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«8. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezngs-PreiS; durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post » Mk. «O Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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|to. 255. Samstag, btn 2. Imch

flhend-flusgabe.

(Nachdruck verboten.)

Wngsten.

Pfingsten ist uns das Hochfest des Frühlings. Zuweilen ist uns schon zum Osterfest eine Vorahnung der Frühlings- Wonne vergönnt. In diesem Jahr aber waren zu Ostern Regenschirme und Wintermäntel die begehrtesten Artikel, llmsouiehr Grund hatten alle Diejenigen, für welche die Festtage eine willkommene Abwechslung in dem Treiben des Alltagslebens und eine langersehnte Erholung bedeutet, Ursache, mit freudiger Hoffnung dem Pfingstfest entgegen- zublicken, über dem wie über keinem anderen Fest Frühlings- zanber und Frühlingsduft ausgebreitet sind. Um uns grünt es und blüht cs. In voller herrlicher Entfaltung begriffen prangt die Natur und allüberall spüren wir ein geheimniß- volles Wirken und Weben. Wer jahraus, jahrein in seiner häuslichen Werkstatt, in seinem Comptoir, in seinem Studir- zimmer oder in seiner sonstigen Arbeitsstätte festgebannt ist, den treibt es am Pfingstfest hinaus, auf daß auch er theilhaftig werde der erhebenden und läuternden Wirkung, die der heilige Pfingstgeist, wie die Natur selbst ihn uns empfinden läßt, über Alle ausgießt.

Als das Fest der Erinnerung an die Ausgießung des heiligen Geistes begeht die christliche Religion das Pfingst­fest. In ergreifender Weise schildert die Legende die heilige Begeisterung, die an dem fünfzigsten Tage nach Ostern die in Jerusalem aus fast aller Herren Länder zusammen­geströmte Volksmenge gleichsam mit urplötzlicher Gemalt er­griff und in ihnen das Verstündniß für die neuverkündete Lehre weckte. Der erste überwältigende Schmerz, der die Jünger Jesu Christi bei dem Tod des Meisters ergriffen, war ruhigeren Gefühlen gewichen. Sie begannen sich der Worte zu erinnern, die er bei Lebzeiten zu ihnen gesprochen, und in ihnen Allen wurde die feste Ueberzeugung lebendig, daß der Kreuzestod des Meisters keinen Tod bedeute, sondern vielmehr die Auferstehung zu einem neuen, zu einem. besseren Leben. Die Lehre, welche die Jünger- Christi mit den feurigen Zungen der Begeisterung ver­kündeten, fand einen mächtigen Widerhall und die in Jerusalem versammelten Juden und Heiden, die bis dahin der neuen Lehre ihr Ohr verschlossen oder ihr Hohn und Spott entgegengebracht hatten, beugten sich einträchtig vor dem göttlichen Gedanken der christlichen Lehre.

An diesem ersten Pfingstsonntag trat das Christenthum ins dem engen Kreise seiner bisherigen Anhänger heraus and es wurde gleichsam zur Weltreligion. Denn an jenem Tage wurde zum ersten Male verkündet, daß das Menschen­geschlecht eine Gemeinsamkeit darstellt, daß die Verschieden­heiten, welche zwischen den Menschen, zwischen den Völkern bestehen, geringer find als das, was ihnen gemeinsam ist. Bis dahin waren die Religionen Staatsreligionen gewesen. Das Christenthum trat in die Welt als die Religion, die wie einen Gott so auch nur eine große Gemeinde anerkannte. Bis zu diesem ersten Pfingstfest hatte es als etivas ganz Selbstverständliches gegolten, daß die Natur selbst die Menschen in verschiedene Stämme und Völker getheilt habe, die darauf angewiesen sind, einander zu bekämpfen und zu vernichten. Das Christenthum und damit hatte die, Menschheit eine neue Stufe ihres sittlichen und geistigen l

Fortschritts erstiegen lehrte, daß die Menschen berufen

sind, ,n Frieden mit einander zu leben und gemeinsam nach den hohen Zielen zu streben, die uns allen in gleicher Weise gesteckt sind. Das Christenthum predigte den Geist der Versöhnlichkeit, es gebot uns, unsere Feinde zu lieben und nicht Böses mit Bösem zu vergelten.

