in Wien beglückwünschen wird $'.r? l \ Wtr Ä n ' nicht begründet. - Am Sonntag starb in h ä t,U rr bcr Direktor der Kriegsakademie, General der Artillerie v. Villau me. — Wie das „Echo der Gegenwart" meldet ist der
getroffen^wordcn?"^^ ^kngens von einem Schläganfalke
. .. * Koriin. 5. Juni. Nach dem „Berk. Tagebl." wird die für den .Samstag .Vormittag angesetzt gewesene Parade über die "Klner Garnsion in diesem Jahre ^überhaupt nicht stattfiuden. m,. "Post wird von offiziöser Stelle die Nachricht von einem Est der Vereln igten Staaten und England geaeit das vom Reichstag beschlossene Fleischbeschangesetz bestW.
^ Reiche. Eine Deputation der Straßen- Hannover begab sich am Samstag zu dem Stadt-Direktor Tramm und bat denselben, die Vermitteln»» mit der Trambahn-Direktion zu übernehmen. Derselbe sagte zu wurde aber von der Straßenbahn-Direktion abgewicsen. '
Anslaud.
Werben durch lange Aveildsttzunaen, in welchen die erste Lesung des ? ?Fk-Pwvisoriuins durchberathen werden soll. Wenn es gelingt das Budget-Provlsorlnin durchzubringen, dann werde die Negierung bis zum Herbst keine Gewaltniaßregeln mehr zur Anwendung maep/n keine Versuche mit einschneidenden Experimentei,
Amtliche StatistikdesWahleraebniskes Gewählt find 860 Konstitutionelle, davon sind 271 Ministerielle' W Oppositionelle, 68 Mitglieder der äußersten Linken 8 Un'
38 b MLm,L^^"^°isen su,d Stahlen erforderlich
88 Wahlrciultate find noch ungewiß. — Die Parlaments- Wahlen sind ui ganz^talien ruhig verlaufen. Soweit man bisher aus den vorliegenden Berichten ersehen kann, scheint die Regierung einen arofien .Knwacks erbo ,->» " "u>ig
(Nachdruck verboten.)
Berliner Tl/enlerürief.
(Eigener Bericht für das „Wiesbadener Tagblatt".)
.' Spielen will nicht enden ... und wir müssen
gute Miene dazu machen. Aber wir ivollen uns nicht zu bem tleidenswerlh hinstellen. Es gab schon kummervollere theatralische Wonnemonde als der von 1900, und eigentlich ging s doch ganz maifröhlich zu auf unseren Bühnen: leicht geschürzte Weisen, heiteres Lachen, Frühlingsreigen.
Der Monat Mai ward zum Opcrettenmouat. War je ein Monat günstiger solcher Rolle?
W«J» niuthig ging mit solchem heiteren Beispiel die Königliche Oper voran, noch dazu an einem Gala-Abend.
Statt seriöser Haupt- und Staatsaktionen spielt sie dem Kaiser uni, seinen österreichischen Gästen das „Eherne
mir ü ° r :.,,® ie f e§ ist nicht zu verwechseln mit dem „Weißen Roßt das bekanntlich aus der Kreuzung BInmenthal-Kadelburg stammt. Das „Eherne Pferd" aber ist aus dem Stall des Herrn Ander an das Licht gebracht und Herr Humperdinck hat das freundliche Thier, dem die Beine vom langen Stehen etwas eingeschlafen waren, wieder in einen wohlgefälligen Trab gebracht.
Wir reiten so auf ihm mit bedächtiger Schnelle geraden Wegs auf den Venusstern. Und dieser Venusstern 'ist ein offenbar vom heiligen China annektirter Planet, in dem die Zöpfe nur so fliegen und die geschlitzten Aeuglein ein heftiges Liebeskreuzseuer eröffnen. Aber — vie Operette ist, man höre und staune, tugendhaft — es kommt darauf an, sich nicht verführen zu lassen. Wer mit dem ehernen Pferd vom Boden Chinas auffährt, in den Venusstern hineinplatzt und dem liebenswürdigen Werben dieser Blumenmädchen und ihrem Locken: Komm, holder Knabe I in bereitwilligster Gefälligkeit sich zur Verfügung stellen will, fliegt a tempo den gleichen Weg, den er gekomnlen, wieder
ei»'-» großen Zuwachs 'erh'cfften zu haben""Belnerkenswettl?^st'di? Wiederwahl Erispls und die Niederlage Eolombos: ferner di- Wiederwahl von 5 Ministern und 2 Unterstaatssekretären. - $' r Hanptcharakter der Wahlen .stader Gegensatz zwischen dem Norden der oppositionell, und dem Süden, der ministeriell wählte Da
L d-i fÄ'ff »'■ L°>.
