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_ , Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. - Bezugs-Preis:

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Verlag: Langgasse 27.

AVMOO AKormenteu.

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Aürr den Monat Juni

auf das

„Wiesbadener Tagbiatt"

ZU abonnireii, findet sich Gelegenheit im Verlag Langgasse 27 , bei den Ausgabestellen, den Zweig-Lxpeditionen in den Nachbar- orten und fäniintlicheil deutschen Reichspostanstalte».

Die Kover-Revolnlion in China.

Die Boxer-Bewegung in China hat einen so bedrohlichen Umfang erreicht, daß man sich wohl entschließen müssen wird, das harmlose Wort Bewegung fallen zu lassen und das ernst­haftere Wort Revolution zu gebrauchen. Die Boxer haben den chinesischen Regierungstruppen bereits mehrere sehr ernsthafte Niederlagen beigebracht, größere Gebietstheile regelrecht er­obert und, wie es heißt, sollen sie sich jetzt sogar im An­marsch auf Peking befinden. Unter diesen Umständen ist schwerlich darauf zu rechnen, daß die chinesische Negierung aus eigener Kraft mit dem Aufstand fertig werden wird Mld eine Einmischung der an China interessirten Mächte dürfte unmittelbar bevorstehen, da die Fremden in China ttnsthaft bedroht sind und demnächst auch ein Schutz der Gesandtschaften in Peking erforderlich werden dürfte.

Die Ursachen der jetzt so mächtig angeschwolleuen Be­wegung, deren Führung in den Händen der fremden- f-indlichen Boxer-Sekte liegt, lassen sich unschiver feststellen, denn sie lassen sich aus der neueren Entwicklung Chinas hinreichend erklären. Die chinesische Politik der letzten Jahrzehnte, welche die „chinesische Mauer", die Sitte und Gewohnheit um das Chinesenvolk errichtet hatte, von den „wetßen Barbaren" niederreißen ließ und die ein Stück Land nach dem anderen den Europäern erössnete und zum The,l abtrat, hat den angeborenen Haß der Chinesen gegen das Europäerthum, gegen die Fremden zur stärksten Ent- Mtung gebracht. Dieser Haß ist dadurch zur ivilden Leidenschaftlichkeit angewachsen, daß die Mandarinen gleich- zeltig den religiösen Fanatismus der Chinesen zu erwecken verstanden, sodaß sich der nationale Haß gegen die Fremden mit dem religiösen Haß vereinigte.

Diese Bewegung richtet sich aber nicht nur gegen die Fremden, sondern gleichzeitig gegen die Centralregierung in Peking, da sowohl das Volk wie die Mandarinen der Regierung vorwerfen, daß sie das Land den Fremden aus­liefere und diese auf Kosten der Eingeborenen begünstige. Unter dem abgesetzten Kaiser Kuang-Hsü, der den Jntriguen der jetzt regierenden Kaiserin-Wittwe Tsu-Hsü znin Opfer

Üi ni* ^ ne Bewegung so gewaltig an. daß die

ch'nefische Dynastie ernstlich bedroht zu sein schien. Die Kaiserin Tsu-Hsü verfolgte deshalb eine ganz neue Art der Politik. Während ihr Adoptivsohn Kuang-Hsü das Ein­dringen der fremden Kultur begünstigte und sich Reform- bestrebungen geneigt zeigte, war die jetzige Kaiserin von vornherein beflissen, den Einfluß der europäischen Mächte

runlckzudrängen und die europüerfeindliche Bewegung zu be-

Schon jetzt zeigt es sich, daß die zwar alte, aber noch imnier sehr resolute Dame mit dieser Politik, die in einem lehr fremdenfeindlichen Erlaß ihren Ausdruck gefunden hat re Ä* gewagtes und gefährliches Spiel getrieben hat' Frau T>u-Hsu wird die Geister, die sie rief, nicht mehr los. Sre ließ die fremdenfeindliche Bewegung so lange anwachscn, bi^ riefe anstng, sich gegen die chinesische Regierung zu wenden, welche die Forderung der Boxer, alle Fremden aus 8» vertreiben, selbstverständlich nicht erfüllen konnte. Als die Bewegung der Boxer bedrohlich amvuchs und die freniden Machte mit einer Intervention drohten, entschloß die chinesische Regierung sich endlich, jener Bewegung ent- gegenzutreten, aber sie hat hierbei bisher nur gründliche ^'berfolgeund schwere Schlappen erlitten. Es mag dahin­gestellt blcwen, ob hieran mehr die mangelnde Energie der Centialregierung oder die Unfähigkeit und Feigheit der chinesischen Truppen, die von uiitaiiglichcii Generalen ge- ble Schuld trügt. Jedenfalls ist angesichts des Anschmcllciis der Boxer-Bewegung eine europäische Ein­mischung unvermeidlich geworden.