Freilich, wie weltumwälzend das Christenthum auch in den Entwicklungsgang der Menschheit cingcgriffen hat, es ist nicht Alles in Erfüllung gegangen, was jene Lehre ver­kündet und erstrebt hat. Noch fehlt Vieles, sehr Vieles daran, daß alle Lehren des Christenthums in die That über- gefuhrt würden. Die Lehre, daß wir unsere Feinde lieben ollen wie uns selbst, hat in der rauhen Wirklichkeit noch keine Geltung erlangt. Noch immer wirkt zwischen den Völkern nicht nur, sondern auch oft genug zwischen den Mitgliedern eines Volkes weit stärker als das, was uns einigt, das, was uns trennt. Noch ist der innere Gehalt des Christenthums nicht so tief in unser Herz gedrungen, daß wir uns entschließen könnten, überall da der Leiden­schaft, dem Haß, der Rachsucht zu entsagen, wo Versöhnlich­st und Friedensliebe uns nicht nur durch die Gesetze der Religion, sondern auch durch die der Vernunft geboten werden.

. = An" auch noch viel Zeit vergehen mag, bis die Gebote des Christenthums allüberall ihre Anerkennung und Geltung gefunden haben, so zeigen uns doch gerade die social- reformatorischen Bestrebungen der letzten Jahrzehnte, die wachsende Bethätigung des praktischen Christenthums, die zahlreichen Werke barmherziger Menschenliebe, das zunehmende Verstandmß für die Lage der vom Geschick minder be- günstigten Volksklassen, daß trotz aller Klagen über die Ver­derbtheit der Welt die Lehren des echten und wahren Christenthums sich einer steigenden Anerkennung erfreuen, daß ihre Bethätigung in stetem Wachsthum begriffen ist. Mit der Hoffnung, daß dies in immer steigendem Maße der Fall sein wird, erfüllt uns das Pfingstfest. Es redet zu uns von dem Walten des Geistes auch in der Mcnschen- welt. und der Glaube an den Geist ist nach einem schönen und beherzigenswerthen Worte ein fröhlicher Glaube, weil er der Glaube ist an die siegreiche Macht des Guten in der Weltgeschichte. __

Drrrtsches Deich.

Zur Kanalfrage.

Die Ankündigung, daß die Kanalvorlage noch in der gegenwärtigen Landtagssession eingebracht werden soll, wird sich, wie man weiß, nicht bewahrheiten. Der Gesetzentwurf lst frühestens in einer besonderen Herbstsession zu erwarten, wahrscheinlich erst in der regelmäßigen Wintersession. In­zwischen wächst in Stettin die Erbitterung darüber, daß die Interessen dieses wichtigsten preußischen Seehafens durch die Verzögerung der Kanalvorlage noch mehr als bishex schon beeinträchtigt werden sollen, was namentlich geschehen wird durch die bevorstehende Eröffnung des Elb-Trave-Kanals, der Lübeck zu einem Hamburg ebenbürtigen Ausfallsthor der Elbschiffahrt machen wird. Man kann es den Stettincrn wahrlich nicht verdenken, wenn sie verlangen, daß der Kanal nach Berlin als Theilstück des großen Kanalnctzes schon vor der Bewilligung des Gesanimtplans ausgeführt werde. Es ist bekannt, daß die konservativen Gegner der Kanalpol,tik gegen diese Fassung nichts Erhebliches ein- 1 zuwenden haben, einmal, weil die pommcr'schenKonservativen I

