Wiesbadener Tsgblck.
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Samstag, 17. Llpril 1913.
Morgen - Kusgabe.
Nr. 177. ♦ 63. Jahrgang.
Der Krieg.
von den östlichen Kriegsschauplatz en.
ver österreichisch - ungarische Tagesbericht.
Lin Teilerfolg an der Nida. — Trotze Verluste der Russen. — 720 Gefangene.
W. T.-B. Wien, 16. April. (Nichtamtlich.) Amtlich wird MM 16. April gemeldet: In Pole« wurde ein russischer An- Dkiff bei P b l o d i e östlich Piotrkow abgewiesen.
An der unteren Nida schoss unser Artillerieseuer ein »»sfischeS Munitionsdepot in Brand. Mehrere Schützengräben der Russen, die in unserem wirkungs- ptKfm Seschützfeuer lagen, wurden vom Gegner unter Sf*|cn Berlusten fluchtartig verlassen.
I» den Karpathen kam eS nur in dem W aldge - Sitge zu vereinzelten Kämpfen. Borgehende russische Jn- froterie wnrde, wie immer, unter bedeutenden Ber- l»fte« abgewiesen. 456 Gefangene. Partielle Kämpfe im Dtttzl-Tale brachten weitere 268 Gefangene.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes: v. Höfer, Feldmarschalleutnant.
Archangel nicht schon eisfrei.
Christiania, 15. April. lK. Z.) Die Nachricht, dass der Hafen von Archangel durch Eisbrecher sür die Schiffahrt geöffnet worden sei, wird für völlig unglaubwürdig er. klärt. Sie sei bestimmt unrichtig; es fei undenkbar, dass der Hafen schon jetzt einsfrei werde.
Zum russischen Kampf gegen die deutsche Sprache.
Kiel, 15. April. (K. Z.) Die Russen wollen das Deutsche sichtlich in ihrem Reiche austilgen, obwohl unsere Sprache die beste Vermittlerin zwischen Russland und der Kulturwelt Jahrhunderte hindurch gewesen ist. Darüber sehen sich die gegenwärtigen Gewalthaber hinweg. In einem Bericht des schwedischen Konsulats in Petersburg wird hervorgehoben, dass Autzfuhrgütern für Russland nicht Ursprungs- n ach weise in deutscher Sprache beigefügt werden dürfen. Beim Gebrauch des Nichtrussischen sei es notwendig, entweder Französisch oder Englisch zu schreiben. Auch Rechnungen und andere geschäftliche Urkunden mühten russisch, französisch oder englisch abgefaht werden. Das ist eine Erschwerung des neutralen Handels, da im Norden »die deutsche Sprache unter den Fremden am bekanntesten ist.
vom französisch-belgischen Kriegsschauplatz.
vie feindlichen Fliegerangriffe in Süddeuischland.
W- T.-B. Halpingen, 16. April. Heute vormittag warf ein feindlicher Flieger insgesamt fünf Bomben in der hiesigen Gemarkung ab. Vier davon richteten keinen Schaden an, während die fünfte zwei leerstehende D-Zugwagen zertrümmerte, die in Brand gerieten. Ein m der Nähe befindlicher Angestellter der Frankfurter Baufirma H e l f f - mann u. Co. erlitt lebensgefährliche Verletzungen.
Lin Fliegerangriff auf die Pulverfabrik Rottweil-
W. T.-B. Stuttgart, 16. April. (Nichtamtlich.) Das stellvertretende Generalkommando gibt bekannt: Heute vor
mittag 9.50 Uhr fand ein Fliegerangriff durch einen französischen Doppeldecker auf die Pulverfabrik in Rottweil statt. Der Flieger, von Abwehrkanonen sofort mit Feuer empfangen, warf einige Bomben ab. Da-, durch wurden zwei Zivilpersonen getötet und eine schwer verwundet. Der Materialschaden ist gering. Der Betrieb der Fabrik ist nicht gestört. Der Flieger, dessen Maschine durch Treffer Schaden erlitt, flog in südwestlicher Richtung weiter.
Feindliche Flieger über Brügge.
