rillige Mi Wiesbadener Tagklatt.
48+ I«tzr-ar,-. 1900.
(13. Fortsetzung.)
Auf Oriinmeive.
Roman von K. H'almc - Z°aysen.
Hatte sie endlich erreicht, was sie wollte? Es zuckte
über sein Gesicht wie jäher Blitz. . ^ .
„Marietta," sagte er mit unterdrückter Stimme, „reize
*^Jh?Auze, daß sich kühn und herausfordernd zu ihm erhoben, senkte sich. Er hatte oftmals s° etwas Ergenthum- liches in seinem Blick, das in ihr, trotz allen Wlderstrebens, demüthigen Respekt erweckte, beinahe Furcht, wogegen sie
gewaltsam ankämpfen mußte. « -
Eine Blume fiel ihr aus der Hand Langsam hob sie dieselbe auf zugleich fühlte sie eine kalte, ringelnde Be- Mrung an ihrem Arm. die sie nicht beachtete weil Reimer plötzlich rasch und kräftig ihre Hand umspannte. ^
.Willst Du mir ein Leid thun, — mich —, sie sprach eS nicht aus, das Wort, aber es war von ihrem, ,n Empörung glühendem Gesichte, von ihren bebenden Lippen ab-
Marietta!" rief er flammend roth, „hältst Du mich für einen rohen Wütherich ohne Bildung ? Sieh hier, die kleine Schlange hätte Bich, wenn auch nicht schädigen, doch er-
^Er"hielt"eine kleine, ringelnde Blindschleiche in der Hand.
Da tönte plötzlich von der Terrassrntreppe her die Stimme der Landräthin:
„Um Gotteswillen, schleudern Sie doch das scheußliche
Thier von sichl" ^ ro f .
Sie trat eilig vor, mit einer Bewegung, als wollte sie
Reimer davon befreien. 0 . „
„Eine ganz unnöthige Beunruhigung, Frau Landrathin, sagte Hartmann, rasch beherrscht, „die Blindschleiche ist ein ganz harmloses, sogar nützliches Thier." . „
Damit setzte er die Schlange weitab vorsichtig ms Gras. Dann kam er langsam zurück und begrüßte die Angekom-
"^Marietta athmete hoch auf. Sie war erschreckt und fühlte Beschämung, daß ihre Heftigkeit sie eben zu so unsinniger Annahme verleitet hatte. a ~ .. r . „
„Wie blaß Sie aussehen, mem liebes Fräulein, be merkte die Landräthin, „sind Ihnen diese Thiere auch so fürchterlich?" dabei legte sie sauft den Arm um Manetta und führte dieselbe, die verwirrte Antwort ignonrend, den alten Damen zu, welche bereits am Theetisch Platz genommen. Die leichte Art, mit der ffe weiter plauderte, gab dem jungen Mädchen die ganze Unbefangenheit wieder ; sie dankte ihr's im Stillen. Längst hatte sie die unwillkürliche und unbegründete Antipathie gegen diese Frau überwunden. Hatte sie ihr doch stets die selbstloseste Zuneigung gezeigt, ja, sie war in diesem Hause die Einzige gewesen, die stets ihre Partei genommen und ihr Gerechtigkeit hatte wldcr-
^ÜSaMätte ichs vergessen," sagte Hermine nach einigem Hin- und Herrcden, „ich habe Ihnen etwas mitgebracht, Herr Hartmann; rathen Sie, was mag es fern?
Reimer war verstimmt und nicht geneigt, auf den scherzenden Ton der Landräthin einzugehen.
„Vielleicht ein Brief, da Sie so bezeichnend die Hand auf Ihre Tasche legen," erwiderte er.
„Ei, ei, wie schnell Sie rathen können! Aber nun auch, von "wem? Die Namenszüge stehen auf dem Siegel."
„Das ist nicht leicht gethan. Ersparen Sie Mir die Aufzählung sämmtlicher Verwandten und Geschaftsfreuude.
„Nein, nein, Sie müssen rathen, ich will Ihnen helfen Es steht eine wunderschöne Krone über dem Siegel.
„Was Sie sagen I Vielleicht Graf Erichs Wappensiegel?
Hermine schüttelte den Kopf.
„Eine starke, großgezogene Handschrift — noch nicht? . ein B. v. H. im Siegel? — oder irre ich Mich, Fräulein
Marietta?" .
Sie zog den Brief hervor und reichte ihn dem jungen Mädchen, das plötzlich mit Roth übergossen, denselben un- besichtigt sofort in Reimers Hand legte. _
„Aber wie kommen Sie zu der Grunwelder Post. fragte Hartmann etwas spöttisch, nachdem er den Brief be- trachtet und uneröffnet in die Brusttasche geschoben.
„Auf die einfachste Art. Der Briefbote begegnete mir auf Ihrem Hausflur. — Ach, liebes Fräulein Marietta, ich würde Ihnen so dankbar sein, wenn Sie mir durch das Mädchen meinen Shawl besorgen ließen; der Abend bringt Kühle mit sich." „
„Ich hole Ihnen diesen selbst," antwortete Manetta, um sich dadurch aus einer peinlichen Verlegenheit zu erlösen.