in dieser Frage ausnahmsweise auf Seiten Stettins stehen sodann, weil die ostelbische Taktik darauf aus ist den Mittellandkanal dadurch zu Fall zu bringen, daß die Wünsche einzelner Interessenten auf Kosten der Mitinteressenten be­friedigt werden. Eine Zeit lang schien es, als werde die Regierung sich in der That dafür entscheiden, den Berlin- Stettiner Kanal früher als die übrigen Kanäle aus­zuführen. Auch bleibt die Möglichkeit' offen, daß dies geschehen könnte. Zunächst allerdings laßt die Re­gierung versichern, daß nur alle Wasserstraßen zu­gleich gebaut werden sollen, daß keine vor den andere» ailsgeführt werden darf. In einem offiziösen Artikel wird auseinandcrgesetzt, daß es auf ein paar Monate mehr oder weniger jetzt nicht mehr ankommen könne. Dies ließe sich hören, wenn man nur einigermaßen die Sicherheit hätte daß die Regierung ihre ganze Kraft darauf verwenden wird wenigstens im Winter das lang Versäumte nachznholen und sich vor die Kanalpolitik mit derselben Entschlossenheit zu spannen, wie vor die Flottenverstürkung. In der Sache selbst liegt es so, daß eine Bevorzugung des Berlin- Stettiner Kanalplanes gleichbedeutend wäre mit einer Zurückstellung des Mittellandkanals auf unabsehbare Zeit Bis zum Herbst, spätestens bis zum Winter werden die Einzelheiten der Kanalvorlage jedenfalls bis ins Kleinste durchgearbeitet sein- sodaß alsdann gar kein Grund mehr für eine Verschiedenheit der Behandlung der einzelnen Kanalpläne erkennbar wäre. Die Kosten­frage könnte am allerwenigsten entscheidend sein. Wen« einmal 300 bis 400 Millionen für den Gesammtplan be­willigt werden, so kommt es auf Eins hinaus, wie diese Summe verausgabt wird. Ihre Vertheilung auf eine ganze Rethe von Jahren ist ohnehin selbstverständlich. So sehr nach alledem den Stettinern zu wünschen wäre, daß ihre thatsächlich schwer bedrohten Interessen so schnell wie mög­lich Berücksichtigung finden, so kann man nicht sagen, daß diese Rücksichtnahme in dem Herausheben des Berlin- Stettiner Schiffahrtsweges aus der sonstigen Kanalvorlage bestehen würde. Zu einer besonderen Behandlung Stettins und seiner Bedürfnisse wäre immer noch Zeit, wenn di« umfassendere Vorlage wieder scheitern sollte.

Sociales.

Einen bemerkenswerthen Beitrag zur kommunalen Social­politik theilt dieSociale Praxis" mit. Im offiziellen Sitzungsbericht des Stadtraths von Karlsruhe heißt es: Die deutsche Gasglühlicht-Aktiengesellschaft fragt für eine ihr befreundete Firma an. ob in hiesiger Stadt Gelände und Lokalitäten für die Errichtung einer bedeutenden Banmwoll- fabrik zur Verfügung gestellt werden können. In der Fabrik sollen bis zu 2000 Arbeiterinnen (Frauen und Mädchen zwischen 16 und 30 Jahren) beschäftigt werden, davon ein Drittel das ganze Jahr hindurch, die übrigen nur einige Monate im Jahr. Für die Arbeiterinnen ist bei zehn­stündiger Arbeitszeit (incl. eine Stunde Pause) ein T a g l 0 h n von 1,20 Mk. in Aussicht genommen. Der Stadtrath sieht in der Errichtung einer Fabrik, in der zahlreiche Frauen gegen eine solche gänzlich ungenügende Bezahlung beschäftigt werden sollen, keinen Vortheil für die Gemeinde und beschließt, die Anfrage nicht zu beantworten." Ein mackerer Beschluß! Wie es scheint, sucht die Firma, der es in Karlsruhe so übel ergehen mußte, jetzt ein Terrain in Sachsen. Wenigstens

Vsingste».

Pfingsten, Du liebliches Fest der Maien! Pfingsten, Du herzerfreuende Zeit,

Wenn sich die Wunder des Himmels erneuen Rings in der prangenden Herrlichkeit.

Wenn ans des Werdens knospender Hülle,

Reich stch entfaltend, das Leben quillt.

Und in der Schönheit bezaubernder Fülle Jede Verheißung sich herrlich erfüllt.

Pfingsten, D» liebliches Fest der Maien! Trösterin Du, nach des Winters Nacht!

Grünende Fluren das Auge erfreuen,

Blüthen und Blumen in holdester Pracht. Schimmernde Höhen, vom Dufte umflossen,

Ovaler, die dunklen, durchfluthet von Licht,

Neberall wonniges Blühen und Sprossen

Wie es erfreuend zum Herzen spricht!