Bon der holländischen Grenze, 14. April. (K. Z.) Am Sonntag zwischen 11 und 12 Uhr erschienen mehrere Flieger über Brügge. Sie wurden von allen Seiten heftig beschossen. — Am Montag warf ein Flieger vier Bomben auf die alten Hafenanlagen von Brügge. Zwei Häuser wurden zerstört.
Der französische Tagesbericht.
W. T-B. Paris, 15. April. 11 Uhr abends: Nördlich von Ar ras haben wir einen glänzenden Erfolg davon getragen, welcher den von: letzten Monat vervollständigte. Der ganze Gebirgsvorsprung südlich von Notre Dame de Lorette wurde von unseren Truppen genommen, die jetzt alle südöstlichen Abhänge bis zur Spitze von Ablain Saint- Nazaire halten. Wir haben 150 Gefangene gemacht, darunter mehrere Offiziere, und drei Bombenwerfer und zwei Maschinengewehre erbeutet. Bei T h i e p v a l und bei 3 a Doiselle und in der Gegend von Albert hat der Feind zwei Angriffe zu unterriehmen versucht, welche unverzüglich aufgehalten wurden. In den Argonnen hat unsere Artillerie bei Bagatelle den Hauptschützengraben der Deutschen zerstört. Weiter östlich beim MeuriffonSbach haben wir einen Angriff zurückgewiesen. Bei Les Ep arges Hai der Feind in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag dreimal einen Gegenangriff unternommen, nur uns den östlichen Ge- birgsvorsprung wieder zu nehmen. Er wurde zurückgcschlagen
und erlitt starke Verluste. Mittags hat er die Stellung heftig beschossen, jedoch nicht angegriffen. Im Mont-Mare- W a l d haben wir einen Gegenangriff zurückgewiesen und unsere Arbeiten auf dem am 13. eroberten Gelände fortgesetzt. Unsere Beute beläuft sich auf zwei Revolverkanonen, zwei Bombenwerfer, ein Maschinengeivehr, mehrere hundert Gewehrs und Tausende von Patronen und Granaten. . Im Priesterwalde haben lvir einen Angrfff zurückgewiesen und Gefangene gemacht.
Die Einberufungen der 45jährigen in Frankreich.
Genf, 15. April. (K. V.-Z.) Die französischen Blätter melden, dass alle Mannschaften des bewaffneten Dienstes der JahreSklaffe 1889 zwischen dem 15. und 30. April zu den Fahnen einbevusen werden.
Französische Sorgen um die Bevölkerung der Skvrd- departements.
W. T.-B. Lyon, 16. April. (Nichtamtlich) „Progress" meldet aus Paris: Ministerpräsident Viviani hat gestern eine Abordnung von Deputierten der Norddepartements empfangen, die mit ihm die Frage der Verproviantierung der Zivilbevölkerung des vom Feinde besetzten Testes der Norddepartements erörterten. Viviani erklärt ferner, bie Regierung werde veranlassen, dass die von den Deutschen nach Frankreich zurückbesürderten Einwohner dieses Gebietes das van den dortigen Ortsbewohnern ausgegebene Papiergeld zu entsprechendem Werte gegen französisches Umtauschen können.
Frenchs Bericht vom 12. April.
Bon der holländischen Grenze, 15. April. (K. Z.) Am Dienstag veröffentlichte das englische Pressebureau folgenden Bericht des Feldmarschalls Sir John French vom 12. April: Die Lage ist während der ganzen vorigen Woche unverändert geblieben. Am Morgen des 9. sprengten wir mit Erfolg eine Mine in der Gegend von Armentieres. Dadurch wurden die von Schiehscharten durchbrochenen Mauern eines vom Feinde besetzten Hauses zerstört und den Deutschen Verluste zugesügl, die mit 39 gezählt wurden. Der Feind antwortete mit einer Beschiehnng unserer Stellungen, richtete jedoch dadurch keinen Schaden an. Am 7. früh sprengten die Deutschen zwei Minen auf unserer rechten Flanke, vermochten jedoch mcht, unsere Schützengräben zu beschädigen. Eine ähnlich harmlose Sprengung ereignete sich gegenüber nirserer Linken am Abend des 9.
Eine französische „Prophezeiung."
(Bon unserer Berliner Schriftleitung.)