m r. Volkserhebung hat eine ganz unverkennbare

Aehnlichkeit mit dem Taiping-Aufstand, der 1-/- Jahrzehnte, von 1851 bis 186o, gedauert hat und znm Schluß nur durch die Hiilfe fremder Mächte unterdrückt werden konnte. Der Taiping-Anfstaiid brach in denselben Provinzen nita, in denen sich jetzt die Boxer erhoben haben, und auch danialv halten sich. die Aufständischen fast bis zu den ^horen Pekings siegreich durchgeschlagen, als es den Engländern unter Rer Führung desselben Gordon. b " bret „ Jahrzehnte später in Chartum

dem Mahdi erlag, .'gelang, den Aufstand niedcrzu- schlageii. Diesmal iverdcn es schwerlich die Engländer sein svelche den Hanptanihcil bei der Wiederherstellung der Ruhe im Lande auf ihr Conto nehmen werden, obwohl der jetzige Anfstand ,,, erster Reihe die Interessen Englands bedroht, ^.cnn dm ch ihren Eroberungsfeldzug gegen die Buren haben die Engländer ihre Stellung in China ganz außerordentlich geschwächt und ihr Einfluß ist völlig dem Rußlands ge­wichen. Diese Einbuße vermögen die Engländer nicht wieder gut zu machen, wenn auch der Feldzug in Südafrika sich seinem Ende zuzuneigcn scheint.

Wenn es jetzt zu einem Einschreiten der Mächte kommt, wobei den Rnsten die stärksten Hülfsmittel zur Seite stehen ^ ^ unvermeidlich sein, daß die Festsetzung der euro­

päische» Machte in China damit eine weitere Ausdehnuna erfahren wird. China, dieses sowohl an Flächeninhelt wie an Bevmkernngszahl größte Land der Erde, geht seinem unansl flamen Zerfall entgegen. Und wenn auch noch geraume Zeit vergehen wird, bis die Auftheilung des Riesen- reiche.- vor sich geht, so stehen wir doch unverkennbar vor

"f nbo ^ ru,, 8 • großen Stil", die den Hauptthcil der Politik des zwan- . Jahrhunderts bilden wird und bei der alle Großmächte bemüht sein werden, sich einen möglichst großen „Piatz an der Sonne des' himmlischen Reiches" zu

Zur Diäten frage.

L. Krrtitt. 29. Mai.

Kaum ist die Nachricht verbreitet morden, oan im Bundesrath Erwägungen über die Gewährungei, von Tage­geldern an die Reichstagsmitgliedcr angestellt werden, so arbeitet der offiziöse Apparat, um die Mittheilung ab- zuleugnen. Es ist für den Augenblick schwer zu sagen, ob bereits in der nächsten R-ichsragssessivn eine Vorlage, betreffend die angekundlgte Verfassungsänderung, kommen wird aber die Wahrscheinlichkeit, daß endlich einmal mit der Diatenzahlung eine langjährige Forderung des Reichs­tags erfüllt werden soll, ist jedenfalls größer als die, daß an der Verweigerung dieser so einfachen und völlig un­bedenklichen Reform festgehalten werden wird. Die oifiaköse Bestreitung wird denn wohl auch nur dieser oder jener mißverständlichen Einzelheit der erfreulichen Nach­richt gelten, vor Allem der Angabe, daß die Ein- ftihrung von Diäten geknüpft werden soll an die Bedingung einer Aciiderung des Art. 25 der Reichs-Verfassung Nach diesem Artikel müssen Ncuivahlen im Falle der Aus­losung des Reichstags binnen 60 Tagen und bei», regel­mäßigen Ablauf der Legislaturperiode binnen 90 Tahen stattgefunden haben. Angeblich soll regierungsseitig verlangt werden daß diese Fristen auf 14 Tage herabgesetzt werden, damit so die übermäßig lange Ausdehnnng der Wahl­agitation beseitigt werde. Die Mittheilung kann in dieser Form bestimmt nicht richtig sein, denn nichts würde die Reg-erung hindern, die Wahlen schon möglichst ba'd nach der Auflösung, bezw. nach dem regelmäßigen Ablauf der Legislaturperiode vornehmen zu lassen und sich an die Frist von 60 oder 90 Tagen nicht für gebunden zu erachten, wie sie sich denn auch wirklich bisher nur selten an die ganze Länge dieser Fristen gebunden hat. Das Mißverständniß erklärt sich dadurch, daß eine Abkürzung der Vorbereitungszeit aus anderen Gründen bisher schwierig, vielmehr unmöglich rst, nämlich darum, weil die Wählerlisten vier Wochen lang ausliellen müssen. Sollte von der Regierung Werth auf die Abkürzung dieser Frist gelegt werden, so ließe sich voraus,etzcn daß der Reichstag keinen Anstand nehmen wurde, zuznstlmmen, ivenu ihm dafür das Zugeständnib der Diätenzahlung gemacht würde. Jedenfalls glauben auch wir daß diese Angelegenheit in absehbarer Zeit aus dem bisherigen unfruchtbaren Theoretisiren auf das Gebiet praktsicher Erfüllung hinübergeführt werden wird