* Frankreich. Der neue Kriegsminister hat anläßlich seines Amtsantritts einen umfassenden Straferlaß angeorduet und de» S* n 0«»? on C'vilkleidern außer Dienst
das Gallifet verboten hatte, wieder gestattet.
.. .* Tinlrei. Die Botschafter der drei griechischen Garantie- lnachte (Rußland, England und Frankreich) empfingen von ihren Regierungen die formelle Weisung, die Pforte zu veranlasse» den legalen handelspolltlschen Znstwid gegenüber Griechenland auf
hinunter, nur noch plötzlicher. lind spricht er unten von Pagöde^^ *° loanbctt er alsobald zur
Alls dieserTugendexmission und derPagodeiimetamolphose. hen Erweckungsversuchen, den vielen unsoliden- Mondarinen
'^nchlustige Wirkung, die flott auf der graziösen Musik Aubers dahintanzt.
-,.„.kk" b Freude für ästhetische Augen war die Farben- “"f, dieser leuchtenden chinesischen Bilder, Stickereien,
Seiden, abgetönte und abgestimmte Farbe», feiner Nuancen voll.
f, C£0 i!^I ,eu ,^/wande tanzt die Operette immer am sicheisen. Das erfahrt allabendlich im Metropoltheater der n“? ^l", den Julius Freund nach weit- verzweigten Quellen dem geliebten Deutsch acclimatisirt hat.
und k„l'tNck!-",«i? £ ^n 0£ " £ ^osse. die mit größter Seelenruhe Ungenirtheit das Umvahrscheinliche zun, Erc grüß niacht. Es giebt Mumicnballcts, egyptische Königs- 2 ,^i d,°Eers scher Innigkeit des Gemüths, Katakomb?»- mysteuen, Niluberschwemmunge», und über Allem schwebt d"' unverfrorene Geist eines Berliners, der die Frechheit etabstren ^"" b£ b ^ Mysterien als Zauberer zu
Niemand wiirde es Wunder nehmen, wenn schließlich die Pyramiden ins Tanzen kämen und mit den ehrwürdigen Krokodilen des Stroms eine Quadrille h la Moulin Rouge
J es doch nicht. Und das
Krokodil, das mch die uninteressanteste und unsympathischste Rolle dieser Komodie der Irrungen darstellt, bleibt fein züchtig und sittsam an dem blauen Band, au dem es als H"Ehler der Prinzessin geführt wird. Und der kluge Dachshund der in der grauslichen Hülle steckt, und dessen krummwatsche'nde Beme °n naturell den Krokodilbauch tragen, ist sich seine, drauiaturgischen Mission bewußt.
^Ohne Exotik versucht es das lustige Spiel „Wie man Männer fesselt" im Thalia-Theater. Freilich hat es dafür einen Einsatz, für den man nicht nur wie Shylvck "uf einen Wald voll Affen, sondern auch auf alle Muniieu, Krokrodile, Mandariuen und Pagoden gern verzichtete, die fesche Annie Dirkens.
Sie produzirt sich als erotischer Janus. Im 1 . Akt als junge Frau. so lady-like und ahnungslos, daß cs dem Gatten unheimlich wird und er von der „eisernen Jung- frau" eiligst sich zu den bequemeren Freuden seiner Juna- gesellentage begiebt.
r.- U , n L llU t c , bn o < !. 1 ' bcr t e ® ifb - Der Ehrgeiz erwacht und die gletscherhafte Lady, der ihre Tugend so geringen Lohn gebracht, will nun lernen, wie nian Rtäniier fesselt. Als praktische Strategin geht sie gleich vor die richtige Schmiede zu der gefälligen Dame, deren Spezialität die Schwächen des uiitngendhaften Gatten sind.
Und mit respektvoller Bewunderung sehen wir, wie sie lernt, mit welchem Eifer und — welchem Talent Wie konnte das unbelohnt bleiben. Bald erklärt die große Meisterin neiderfüllt, daß sie ihr nichts mehr lehren könne und jetzt koimilt die Zeit ihrer Herrschaft, sie weiß jetzt, wie man Männer fesselt, und monviour Io mari kann sicki gratulireu.
Ein Lachen ans alter Zeit ward lebendig im i 11 ?? T'hkater. Paul Lindau hatte den glücklichen Einfall, die alte Kalisch-Posse „Berlin bei Nacht" in Stil und Stlmmniig der vierziger Jahre auf die Bretter zu bringen, und er hat damit einen heiteren Sieg erfochten Elne entzückende Verbündete fand er in Schneider-Nissen, die in der Krinoline eine Laune mitbrachte, die unwider'
Der altmodische Reiz des E Straßenbild der Linden mit der ball bei Kroll, wirkte so c