II.
Ms hierher habe ich so gesprochen, als ob die Werkstätten am Rhein, in Sachsen und in Schlesien sich allein über B r e m e n und Hamburg versorgen. Das ist nicht genau. Es gibt zwei Häfen, welche in dem deutschen Wirtschaftsleben eine fast ebenso wichtig e Rolle spielen. Das ist Rotterdam und besonders Antwerpen. Wirtschaftlich gesprochen sind es zwei deutsche Städte. Indessen politisch sind es zwei fremde Städte: Rotterdam liegt in
Holland, Antwerpen in Belgien. Das ist eine Tatsache von höchster Wichtigkeit. Deshalb muß aber auch die Regierung Georgs V. sich mit allen ihren Kräften bemühen, beide Häfen zu verschließen. Damit Eng. land über Deutschland triumphiere, mutz Antwerpen verschlossen werden; damit Deutschland widerstehen könne, muß Antwerpen offenblechen. Für beide ist es eine Lebensfrage.
Also: in der Umgebung von Antwerpen wird sich das Schicksal beider Reiche entscheiden. In den belgischen Ebenen wird zwischen den beiden großen in- dustriellen Nationen um die wirtschaftliche Herrschaft über die alte Welt gestritten werden. Aber, wird man sagen, wenn England und Deutschland durchaus Krieg führen wollen, mögen sie es tun! Wir brauchen uns nicht hinelnzumischen: bleiben wir neutral! Das ist ein loeiser Schluß! Unglücklicherweise nicht leicht auszuführen, denn jeder der beiden Gegner wird in den Konflikt verwickelt. England braucht unser Heer. Deutschland braucht unser Geld. Beide zerren an uns. Das eine nach dieser, das andere nach jener Richtung. Das ist das Geheimnis der chauvinistischen Aufregung, welche die zu allem bereite Presse augenblicklich anfacht.
Wie ich dargelegt habe, muß England, um die deutsche Industrie auszuhungern, unbedingt Antwerpen blockieren. Wenn Deutschland zuvorkommt, wird» man Antwerpen zu Lande erobern müssen. Aber damit ändert sich die Art der Operation. England muß Trup- pen in Belgien landen. Diese Truppen müssen dem preußischen Heer den Weg versperren und es auf den Rhein oder die Maas zurückwerfen. Deshalb hat L o r d K i t ch e n e r. der große englische General, den berühmten Ausspruch getan: „Die Grenze des briti-
scheu Reiches in Europa ist nicht die Meerenge von Calais, cs ist die Maaslinie." Ein eigentümlicher Ausspruch, welcher zeigt, wie man die belgische Neutralität achten will.
Aber mit welchen Truppen lvird England diese Grenzen besetzend Da sie keine Truppen in ihrem
Lande'fanden, dachten sie an Frankreich. Sie haben 'ich gesagt: „Es fehlt uns an Soldaten, aber Frankreich hat welche. Dort jenseits der Meerenge von Calais steht eine zahlreiche, gut ausgebildete, gut ausgerüstete Armee, eine Armee, welche imstande ist, den Deutschen gegenüber standzuhalten. Die Franzosen sind tapfer. Sie sind kriegerische, sie lieben den Krieg und verstehen, Krieg zu führen. Wenn man ihnen nur die großen Worte von nationaler Ehre, von überwiegenden Interessen des Vaterlandes und der Zivilisation souffliert, werden sie losgehen. Versuchen wir, die französische Armee zu bekommen. Das wird nicht sehr schwer sein. Die französische Demokratie ist nur eine Dekoration. In Wirklichkeit wird jenes Volk beherrscht durch eine kleine Zahl von Finanzleuten und Großindustriellen, in deren Hände sich die Presse und die Politiker befinden. Verhandeln wir mit diesen Leuten. Versprechen wir ihnen einige gewichtige Kriegsanleihen, bei welchen ihre Banken tüchtige Kommissionsgelder erhalten werden; verpflichten wir pns, daß sie einige Eisenbahnbauaufträge in der Türkei erhalten und einige bedeutende Unternehmungen in Syrien, in Äthiopien und Marokko. Und für einige Millionen iverden sie uns das französische Heer verkanten."