B. v. H. — das konnte nur Benno v. Heilwitz heißen, und die Landräthin, die vertraute Freundin der Hartmanns, mochte sowohl wie diese einen Kommentar dafür in den Briefen der Professorin gefunden haben. O, sie wußte recht wohl, warum man sie so plötzlich aus der Pension entfernt, und doch — wie kurzsichtig war die gute Professorin gewesen l Onkel Reimer sollte nur wissen, was bis jetzt noch Keiner erfahren — ihre Gedanken nahmen plötzlich eine andere Richtung. Sie hielt im Gehen inne und blickte im Wohnzimmer sinnend in das durchs Fenster hereingluhende Abendlicht. — Ihren Konibinationen reihte sich plötzlich em Gedanke, ein Wille, ein Entschluß an, so schnell und jah. wie stets ihre Worte und Handlungen aus dem Impuls des Augenblicks hervorgingen. — Da fühlte sie sich weich
umschlungen. . .
Mein Herz," flüsterte Hermmens Stimme, „that ich Recht, Ihnen die Ankunft des bewußten Briefes zu ver- rathen? Ich mochte Ihnen so gerne gefällig sein; lehnen Sie meine Hülfe nicht ab. Vertrauen Sie mir."
Marietta war gerührt von der Herzlichkeit dieses Enb gegenkommens.
„Liebe Frau Landräthin —" ^ t
„Frau Landräthin — lassen Sie doch die Formen — nennen Sie mich Hermine, ich bitte Sie."
„Liebe Hermine," lächelte Marietta, „es war sehr gut und klug von Ihnen, aber was wissen Sie von dieser An
gelegenhelt^ldere^ ^ liebste, hier ist nicht der Ort zum Aussprechen. Besuchen Sie mich in diesen Tagen, ich werde Ihr Vertrauen vollauf vergelten."
Sie drückte einen Kuß auf die Mädchenstirn, nahm hastig ihren Shawl über den Arm und eilte wieder auf die Trrraste.
Dort hatte sich nach Mariettas Entfernung das Gespräch sofort auf den Brief gelenkt. Annette wies auf emen
Heirathsantrag hin, gerade in dem Augenblicke, als die Land-
rächin zurückkehrte. Hermine that sehr erschrocken.
Mein Gott." rief sie, „an den Namen Hellwitz habe ich nicht gedacht, sonst hätte ich keinen Scherz aus der Ueberlieferung des Briefes gemacht. Ich habe em so schlechtes Namengediichtniß."
Ein Blick traf sie aus Reimers stahlblauem Auge. — Marietta hätte das chrige davor gesenkt, Hermine begegnete demselben mit der heitersten Sicherheit. „Warum soll auch gerade das H. mit jenem Namen identisch sein?" fugte sie
zweifelnd hinzu. _ . „ , .
„Tritt doch aus Deiner Reserve heraus, Reimer, bat
""^Jch kann nicht wünschen, diese Angelegenheit zu einem Thec'gesprüch zu machen," erwiderte der Gutsherr mit der ihm eigenen bestimmten Kürze, welche Annette fo wenig chevaleresk fand, die dem Thema indessen sofort seine Erledigung gab. ny
Reimer suchte nach der Abendmahlzeit sogleich sein auf, um das empfangene Schreiben zu lesen. Der Inhalt war kürzesten und wider Erwarten ganz anderen Inhaltes, als Alle angenommen. Dennoch versank Reimer m langes und ernstes Nachdenken. Er rang augenscheinlich Mit einem Entschluß. Endlich begab er sich ins Parterre dann sogleich in den Garten, als er sein Mündel in diesen hmein-
O^Der^große, hinter dem Thore liegende Garten wurde der Breite nach durch einen tiefliegenden Graben, mit klarem, fließendem Gewässer durchschnitten. Steil aufwärts stieg von beiden Seiten ein kurzgeschnittener Wiescndamm in die Höhe hier und dort durch zierliche Brücken die Gartentheilc verbindend. Der erste, dem Hause zunächst liegende ver- rieth durch glattgeschorene Rasen, Blumenanlagen, prächtige aradstämmige Bäume, Bosquets und verschnittene Taxushecken das künstlerische Geschick der Gärtnerhand - der andere, weiter zurückliegende, die üppige, freisich entstiltende Natur, in dichten Laubgängen eines schattigen Buchen-
wäldchen^bend wat wundervoll. Jasmin und Syringen strömten ihre Düfte aus, leise kräuselte das Wasser über die Steine des Randes und außer der Nachtigall und der ruhelos lispelnden Espe hörte manweder Wipfelrauschen noch Vogellaute. Das Purpurroth des Abendlichtes hatte sich langsam in ein schimmerndes Gold gewandelt, bald aber bezeichnte nur noch ein mattgelber Schein am Horizont die
Stelle, wo es geglüht. . «
Marietta lehnte, in Gedanken verloren, an einem Brucken, geländer und blickte fast erschreckt auf, als Reimer p otzlich vor ihr stand. Etwas in seinen Mienen und in seinem Wesen verrieth ihr, daß es der Vormund war, der mit ihr
zu sprechen wünschte. . „„„
Marietta erklärte sich klopfenden Herzens zu ^ dem von ihm vorgeschlagenen Spaziergang durch den Garten bereit.
Die unliebsame Wendung, die unser Gespräch vorhin genommen." begann Reimer, nachdem Beide emen Augen, blick schweigend nebeneinander hergegangen, „hatte mich ver anlaßt, eine Begegnung mit Dir gerade diesen Abend zu vermeiden —"
(Fortsetzung folgt.)
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