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i« -^ i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 88. Freitag. 16. Npril.

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1915.

(18. Fortsetzung.) f)(t$ öMlCJC ^tCtljCUlS. Nacht ruck verboten.

Roman von Albert Petrrsr«.

Henning horchte auf. In der Sie inst ratze verließen die Bewohner schon die Häuser? Und seine überängst­liche Wirtin -^? Wenn dann Verbrecher alles durch- wühltcn? Sein Geld, seine Taler, seine Hoffnung!

Leichenblaß, zitternd vor Aufregung stand er da. Er Wußte, im Geschäft wartete man auf ihn. Die anderen Bewohner der Bohnenstrahe waren schon denn Räumen der Speicher. Er mußte zurück. Aber sein Geld! Wenn er nicht ins Geschäft geht, seine Kollegen in solcher Stunde im Stich läßt, wird er sicher seine Stellung verlieren. Aber die Ersparnisse!

Und plötzlich stürzt er aus der Gaststube auf die Straße, überlegt, während er sich durch die Menge Bahn schafft, daß er ja gar nicht seine Zeche beglich, aber weiter, weiter durch Gaffende, Betrunkene, Weinende, Jammernde, weiter, weiter.

Vor ihnl staut sich die Menge.

Ein Haufe hat einen Mann zu Boden gerissen mrd will ihn verhauen.

De Engsiinners, de Englänners hebbt Hamborg anstecken. Hau em dot, den Englänner!"

Gardisten befreien den Armen.

Weiter rennt Henning über denBerg" an. der stolzen Petrikirche vorbei. Hier ist die Lust wieder klarer, man sieht den blauen Himmel und hellÄr Sonnenschein- Aber all die ängstlichen Stimmen, die bang fragenden Blicke verraten, daß ein schrecklicher Druck auf der ganzen Stadt liegt. Und auch hier drängt sich die Menge. Leute schleppen oder schieben auf Karren einen armseligen Teil ihrer Habe. Und dazwischen treibt der Pöbel sein steches Spiel.

Schweigend lag hinter dem großen Vorhof das Johanncum da, als erwarte es mit klassischer Ruhe ein unabwendbares Geschick.

Weiter, weiter.

Endlich hatte Henning daS Haus seiner Wirtin er- reicht. Die Alt« staiSd weinend vor der Tür.

Gott sei Dank", rief Tiedemann,ich fürchtete schon. Sie hätten Ihr HauS verlassen."

,Hch will nicht, ich kann nicht o Gott, o Gott"

Fässer wurden polternd durch die Straße gerollt.

'Achtung. Vorsicht, Sprengpulver!" f -Will inan hier schon anfangen zu sprengen?"

Einige wüste Kerle rollten ein Faß in der Alten Haus.

Weg da, wir sollen das Haus sprengen." Henning rennt die steile Treppe hinan.

Weg da, was wollen Sie?" schreit einer der Männer.

Einen Augenblick tvarten mein Geld"

Grinsend sehen die Kerle sich an, springen ihm nach, Mit der Geldkatze in der Hand kommt ihnen Henning freudig entgegen.

So, nun sprengen Sie den alten Kasten ausein­ander", ruft er lachend.

Dock, da wird er von festen Armen gepackt, er stchlt einen Schlag, sinkt hin . . .

Als er wieder die Augen aufschlägt, ist es dunkel um ihn her. Nur durch die schmalen Hinterlunken tritt der rote Schein des immer gransanier wachsenden Feuers.

Henning muß sich erst besinnen. Sein Kopf schmerzt. Mühsam versucht er sich zu erheben. Plötzlich sinkt er mit gellendem Aufschrei zurück. Sein Geld! Natür­lich, wie hatte er auch glauben können, diese Kerle lwaren beauftragt zu sprengen. Jmjämmerliche Angst hatte er sich jagen lassen, und nun sein Geld, das schöne, schöne Geld. Nun konnte er zu Paridom Putt- farken zurückgehen und Jahr für Jahr schuften ohne Aussichten, ohne Hoffnungen.

Zu Puttfarken?Hast du ihn nicht verlassen im Augenblick, als es drauf ankani? Das ist die Strafe. Aus Sorge um dein Geld hast du deine Pflicht ver­säumt, aus Angst um dein Geld hast du dich den Halunken verraten. Sonst lägen deine Taler noch un- aufgefunden in dem Strohsack."

Er legte den Kopf in die innere Handfläche und weinte wie ein Kind.

Endlich erhob er sich und stieg langsam die Treppe hinunter. Auf der Vordiele lag noch das Faß leer und hohl, wie die Gauner es in das Haus gerollt hatten.

Henning verließ in dumpfem Grübeln das Gebäude und schritt ziellos durch die Straßen.

Die Bevölkerung schien wie das Feuer immer un­bändiger, wilder zu werden. Hier schrie eine Frau hinter einem Davoneilenden her:Halt ihn, Spitzbube, halt ihn." Dort fand ein regelrechtes Gefecht zwischen Gardisten und einem Pöbelhaufen statt. Und Beterin- kene überall.

Der Graskeller ist in die Luft gesprengt der Alte Wall brennt."

Pah, was brennt denn nicht in Hamburg? Ganz HanÄurg brennt."

Die Bohnenstraße?" fragte Henning.

,K>ie haha da fragt einer nach der Bohnen­straße. Längst ein Schutthaufen, mein Lieber."

Vor Henning stand plötzlich ein Mann mit wirr flackernden Augen.Denken Sie denken Sie ich hatte mir einen Möbelwagen angenommen für mein Warenlager und nun sind die Kerls weggefahren einfach weg ich Armer alles verloren Spitzbuben Halunken-"

Henning schritt weiter durch die gräßlich erleuchte­ten nächtlichen Straßen.

Puh, diese Feuerwehr. Die Krämer haben ihre Petroleumfässer in die Fleths geschüttet, und nun spritzt die Feuerwehr mit Petroleum mit Petroleum, haha.

Aus dem Keller eines brennenden Hauses drang wirres Johlen und Singen. Ein Gardist kam kopf­schüttelnd heraus und sagte zu den Umstehenden:Da unten trinken sie Sekt auS Löscheimern und wollen nicht aus dem brennenden Kasten?