T e l c a s s 6 wollte uns 1906 schon in einen Krieg mit Deutschland verwickeln. Das ist inißlungen und hat England zur Vorsicht gemahnt. Aber England hat gewartet, bis der Freund und Tischgesährte Eduard VII. wieder in eine Machtstellung gekoni- men ist.
Seit 40 Jahren hat es den Deutschen nicht an Gelegenheiten gefehlt, uns anzugreifen und zu besiegen. Wenn sie es nicht getan haben, geschah es nicht aus Sympathie sür uns, sondern weil sie gänzlich in Anspruch genommen sind von der Aufgabe, aus ihren! Lande die große industrielle Nation zu schaffen. Aber haben sie Gründe, mit uns einen Streit zu beginnen? Die Eroberung einer französischen Provinz? Deutschland hat noch mit den früheren Annexionen zu tun und hat sie noch nicht verdaut. Es gibt nur e i n Gebiet, welches die deutsche Begehrlichkeit wecken könnte. Dem Kaiserreich mangelt das Eisenerz. Und gerade an der Grenze in dem Departement M e u r t h e und Mosel hat man eines der reichsten Erzlager der Welt entdeckt. Die rheinischen Industrien könnten versucht sein, die Annexion zu verlangen. Aber das wäre überflüssig, denn unsere Kapitalisten Haben selbst ihrem deutschen Rivalen durch frei- willig gewährte Anteile einen großen Teil ihrer Konzessionen Werlassen. Wahrhaftig, ich suche Gründe fiir die Deutschen, um uns anzugreifen. Ich finde keine.
Dagegen sehe ich sehr wohl Gründe fiir sie, uns gut zu behandeln. Im Fahre 1902 versuchte Wilhelm II. ein finanzielles Bündnis mit unseren Banken. Er hatte gerade von dem türkischen Sultan die Bagbad- kanzession erlangt. Aber Deutschlands hafte soeben eine Handelskrise Werstanden und hatte nicht genügend verfügbare Kapitalien. Da näherte sich der Kaiser unseren Banken. Ein französisch-deutsches Syndikat wnrde gebildet. Sein Präsident war Herr Artur v. Gwirmer, Direktor der Deutschen Bank, und sein Vizepräsident Herr Vernes, der Kollege der Rothschilds bei der Eisen - bahngesellschast des Nordens, bei der Eisenbahngesellschaft des Südens, der Administrator der Bank Union Parisienne, der Ottomanischen Bank, der EiseWohn Salaniki-Konstantinopel nsw. Nachdem unter den Finanzleuten Übereinstimmung erzielt war. wurde eine diplomatische Annäherung unvermeidlich. Jules Lemaltre (er war damals noch nicht Nationalist geworden) predigte bereits für das Vergessen vergangener Zeiten und deutsche Freundschaft. Es ist nicht daran zu Zweifeln, daß, wenn diese finanzielle Kombination zustandegekomnien wäre, wir heute mit Deutschkind die Entente cordiale hätten.
Wer jetzt begann England besorgt zu werben. .Sofort bei Beginn des Jabres 1903 eilte Eduard VII. in großer Feierlichkeit nach Paris. Die erstaunten Pariser, die zwei Jahre früher so sehr gerufen hatten: „Es lebe Krüger! Nieder mit Chamberlain!" erfuhren plötzlich, daß man von jetzt ab rufen solle: „Es lebe
Eduard VII.!" Was war vorgegangcn zwischen dem König, Telcassö, Pernes und einigen anderen? Die Geschichte allein wird es sagen können. Eine Tatsache steht fest: Am Tage nach der Abreise des Königs meldeten die finanziellen Agenturen, daß Herr Vernes und seine Gruppe sich von der Beteiligung der Bagdadbahn z u r ü ck z ö g e n, und baß das französisch-deutsche Syndikat aufgelöst sei. Ein Jahr später war die Entente mit England abgeschlossen.
Zu jener Zeit bot sich Wilhelm II. eine schöne Ge- leaenheit, uns anzngreifen: Unsere ganze nationale
Presse erklärte einstimmig, daß dann unsere unbesiegbaren Generale geschlagen worden wären. Der Kaiser