(Nachdruck verboten.)

Gin Uorlimfrr Kismarck».

(Zum 150. Geburtstage Fürst Hardenbergs.)

Von l)r. I. Mies.

SDie Idee, Deutschland einig und Preußen groß zu machen, welche Bismarck mit Blut und Eisen und größter staatsmännischer Gewandtheit und Energie, begünstigt durch die Zeitereignisse, durchgeführt hat, diese Idee war schon um die vorige Jahrhundertwende das Hauptziel von Harden­bergs äußerer Politik gewesen. Hätte er jedoch in seinem Leichtsinn, der auch in seinem Privatleben zu seinem Nach- thnl hervortrat, und in seiner allzu großen Nachgiebigkeit, welche eine Folge seiner weltmüniiischen Liebenswürdigkeit war, nicht die Erfolge dieser seiner gewiß richtigen und noch heute, trotz Bisniarck, immer anerkennenswerthen Politik beeinträchtigt, so wäre sein Name heute noch in Aller Mund als eines der größten Diplomaten, die Preußen um jene unheilvolle Zeit gehabt hat. So aber verlor er diesen Ruhm und gerieth unter den Einfluß der sogenannten „Heiligen Allianz und Metternichs auf Wege, die nicht nur er selbst sondern auch ganz Deutschland mißbilligte.

Mehr Verdienste als um die äußere Machtstellung Deutsch­lands und Preußen hat er sich durch seine innere Politik erworben, deren Ziel ein Wiederaufbau des Landes war, " e durch Nicderlegung vieler Schranken die wirth-

schaftliche Entwickelung desselben förderte.

ai von Hardenberg, geboren am

oi. Rtal 1750 zu Essenroda im Hannöver'schen, stammte aus einem alten freiherrlichen Geschlechte. Schon mit «rur ren be)vg er die Universität, studirte in Leipzig und Gött.ngen, horte mit Fleiß Gellert und trat 1770 in den hannöver'schen Staatsdienst als Auditor bei der Justiz- kanzlet und dann bei der Kammer in Hannover ein. Als

seine Beförderung sich hinauszog, folgte er dem Rathe ! 3 ahre p reisen, sah eine große

Auzah deusicher Hofe, nahm an Ort und Stelle Kenntniß vom Reichskaminergericht und vom Reichstage und machte daun einen längeren Aufenthalt in England, wo er die per onliche Gunst des alten Königs gewann. Er zeigte ^alente und Regsamkeit, hatte mannigfache, wenn auch nicht immer gründliche Kenntnisse, eine rasche Beobachtungs­gabe, war in re igiöser Beziehung der damaligen Aufklärung zugewandt, überhaupt zugänglich für alle Geistesströmungen der vorwartsdringenden und reformlustigen Zeit, in persön- klchcm Verkehr geistreich und liebenswürdig, im sittlichen Wandel aller guten Vorsätze voll, aber locker und haltungslos.