Pfingsten, Du Festgruß der göttlichen Liebe,

L>te hcnt' erleuchtend die Herzen durchdringt!

Du unsre irdischen Triebe,

Daß sich das Edle zum Lichte ringt.

Sße'rtv , 68 ® ten ' norf) schlummernd, verborgen,

Me m ^ segnender Kraft,

Lichtvollst.^E'^fingsten strahlender Morgen, «rchtvollste Freude und Liebe schafft.

Friederike Rohr deck.

I

(Nachdruck verboten.)

Berliner Brief.

(Von unserem eigenen Korrespondenten.)

Der kritische Berliner Barnnm-Bailey. -Die Woche", u-d Aschinger. - Wiener in Berlin. - Die Ikr,min.,»-Polizei. Das sogenannteAttentat ans den Kaiser".

Der kritische Berliner glaubt nichts eher, als bis er es selbst sieht, und mit Versprechungen läßt er sich nicht ab­speisen. Der kritische Berliner, ja, ist er denn wirklich kritisch, oder ist er am Ende nur Nörgler und fällt auf ein geschicktes Manöver, aller Renommisterei ungeachtet, genau so leicht herein, wie der vielgeschmühte Provinziale?

Kritisch ist er, das beweist jede neue Beobachtung Allem gegenüber, was ihm von außen her mit lauter Reklame an- gepriesen wird. So jüngst gegenüber der Riesen-Reklame, die der Riesen-Cirkus oder, wie man diese Schaustellung sonst nennen will, Barnum-Bailey vorher gemacht hat. Wenn sonst das Sprichwort zutrifft, daß der Prophet nichts m seinem Vaterlande gilt, so darf mau für Berlin noch hmzufügen, daß noch weniger der von außen Komniende in Berlin gilt. Der Berliner fühlt sich anscheinend in seiner neuerrungcnen Weltstadtwürde gefährdet, wenn eine andere Stadt über irgend eine Persönlichkeit oder Sache ein maß­gebendes Urtheil fällen will. Für Berlin giebt cs in diesen Dingen keinen ros inäieat», Berlin will alle Urtheile vor den Kassationshof seinesinappellablen" Geschmacks bringen. Und so strömte man zwar in Hellen Haufen auf die Straßen, als es galt, den (stark provinzmäßigen) Auf- j

zug der Barnum-Truppe zu sehen, aber das Interesse an den Darbietungen ist nicht groß. Größere Beachtung findet nur die Schönheitsgallerie menschlicher Abnormitäten, so ziemlich das Scheußlichste, was je einem lieben, sensations­lüsternen Publikum gezeigt worden ist.

Denn sensationslüstern ist dieses Berliner Publikum nun freilich, ärger als die Bewohner von Trippstrill oder Krähwinkel. Und das stimmt nicht recht zu der kritischen Ader, deren sich der Berliner mit Recht rühmt. Wo es Neues zu erfahren giebt, da ist er mitten drunter. Bekannt ist die Beharrlichkeit, mit der der Berliner ein gestürztes Droschkenpfcrd für ein Ereigniß von höchster Wichtigkeit hält, dem er in allen seinen Phase» beiwohnen muß. Die falschen Extrablätter vom südafrikanischen Kriegsschauplatz wurden mit unerschütterlichem Vertrauen gekauft und ihre Nachrichten ernst genommen. Neugier und Oberflächlichkeit kennzeichnen auch den Theil des Berliner Publikums, über den der Zeitungsverleger August Scherl seine ruhmreiche Herrschaft führt.Die Woche", die sich stolzmoderne" illustrirte Wochenschrift nennt, ist ein besonderes Zeichen nicht nur für den feinen geschäftlichen Spürsinn Scherls, sondern besonders für die zunehmende Verflachung des Geschmacks. Kurz und bündig will der geplagte, niemals freie Großstädter alle Ereignisse, am liebsten mit Kritik, dargebotcn haben, und diesem Verlangen istDie Woche" sogar mit illustrirten Artikeln gerecht geworden. Diese Sucht nach Illustrationen, zumal nach photographischen Moment- aufnahmen ist die schädlichste Zerstörerin des Geschmacks. Der Sinn für das Wesen einer künstlerischen Illustration