. die Heimath zurückgekehlt, vcrheirathete er sich mit einer Gräfin Reventlow, wurde dann Kamnierrath und bald Geheimer Kanimerrath, erhielt den Grafentitel und ging dann als Gesandter nach Holland.

Bei seinem Anfenthalt in England, der vor seiner Er­nennung zum Gesandten stattfand, halte der ausschweifende Prinz von Wales mit der leichtsinnigen Gemahlin Harden­bergs ein geheimes Liebesverhältnis^ angeknüpft, welches nicht nur zu einem riesigen Zeitungsskandal führte, sondern auch der Anlaß war, aus welchem Hardenberg seinen Ab- schied 1782 aus dem haniiöver'schen Dienst nahm und in

5‘f ? C§ '^?ogs von Braunschweig übertrat, der ihn zum Wirklichen Geheimen Rath und schließlich 1789 znm Großvogt des Residenzamts Wolfe,ibüttel ernannte.

Nach Friedrichs II. Tod überbrachte er das in die Hände des Herzogs von Braunschweig niedergelegte Testament des verstorbenen Königs an Friedrich Wilhelm II. Von diesem dem Markgrafen von Ansbach und Bayreuth als Minister l"^^ne Länder empfohlen, trat Hardenberg, als der Mark­graf 1791 die Negierung niederlegte, mit Beibehaltung der Verwaltung der fränkischen Fürstenthümer in das preußische

Aus der Socialdemokratie.

Zwischen den centralisirten Gewerkschaften und der social- deniokratischen Parteileitung, wenigstens soweit diese durch Bebel vertreten wird, hat sich ans dem in Berlin jüngst ab­gehaltenen Gewerkschaftskongreß ein cigenthümlichcr Wechsel her Stellungnahme vollzogen. Bebel ist es. der jetzt, über­raschender Weile, dazu auffordert, daß die Gewerkschaften sich von der Parteipolitik fernhalten mögen, und die Gewerk­schaften andererseits betonen, im Gegensätze zu ihrer bis­herigen Haltung, die Nothwendigkeit einer stärkeren Hcrvor- kehrung socialdemokratischer Grundsätze. Ans diesem Gegen-

Staatsministerium ein. Seine Thätigkeit in Ansbach und Bayreuth war eine segensreiche, da er ein außergewöhnliches Verwaltungstalcnt bekundete, welches der König von Preußen an ihm zu schätzen wußte, sodaß er ihn in seine Dienste berief Seine erste diplomatische Leistung waren die Friedens- verchandlungen zwischen Preußen und Frankreich im Jahre 179o an Basel. Darauf vollendete er die Organisation der Fürstenthümer Ansbach und Bayreuth und erhielt nacki dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III. 1797 im Ministerium die Leitung aller „fränkischen, answärtiaen Hoheits- und öffentlichen Angelegenheiten". Als Graf Haugwitz welcher zu der Zeit Minister des Auswärtigen war abdankte, trat Hardenberg 1804 definitiv an sestie Stelle und beobachtete obwohl er sich England mehr zu nähern suchte^ eine Politik der strengsten Neutralität. Da aber schloß Preußen sich durch die beiden Verträge vom 15. Dezember 1805 und vom 15. Februar 1806 ganz an Frankreich an und Hardenberg, der sich den speziellen Haß Napoleons zugezogen hatte, ivurde diesem zn Liebe entlassen Haugwitz trat wieder in seine Stelle ein. Nach der unheil­vollen Schlacht bei Jena und Auerstüdt folgte Hardenberg indessen dem Monarchen nach Königsberg und übernahm 1807 wieder das Portefeuille des Auswältigen. Der Friede von Tilsit jedoch bedingte wiederum Hardenbergs Entlaffuna und erst an, 6. Juni 1810 trat Hardenberg endgültig als Staatskanzler wieder in preußische Dienste Ö

Der Finauzplan, mit dem er zuerst' hervortrat war etwas unsicherer Natur Indessen brachte Hardenberg zu einer schwierlgen Aufgabe eine Hauptsache, und zwar die ^ Jf? mt .*' bei1 uuvertilgbaren Haß gegen die Unterdrücker und die nicht zu leugnende Frische und Festigkeit der all« genieineii Haltung. So wurde der Finanzplan verbessert ind endlich doch eine ausreichende Einnahme geschaffen, Gdaß für die augenblicklichen Amtsbedürfnisse, vor